Kanada am Meer

Für einen Mutter-Tochter-Trip wählte unsere Autorin gleich einen Superlativ. Der West Coast Trail gilt als schönstes Mehrtagestrekking Kanadas – reicht das, ­­­­­um einen Teenager bei Laune zu halten?

Kanada. Vancouver Island. Ucluelet. Dauerregen. Ich werde immer nervöser. Meine Tochter und ich alleine in der Pampa für eine Woche. Im Zelt. Wie wollen wir bei diesem Regen jemals unser Zeug trocken bekommen? Am Anfang war es ja noch Nieselregen, mittlerweile hat sich der Niederschlag zu einem ausgewachsenen Landregen verstärkt. Zum Antesten des Wetters gehen wir ein Stück auf dem Wild Pacific Trail. Ein Überbegriff für mehrere Wanderwege, die um Ucluelet angelegt wurden. Nur mit Gore-Tex-Jacke, ohne große­n Rucksack, um mal zu probieren, wie es sich so anfühlt mit dem Regen. »Iih«, schallt es schon nach wenigen Metern aus dem Mund meiner Tochter. »Was ist?« »Schau mal, die Nacktschnecke.« Na gut, das Exemplar ist nicht besonders hübsch. Es ist riesig und glitschig. Lisa hat definitiv eine Phobie vor Nackt­schnecken. Aber das Problem ist, dass das Geschrei kein Ende nimmt, denn es gibt einfach zu viele. Das kann ja heiter werden.

»Es ist schon ­­­­­ein ­Abenteuer, wenn eine Mutter kurz vor der Midlife-Crisis und ihre endpubertierende Tochter gemeinsam aufbrechen.«

Eine Woche vor dem Flug nach Vancouver hatte unsere Reise bereits Schatten vorausgeworfen. Es ist allein schon ein Abenteuer, wenn eine Mutter kurz vor der Midlife-Crisis und ihre endpubertierende Tochter gemeinsam aufbrechen. »Ich brauche noch Flip-Flops.« Gut, denke ich, der Keller ist voll mit solchen Schlappen. Da sollte doch ein Paar dabei sein. Das sieht meine Tochter aber vollkommen anders. Also neue Schlappen her, mit Markenlabel natürlic­­h. Aber irgendein Zugeständnis braucht es eben für ein anstehendes Abenteuer, das ehrlich gesagt nur ich geplant habe. Der West Coast Trail sollte es sein. Eine Woche Wildnis. Ohne Dusch­­e, Einkaufsmöglichkeit und richtige Toiletten. 

Lisa: Kanada ist ein Land, das ich supergerne mal besuchen würde. Meine Schwester macht dort gerade einen Schüleraustausch. Grund genug, dass meine Mama und ich auch endlich dort hinreisen. Wie immer, wenn man mit seinen Eltern in den Urlaub fährt, plant mein­e Mama die nächsten vier Wochen. Unter anderem steht der West Coast Trail im Pacific Rim National Park auf ihrem Plan. Das Einzig­­e, was ich von dem Trail weiß, ist, dass mein Papa ihn vor ­dreißig Jahre­n einmal gemacht hat. Um Geld zu sparen, hatte er sich nur von Muschel­­n ernährt. Aber wenn meine Mama sich etwas in den Kopf gesetzt hat, sollte man ihr besser nicht widersprechen. Zum Glück kennt sich mein Papa aus und hilft uns, möglichst leichte Rucksäcke zu packen. Das Kameraequipment meiner Mama darf aber nicht fehlen. Mit gemischten Gefühlen steige ich in den Flieger: Vorfreude auf das Land, die neuen Menschen und Kultur und andererseits Zweifel, einen Monat alleine mit meiner Mutter zu verbringen.

Erster Tag auf dem Trail 

Endlich geht es los für uns beide. Wir starten im Süden, in Port Renfrew. Eine wirklich lange und steile Leiter steht da am Einstieg. Beeindruckend. Der knapp 20 Kilo schwere Rucksack zieht nach hinten. Bloß nicht loslassen. Es regnet. Aber zum Glück ist die Vorhersage für die nächsten Tage besser. Völlig durchnässte Wandere­­r kommen uns aus der anderen Richtung entgegen. Sie sind mit den Nerven am Ende. Sie haben das Meer in der gesamten letzten Woche nicht gesehen, weil es so stark geregnet hat. Wie haben sie es nur geschafft, ihre Sachen trocken zu bekommen? 

Wir hoffen, dass es uns nicht so schlimm erwischt, und tauchen in den Wald ein. Und gerade mit dem Regen ist es wunderschön. Die Tropfen fallen durch die hohen Bäume des Regenwalds herunte­­r – ansonsten vollkommene Stille. Dazu kommt für einige Zeit die Sonne heraus und lässt den nassen Wald in allen Farben glänzen. Ein Traum. Wir nähern uns dem ersten Camp. Am Abstieg zum Strand rutscht Lisa auf einer glitschigen Plattform der Leitersysteme aus und liegt der Länge nach im Dreck – und auf ihrer Hand. Verknackst! Gott sei Dank nicht sehr schlimm. Das fängt ja gut an. 

