Menschengemacht

Wie sehr die Erde inzwischen von uns Menschen geform­­t ist, will der junge Fotograf Tom Hegen sichtbar machen. Seine Luftbilder zeigen die
Eingriffe mit ungewohnter Ästhetik.

Oft muss man Abstand gewinnen, um den Überblick zu bekommen. Genau damit arbeitet Tom Hegen. Der junge deutsche Foto­graf hat sich auf abstrakte Landschaftsaufnahmen aus der Vogel­­­­per­spektive spezialisiert. Sein Fokus gilt dabei den Spuren, die der Mensch in der Umwelt hinterlässt.

Tom Hegen wurde 1991 in Königsbrunn geboren und studierte in Augsburg Grafikdesign. Inzwischen lebt und arbeitet er in München.

»Der Einfluss des Menschen auf die Erde ist mittlerweile so groß, dass Wissenschaftler bereits vom Anthropozän sprechen. Einem Zeitalter also, in dem der Mensch zum wichtigsten Einflussfaktor auf die bio­logischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse der Erde ge­worden ist«, schreibt Hegen im Vorwort seines Bildbands.

Dass die Umwelt durch den Menschen massiv verändert wird, ist inzwischen jedem bewusst. Aber die Aufnahmen von Tom Hegen mache­n es noch einmal deutlicher. Dank der Bilder kann man sich leichte­r vorstellen, dass weniger als ein Viertel der Landfläche unseres Planete­­n noch ohne menschliche Spure­n ist.

Die Idee zum Projekt kam Tom Hegen beim Blick aus dem Flugzeug. Selbst Wälder, die am Boden wie natürliche Landschaften aussehen, erkannte Hegen von oben als von Menschenhand angelegte Forste. Zunächst fuhr er mehrere Monate durch Deutschland und begann, gezielt Motive zu sammeln. Inzwischen hat er auf der ganzen Welt für die Serien fotografiert.

Für die Aufnahmen ist viel Planung nötig. Motive sucht sich Hegen meist mithilfe von Satellitenbildern. Dann müssen Licht und Wetter passen. Je nach Ort und Motiv besteigt er ein Kleinflugzeug, mietet einen Helikopter oder fliegt seinen selbst konstruierten Multikopter. Einige Aufnahmen schoss er auch aus dem Heißluftballon. Hegen fotografiert immer im 90-Grad-Winkel, also genau senkrecht von oben zur Erdoberfläche. Durch die zweidimensionale Perspektive erhalten sein­e Aufnahmen eine abstrakte Schönheit. Auf den Bildern entstehen grafisch­e Muster aus Linien und Farben, die die Grenze zwischen Fotografie und Malerei verschwimmen lassen. Diese Ästhetisierung nutzt Hegen bewuss­t, um den Betrachter neugierig zu machen und ins Thema zu ziehen.

Dass der Mensch die wilde Natur zu braven Kulturlandschaften formt, ist nicht neu und nicht immer sofort problematisch. »Aber angesichts der gewaltigen Dimensionen, die diese Eingriffe inzwischen annehmen, stellt sich für jeden Einzelnen die Frage: Soll ich den Lauf der Dinge als ›naturgegeben‹ hinnehmen oder versuchen, Verantwortung zu übernehmen und Wege zu einer nachhaltigeren Entwicklung einzu­schlagen?«, sagt Hegen.


Salzgewinnung

Die Salzgewinnung ist eine der ältesten Kulturtechniken, mit denen der Mensch die Landschaft um sich herum verändert hat. Dafür lässt man Salzwasser in künstlich angelegten Becken verdunsten, bis nur noch Salzkristalle zurückbleiben. Die bunten Farben entstehen, weil Mikroorganismen im Wasser ihre Farbe verändern, wenn die Salzkonzentration im Becken ansteigt. Das Spektrum reicht von leichtem Grün bis zu leuchtendem Rot. Obwohl die Meersalzindustrie große Flächen beansprucht, sind die Becken und die meist umliegenden Sumpfgebiete ein wichtiger Lebensraum für viele Vogelarten, Schalentiere und Mikroorganismen.


Aquakulturen

Rund 50 Prozent des weltweit konsumierten Speisefischs stammen inzwischen aus Aquakulturen. Die Zucht in großen Netzgehegen vor den Küsten gilt als effizientere Alternative zum Fischfang im offenen Meer. Aber Aquakulturen stehen in der Kritik. Die meisten Gehege sind nicht abgeschottet und belasten durch Chemikalien, Futter­reste, Kot, Parasiten und Medikamente auch die Unterwasserwelt  drum herum. Außerdem entkommen immer wieder Zuchtfische und vermischen sich mit wilden Arten. Oft wird auch in großem Stil bedrohter Wildfisch gefangen, um damit die Zuchtfische zu füttern.


Tagebau

In Steinbrüchen, Kiesgruben und im Tagebau wird abgebaut, um an anderer Stelle wieder etwas aufzubauen. Für die Errichtung und die Instandhaltung von Städten, Straßen und der dazugehörigen Infra­struktur sind stetig neue Rohmaterialien nötig. Um die immer steigende Nachfrage zu befriedigen, hat die Menschheit über die Jahrtausende hinweg verschiedenste Methoden entwickelt, dem Erdboden die benötigten Materialien zu entnehmen und weiterzuverarbeiten. Was früher noch per Hand und unter schwerer körperlicher Anstrengung geschah, passiert heute systematisch, mit schwerem Gerät und immer häufiger voll automatisisiert.

Text: Julian Rohn
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