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Max Kroneck im Interview

Max-imal

Auf dem Sofa sitzt ein Max Kroneck nur unter ­Protest. Der dreifache Familienvater ist Bergführer, Pro-Athlet, Ausdauerwunder und filmender ­Fotograf. Sein Limit sind allein die Öffnungszeiten der Kita und der Akku seiner Stirnlampe …


INTERVIEW: Michael Neumann

FOTOS: Carlos Blanchard

    Max Kroneck Portrait

    Kurzportrait Max Kroneck (35)

    Wenn bei Max das Wort Abkürzung fällt, sollte man auf der Hut sein. Der umtriebige Bayer ist stets auf der Such­e nach neuen Routen jenseits ausgetretener Pfade – ob im Fels, auf Schnee oder im Wasser. Versehen mit unbändigem Willen und maximaler Fitness, bremst ihn dabei höchstens die Kamera um seinen Hals, die stets dabei ist, um seine Abenteuer zu dokumentieren.

    Wie viele Stunden müsste dein Tag haben?

    Es ist immer schade, wenn ein Tag zu Ende geht. Ich fange gern vieles an und finde dann kein Ende. Zum Glück brauche ich wenig Schlaf. Fünf Stunden reichen. Und ich kann auch untertags binnen Sekunden einschlafen und ein Nickerchen halten. Das ist ein Bonus, ­deswegen funktioniert das.

    Ein Sofa hast du folgerichtig nicht?

    Doch, schon, darauf hat meine Frau bestanden. Und ab und zu lockt sie mich drauf, um einen Film zu schauen. Aber meist liege ich lieber auf der Akupressur-Matte davor.

    Wurde dir die Liebe zu den Bergen in die Wiege gelegt?

    Ich bin am Starnberger See aufgewachsen und die Berge waren nie weit weg. Schuld war aber wohl eher Tarzan, unser Familienhund. Ein Mischling, groß und wild, der nicht mit anderen Leuten konnte. Also sind wir immer abseits der Wege und Menschen unterwegs gewesen und haben Unbekanntes entdeckt, statt uns in Gipfelbücher einzutragen. Tarzan hatte natürlich auch Schneebrille und Klettergurt für einen erweiterten Aktionsradius. Mit fünf Jahren hat mir mein Vater dann eine Skitourenbindung gebaut, da es so was damals noch nicht gab, und mit sechs Jahren habe ich einen Eispickel bekommen. Wenn andere auf dem Spielplatz waren, haben wir gefrorene Wasserfälle gesucht …

    »Max ist ein Meister der Reduktion. Während ich schon unglaublich stolz war, auf unserem dreiwöchigen Ski- und Bahntrip in Richtung Türkei mit einem 42-Liter-Rucksack auszukommen, hat es Max mit 32 Litern durchgezogen. Er hat immer das absolut kleinste und leichteste: Seine Isomatte ist unbequem kurz und seine Trinkflasche hat er wohl seinen Kindern geklaut.« Joi Hoffmann, Filmer

    Wann gibt ein Max Kroneck auf?

    Beim Einrichten von E-Mail-Konten am Computer. Ansonsten sagt man mir einen brutalen Ehrgeiz nach. Das fing schon als Kind an. Beim Baumklettern etwa habe ich es oft bis in die ­Krone geschafft, während mein gleich großer und genauso sportlicher Freund nicht mal den ersten Ast hochgekommen ist.

    Skifahren, Snowboarden, Eisklettern, Bouldern, Surfen, Bergsteigen, Klettern, Skaten, Biken, Trailrunning, Fotografieren, Filmen, Familie. Was kannst du nicht?

    Klare Antwort: Ballsportarten. Ansonsten habe ich seit jeher eine Menge Spaß beim Ausprobieren neuer Sportarten. ­Neueste Leidenschaft ist das »Wingfoilen«, bei dem man mit einem Handsegel und einem Surfbrett mit Flügelfinne hier am nahen Kochelsee viel Spaß haben kann. Manche Sachen hebe ich mir aber für später auf. Gleitschirmfliegen zum Beispiel. Mein Schirmgefühl ist zwar ganz gut, doch für Thermikflüge fehlt die Erfahrung. Und Kajakfahren steht auch auf der Liste. Grundsätzlich gehe ich gern an mein Limit – und etwas darüber hinaus. Ein Skitag, bei dem ich nicht stürze, ist kein guter Skitag, da ich nichts ausprobiert habe.

    Home sweet home – die fünf Kronecks leben in einem kleinen Bauernhaus in Benediktbeuern. Ein Familienhund wie seinerzeit Tarzan fehlt aber aktuell noch.

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        Du hast vor zwei Jahren die Ausbildung zum Bergführer bestanden. Ist die schwer?

        Als Bergführer bist du eine Art Schweizer Taschenmesser in den Bergen. Du musst Fels-, Alpin- und Eisklettern können und auch auf Ski eine gute Figur abgeben. Nicht ohne Grund darf ein Bergführer auch im Skigebiet arbeiten. Kletternd sollte man eine »6b+« schaffen, was natürlich nicht ohne Training funktioniert, beim Eisklettern geht es bis »M6«. Auch um die Ausdauer sollte es gut bestellt sein, denn mit Puls 180 trifft man selten die besten Entscheidungen. Doch das ist nur das Handwerk, mindestens ebenso wichtig ist der Umgang mit Menschen in allen Lebenslagen – und das kann man nicht so gut lernen wie Knotenkunde und Spaltenbergung.

