Interview: Tamar Valkenier – Into the Wild

Tamar Valkenier hat alles aufgegeben: ihr Haus, ihren Job als Polizeipsychologin, die Nähe zu Familie und Freunden. Seit sieben Jahren ist die Holländerin unterwegs – am liebsten in völliger Wildnis.

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Tamar, du nennst dich Vollzeitabenteurerin. Wie viel Abenteuer hat die Pandemie erlaubt?

Genug. Im ersten Lockdown-Sommer war ich mit dem Fahrrad an der Atlantikküste von den Niederlanden bis Frankreich unterwegs, die letzten zwei Winter mit Ski, Schlittschuhen und Pulka in Schwedisch-Lappland. Immer allein und draußen, also Selbstquarantäne im Freien. Ich kann gerade zwar nicht in jedes Land einreisen, aber es gibt trotzdem viel zu entdecken. Die Pandemie hält mich nicht zurück.

Du bist tatsächlich seit sieben Jahren unterwegs?

Ja. Es gibt keinen Wohnsitz. Wenn ich für ein, zwei Wochen im Jahr Familie und Freunde besuche, wohne ich bei meinem Vater. Die anderen 50 Wochen gehören den Reisen.

Tamar-Valkenier

»Erst radelte ich zwei Jahre um die Welt. Dann kamen immer neue Ideen, Pläne und Reisen.«

Tamar Valkenier (35)

Das klingt sehr radikal. Warum dieser Schritt?

In meinem früheren Leben habe ich alles gemacht, was die Gesellschaft so erwartet: als Köchin bis in die Sterne-Gastronomie vorgestoßen, an der Uni Psychologie und Kriminologie mit cum laude abgeschlossen – und noch ein Studium drangehängt. Mein Leben war perfekt: Traumjob bei der Niederländischen Nationalpolizei, schönes Haus, cooles Motorrad, tolle Hobbys. Dann brach ich mir beim Fallschirmspringen den Fuß, saß auf dem Sofa fest – und kam ins Grübeln.

Dein perfektes Leben war nicht mehr perfekt?

Immer war ich damit beschäftigt gewesen, meine Ziele zu erreichen. Aber wollte ich nun immer das Gleiche machen? Bis zur Rente? Oder war da draußen noch mehr? Ich wünschte mir ein Jahr Auszeit. Mein Chef bot mir sechs Monate an. Nach langem Überlegen und schlaflosen Nächten habe ich gekündigt. Ich wollte wirklich frei sein.

Wirklich frei, was hieß das konkret für dich?

Ohne Job, ohne Haus, mit nur ganz wenig Besitz. Ohne Wecker, Kalender und Deadlines. Ich wollte Fragen zulassen: Was würde ich vermissen? Karriere, Freunde, die Heimat? Jemand zu sein? Ziele zu haben? Und: Was ist da draußen? Wie leben die Menschen? Ich radelte erst zwei Jahre um die Welt. Dann kamen immer neue Ideen, Pläne und Reisen. Wie ein Experiment, das etwas außer Kontrolle geraten ist.

Tamar-Valkenier-mit-Pulka-durch-Norwegen
Mit Ski und Pulka durch Norwegen …
Mit-Esel-und-Beduinen-in-Jordanien
ARCHIV TAMAR VALKENIER … oder per Esel durch die Mongolei.

Ein Experiment, das dich in sehr wilde Ecken wie die Mongolei führte …

Ja, ein gewaltiges, dünn besiedeltes Land. Mit Nomaden, deren Leben sich seit 1000 Jahren wenig verändert hat. Als ich dort die Reiter mit ihren Adlern zur Fuchsjagd in die Berge aufbrechen sah, wollte ich das auch erleben. Dafür musste ich aber erst einmal reiten lernen und auch etwas Kasachisch.

Wie wird man von der Touristin zur Nomadin?

Über einen Internetkontakt kam ich an eine Nomadenfamilie, die mir alles beibrachte: Reiten auf Kamelen und Pferden, den Umgang mit Adlern. Danach bin ich ein paar Monate losgezogen, alleine mit Kamel, Pferd und Hund.

Alleine in der Mongolei – und keine Angst?

