Das solltest du wissen!

Jakobsweg allein als Frau – Buen Camino!

Der Jakobsweg: Fast jede:r hat wohl schon einmal von dem berühmt berüchtigten Pilgerweg gehört – sei es nun aus Büchern, Filmen oder von Bekannten. Kein Wunder, denn fast eine halbe Million Menschen machen sich mittlerweile jährlich auf den Weg nach Santiago de Compostela. Ich selbst habe dutzende Filme geschaut und kann doch nicht erklären, warum ich mich so sehr zu diesem Weg hingezogen fühle. Auf die Frage »Warum?«, die mir vor der Reise von Freund:innen und Familie so oft gestellt wurde, habe ich daher keine Antwort und so packe ich im September 2023 meinen Rucksack und laufe einfach los – als Frau allein nach Santiago de Compostela.

»Welcher Jakobsweg ist der Richtige für mich und was sollte ich bei der Vorbereitung beachten?« »Welche Ausrüstung brauche ich und sollte ich den Jakobsweg als Frau allein oder lieber gemeinsam mit Anderen laufen?« »Buche ich Unterkünfte im Vorfeld oder laufe ich einfach los und schaue spontan?« All dies sind Fragen, die sich zukünftige Pilger:innen vor ihrer Reise stellen müssen. Klingt kompliziert? Don’t worry!

Wir von The Female Explorer haben mit unserem Erfahrungsbericht zum Solo-Abenteuer Jakobsweg als Frau die Antworten für euch parat!

»Der« Jakobsweg – Welcher Jakobsweg ist der Richtige für mich?

Das Besondere am Jakobsweg: Es gibt eben nicht den einen! »Der« Jakobsweg startet in verschiedenen Ländern, zieht sich entlang unterschiedlicher Landschaften und hat keinen festgelegten Startpunkt. Pilger:innen bekommen so schon in der Vorbereitung einen Vorgeschmack darauf, was es bedeutet, die vollkommene Freiheit zu genießen. »Welche Landschaft wünsche ich mir entlang meiner Reise?« »Welche Distanz möchte bzw. kann ich laufen und wie viel Zeit bzw. Budget habe ich?« Neben dem bekannten Camino Francés sind auch der Camino Português (Central oder Costa), der Camino del Norte und der Camino Primitivo beliebt, wobei überall entlang des jeweiligen Weges gestartet und somit die Länge individuell bestimmt werden kann.

Doch jede Route hat ihre eigenen Herausforderungen: Während man für den Camino Francés mit seinen über 800 km einiges an zeitlichen und damit auch finanziellen Kapazitäten einplanen muss, ist der kürzere Camino Primitivo dank seiner zahlreichen Höhenmeter körperlich anspruchsvoller. Ich habe mich für den portugiesischen Jakobsweg entlang der Nordatlantikküste – den Caminho Português da Costa – entschieden. Der Weg führt gute 280 km in 13 Etappen vom idyllischen Porto (Portugal) ins galizische Santiago de Compostela (Spanien).


Meine Etappen

1. Porto – Vila do Conde (ca. 33 km)
2. Vila do Conde – Esposende (ca. 25 km)
3. Esposende – Viana do Castelo (ca. 25 km)
4. Viana do Castelo – Vila Praia de Âncora (ca. 19 km)
5. Vila Praia de Âncora – A Guarda (ca. 16 km)
→ Grenzübertritt von Portugal nach Spanien mit dem Motorboot via Xacobeo Transfer
6. A Guarda – O Serrallo (Viladedusa) (ca. 18 km)
7. O Serrallo (Viladedusa) – Sabarís (ca. 18 km)
8. Sabarís – Vigo (ca. 24 km)
9. Vigo – Redondela (ca. 20 km)
10. Redondela – Pontevedra (ca. 17 km)
11. Pontevedra – Caldas de Reis (ca. 24 km)
12. Caldas de Reis – Padrón (ca. 20 km)
13. Padrón – Santiago de Compostela (ca. 24 km)

Tipp: Die Überfahrt von Portugal nach Spanien mit dem Motorboot schien für mich erst einmal suspekt, da das Unternehmen privat betrieben wird und deshalb nicht wirklich offiziell wirkt. Vom ersten Eindruck sollte man sich aber nicht abschrecken lassen: gemeinsam mit einer weiteren Pilgerin aus Italien – und den positiven Reviews anderer Pilger:innen – habe ich es wohlbehalten über den Rio Minho nach Spanien geschafft.

