Kolumne: Bikepacking

Kolumne Sissi ist raus

Unsere Kolumnistin ist eine Multi-Outdoorsportlerin wie sie im Buche steht und – eh klar – am liebsten an der frischen Luft unterwegs. In der achten Folge teilt sie mit uns was Wikinger mit Minimalismus und Bob Ross mit Volker Wissing zu tun haben.

Wikingerin auf Gravelbike

Wenn es wieder drängt, dem Alltag zu entkommen. Wenn die germanische Seele einmal mehr genug hat von dem Germanischen, mehr Wikinger sein will, mehr Tuareg oder wenigstens Kelte. Dann packt man die Taschen – rollt sie, schnürt sie, zurrt, klickt sie fest vorne am Lenker, hinten am Sattel, oben und unten am Oberrohr, oben und unten am Unterrohr, links und rechts an der Federgabel – und radelt befreit los. Hinein ins Ungewisse, ins Jenseits des Alltäglichen, dorthin wo Komoot uns leitet.

Wenn Dall-E die Traumszenerie von uns Radliebhabenden entwerfen würde, im Stil von Bob Ross, würde garantiert eine Bikepacking-Szene herauskommen. In einer Zeit wie der unseren bündelt sich in diesem Bild ein Berg an Sehnsüchten: Freiheit und Autarkie, Verbundenheit mit der Natur, Verbundenheit mit dem Ich, Achtsamkeit und Abenteuer. Easy Rider ohne Stick-, Schwefel- und Kohlenstoffdioxide, ohne Chopper und ohne Hopper.

Dafür mit Minimalismus. Einem mächtigen Haufen Minimalismus. Mini-Tool, Mini-­Kocher, Mini-Bialetti. Minimalistische Regen-, Wind-, Isolationsjacken und Hosen und Weste­n, einen Hauch von Zelt und Isomatte und Schlafsack. Allein damit und mit bloßer Muskel­kraft, Powerbänken und Solar­panels und Gottes Segen auf zu magischen Orten – zur Bretziner Heide nördlich von Neu Gülze oder zum Baggerloch an der Marin­­a Flaesheim bei Oer-Erkenschwick oder am Fuße der Schnepfhalde entlang Richtung Aha und Oberaha.

»Easy Rider ohne Stick-, Schwefel- und Kohlenstoffdioxide.«

Ein kleiner Makel: Man braucht recht viel, um mit wenig auszukommen. Reduktion ist richtig kostenintensiv. Aber das Gravel-Bike ist das Rad meiner Generation, also für junge Menschen, die alt geworden sind und die besonders dann das schlechte Öko-Gewissen plagt, wenn ein neues Rad die Lösung zu sein scheint. Und hey, vielleicht ist es das auch.

Und hey, wenn man vom Bob-Ross-Bild ins Bigger Picture herauszoomt, könnte man unsere sportlichen Rad-Ausgaben als trotzige wie wichtige Ausgleichsfinanzierung verstehen. Immerhin kappte der Bund die Radverkehrs­investitionen vergangenes Jahr um ein Viertel – von 750 Millionen Euro 2022 auf knapp 560 Millionen Euro 2023. Unser Bundes­verkehrsminister V.W. hat da wohl eine simpl­e Rechnung gemacht, immerhin braucht er ziemlich genau die Differenz für den 16. Abschnitt der Berliner A100. Der 3,2 Kilometer lange Ausbau steigt nämlich leider von
500 Millionen auf knapp 700 Millionen.

Gerechnet hat Herr Wissing auch für eine Langfristprognose, die besagt, dass im Jahr 2051 kaum mehr Menschen vom Auto aufs Fahrrad umgestiegen sein werden als bereits heute. Aha. Oberaha! Dies allein sollte uns Motivation genug sein, den Radmarkt leer zu kaufen, die Taschen zu packen, rollen, schnüren, ihr wisst schon, und dann in V.W.s pfälzische­­r Heimat – irgendwo um Thaleischweiler-Fröschen oder Billigheim-Ingenheim – unsere germanische Seele frei zu radeln. Oder auf 3,2 Kilometern zwischen Mitte und Prenzlauer Berg zu demonstrieren, was man wirklich gegen Staus tun kann. Ja, es geht um Freiheit und Autarkie und Natur – auf so vielen Ebenen. Man sollte den germanischen Drang nicht unterschätzen und nicht die Dringlichkeit, Dinge zu verändern.


SISSI PÄRSCH ist Autorin, fährt Ski, geht Laufen und Biken. Ursprünglich stammt sie aus dem Allgäu, zahlt viel Miete in München und ist doch meist auf Reisen. Sie mag Bewegung und Menschen sehr gern – genauso wie Kaffee und Einkehren.

Text: Sissi Pärsch