Und ob. (lacht) Im Altaigebirge bist du 1800 Kilometer weg vom n chsten Krankenhaus. Ich konnte kaum reiten. Was, wenn ich vom Pferd falle? Habe ich genug Essen? Und wenn jetzt das Kamel mit den Vorräten abhaut? Fünf Monate ohne Supermarkt und Dusche. Ich musste Gletscher und tiefe Flüsse queren. Selbst mit Pferd ist das schwierig. Ich wusste wenig über die fremde Kultur. Ein Mann checkte nachts Zelt und Tiere aus. Es ist nichts passiert, aber das Unbekannte ist oft furchteinflößend. Gleichzeitig hat diese Reise meinen Geist und meinen Horizont geöffnet wie keine andere.

Was hast du am Ende dieser Reise empfunden?

Seelenfrieden. Ich gab die Tiere bei den Nomaden ab, stieg in die Transsib und dachte: Wow, das ist perfekt. Wenn ich jetzt sterbe, ist es okay. Was noch kommt, ist eine Extraportion Glück. Seither verbringe ich jedes Jahr ein paar Monate in der Mongolei, zu der Nomadenfamilie besteht eine starke Verbindung.

»Das Unbekannte ist oft furchteinflößend. Gleichzeitig hat diese Reise meinen Geist und meinen Horizont geöffnet wie keine andere.«

Tamar Valkenier

Du tourst mal mit einem Esel 650 Kilometer durch Jordanien, mal mit einem Kamel drei Monate durch Holland. Du holst dir Survival-Wissen bei Wildnis-Guides in Kanada und bei den Massai in Kenia – wo kommen all die Ideen her?

Oft vom Lesen oder Gespr chen. Ich höre von Rentierhirten in Sibirien, beginne zu recherchieren. Dann packt es mich und ich muss dort hin – und eine Weile bleiben. Manchmal schlägt auch ein Freund oder eine Freundin ein Ziel vor. Zum Beispiel Island, wo ich vergangenen Sommer war. Ich hatte das nie oben auf meiner Liste, aber dann war ich total begeistert und wollte gleich länger bleiben. Diese gewaltigen Gletscher, die ganz speziellen Farben und all der Dampf und Rauch, überhaupt die Naturgewalten. Während der mehrwöchigen Trekkingtour hatten wir mit starkem Sturm zu kämpfen und dann begann auch noch ein Vulkan, sich zu regen.

Täuscht der Eindruck oder wurden deine Touren mit der Zeit immer länger und extremer?

Erst habe ich auf Campingplätzen übernachtet, dann bei Bauern geklingelt, später wild gezeltet. Zunächst in ungefährlichen Gegenden, dann in Revieren von Wölfen und Bären – weil ich es liebe, sie zu beobachten. Es dauerte Jahre, bis ich keine Angst mehr hatte, mich so frei zu bewegen. Dennoch gehe ich heute weniger Risiken ein als früher, weil ich mich besser auskenne: Feuer machen, Navigieren, Erste Hilfe, Ernährung aus der Natur.

Lernt man Survival besser theoretisch oder praktisch?

Beides ergänzt sich. Ich würde zum Beispiel gerne mal den Baikalsee im Winter überqueren. Da geht es wochenlang mit Schlittschuhen und Pulka übers Eis. Nicht ungefährlich, aber ich bringe sechs Monate Arktiserfahrung mit. Trotzdem müsste ich manches ganz gezielt trainieren – etwa, jemanden zu retten, der im Eis eingebrochen ist. Das ist mir übrigens erst kürzlich selbst passiert, beim Iceskaten an der schwedischen Küste. Das Eis sah sehr stabil aus, deshalb war der Schreck umso größer, als ich plötzlich bis über den Kopf ins Wasser abtauchte. Unsere Gruppe hatte vorher besprochen, was in so einem Fall zu tun ist – und meine Begleiter reagierten so fix, dass sie mich schon wieder draußen hatten, bevor mir richtig kalt werden konnte. Da habe ich Glück gehabt – aber auch eine wichtige Erfahrung mehr gesammelt.

Du machst viel solo. Was unterscheidet Alleinsein von Einsamkeit?