Ich packe meinen Jakobsweg-Backpack und nehme mit …

Schon 2020 bin ich von Porto aus auf dem Caminho Português da Costa gestartet, musste aber nach nur wenigen Tagen wegen der Corona-Pandemie und starken Knieschmerzen abbrechen. Die Frage nach dem richtigen Equipment steht deshalb für mich seitdem bei jedem Abenteuer ganz oben auf der Liste! So viel vorweg: Die The North Face Vectiv Trekkinghalbschuhe und der Deuter AC Lite 30 Backpack haben mich nahezu schmerzfrei entlang der Nordatlantikküste ans Ziel gebracht. Außerdem immer zur Hand: Meine Kamera und mein Credencial del Peregrino – der Pilgerausweis zum Sammeln der Stempel entlang des Weges.

Packliste:

Tipp: In vielen Unterkünften sind Decken mittlerweile im Preis inkludiert. Besonders bei privaten Herbergen muss aber nach wie vor ein eigener Schlafsack mitgebracht werden.

Wandernde vor Berg

Die richtige Unterkunft finden: Herbergen auf dem Jakobsweg

Ich bin gerne allein unterwegs und habe insgeheim seit Monaten auf diesen Moment hingefiebert. Auf Stimmen wie »Das ist aber mutig!« oder »Hast du keine Angst?« entgegne ich schon lange nur noch ein müdes »Warum?« und es ist wahr: Ich fühle mich bereit für ein neues Abenteuer.

Dennoch habe ich mich dagegen entschieden, einfach früh ohne die Gewissheit ein Bett zu bekommen, loszuziehen und so wartet am Ende jeder Etappe bereits ein vorher gebuchtes Hostel voller anderer Pilger:innen auf mich. Die Herbergen immer ein paar Tage im Vorfeld online zu buchen, stellt sich als äußerst sinnvoll heraus: Ich brauche nicht, wie viele andere Pilger:innen, am Morgen im Dunkeln loslaufen und stoppe immer öfter entlang des Weges in den kleinen Cafés für den berühmt berüchtigten Café con Leche und einen Stempel für meinen Pilgerausweis. Statt mich zu hetzen, laufe ich in meinem Tempo und genieße die atemberaubende Natur um mich herum. In den Herbergen angekommen, merke ich außerdem schnell: Ich werde auf diesem Solo-Abenteuer weniger allein sein als ursprünglich gedacht, denn die Schlafsäle sind im September prall gefüllt und spontan ein Bett zu bekommen, wäre wahrscheinlich schwierig gewesen.

Tipp: Das vorherige Buchen der Unterkünfte hat weitere Vorteile: Zum Beispiel könnt ihr online die Bewertungen anderer Pilger:innen einsehen. Ich habe auf meinem Jakobsweg deshalb in unfassbar gemütlichen und sauberen Unterkünften zu sehr günstigen Preisen geschlafen. Mein Highlight: Die Albergue de Santa Luzia in Viana do Castelo samt Bergblick auf den Sonnenuntergang und den Vollmond über der Nordatlantikküste.

Frei- und Sicherheiten des Jakobsweges für Solo Reisende

Es ist erstaunlich, wie einfach Dinge auf dem Jakobsweg plötzlich werden. Meine anfänglichen Startschwierigkeiten, mich aus der Großstadt Porto zu navigieren, haben sich bereits nach wenigen Tagen in Luft aufgelöst und das Handy kann endlich in der Tasche bleiben.

Zum ersten Mal spüre ich, was es bedeutet, vollkommen zu vertrauen. Wem oder was, weiß ich in diesem Moment nicht und doch laufe ich einfach den kleinen gelben Pfeilen und Muscheln hinterher. »Was ist eigentlich, wenn irgendjemand sich einen Spaß erlaubt und einen gelben Pfeil in eine falsche Richtung dazu malt?«, denke ich kurz, aber lasse den Gedanken genauso schnell verschwinden, wie er gekommen ist. Der Jakobsweg erlaubt es mir immer mehr loszulassen, er schenkt mir eine ungewohnte Sicher- und Geborgenheit und wenige Tage später werfe ich deshalb meine sorgfältig vorbereiteten Tagespläne über den Haufen und strukturiere komplett um.

