Ein Land für’s Wochenende

Ein ganzes Land an einem Wochenende per Bike erkunden? Inklusive aller Gemeinden? In Liechtenstein geht das! Dank der Hilfe deines E-Bike-Motors und des perfekt ausgeschilderten Liechtenstein-Wegs. Da der Weg in den mittleren Höhenlagen und im Tal des Fürstentums verläuft, ist er vom Frühjahr bis in den Herbst hinein gut fahrbar.

Fotos und Text: Tom Jutzler

Ist es tatsächlich möglich, ein ganzes Land an einem Wochenende zu bereisen? Alle seine Gemeinden? An nur zwei bis drei Tagen, mit dem Fahrrad? Wenn es sich dabei um einen sogenannten Zwergstaat handelt, ja! Wobei sich im Falle von Liechtenstein die Zwerghaftigkeit definitiv auf die Landesfläche bezieht und nicht auf das, was das Fürstentum zu bieten hat. Das ist nämlich viel.

Etappe N°1 – Von Balzers nach Vaduz

Alpengipfel, blauer Himmel, Schäfchenwoklen. Ein sonniger Freitag. Drei Tage haben wir, um das Fürstentum unsicher zu machen. Wir starten am südlichsten Zipfel Liechtensteins. Die Schweiz im Rücken (das Heididorf Maienfeld ist gleich um die Ecke), liegt das ganze Fürstentum nun vor uns. Wir haben uns den Liechtenstein-Weg vorgenommen. Mit dem Fahrrad. Genauer: Wir möchten es genießen und haben E-Mountainbikes geliehen. In die Sattel, fertig, los! Vom Grenzstein geht es ins Zentrum von Balzers, der südlichsten Gemeinde Liechtensteins.

Und schon die erste Überraschung: Mitten im Dorf befindet sich ein Weinberg. Wie ein großer, grüner Bienenkorb sieht er aus. Die Weinreben in Ringen rings um den Berg. Der ganze Berg – nennen wir ihn im Angesicht der Alpengipfel eher Hügel – umschlossen vom Dorf.

Auf dem nächsten Fels thront die Burg Gutenberg. Es lohnt sich den Hügel hinauf zu fahren. Die Akkus des E-Bikes zeigen jetzt noch die ganzen 100 Prozent. Kein Grund sparsam zu sein! Die Aussicht von der Burg, 70 Meter über dem Dorf, ist großartig.

Wir folgen den blau-roten Schildern des Liechtenstein-Wegs nach Triesen und weiter zum Walserdorf Triesenberg. Die Beschilderung ist sehr gut, trotzdem haben wir uns die Strecke auf unsere Wander-App geladen. Vor lauter schauen hören wir immer wieder von der freundlichen Dame des Navis: “Die Abbiegung liegt 50 Meter hinter dir. Bitte wenden.” Es gibt zu viel zu entdecken. Da übersieht man die bunten Hinweisschilder manchmal.

Der Weg hinauf nach Triesenberg schlängelt sich durch Wiesen, im Saft stehendes Weideland und durch Mischwald. Schmetterlinge flattern an den zahlreichen Fliederdolden, die einen murmelnden Gebirgsbach säumen.

Bei der Kapelle St. Mamerta steigen wir ab. Der Anstieg war ein Kinderspiel. Mit nur kleinen Gewissensbissen kurbeln wir an den nicht-motorisierten Radlern vorbei. “Hoi!” rufen uns die Einheimischen fröhlich zu und wir erwidern – trotz Bergfahrt – völlig entspannt ebenfalls gut gelaunt: “Hoi! Schön habt ihr’s hier!”

Die Kapelle, die wir neugierig umrunden, ist einer der ältesten Sakralbauten des Landes und wurde wahrscheinlich im 9. oder frühen 10. Jahrhundert erbaut.

Wir fahren weiter. Der Weg führt über den Wangerberg ins Walserdorf Triesenberg. Das Dorfzentrum liegt rund 900 Meter über dem Meer und bietet eine herrliche Aussicht über das Rheintal.

