Kinderspiel – eine Familien-Radtour im Baltikum

Südsee? Nein, Baltikum. Nur eine Fährfahrt von Kiel entfernt
warten Dünen, Strände und Seen. Ideal für eine zweiwöchige Familienradtour, sagt Finn Krützfeldt, Produktredakteur bei Globetrotter.

Früh am Morgen stehe ich an der Reling und schaue der Sonne zu, die sich langsam über den Horizont schiebt. Wir sind auf dem Heimweg, die Fähre bringt uns nach Travemünde. Die Ostsee schimmert ruhig wie ein Ententeich. Ich denke zurück an den Beginn unserer Tour. So viele Fragen – vor allem von anderen Eltern der Grundschule: Was, eine Radreise durchs Baltikum? Was, mit so jungen Kindern? Wie viele Kilometer fahrt ihr am Tag? Ihr habt keine feste Unterkunft und wisst morgens nicht, wo ihr abends schlaft? Wie transportiert ihr das Essen? Und wie kocht ihr eigentlich?

Rückblick. Vor jedem Sommerurlaub steht die Planung, und die Kinder hatten sich schon festgelegt: wieder eine Radtour, aber weiter! Den Norden Deutschlands haben Piet (9 Jahre) und Ella (7) schon erobert, nun sollte es »in ein anderes Land« gehen. Auf der Liste: Südschweden oder Bornhol­­m oder Litauen/Lettland. Das wären ja sogar zwei andere Länder?! – Richtig. – Das machen wir!

1) Kurische Nehrung: die Halbinsel gehört halb zu Litauen, halb zu Russland. 2) Kurisches Haff: ist eine von der Ostsee abgetrennte Wasserzone, mehrere Meter tief und sehr fischreich.

Dann wurden Karten studiert und Fährfahrten gebucht. Von früheren Radtouren wusste ich um die teils krassen Straßenverhältnisse im Baltikum: Glatter Asphalt wechselt mit Schotter und Wellblech­pisten, sandige Abschnitt­­e werden bei Regen gummiartig zäh.

Der Plan gedeiht: in Kiel mit den Rädern auf die Ostsee-Fähre nach Klaipėda in Litauen. Von dort direkt zu den Dünen der Kurischen Nehrung, per Boot rüber aufs Festland und zurück nach Klaipėda – und dann über den Nationalpark Žemaitija nach Liepāja in Lettland, wo die Fähre nach Travemünde ablegt. Zeitbudget: zwei Wochen.

Uns erwarten 400 Kilometer Rad-Abenteuer, vorbei an Mooren, Wäldern, wilden Wiesen, klaren Seen und feinen Sandstränden. Geschlafen wird fast immer im Zelt. Das ist im Baltikum unkompliziert, neben einigen offiziellen Campingplätzen gibt es auch angelegte Biwakplätze, oft mit Feuerstelle und Plumpsklo ausgestattet, manchmal sogar mit einem überdachten Unterstand. Oder man fragt sich einfach durch und landet auf einer Privatwiese. Wer es komfortabler mag, findet in jedem Örtchen preiswerte Unterkünfte – fast immer mit sehr herzlichen ­Gastgebern und sehr herzhaftem Essen.

Die Schiffsfahrt von Kiel nach Klaipėda dauert 23 Stunden. Zeit zum Kartenspielen, Lesen oder Hörbuch hören. Wir entscheiden uns gegen eine Schlafkabine und nächtigen bequem im Passagierbereich, wo unsere Isomatten zwischen den Sitzen Platz finden. Ohrstöpsel und Schlafmaske sind dabei praktisch – übrigens nicht nur auf dem Schiff, sondern auch für die folgenden Nächte im Zelt, denn im litauischen Sommer ist es über 17 Stunden hell. Die Fähre legt am Nachmittag in Klaipėda an und spuckt uns samt vielen Lkw aus ihrem Bauch. Wir setzen direkt über auf die Kurische Nehrung, eine schmale, aber fast 100 Kilometer lange Dünenhalbinsel, deren Nordspitze bis Klaipėda reicht.

»Es gibt wohl kaum eine Urlaubsaktivität, die eine Familie dichter zusammenbringt als eine Fahrradreise – mit allen Höhen und Tiefen.«

Finn Krützfeldt, hat rund 45 000 km auf dem Reiserad-Tacho. Viel Erfahrung, die er auch als Globetrotter Produktredakteur nutzt.

