Lebensader Grünes Band

Ein Todesstreifen schnitt Deutschland bis 1989 in zwei Teile. Heute ist das Grüne Band eine echt grüne Lebensader für Mensch und Natur, besonders in Sachsen-Anhalt.
Brocken
IMG Sachsen-Anhalt mbh, Steffen Lehmann Der Harzer Grenzweg verläuft als Teil des Grünen Bandes über das Brocken-Plateau.

Ein geräumter, bis zu 200 Meter breiter Streifen mit Wachtürmen, Kolonnenweg und zweireihigem ­Maschendraht zieht sich durch die Landschaft, bildet einen unüberwindbaren Todesstreifen von der Ostsee bis zum Vogtland. 30 Jahre nach dem Mauerfall ist von diesem Erinnerungsbild der deutsch-deutschen Geschichte nicht viel geblieben. Der Kolonnenweg ist mancherorts noch sichtbar. Als Mahnmale stehen vereinzelt Grenzpfosten und Wachtürme in der Landschaft. Der Streifen lässt sich betreten und überqueren. Er bildet die Grenze zwischen Bundesländern, um sein Leben muss niemand fürchten.

Zu entdecken gibt es vieles – egal ob zu Fuß oder per Fahrrad, direkt am Grünen Band oder in den angrenz­enden Gebieten, egal ob während eines kurzen Ausflugs oder einer Mehrtagestour. Ein zentrales Stück des Grünen Bandes als Grenze zwischen Sachsen-Anhalt und Niedersachsen beginnt am Dreiländereck mit Thüringen am Südrand des Harzes. Das Mittelgebirge mit länderübergreifendem Waldnationalpark ist ein Eldorado für Outdoorfans. Hier lässt es sich vorzüglich wandern, Fahrrad fahren und klettern. Im Winter findet man zumindest auf den höchsten Gipfeln verlässlich Schnee. Dabei hat man die Wahl zwischen hervorragender touristischer Infrastruktur, zum Beispiel um den Brocken, oder weniger ausgetretenen Pfaden. Extreme Trockenheit, diverse Stürme­ und schlussendlich der Borkenkäfer haben in den Harz­wäldern ihre Spuren hinterlassen. Doch der Wald regeneriert sich und so kann man an vielen Stellen dem Verjüngungs- und Klimaanpassungsprozess live zusehen.

IMG Sachsen-Anhalt mbh, Steffen Lehmann Die unübersehbaren Zeichen der Teilung stehen heute als Mahnmal in der Natur.
IMG Sachsen-Anhalt mbh, Steffen Lehmann Die sagenumwobene Bergwildnis des Harzes lässt sich rechts und links des Kolonnenweges entdecken.

Wie auf einer Perlenkette reihen sich wertvolle Biotope als Rückzugsräume für bedrohte Tiere und Pflanzen gen Norden auf dem Grünen Band aneinander. Mit Glück lassen sich Luchs, Wildkatzen, Biber, Braunkehlchen, ­Kraniche oder zumindest deren Spuren entdecken. In ­Folge des geringen menschlichen Einflusses rechts und links des ehemaligen Grenzstreifens konnte sich die Natur jahrzehntelang nahezu ungestört entwickeln.