        Kann ein Flachland-Tiroler die auch bestehen?

        Nun, das kommt darauf an, wie viel Zeit du in deinem Leben am Berg verbracht hast und mit welchem Selbstverständnis du dich dort bewegst. Auf dem Arbeitsamt wird man dir diese­n ­Beruf eher nicht vorschlagen. Alles, was du als Bergführer können musst, solltest du schon vor der Ausbildung können. Während der zweieinhalbjährigen Ausbildung wird primär geprüft, was du kannst, aber nicht geübt, was du nicht kannst.

        Daheim hast du Frau und drei Kinder. Verrate uns dein Geheimnis, wie du beides unter einen Hut bekommst?

        Das ist nicht mein Geheimnis, sondern unseres. Einen normalen Alltag gibt es bei uns nicht, bei dem man morgens hektisch aus dem Haus eilt und abends so geschafft nach Hause kommt, dass man tatsächlich ein Sofa braucht. Aber klar, wenn ich weg bin, dann muss Sylvia die drei Kinder alleine wuppen. Über den Winter sind das sicher zwei Monate und über den Hochsommer verteilt etwa vier bis fünf Wochen.

        Mountains sweet mountains – regelmäßig führt Max Kunden:Innen und Teilnehmende der Arc’teryx-Academy durch die Berge der Westalpen und im heimischen Wetterstein.

          Wirst du deinen familiären Verpflichtungen gerecht?

          Wer kann das schon von sich behaupten? Ich glaube aber, dass meine Kinder auf diese Weise mehr von mir haben als wenn ich einen stressigen Alltagsjob hätte. Denn wenn ich da bin, bin ich mit allen Sinnen da, bin ausgeglichen und nehme mir deutlich mehr Zeit als ein 8-to-5-Daddy.

          Kommen deine Kinder nach dir?

          Nach mir und nach meiner Frau – die ist auch kein Couch-Potato. Leo ist jetzt Schulkind und hat Lust am Lesen und Rechnen, was er sicher nicht von mir hat. Und die Zwillingsmädchen sind kreativ wie sportlich. Das Beste aber ist, dass die drei sich selbst haben und sehr gut zusammenhalten. Das gleicht vieles aus, wenn ich weg bin.

          Wie sieht für dich der perfekte Familienurlaub aus?

          Seit letztem Sommer haben wir ein Reisemobil, das macht vieles leichter. Meine Frau zieht es am liebsten ans Meer. Meist dreht dann einer von uns vor dem Frühstück eine Ausdauerrunde mit Laufschuhen oder Rennrad, dann gibt es ein gemeinsames Frühstück und wir bringen den Kindern das Surfen bei. Abends dreht dann der andere seine Ausdauerrunde.

          »Sechs Wochen mit dem Fahrrad von zu Hause bis nach Nizza. Wir hatten wirklich alles dabei: Ski, Gletscherausrüstung, Kameras, Drohnen, Camping­gear, Kletterseil, jedes Gramm musste wohlüberlegt sein. An meinem Geburtstag zog Max plötzlich aus seiner Packtasche einen Kuchen. Vier Wochen lang hatte er den mit­geschleppt. Auf einer Reise, bei der es um jedes Gramm ging. Das ist Max. Der Typ, der an alles denkt – auch an Dinge, die keiner für möglich gehalten hat.« Jochen Mesle, Athlet

          Agierst du in den Bergen anders, seit du Familie hast?

          Ich bin von Natur aus immer vorsichtig unterwegs, auch wenn das für Außenstehende vielleicht nicht immer so aussieht. Insofern musste ich mein Handeln mit der Geburt meiner Kinder nicht wirklich ändern.

          Was würdest du deinen Kindern heute verbieten, was du früher selbst gemacht hast?

          Alpinklettern ohne große Ausbildung. Meine Kinder müssen das dagegen von der Pike auf lernen. Aber ich kenne da einen guten Bergführer …

          Haben deine Kinder Angst um dich?

          Die Kinder eher weniger, die Frau schon. Da braucht es dann viele Erklärungen und eine regelmäßige Kommunikation, damit sie immer weiß, was ansteht. Meine Kinder kennen es nicht anders und wachsen damit auf, dass Papa wilde Dinge macht.

          Ob im kanadischen »Testlabor« von Arc’teryx …

          … oder 1500 Kilometer per Bike-to-Ski durch Europa – Max mag Wasser am liebsten steil und schön gefroren.

          Ist der letzte Schnee geschmolzen, sattelt Max um auf Wassersport­arten: Sei es klassisches Windsurfen, Wingfoilen oder Wellenreiten – Hauptsache, es gleitet.

            Hast du selbst manchmal Angst?