Tipp: Besonders in Großstädten ist die Route teils nur sporadisch mit kleinen gelben Pfeilen gekennzeichnet. Die kostenfreie Buen Camino App hat mir deshalb vor allem am Anfang extrem viel Sicherheit gegeben. Mit ihr kann man sich nicht nur auf der offiziellen Route des jeweiligen Jakobsweges navigieren, sondern auch Etappen punktgenau planen und Herbergen entlang des Weges finden.

How-To: Menschen kennenlernen auf dem Jakobsweg

Auf meinem Weg laufe ich so manche Tagesetappe entlang der spanischen Nordatlantikküste kilometerlang komplett allein – keine Menschen rundherum, nur ich und das Rauschen des Meeres. Umso mehr freue ich mich, am Ende des Tages in der Herberge auf bekannte und unbekannte Gesichter zu stoßen. Im echten Leben bin ich introvertiert und eher schüchtern, doch auf dem Jakobsweg lerne ich eine vollkommen neue Seite an mir kennen. Noch nie fiel es mir so leicht, Menschen kennenzulernen – denn wer hier niemanden anspricht, wird eben selbst angesprochen! Ich teile mir meinen Weg teils kilometerweise mit anderen Pilger:innen, deren Namen ich nicht kenne und treffe viele von ihnen irgendwo entlang der Route, manchmal mehrere Tage später, wieder. Es braucht keine Formalitäten oder Handynummern, denn wir alle haben das gleiche Ziel und wenn es der Zufall will, werden wir uns wiedersehen. Gleichzeitig erlaubt der Jakobsweg es mir, zu jeder Zeit selbst zu bestimmen, welche Rolle meine Weggefährt:innen in meiner Camino-Story spielen. Es ist wie im echten Leben: Manchmal passt es besser, manchmal passt es schlechter und das wird restlos akzeptiert.

Allein oder nicht allein – das ist hier die Frage.

Obwohl ich meinen Jakobsweg allein begonnen habe, erreiche ich die galizische Hauptstadt Santiago de Compostela mit zwei anderen Pilgerinnen in meinem Alter – wir kennen uns zu diesem Zeitpunkt nicht mal 24 Stunden und doch hat es sofort geklickt. Wir holen unsere Pilgerurkunden – die Compostelas – ab, träumen bereits von den nächsten gemeinsamen Abenteuern und starren stundenlang im Dunkeln auf die Kathedrale von Santiago – das offizielle Ende des Jakobswegs. Ich bin den Jakobsweg als Solo Reisende gelaufen und doch fühle ich mich in diesem Moment so ganz und gar nicht allein. Dabei bin ich von mir selbst überrascht: Entgegen jedermanns Erwartungen, vielleicht sogar meinen eigenen, habe ich mich auf dem Jakobsweg keine Sekunde einsam oder ängstlich gefühlt. Stattdessen hat mein Abenteuer Jakobsweg eine neue Seite in mir entfacht – eine wilde, selbstbewusste Seite, die ich überhaupt nur durch’s Alleinsein kennenlernen durfte.

Tipp: Nur wer die letzten 100 km jeden Tag mindestens 2 Stempel in seinem Credencial del Peregrino sammelt, bekommt am Ende die Compostela. Der Pilgerausweis kann zuvor online beantragt oder in der Kathedrale von Porto ausgestellt werden. Die Stempel werden in vielen Cafés, Restaurants, Kirchen und Herbergen entlang des Jakobsweges verteilt.

Ihr wart schon auf dem Jakobsweg unterwegs und habt weitere Tipps für ein gelungenes Camino-Abenteuer? Schreibt sie in die Kommentare!

Wandernde vor Berg

TEXT & FOTOS: Anna Wenda

Inhaltsverzeichnis
Inhalts-
verzeichnis