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Auf dem Drachenrücken des Kuglhornet

Gratkletterei in Nordnorwegen

Der Ostgrat des Kuglhornet in Efjord bei Narvik ist eine majestätische und ästhetische Linie. Nie wirklich schwer und doch extrem spektakulär. Die Klettertour gilt als eine der schönsten Touren in ganz Norwegen.

    Auf Graten zu klettern, ist etwas ganz Besonderes. Anders als in einer großen Bergwand hat man zu allen Seiten freien Raum – fast überall um einen herum ist Luft. Das Gefühl, ganz klein inmitten der Natur zu sein, ist noch mal intensiver. Ein Vorteil von Graten ist außerdem, dass sie wahnsinnig Spaß machen, selbst wenn die Kletterei gar nicht so schwer ist. In großen Wänden muss man oft deutlich schwerer klettern, bevor es ähnlich spektakulär wird.

    Wir befinden uns in Nordnorwegen, eine Autostunde südlich von Narvik. Unser Ziel ist der Ostgrat des Kuglhornet in Efjord. Der Grat ist eine majestätische und ästhetische Linie, ein echter Drachenrücken. Eine Route, von der man nur träumen kann. Auf der einen Seite fällt der Grat zu einem klaren, blauen Fjord hinab – und auf der anderen Seite befindet sich eine dunkle, steile und glatte Granitwand. Zu allem Überfluss ist unsere Route weder besonders schwierig, noch hat sie einen langen Zustieg, noch ist sie gefährlich. Die Route gilt als eine der schönsten in ihrem Schwierigkeitsgrad in ganz Norwegen, was in einem Land voller schöner Klettereien viel aussagt.

    Auf der norwegischen Trad-Skala ist der Ostgrat des Kuglhornet mit 5- bewertet. »Trad« bedeutet, dass wir alle Sicherungen selbst legen müssen, es gibt keine Bohrhaken. Die Wettervorhersage sieht gut aus. Nach einer Woche auf den Lofoten bei strahlend blauem Himmel und sengender Sonne sind wir ein wenig verwöhnt mit gutem Wetter, was hier nördlich des Polarkreises nicht so häufig vorkommt.

    Ostgrat des Kuglhornet in Norwegen

    Nach einem erholsamen Schlaf auf dem Rücksitz des Mietwagens machen wir uns zunächst auf den Weg zu einer gewaltigen Felsplatte, der Verdens Sva. Auch Nichtkletterer kommen hier her, um eine der größten zusammenhängenden Felsplatten der Welt zu sehen. Sie ist leicht geneigt und bildet eine einzigartige, raue Landschaft. Nachdem wir auf der Platte gut 350 Höhenmeter hinaufgelaufen sind, schlängeln wir uns in steilerem Gelände zum Grat hinauf. Die Sonne brennt vom strahlend blauen Himmel und der Schweiß fließt in Strömen. Wir kühlen uns ab, indem wir unsere Gesichter in einem der kleinen Bäche waschen, die den Berg hinunterfließen. Mit dabei sind Andreas Widlund, ein schwedischer Hardcore-Kletterer, Anna Nystedt, eine Kletterführerin aus Narvik, Andreas Bergström, ein freischaffender Abenteurer, mit ihm habe ich vor über 30 Jahren das Klettern begonnen. Und dann bin da noch ich, Linus, Marketingmanager bei Tierra, Fotograf, Filmemacher und Autor.

    Am Anfang ist es eine Mischung aus Gehen und leichter Kletterei, die ersten Seillängen machen wir ohne Seil. Als wir uns schließlich anseilen bleiben die Kletterschwierigkeiten einfach. Oft klettern wir gleichzeitig. Die anderen bewegen sich im leichten Gelände schnell und ich fühle mich anfangs etwas unbeholfen. Ich mache den klassischen Fehler, mich zu sehr zum Fels zu lehnen. Als ich das merke, benutze ich meine Hände, um meinen Körper mehr vom Fels wegzustrecken, anstatt mich festzuhalten. Jetzt klappt das Klettern viel besser und meine Fußarbeit verbessert sich sofort. Der Granit hat eine wunderbare Reibung.

