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»Löst der Verstand die Hormone ab, ist das dem Abenteuer nicht zuträglich.«

Sissi über das Älterwerden

Es gibt Dinge, die werden sich niemals ändern. Die Schwerkraft etwa oder der Generationenkonflikt. Dass Leonardo DiCaprio sich immer trennt, bevor die Freundin das 25. Lebensjahr erreich­­t hat, oder dass keiner versteht, was das Verkehrs­ministerium da eigentlich macht. UND natürlich, dass die Suche nach dem Sinn im Leben und der Freiheit in der Seele uns hinaus­treibt in die weite Welt.

Mit dem THW-Auto nach Indien oder dem Kajak um ­Nordamerika oder mit dem Tandem zur Ostsee oder mit dem Interrail-Ticket Richtung Calais, wo man auf einer Verkehrs­insel übernachtet, nicht ahnend, dass das in den kommenden Wochen noch einer der idyllischeren Schlafplätze sein wird.

Sinn und Freiheit sind große Worte. Außer man ist jung, da liegen sie nahe. Puberté et Liberté. Im Grunde ist Jugend das Erfolgsrezept für wahre Erfahrungen. Warum? Weil man sich als Heranwachsender selbstgewiss von allem löst. Aber auch: weil man noch nicht so gebunden ist. Weil man nicht daran zweifelt, dass für einen andere Parameter gelten. Weil man gegen den Strom schwimmt, indem man sich treiben lässt. Und dabei sehr viel falsch und damit so ziemlich alles richtig macht.

Wer Abenteuer will, muss Plan und Kompass über Bord ­werfen. Das allerdings kommt uns nicht mehr in den Sinn, wenn wir, sagen wir einmal, das Alter von 27 (dem offiziellen Ende der männlichen Pubertät) überschreiten. Wer von uns wagt sich noch ins Ungewisse?

Sportmoderator Snoop Dogg womöglich. Oder der inzwischen verstorbene Bestseller-Autor Johann Wolfgan­­g von Goethe. Wobei auch er nur in seinen Zwanzigern durch meterhohen Schnee über Schweizer Pässe stapfte. Nach Italien reiste er dann bei gemütlichen 3,4 km / h mit der Kutsche.

Der Mensch – so heißt es aus zuverlässiger Quelle – ist ein intelligentes Wesen. Ich glaube, das ist ein Problem. Löst der Verstand die Hormone ab, ist das dem Abenteuer nicht zuträglich. Wohlbehagen statt Wagemut. SUV statt Daumen raus. Hot-Stone-Massage statt schlafen auf nacktem Steinboden. Und ganz ehrlich: Sorgen statt Freiheit.

Vor zwei Jahren schrieb mir ein Leser. Nennen wir ihn JB. Er hatte seinen Vater verloren und wollte nun dessen Fluchtweg von Ost nach West in die Gegenrichtung antreten. 1 200 Kilometer mit dem Rad. Ein Satz in der Kolumne habe ihn final angestoßen, das Vorhaben umzusetzen. Ich bin mir sicher, er hätte es auch so getan. JB berichtete im Anschluss und ich hoffe, er verzeiht mir, wenn ich ihn zitiere: »Rückwirkend betrachtet, hat mich nur der Teil gestresst beziehungsweise mir Angst gemacht, den ich ›geplant‹ hatte. In dem Augenblick, wo der Plan aufhörte, began­n nicht nur das Abenteuer, sondern auch das Erleben.«

Ich wünschte, ich könnte mich selbst mit meinen Worten anstupsen. Mich wieder loslösen und treiben lassen mit einem Urvertrauen in die Welt und in mich selbst. Ich glaube, wir würden es beide verdienen. »Ich saug’ an meiner Nabelschnur nun Nahrung aus der Welt«, schrieb Goethe sechsundzwanzigjährig. Wer von uns verspürt keinen Hunger?

Kolumnistin Sissi Pärsch

Sissi Pärsch

… ist Autorin, fährt Ski, geht Laufen und Biken. Sie stammt aus dem Allgäu, zahlt aber viel Miete in München und ist doch meist auf Reisen. Sie mag ­Bewegung und Menschen genauso sehr wie Kaffee und Einkehren.


TEXT: Sissi Pärsch

ILLUSTRATION: Susanne Häußler