Wenn die Sonne scheint und ich eine Hochphase habe, fehlt mir alleine gar nichts. Okay, an sehr schönen Orten denke ich oft an meinen Vater, dem ich diese gerne zeigen würde. Aber grundsätzlich kann ich Alleinsein genießen. Einsamkeit kommt mit schlechten Erfahrungen: In Australien wurde ich operiert, im Krankenhaus war es schrecklich. Ungewissheit, niemand Vertrautes, nicht mal zuhause anrufen konnte ich. Das ist die dunkle Seite des Unterwegsseins. Ich reise aber nicht immer allein, einen meiner intensivsten Trips habe ich mit einer anderen Abenteurerin geplant und gemacht: drei Monate durch Neuseelands Gebirge – ohne Proviant. Wir wollten sehen, ob wir von dem leben können, was wir in der Natur finden.

Ihr wart unterwegs mit Angel und Jagdgewehr?

Sonst lebe ich vegetarisch, doch in diesen Bergen gibt es nicht genug Beeren und Pflanzen zum Überleben. Wir erlegten ein Reh, konnten aber das Fleisch nicht konservieren. Tage hingen wir fest, bis alles zubereitet und gegessen war. Danach jagten wir Kleintiere wie Kaninchen oder Beutelratten. Ich nutzte mein Kochwissen, frittierte Hirn und garte Zunge. Meine Begleiterin Miriam aß sehr gerne Hasen-Hoden. Es gab aber auch Zeiten des Hungers, da konnten wir die 25-Kilo Rucksäcke kaum tragen.

Tamar-Valkenier-durch-Neuseelands-Berge
ARCHIV TAMAR VALKENIER Toughe Touren: Mit der Wildnis-Expertin Miriam Lancewood zog Tamar drei Monate durch Neuseelands Berge – komplett autark, ohne Geld, Handy oder Proviant.

Wie oft darfst du dir anhören, dass deine Touren ja viel zu gefährlich seien?

Meist warnen mich Menschen vor anderen Menschen. Ich habe lange nicht über die schlechten Erfahrungen gesprochen, weil ich diesen Warnern keine Bestätigung verschaffen wollte. Aber natürlich passieren in sieben Jahren auch unschöne Dinge: Verletzungen, mentale Belastungen, auch übergriffige Männer. Manchmal war es nicht einfach, aus diesen Situationen herauszukommen.

Kann man etwas gegen solche Gefahren tun?

Klar. Zum Beispiel habe ich immer mein eigenes Transportmittel: Fahrrad, Pferd und so weiter, um nicht auf andere angewiesen zu sein. Mein eigenes Zelt, Essen, Wasser. Ich bin unabhängig und kann auf meine Intuition hören, ob ich jemandem vertraue oder lieber nicht. In der Mongolei hatte ich eine Platzwunde und fand ein Dorf mit Krankenstation. Man wollte mich dort nähen, aber mir erschien das alles wenig hygienisch und kaum vertrauenerweckend. Eine Entzündung wollte ich keinesfalls riskieren. Also habe ich nur Verbandsmaterial gekauft und mich anderweitig versorgt.

Hast du denn eine medizinische Ausbildung?

Anfangs nicht, aber ich merkte schnell, wie nützlich so etwas sein kann: In Tasmanien erlitt ein Mitreisender einen allergischen Schock. In der Mongolei kam ich zu einem Unfall, eine Familie hatte sich mit dem Auto überschlagen. Und ich selbst habe mir auch mal was gebrochen. Um anderen und mir selbst besser helfen zu können, habe ich dann verschiedene Erste-Hilfe-Kurse für die Wildnis absolviert und meine weitere Ausrüstung verbessert. Einen Massai-Krieger mit Verbrennungen konnte ich so schon versorgen oder auch ein paar Mal mit meinem Satellitentelefon Einheimischen helfen. Mittlerweile bin ich auch Survival-Instruktor und bringe anderen Menschen bei, in der Natur zu überleben.

Hilft dir eigentlich dein Background als Polizeipsychologin unterwegs?

Meine Beschäftigung mit Mördern und Sexualstraftätern kann sicher helfen, gefährliche Situationen rechtzeitig zu erkennen und da rauszukommen. Aber die Erkenntnisse der westlichen Forschung dazu lassen sich nicht ohne Weiteres auf andere Kulturen übertragen. Die wichtigste Technik, sage ich immer, ist zu wissen, wie man Freundschaften schließt: Geh sicher, dass die Menschen vor Ort dich mögen. Wenn du ein Camp aufbaust in der Nähe von Nomaden, dann gehe hin. Stelle dich vor, mit Keksen und Luftballons für die Kinder. Frage, ob es okay ist. Wenn die Menschen auf deiner Seite sind, werden sie dir nichts tun, sondern dich beschützen. Das ist meine Strategie.