Die Kurische Nehrung ist Unesco-Weltkulturerbe und Wildcampen aus Naturschutzgründen leider nicht erlaubt. Und da sich der einzige Campingplatz im 50 Kilometer entfernten Nidden befindet, haben wir auf halber Strecke eine feste Unterkunft in Juodkrantė vorgebucht. Auf dem Weg dorthin unternehmen wir den ersten Abstecher an den endlosen Strand. Holztreppen führen über die Dünen, am Wasser ist es menschenleer. Die Ostsee zeigt hier ihr anderes Gesicht. Lag sie am Morgen noch ruhig vor uns, schmeißt sie nun tosende Brandung an den Strand. Wir genießen die salzige Seeluft und die steife Brise; Piet und Ella messen sich beim Wettlauf mit den Wellen. So haben wir uns das vorgestellt.

Mit Mühe, Schweiß und ein paar Tränen

Die Strecke über die Kurische Nehrung ist asphaltiert, selbst mit vollbepackten Rädern rollt es sich komfortabel. Hanna und ich sind mit je zwei Hinterradtaschen, einem Rack-Pack sowie einer Lenkertasche beladen. Ich habe zusätzlich noch zwei Vorderradtaschen montiert. Auch Piet und Ella transportieren ihr Gepäck selbst. Kleidung, Schlafsack und Isomatte passen locker in die beiden Tasche­­n – eigentlich sind das Vorderradtaschen, aber an den kleineren Kinderrädern lassen sie sich prima hinten am Gepäckträge­­r verwenden.

Die litauisch-russische Grenze teilt die Kurische Neh­rung in zwei Hälften. Kurz hinter Nidden ist deshalb Schluss für uns. Von der Parnidis-Düne, einer der höchsten Wanderdünen Europas, lassen sich die Halbinsel und das Kurisch­­e Haff noch einmal wunderbar überblicken.

Zurück aufs Festland gelangen wir mit einer kleinen Fähr­e, die uns nach Minė bringt. Auf dem Weg zu einem Biwakplatz, in einer schönen Schleife des Flusses Minija gelegen, geraten wir in einen monsunartigen Regen. Die gefürchteten »Gummi-Sandwege« sind die Folge. Nur mit Mühe, Schweiß und ein paar Kindertränen kommen wir durchnässt an. Schnell Zelte und Tarp aufgebaut, die nasse­­n Klamotten gewechselt und ab in die warmen Schlafsäcke. Beim Geräusch des prasselnden Regens aufs Zeltdach fallen die Augen zu.

So schlagartig der Regen begann, so plötzlich hört er um fünf Uhr auf. Die Sonne bricht durch und trocknet alles im Handumdrehen. Im Hinterland des Kurischen Haffs radeln wir zurück nach Klaipėda – über Hängebrücken, blütenträchtige Wildwiesen und vorbei an zahlreichen Storchennestern, deren Bewohner in der Umgebung nach Futter suchen. Ein paar Hofhunde laufen bellend mit uns mit, halten aber respektvollen Abstand. Es ist ein schöner, aber auch langer Tag. In Klaipėda bleiben wir diesmal etwas länger, um Stadt und Umgebung zu erkunden.

Winnetou heißt in Litauen Vinetu

Zwei Tage später geht es nordwärts. Einen etwas schräge­­n Dinopark (mit lebensgroßen Kunstechsen) am Wegesrand finden Piet und Ella so toll, dass wir mehrere Stunden hängen bleiben. Dann muss ein Schlafplatz her. Auf der Karte fällt uns eine interessante Stelle am Fluss ins Auge, in deren Nähe ein Haus steht. Vielleicht ist das eine gute Übernachtungsmöglichkeit? Die Location entpuppt sich als Volltreffer: Das Vinetu Kaimas – deutsch Winnetou­-Camp – liegt in malerischer Umgebung, man kann in Tipis oder im eigenen Zelt übernachten. Im kalte­n Flusswasser gehen wir schwimmen, um uns abends am Lagerfeuer zu wärmen. Auch das frei laufende Winnetou-Pferd schaut zu später Stunde in unser Zelt, um uns eine gute Nacht zu wünschen. Nicht nur die Kinde­­r sind begeistert.