In Triesenberg passieren wir das Walsermuseum und fahren immer den hübschen Liechtenstein-Weg-Schildern nach. An manchen Abzweigungen trennen sich der Weg für die Wanderer und jener für die Radler. Wir halten uns an die kleinen Plaketten mit weißem Fahrradsymbol und passieren eine schaurig-schöne Gruppe geschnitzter Holzfiguren. Es ist das Nachtvolk, das hier steht. Die Gruppe geschnitzter Geister gehört zum “WalserSagenWeg“. Spannend! Und etwas gruselig. Den Themenweg nehmen wir uns für unseren nächsten Besuch vor!

Wir müssen weiter. Die Hauptstadt wartet!

“Hoi!” rufen uns die Einheimischen fröhlich zu und wir erwidern – trotz Bergfahrt – völlig entspannt ebenfalls gut gelaunt: “Hoi! Schön habt ihr’s hier!”

Jetzt lassen wir es rollen. Als wäre sie für das korrekte Alpenfeeling bestellt, trottet eine Kuh – unbeeindruckt von den Radeltouristen – ihrem Stall entgegen. Der Fahrtwind kitzelt in der Nase. Wir sausen direkt zum Schloss Vaduz, dem Wahrzeichen Liechtensteins und Wohnsitz der Fürstlichen Familie. Das Schloss darf nur von außen besichtigt werden. Mit der LIstory App ist aber ein virtueller Blick ins Innere des Schlosses möglich.

Was auffällt: Auch in Vaduz stehen die Weinreben inmitten der Häuser. Immer wieder entdecken wir neue Weinberge. Eingebettet zwischen Wohnhäusern lockern sie die Szenerie auf und sorgen für viel Grün in der Stadt. Oft kommen wir an Brunnen mit frischem Bergquellwasser vorbei. An den Brunnen mit Trinkwasserqualität kann man hervorragend seine Trinkflaschen auffüllen.

In der Innenstadt bewundern wir die Architektur vom Centrum für Kunst, der Hilti Art Foundation, dem Kunstmuseum und vom Landtag. Letzterer beeindruckt uns! In dem strahlenden Backsteinbau tagen 25 Abgeordnete. Das ist effizient.

Die vom hellen Vorplatz wegführende verkehrsberuhigte Straße heißt “Städtle”, was auch so etwas wie ein Kosename für das Zentrum der Hauptstadt ist. Sie ist Einkaufsstraße und Museumsmeile. Hier sitzt man und schaut den Flaneuren zu. Genießt einen Kaffee. Begutachtet künstlerische Skulpturen, die hier im Hauptort an fast jeder Ecke stehen. Die Liechtensteiner scheinen einen Narren an der bildenden Kunst gefressen zu haben. Hätten wir uns nicht vorgenommen, das Land in drei Tagen mit dem Rad zu erkunden, wir wären drei Tage durch die Museen gestromert.

Noch ein kurzer Abstecher an den Rhein, der hier im Spätsommer ziemlich ruhig in seinem riesigen Bett fließt. Er ist allgegenwärtig. Auf seinem Deich gehen die Einheimischen ihre Joggingrunden oder cruisen mit Inlineskates dem Sonnenuntergang entgegen. Im Sommer 2022 führt er so wenig Wasser, dass es die Menschen auf die Steinbänke zieht. Ein bittersüßer Genuss, sollte der Strom doch eigentlich etwas gefährlicher daherkommen.

Etappe N°2 – von Vaduz bis Bendern

Wir starten die zweite Etappe im Städtle von Vaduz. Das Weingut der Fürstlichen Hofkellerei lockt mit Weinproben. Früh am Samstag-Morgen haben wir ein anderes Ziel: die Kaffeerösterei Demmel in Schaan. Wir fahren ins belebte Dorfzentrum. Um zu unserem Espresso zu kommen, verlassen wir kurz den Liechtenstein-Weg, was die Navi-App uns prompt und mit Nachdruck attestiert!

Schon bevor wir die Rösterei sehen können, lockt der schokoladig-malzige Duft frisch gerösteten Kaffees. Inhaber Peter Demmel ist einer der zahlreichen Zugereisten, die in Liechtenstein ihr persönliches Paradies gefunden haben. Begeistert erklärt er, wie er mit viel “Leidenschaft, Liebe und Sachverstand” (seine Worte) nur die besten Grünkaffees für seinen Import aussucht. Er scheint mit jeder einzelnen Bohne per du zu sein. Und freut sich mit ihr, wenn sie sich bei sanfter, schonender Röstung langsam vom grasig riechenden Aschenputtel zu einer herrlich duftenden Kaffebohnenprinzessin wandelt.