Training-mit-den-Masai

»Die Massai lachten über mein Minimal-Equipment: Wozu all das Zeug? Ihnen reichen Decke, Speer und Machete.«

Tamar Valkenier

Was nimmst du an Ausrüstung mit?

Am liebsten nur einen kleinen Rucksack. An Technik das Satellitentelefon, sonst nur Karte und Kompass, Feuerstahl, Schlafsack, ein Tarp. Manchmal auch ein Zelt oder sogar eine Gitarre. Über die Jahre ist es immer weniger geworden. Ich versuche, Dinge um mich herum zu nutzen: einen Unterschlupf bauen; Feuer machen; Beeren, Pilze oder Pflanzen zum Essen finden. Aber das ist alles relativ: Die Massai gehen sieben Jahre in den Busch, um zu lernen, wie man von der Natur lebt und sich gegen Tiere verteidigt. Als ich dort mein Minimal-Equipment auspackte, lachten sich die Massai kaputt: Wozu denn all das Zeug!? Denen reichen eine Decke, ein Speer und eine Machete.

Wie finanzierst du dich?

Ich habe kaum Ausgaben, keine Miete, keinen Handy-Vertrag. Nur Kranken- und Reiseversicherung, das sind etwa 1500 Euro im Jahr. Ich verdiene etwas mit Vorträgen und Artikeln, manchmal plane und guide ich Reisen für Gäste. Mein Buch wird hoffentlich auch etwas einbringen.

Erzählst du in deinem Buch von deinen Reisen?

Nicht nur. Ich schreibe auch offen über mich. Wie dieses Stadtmädchen mit Panikattacken, das jetzt durch die Welt zieht, seine Ängste überwunden hat. Ich schreibe, wie es ist, arbeits- und wohnungslos zu sein. Wie es ist, als Frau allein unterwegs zu sein. Hunger zu haben, ein Tier zu töten. Nomadin zu sein, eine Verbindung zu Tieren aufzubauen. Das alles möchte ich gerne teilen.

Nimmst du auch deswegen nun öfter Gäste mit?

Ja, tatsächlich. Lange wollte ich vor allem unbeschwert losziehen und etwas Neues sehen. Mittlerweile genieße ich es auch, zu liebgewonnenen Menschen oder Orten zurückzukehren und sie meinen Gästen zu zeigen. Im Herbst habe ich beispielsweise mit einer Gruppe eine besondere Trekkingtour durch Jordanien gemacht. Eine Woche wanderten wir mit Kamelen durch die Wüste – und zwar so, wie es meine Beduinen-Freunde dort vorgeschlagen hatten: mit traditioneller Musik, Essen ohne Besteck von großen Platten und viel Zeit für Geschichten am Feuer. Solche Touren finanzieren nicht nur meine Anreise, sondern bringen auch etwas Geld ins Land.

Freust du dich, wenn du andere Menschen inspirieren kannst?

Sicher. Eine Journalistin erzählte mir mal, ihr Auto gebe ihr so viel Freiheit: jederzeit überall hinfahren zu können! Ich fragte sie, wie lange sie genau arbeiten müsse, um das Auto zu finanzieren. Sie kam auf zwei Stunden Arbeit – um sich 20 Minuten in den öffentlichen Verkehrsmitteln zu sparen.  Mist, sagte sie, jetzt muss ich mein Auto verkaufen. Ich liebe es, Dinge auf den Kopf zu stellen.

Du bist jetzt 35. Wo wirst du in zehn Jahren sein?

Vielleicht bilde ich Not-OP-Teams in Tansania aus oder ich bin Kameltrainerin in der Mongolei. Aber vielleicht habe ich auch Kinder bekommen und lebe wieder in Holland in einem Haus. Ich weiß es nicht und genau das mag ich am Leben. Ich will die Zukunft gar nicht kennen.  

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ARCHIV TAMAR VALKENIER In der Mongolei traf Tamar Valkenhier Adlerjäger, von denen sie viel lernen konnte.
Text: Franziska Haack