Unser in der Radtasche transportiertes Schlafzimmer besteht aus zwei Zelten. Die Kids haben dabei mein altes Tatonka-Tunnelzelt übernommen. Dieses ist so groß, dass sie auch mal andere Kinder zum Spielen einladen oder wir bei Schmuddelwetter alle in der Apsis essen können. Hanna und ich schlafen im Fjällräven Abisko Dome 2, das als Kuppelzelt mit zwei Apsiden unser Gepäck aufnimmt. Zwei Zelte erleichtern Transport und Standplatzsuche, außerdem können wir so auch später ins Bett oder früher aufstehen, ohne die Kinder zu wecken.

Heute wartet die Königsetappe auf uns: 65 Kilometer bis zu einem Biwakplatz am Plateliai-See im Nationalpark Žemaitija. Abwechslungsreiche Wege, der Duft von Wildblumen, bunte Schmetterlinge, immer wieder Storchennester – es ist ein wunderschöner Tag, aber auch ziemlich viel Gestrampel. Erschöpft erreichen wir schließlich den Biwakplatz. Wegen des bevor­stehenden Wochenendes haben wir hier mit vielen Besuchern gerechnet, doch das weitläufige Gelände ist praktisch leer. Wir bauen unser Camp auf und hüpfen in den See. Spontan wird der folgende Tag zum Pausentag erklärt: schwimmen, faulenzen, essen. Fertig!

Es zahlt sich aus, dass wir mit üppig Zeitreserve geplan­­t haben. Für die Strecke nach Lettland ist immer noch reichlich Puffer vorhanden, und so lassen wir es am darauffolgenden Tag ruhig angehen und radeln lediglich acht Kilometer bis ans andere Ende des Sees.

Natürlich nicht ohne eine Halbzeitpause mit Eis. Im gesamten Baltikum gibt es in nahezu jedem Dorf einen Einkaufsladen, der die Dinge des täglichen Bedarf­­s führt. So kann jeden Tag frisch gekocht werden. Wir haben neben zwei Kochern auch vier Töpfe in unterschiedlichen Größen dabei, so können wir auch mal aufwendiger kochen. Und nach dem Kochen diene­­n die Töpfe als Schalen zum Essen.

Lettland ist in Sichtweite. Die Landschaft verändert sich nicht großartig, Hauptgrund für unsere Fahrt ins Nachbarland ist die Fährverbindung heim nach Trave­münde (und der Fakt, dass wir somit »zwei andere Länder« erradelt haben). Kurz vor der Grenze in ­Skuodas übernachten wir in einer Pension. Die Kinder ­haben inzwischen so viel Traveller-Routine, dass sie am Morgen fertig gepackt parat stehen, während wir Großen noch am Kaffee nippen. Nach vier Kilometern leuchtet uns ein blaues Schild entgegen: Latvija. Der Verkehr nimmt zu und der Straßenbelag wechselt von Schotterpiste zu Asphalt. Drei Tage früher als geplant kommen wir in Liepāja an. Die Zeitreserve nutzen wir nun zum Faulenzen am Badesee des Campingplatzes und zur Erkundun­­g der schönen Altstadt. Auch einige Geocaches in der Umgebung werden gesucht – und gefunden.

Die wichtigste Zutat kostet nichts

Nach zwei Wochen im Sattel können wir sagen: Litauen und Lettland sind tolle Reiseländer für Familien. Wer Ruhe, Entspannung, wilde Natur und kleine Abenteuer abseits des Massentourismus schätzt, findet in Litauen und Lettland viel Raum für nahezu jede Outdoor-Aktivität. Die Menschen sind sehr kinderfreundlich, fragen interessier­­t nach dem Woher und Wohin und geben immer gerne Tipps für die Weiterfahrt.

Auch die baltische Küche bietet unerwartete Highlights: Fisch, frisches Gemüse, lokales Fleisch, heiße und kalte Speisen. Es ist für jeden Gaumen etwas dabei. Die Preise sind familienfreundlich und schlagen nicht zu sehr ins Reisebudget. So kann man sich regelmäßige oder auch spontane Restaurant- und Eisdielenbesuche tatsächlich leisten – darüber freuen sich Reisende und Einheimische.

Zum Schluss: Es gibt wohl kaum eine Urlaubsaktivität, die eine Familie dichter zusammenbringt als eine Fahrradreise – mit allen Höhen und Tiefen, die so eine Tour zu bieten hat. Das Ziel oder die Kilometerleistung spielen dabei keine Rolle. Die wichtigste Zutat für die Familienradreise kostet nichts, wiegt nichts und ist bei Kindern von vornherein vorhanden: die Abenteuerlust.

Text: Finn Krützfeldt
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