Bei Flut wird der Strand oft überspült. Dann wählt man die Weg­variante durch den tiefgrünen Regenwald.

Ein Bilderbuchstrand. Wir sind die Ersten. Mutterseelenallein. Eine kleine Schlange zwischen den Schwemmholzstämmen. Außerdem ein Otter, der sich schleunigst verzieht, als er unsere Stimmen hört. Aber wir bleiben nicht die Einzigen. Immer mehr Rucksackträger bauen ihre Zelte in unserer Nähe auf. Wir haben es aufgegeben, ein Feuer mit dem nassen Holz zu machen. Anfänger­fehler: keine Anzünder oder Anfeuerholz dabei. »Would you like to join us?«, genauso hatte ich mir das vorgestellt. Abends am Lagerfeuer sitzen, Sachen trocknen und sich irgendwelche Geschicht­en erzählen.

 Zu Beginn des Tages wurde uns geraten, hier zu nächtigen. Mit haushohen Felsklötzen und sogenannten Surge Channels ist der nächste Abschnitt einer der schönsten, aber auch schwierigsten und unfallträchtigsten. Die Channels sind oft metertiefe Wassergräben, die die felsigen Strandabschnitte durchziehen, meist muss man drüberspringen. Es ist deshalb besser, gut ausgeruht zu sein. Oft gibt es auch zwei Varianten für einen Teil des Weges: für Ebbe eine am Strand und bei Flut eine im Regenwald. 

Bei der Einführung durch die Ranger am Startpunkt des Trails bekommt jeder eine grobe Karte mit auf den Weg. Darin sind Kilo­meter, Schlafplätze mit Trinkwasser und Cable Cars verzeichnet. Das Wichtigste wird immer aktuell aufgeklebt: der Gezeitenplan. 

Unser Problem ist jetzt: Der Strandabschnitt vor uns ist nur möglich, wenn wir richtig früh aufstehen. Lisas Vorstellung von Urlaub ist eine andere und so hält sich ihre Begeisterung in Grenzen. Aber es bleibt ihr nichts anderes übrig.

Auf die Nase gelegt 

Im ersten Morgengrauen packen wir unser Zelt zusammen. Das Frühstück verschieben wir auf später. Trotzdem sind wir noch nicht einmal die Ersten. Eine geführte Gruppe holen wir zügig ein und suchen uns für eine Weile gemeinsam den Weg durch das Fels­labyrinth. Wir balancieren von einem Stein zum nächsten. Einige sind mit Algen bewachsen und dadurch erkennbar rutschig. Aber auch von den trockenen Steinen sind manche einfach spiegelglatt. Leider ist es nicht immer auszumachen, welche Steine eine Gefahr darstellen. Mich streckt es zweimal der Länge nach hin. In Sachen Sturz steht es jetzt 2:1 für mich. Bei einem Abgang muss ich sogar Blessuren einstecken: eine dicke Schramme an der Nase. Ich sehe aus, als hätte ich einen Boxkampf verloren.  

Ein bisschen vorsichtiger machen wir uns wieder auf den Weg. Das heutige Ziel ist eine wunderschöne Bucht, wo wir sogar kurz ins kalte Wasser springen. Der Ansturm an Wanderern hält sich an diesem Abend in Grenzen. Lediglich zwei weitere Zelte kommen noch dazu.

Lisa: Im Nachhinein gesehen war dieser Wegabschnitt wirklich einer der schönsten. Die fast unberührte Natur hat mich beeindruckt. Und ich war froh, dass Mama sich nicht wirklich wehgetan hat.  

Am nächsten Morgen machen wir uns wieder auf den Weg, diesmal  folgt ein Abschnitt im Regenwald. Das Gehen ist aber nicht so langweilig, wie es Lisa sonst gerne mal findet. Leitern, Brücke­n, unglaublich dicke Baumstämme (über die man balanciere­n muss) und vor allem große Schlammlöcher erschweren uns den Weg. Der wird dadurch zwar abwechslungsreich, aber schnell kommen wir auch nicht mehr voran. Die Kilometerschilder am Wegesrand machen es nicht gerade leichter. Meine Tochter fragt laut, wie wir die verbleibenden Kilometer in den restlichen Tagen überhaupt schaffen sollen. 

Irgendwann erreichen wir Chez Monique, einen der zwei Pun­kte am Trail, wo Ureinwohner eine Art Kiosk betreiben. Das Tütenfutter der letzten Tage hat uns leider weniger überzeugt. An diesem Tag essen wir leckere Hamburger und lauschen den Geschichten, die Sandy uns erzählt. Sandy hat den Kiosk von ihren Eltern übernommen und lebt hier jetzt mit ihren eigenen Kindern in den Sommermonaten abseits von jeglicher Infrastruktur.