“Ich bin der glücklichste Mensch in diesem Land”, übertreibt er. “Und was dem Ganzen die Krone aufsetzt, ich wohne im schönsten Dorf des Fürstentums: Planken. Ihr werdet es sehen, der Weg führt euch dorthin.” Sprichts und kredenzt einen fantastischen Espresso. Der Abstecher hat sich gelohnt.

Von Schaan geht es rund 300 Höhenmeter hinauf nach Planken. Dichter Mischwald umgibt uns. Hin und wieder streifen die Äste junger Buchen die Radler. Als sich der Wald lichtet, tauchen die ersten Gebäude auf. Die Häuser der Gemeinde Planken sammeln sich auf einem Hang unterhalb des sagenumwobenen Dreischwesternmassivs.

Der liechtensteinischen Sage nach wurden drei Schwestern aus Schaan, die, statt die Messe zu besuchen, zum Beerenpflücken in die Berge gegangen sind, zur Strafe von Maria (Mutter Jesu) in Stein verwandelt.

Hebt man den Blick in Richtung Gebirgskamm, kann man sie entdecken. Ganz links auf dem Grat erkennt man die Silhouetten der Schwestern, die sich gerade zum Pflücken zu Boden bücken.

Die kleinste Gemeinde Liechtensteins ist gleichsam der Balkon des Fürstentums. Hier präsentiert sich den Besuchern ein toller Blick auf das Talgebiet des Unterlands und die umliegenden Gipfel.

Von Planken fährt man in Windeseile zurück nach Schaan. Am Ortsausgang tangiert der Weg das nagelneue Brauhaus. Biergarten, Gaststätte und gläsernes Sudhaus sind im hellen Backsteinbau vereint und erzwingen einen Zwischenstopp geradezu! Prost!

Gestärkt fahren wir nun in der absolut flachen Ebene des Unterlands den Dörfern Nendeln und Eschen entgegen. Das Schwemmland des Rheins ist überaus fruchtbar und wird seit Jahrhunderten erfolgreich für den Ackerbau genutzt. Allgegenwärtig: die Maisfelder.

Neben seiner Bedeutung für die Region spielt das Getreide auch in der Kultur- und Wirtschaftsgeschichte eine Rolle. Das daraus gewonnene Mehl ist die Grundzutat des Ribel, einem traditionellen Gericht. Der Ribel zählte vom achtzehnten bis ins zwanzigste Jahrhundert zu den Hauptnahrungsmitteln der kleinbäuerlichen Bevölkerung und wurde vor allem zum Frühstück gegessen.

Wir verlassen die Ebene noch einmal und fahren ein Stück den Eschnerberg hinauf, um uns dem Etappenziel Bendern zu nähern. Der Bergrücken liegt wie ein aus dem Wasser auftauchender Walfisch im Unterland. Auf seinem Rücken wechseln sich saftige Almen mit Sonnenblumen, Maisfeldern und frei stehenden Bäumen ab. Der Blick schweift rechts und links des Rheins die Alpenzüge hinauf. Eine Landschaft, wie komponiert.

Etappe N°3 – Von Bendern nach Schaanwald

Die letzte Etappe beginnt mit einer Fahrt ins Ruggeller Riet. Das Ruggeller Riet ist ein ca. 90 Hektar großes Naturschutzgebiet im Norden von Liechtenstein. Wir radeln durch eine herrliche Naturlandschaft mit vielen seltenen und gefährdeten Pflanzen und Tieren. Flachmoore, Weiher, Hecken, Bäume und Streuwiesen sind ideal für sie. Sogar Störche lassen sich blicken.

Noch einmal geht es hinauf auf den Eschnerberg, auch Schellenberg genannt. Die gleichnamige Gemeinde beheimatet das sogenannte “Bäuerliche WohnMuseum“.

