Kolumne: Winterzeit ist Fotozeit?

Draußen rieselt leise der Schnee, drinnen knistert laut das Feuer im Ofen. Jetzt mit einer Tasse Tee in die Wolldecke gekuschelt und einem Fotoalbum auf dem Schoß in Erinnerungen schwelgen? Fehlanzeige. Unsere Kolumnistin konsumiert Fotoalben nur mit Weinbegleitung und hat trotzdem – oder gerade deshalb – eine Schwäche für Instagram. In der vierten Folge: Sissis fünf Instagram-Gebote.

In den 80er Jahren markierten Dia-Shows das Ende der Sommerferien. Ich bin mir sehr sicher, dass es jene Abende waren, die mich jeglicher Begeisterung für Landschafts- und Reisefotografie beraubten. Wenn die Nachbarn das zittrige Leinwandgestell hochzogen und uns zu Zuschauern verdammten. Der Projektor surrte laut und jedes zweite Dia stand kopf. 43 Strandansichten. 57 vom Gardasee. Blau das Wasser, neonfarben die Surfsegel, uringelb das Haar der neuen Bekannt­schaft Uwe aus Frankfurt. Es waren die womöglich läng­sten Abende meiner Kindheit.

»Fotoalben konsumiere ich nur mit Weinbegleitung«

Seither gehe ich Postkarten­ständer­n aus dem Weg, konsumiere Fotoalben nur mit Weinbegleitung und besitze kein einziges Coffe­­e Table Book. (Allerdings auch keine­­n Coffee Table. Ich wohne recht bescheiden. München!) Man könnte meinen, ich müsste auch Instagram furchtbar finden. Schließlich ersetzt Instagram inzwischen Dia-Shows, Postkarten und Fotoalben. Aber nein, ich mag Insta­gram! Ich höre Einwände: Wie kann man Instagram mögen? Hier meine fünf Tipps:

#1 Du sollst keine Ambitionen haben. Sei einfach so schlecht wie du bist. Du kannst dein­e Emotionen nur schwer kontrollieren? Dann versuche es zumindest mit deinen Ambi­tionen. Wenn dein Kumpel und deine Nachbarin weitaus mehr Follower haben als du – was soll’s? Jesus hatte gerade mal zwölf und ist auch nicht dran gestorben. Okay, ­eigentlich schon. Zumindest dank einem. Aber da haben wir’s ja schon: Je mehr Follower, desto gefährlicher wird es.

#2 Niemandem folgen, den du nicht magst. Hast du Mitmenschen, die in dir kein Lächeln entfachen, sondern eine zentimetertiefe Stirn- falte graben, dann folge nicht ihrem Tun! Du musst dem Kollegen Karl mit dem Ferien- haus in Schweden nicht folgen, wenn er dir Puls gibt. Auch keiner @alpengams oder den @travelboyz. Wähle einen Feed, der einfach dein Herz tanzen lässt.

»Wähle einen Feed, der dein Herz tanzen lässt.«

#3 Du sollst nicht glauben, was du da siehst. Du sitzt zu Hause und der Nebel hat wieder mal alles im Griff und du nix. Auf Instagram hingege­­n #powderday, #above­theclouds, #officewithaview. Glaub mir, da ist womöglich Beschönigung am Werk. Ich war auf unzäh­ligen Shootings, auf denen aus einem Acker­gaul ein Rennpferd gemacht wurde. Bei Schnee­armut schaufelt man den Powder an den Spot, wo man ihn stauben lassen möchte. Stundenlanges Ausharren für das Sekundensonnenfenster, ein warmes Lächeln bei - 16° C – so etwas willst du gar nicht erleben!

#4 Du sollst den Hashtag nutzen. Du planst eine attraktive Tour, hast jedoch Sorge, dass dort alles überlaufen sein könnte? Dreh den Spieß um: Suche nach dem Ort auf Instagram und schon kannst du einschätzen, wie frequentiert der Spot sein wird.

#5 Liebe dein Dasein und dich selbst. FOMO (= Fear of missing out; Angst, etwas zu verpassen) fördert Bluthochdruck, Rücken und womöglich auch Karies. Mag dich selbst mehr. Dann wirst du dich mit den Posts deine­­r Freunde mitfreuen, über fremde Menschen Landschaften spüren, Inspiration finde­­n. Szenerien sehe­n, die in dir etwas öffne­­n, und Perspektiven, die dir den Kopf verdrehen. Und das nicht, weil sie als Dia auf dem Kopf stehen.

Diaprojektor zeigt Foto auf Instagram

SISSI PÄRSCH ist Autorin, fährt Ski, geht Laufen und Biken. Ursprünglich stammt sie aus dem Allgäu, zahlt viel Miete in München und ist doch meist auf Reisen. Sie mag Bewegung und Menschen sehr gern – genauso wie Kaffee und Einkehren.

Text: Sissi Pärsch