Der Cougar kreuzt

Vom Cribs Creek machen wir uns am Strand entlang auf die nächst­e Etappe. Erst mal müssen wir aber eine Felsbarriere hochklettern, eine kleine Herausforderung. Der folgende Wegabschnitt ist nicht ganz ohne. Wir überqueren Kanäle, rutschen kleinere Stellen ab und laufen über extrem glitschiges Gestein. Und dann finden wir Tierspuren. Der Ranger hatte uns gezeigt, welche Spure­n zu welchen Tieren gehören. So stellen wir fest, dass es sich wahrscheinlich um einen Cougar handelt – einen Puma. Ob der auf deutsche Wander­er steht? 

Weiter geht es, vorbei an tollen Gesteinsformationen und wilden Stränden, bis nach Nitinaht. Hier müssen alle Wanderer mit einem Boot den Fluss überqueren. Vorher gibt es frische Kraben zum Mitta­­g. Am Abend erreichen wir einen Zeltplatz bei den Tsusiat Falls. Wasser­fall, Bach, Strand und dahinter der Regenwald. Wir genieße­n die letzten Sonnenstrahlen und gesellen uns danach zu den Kanadiern, die wir schon am gestrigen Abend kennengelernt haben.

Noch etwa 25 Kilometer liegen jetzt vor uns. Bisher hat das Mutte­r-Tochter-Duo besser funktioniert und harmoniert, als ich es erwartet habe. Der Weg wird einfacher. Wir nutzen das letzte Mal ein Cable Car, um den Klanawa River zu überqueren. Mit diesen kleinen handbetriebenen Seilbahnen haben wir schon in den vergangenen Tagen immer wieder kleine Schluchten oder Flüss­­e überwunden.

Wir entdecken auf einem Stapel Schwemmholz am Strand einen Bären. Weit weg, aber eindeutig ein Bär. Ich kann es nicht fassen. Dort hopst tatsächlich ein Bär auf den Holzstämmen herum und schnüffelt. Die ganze Zeit ging es darum, endlich mal einen Bären zu sehen. Jetzt habe­n wir einen in perfekter Entfernung. Gut zu beobachten, aber nicht so nah, dass man Angst bekommen müsste­.

»Meine Tochter fragt laut, wie wir die verbleibenden Kilometer überhaupt schaffen sollen.« 

Wir erreichen unseren letzten Campingplatz, Michigan Creek. Das Wetter passt, wir haben noch genug zu essen und so gönnen wir uns bewusst Zeit, die Natur zu genießen. Wir bauen unser Zelt am Waldrand auf, mit Blick auf das Meer. Zwei Wanderer aus Revel­stoke ergänzen unsere Runde. Sie haben gerade mit dem Trail (aus der anderen Richtung) begonnen und Stockbrot dabei, das sie mit uns teilen. Ein toller letzter Abend mit Lagerfeuer am Strand.

Lisa: Der sonst allgegenwärtige Schlamm wird weniger. Der Trail ähnelt jetzt mehr einem einfachen Wanderweg. Ich fange an, die Kilometer rückwärts zu zählen. Zehn, neun, acht, … Auf dem letzten Abschnitt kommen wir an einem Leuchtturm vorbei, an dem wir uns ins Besucherbuch eintragen. Ich laufe immer schneller. Nach weiteren Leitern gelangen wir schließlich auf eine Wiese mit einem Haus. Wir sind am Ziel: Pachena Bay! Glücklich und erschöpft melden wir uns bei den Rangern ab und wiegen noch mal unsere Rucksäcke. 16 Kilo, stellen wir fest. Etwas leichter sind sie mit der Zeit geworden, auch wenn es sich auf den letzten Kilometern nicht so angefühlt hat. Zum Glück gibt es nur wenige Meter entfernt einen Campingplatz mit Toiletten und Waschgelegenheiten. Schon lange habe ich mich nicht mehr so über eine warme Dusche gefreut.

Ich bin froh, dass ich diese Woche dank meiner Mama erleben durfte. Einerseits ist die Natur total beeindruckend und abwechslungsreich: die Strände, die Küste, der Regenwald. Andererseits lebt man eine Woche ohne Dusche, Handy, richtige Toiletten und nur mit der nötigsten Nahrung. Auf dem Trail haben wir Leute aus verschiedensten Ländern kennengelernt. Es war schön, mal Zeit alleine mit meiner Mama zu verbringen. Komischerweise war es nicht langweilig, wie ich es anfangs befürchtet hatte. Ich würde den West Coast Trail sofort noch mal gehen.

Birgit Gelder
hat Fotodesign studiert und ist am liebsten
den ganzen Tag draußen mit der Kamera unterwegs.


Text: Birgit Gelder & Lisa Perwitzschky
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