Heute bietet das etwa 4800 Hektar umfassende Nationale Naturmonument in Sachsen-Anhalt einen Querschnitt vielfältigster Landschaften, die es zu entdecken gilt. Diese Verbindungsachse bietet ein besonderes Potenzial zur Schaffung und Entwicklung eines übergreifenden Biotopverbundsystems zwischen bereits bestehenden Schutzgebieten. Will man das Grüne Band auf seiner ganzen Länge erkunden, bedarf es einer guten Vorbereitung, denn nicht nur der Biotopverbund, sondern auch die ­Infrastruktur weisen noch einige Lücken auf. Die Landesregierung und die Stiftung Umwelt, Natur- und Klimaschutz des Landes Sachsen-Anhalt setzen sich dafür ein, diese Lücken wieder zu schließen. So zum Beispiel im Drömling, einem im 18. Jahrhundert entwässerten ­Niederungsgebiet, das als nationales Biosphärenreservat heute ein wichtiger Rückzugsort für seltene Tiere und Pflanzen ist. Das Grüne Band geht hier mittendurch. Am Nordrand des Drömlings lebt Verena Treichel. Als Natur- und Landschaftsführerin begeistert sie Menschen für dieses ehemalige Grenzgebiet. Sie betreibt einen Kreativhof, ­organisiert kulturelle Veranstaltungen, bietet Naturführungen an und engagiert sich für das Grenzmuseum im ehemals geteilten Ort Zicherie-Böckwitz – ein Allroundtalent. Mit Kreativität gestaltet sie die Zukunft der Region. Sie zeigt eindrucksvoll, wie man Urlaubsattraktivität in Einklang mit der Natur bringen kann. Sanfter Tourismus ist hier nicht nur eine Worthülse.

Mit Glück ­lassen sich Luchs, ­Wildkatzen, ­Biber, Braunkehlchen und ­Kraniche entdecken.

Wer sich aufmacht, die schützenswerten und einzigartigen Biotope zu erleben, wird sich durch die vielen Erinnerungsorte kaum der Geschichte der Teilung und dem menschlichen Leid entziehen können. Zum Beispiel in der Grenzlandschaft in Sorge mit dem Naturkunstwerk »Ring der Erinnerung«. Oder auf dem siebeneinhalb Hektar großen Gelände der »Gedenkstätte Deutsche Teilung« in Marienborn, wo sich das Ausmaß der Überwachung erahnen lässt. Große Teile der Originalausstattung des Grenz­übergangs an der ehemaligen Transitstrecke sind erhalten. Im Grenzmuseum Böckwitz werden die Geschichte des geteilten Doppeldorfes Zicherie-Böckwitz und die Auswirkungen auf das Leben der Menschen ­dokumentiert. Besonders getroffen von der deutschen Teilung war das Dorf Jahrsau in der Altmark: Von drei Seiten war es von der Grenze umschlossen. Nach Umsiedlung und Vertreibung der Einwohner wurde es im März 1970 eingeebnet. Auch abseits der ehemaligen Grenze hat Sachsen-Anhalt beeindruckende Naturlandschaften zu bieten: Drei ­Biosphärenreservate, ein Nationalpark, spannende Renaturierungsprojekte und fünf abwechslungsreiche Naturparks sind nur die Highlights der vielseitigen Natur. Gut ausgebaute Wander-, Rad- und Reitwege bieten die ideale Voraussetzung, diese aktiv zu entdecken. Zieht man beispiels­weise an der Elbe vom Grünen Band nach Süden, durchstreift man das UNESCO-Biosphärenreservat Mittel­elbe mit dem romantischen Gartenreich Dessau-Wörlitz, einem der ersten Landschaftsparks nach englischem Vorbild auf dem ­europäischen Festland.

IMG Sachsen-Anhalt mbh, Verena Treichel ist Naturführerin im Drömling, dem Land der 1000 Gräben.
IMG Sachsen-Anhalt mbh,

Das Grüne Band zieht sich fernab von großen Metropolen und Menschenmassen durch dünn besiedelte Landstriche. Langweilig ist es keineswegs. Die Löcher in den Betonplatten des ­Kolonnenweges sind überwuchert und verschmelzen mit der Natur und den Schicksalen der Menschen, die an dieser Grenze starben und ihrer Zukunft beraubt wurden. Wer neugierig ist, wird auf interessante Geschichten stoßen. Die Geschichtsreise lässt sich hervorragend als Wanderung oder Biketour, als Tagestour oder mit Übernachtungen erleben. Es ist die Verbindung aus Naturschutz, Grenzgeschichte und Kultur, die das ­Grüne Band einmalig macht.

Text: Beatrix Flatt
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