    Nach ein paar Seillängen erreichen wir einen Sattel, bevor sich der Grat wirklich aufrichtet. Beim Blick über die Felsen hinauf, weitet sich die Landschaft links und rechts. Der zerklüftete, messerscharfe Grat schneidet sich wie ein Drachenrücken zum Gipfel des Berges hinauf, schön und beeindruckend. 100 Meter über uns, weiter oben auf dem Grat, ist eine weitere Bergsteigergruppe zu sehen. Die winzigen Farbtupfer auf dem Fels lassen uns das Ausmaß des Grats erahnen. Kribbelige Aufregung durchfährt meinen Körper.

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      Nach einigen ausgesetzten Passagen, die wird abketten müssen, beginnen wir, den eigentlichen Grat zu erklimmen. Die Route windet sich links und rechts entlang des Grats. Die Kletterei variiert von klassischer Wandkletterei bis zu feinen Rissen, in die wir unsere Hände verklemmen – immer mit fantastischer Reibung und viel Luft unterm Hintern.

      An einer Stelle reiten wir den Fels mit einem jeweils einem Bein auf jeder Seite, an der nächsten gibt es einige heikle Züge mit mehreren hundert Metern vertikalem Granit unter den Füßen. Je höher wir klettern, desto anhaltender wird die Kletterei, wobei der schwierigste Abschnitt bei 5- liegt. Die gesamte Route kann man simultan mit laufender Sicherung klettern, aber die meisten Teams sichern über klassische Standplätze über fünf bis zehn Seillängen. Wir erreichen den Gipfel und feiern mit High-Fives und einer längeren Pause. Die Sonne scheint, und es gibt keinen Grund, den Abstieg zu beschleunigen.

      Angelehnt an den Steinhaufen des Gipfels gönnt sich Andreas ein Nickerchen. Aber wie ein altes Sprichwort sagt: Am Gipfel hat man noch nicht einmal die Hälfte des Weges geschafft. Wir müssen noch den kleinen Pfad finden, der nach unten führt. Nachdem, was wir gehört haben, soll das nicht ganz einfach sein. Zum Glück sind einige der anderen die Route schon mehrmals geklettert, aber es gilt immer noch, Rinnen mit steilem Schmutz und rutschigem Gras hinunterzuklettern und durch einen steilen Birkenwald abzusteigen, bevor ins Flache kommen. Unsere Energie geht zur Neige, aber das macht nichts, wenn die letzten Kilometer über Sümpfe voller reifer orangefarbener Moltebeeren führen. Müde und glücklich kehren wir zu den Autos zurück und blicken auf den majestätischen Berg, der uns fast unwirklich vorkommt, weil wir ihn gerade bestiegen haben. Dies ist wirklich eine Tour, die ich immer wieder machen könnte.

      Portrait Linus Meyer
      Linus Meyer

      … liebt Nordnorwegen für die vielen tollen Granitklettereien. Er arbeitet als Marketing Manager für die Marke Tierra aus Schweden und ist seit 20 Jahren als Abenteuerfotograf und Autor tätig.

      Skandinavien Karte Kuglhornet Narvik

      Die Tour kurz und knapp

      Anreise: Mit dem Nachtzug von Stockholm nach Narvik und dann per Mietwagen eine Stunde in Richtung Süden. Alternativ mit dem Auto oder Flugzeug nach Narvik.

      Beste Zeit: Juni, Juli, August.

      Kletterführer: »Lofoten Climbs – Rock Climbing on Lofoten and Stetind in Arctic Norway«, Chris Craggs und Thorbjorn Enevold, Rockfax, 2024

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