Willkommen in einem rund 500 Jahre alten Bauernhaus. In dem mobilen Blockbau kann man die Einrichtung der letzten Besitzer sehen, die um das Jahr 1900 in dem Haus lebten. Geschichte zum Anfassen. Wir kurbeln weiter. Das letzte Mal bergauf an diesem Wochenende. Oben angekommen geht der Blick weit ins Rheintal. Am Horizont ein silbriger Streifen. Der Bodensee liegt unscharf in der Ferne.

Von Schellenberg geht es steil hinab ins Dorfzentrum von Mauren. Anschließend über Riedstraßen nach Schaanwald bis zum Zollamt an der Grenze zu Österreich. Geschafft! Wir haben ein ganzes  Land, mitsamt allen seinen Gemeinden an einem verlängerten Wochenende mit dem Fahrrad bezwungen. Zugegebenermaßen war es mit Hilfe des E-Motors ein Leichtes, die 75 Kilometer zu fahren. Niemals eine Qual. Nur muss man daran denken, über Nacht den Akku des E-Bikes aufzuladen. Dann laden sich die eigenen Batterien bei dieser Genuss-Tour wie von selbst!

Da wir unser Auto am Startpunkt in Balzers stehen haben, fahren wir auf dem Rheindamm in nullkommanichts zurück an den Ausgangspunkt. Auf halber Strecke begegnen uns noch zwei irre Österreicher, die mit einem selbst umgebauten Einkaufswagen gerade die letzte Etappe einer wilden Alpenüberquerung hinter sich bringen wollen. Die beiden versuchen klimaneutral zu reisen. Viel Erfolg @intowild! Im Ländle ist was los! Der schnurgerade Asphalt des Damms lädt dazu ein, noch einmal richtig in die Pedale zu steigen. Sonntagsausflügler spazieren auf dem breiten Weg. Die Eindrücke der letzten Tage schwirren im Kopf. So fliegen wir dem Ausgangspunkt entgegen.


Dem aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, dass der Liechtenstein-Weg nicht nach Malbun führt. Die Siedlung in den Bergen, auf 1600 Meter Höhe, ist offiziell eine Exklave der Gemeinde Triesenberg. Somit haben wir nicht geschummelt und tatsächlich alle liechtensteiner Gemeinden passiert. Für Neugierige, die es dennoch nach Malbun schaffen, gibt es einen ausgeschilderten Rundweg. Sozusagen ein Outtake oder Bonustrack des Liechtenstein-Wegs!

Durch seine Lage in den unteren Regionen der Bergwelten ist der Liechtenstein-Weg ein Ausflugsziel bis spät in den Herbst hinein. Dann sind die Ausblicke besonders schön: wenn die Gipfel schon weiß gezuckert sind und im Tal die Herbstsonne das bunte Laub anstrahlt.


INFOS

Abwechslung pur finden Radfahrer auf über 220 Kilometern Radwanderwegen im Fürstenteum Liechtenstein. Die markierten Wege führen durch die Talebene entlang des Rheins sowie rund um den Eschnerberg. Einer davon: der Liechtenstein-Weg.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, an ein Leih-E-Bike zu kommen. Am einfachsten ist es, eine E-Mail mit entsprechender Anfrage an das Lichtenstein Center (Touristen Info) zu schreiben: info@liechtenstein.li

Du kannst dich auch direkt an einen der Bikeshops im Land wenden. Wir haben unser E-MTB vom Zweiradcenter Wenaweser in Schaan geliehen.

Die Berge des Zwergstaats sind eher Riesen, weswegen es sich empfiehlt, den Liechtenstein-Weg mit einem E-Bike zu bezwingen. Der Weg geht ordentlich auf und ab. Ein Mountainbike ist nicht zwingend erforderlich, aber die Waldwege, auf denen man gelegentlich unterwegs ist, können nach Regenfällen ausgewaschen sein und dann tiefe Furchen aufweisen. Mit geländegängigem Fahrrad fühlt man sich hier auf jeden Fall wohler. Echte Mountainbikecracks haben entlang des Weges immer wieder die Möglichkeit, Abstecher auf Biketrails zu machen.

Alle Informationen zum Liechtenstein-Weg mit Bike findest du hier.

Wenn du noch mehr über das Reiseland Liechtenstein in Erfahrung bringen möchtest, startest du am einfachsten auf der Website des Fürstentums: tourismus.li