            Angst nicht, Respekt ja. Ich kann mich sehr gut fokussieren, ohne dabei mein Umfeld auszublenden. So nehme ich etwaige Gefahren früh wahr. Angst machen mir vor allem objektive ­Gefahren wie Séracs, Lawinen und besonders Steinschlag, die ich nicht beeinflussen kann. Mit dem weichenden Permafrost in den Alpen wird die Gefahr dafür immer größer und ich wähl­e oft mit meinen Kunden eine längere, aber sicherere Route. Und beim Skifahren finde ich die kurze, technische Abfahrt immer besser als einen großen, flächigen Hang, wo Lawinen enorme Ausmaße annehmen können.

            Drei Tipps, um Kinder fürs Draußensein zu begeistern …

            1. Immer klein anfangen und die Kinder nie auf ein Ziel pushen. Wenn sie selbst das Tempo und die Richtung bestimmen können, kommen ganz nebenbei durch Neugier und Abenteuerlust ordentlich Kilometer zusammen. 2. Kultiviert die Liebe fürs Detail und nehmt euch Zeit, um Pflanzen und Tiere zu entdecken und zu bestimmen. Auch Höhlen, etwa im Wurzelwerk alter Bäume, müssen ausgiebig erforscht werden. 3. Und am allerwichtigsten: immer genug Essen dabeihaben.

            Wie hältst du auf Reisen Kontakt zur Familie?

            Wie es in Zeiten von Fax und Postkarte war, mag ich mir gar nicht vorstellen. Das Smartphone macht die Dinge heutzutage so viel leichter. Wir haben aber noch eine andere schöne Tradition: Alle haben Sketchbooks. In diese Zeichenbücher malen wir besondere Ereignisse und schicken uns diese dann als Bilder, manchmal garniert mit einer Sprachnachricht. Das funktioniert natürlich nur, solange man Empfang hat. Zuletzt in Alaska hatten wir diesen nicht. Dann bleibt nur das Garmin Inreach zum SMS schicken. Aber alles besser als Postkarten.

            Als die Familie jüngst mehrere Monate in Ecuador, dem Heimatland seiner Frau Sylvia, verbrachte, war kein Vulkan im Hochland vor Max sicher. Und der Zustieg fand natürlich mit dem Fahrrad statt.

              Skizziere doch mal deinen »Werdegang« bis zur Vertragsunterzeichnung bei Arc’teryx und ins Bergführerbusiness.

              Von meiner Kindheit an bin ich immer viel Ski gefahren. Als es dann darum ging, ob ich im Skiclub um Stangen fahre, waren meine Eltern nicht begeistert. Eine ziemliche Materialschlacht und sehr kostspielig. Stattdessen bin ich bei den Buckelpistenfahrern gelandet. Nachdem ich dann meinen Realschulabschluss in der Tasche hatte, bin ich mit meinem Papa zur Belohnung nach Nordindien gereist. Dort sind wir mit dem Fahrrad über den Himalaja getourt. Dabei habe ich dann zum ersten Mal richtig viel fotografiert und mich entschlossen, nach der Rückkehr eine dreijährige Fotografenausbildung zu machen.

              Parallel bin ich weiter viel Ski gefahren. Statt Buckelpiste nun jedoch Slopestyle und Halfpipe, worin ich es bis zum Deutschen Meister gebracht habe und bei Weltcups gestartet bin. Es folgten erste Contests im Freeriding, also das Skifahren im freien, unpräparierten Gelände. Damals entdeckte ich auch das Bergsteigen für mich neu, da viele Berge, die ich fahren wollte, zunächst bestiegen werden mussten.

              Auf die Contests folgten erste Filmprojekte. Ein Höhepunkt waren die Bike-to-Ski-Reisen. Einmal sind Jochen Mesle und ich bis nach Nizza geradelt und haben unterwegs 4000er bestiegen, einmal ging es von Griechenland über den winterlichen Balkan nach München. Durch diese Projekte wurden auch meine Sponsoren auf mich aufmerksam: Arc’teryx, Fischer, Roeckl und Alpina. Durch sie hatte ich genügend Freiraum und Budget, um den »Bergführer« zu machen.

              Wie muss ich mir das Leben als »Pro« vorstellen?

              Bei Arc’teryx sind wir eine Art weltweite Sportmannschaft und haben in Europa jetzt sogar einen eigenen Physio. Bei regelmäßigen Treffen spinnen wir gemeinsam Pläne und haben ein Netzwerk aufgebaut, das uns weltweit bei der Realisierung von Projekten hilft.

              Und dafür gibt es T-Shirts und Aufkleber?

              Das auch. Und noch ein bisschen mehr. Des Weiteren zahlen mir meine Hauptsponsoren ein monatliches Fixum und stellen Budgets bereit für Reisen, Produktentwicklung und sogar Fortbildungen. Zusammen mit meinem Bergführerjob und gelegentlichen Filmproduktionen kommen wir gut über die Runden.

              »Sein Argument gegen allzu gute Noten in Englisch war stets, dass er sowieso Ski-Profi werden würde. Und Mathe haben wir immer im Campingbus auf dem Weg in die Berge gelernt. Dann hat er es aber trotzdem geschafft, seinen Schulabschluss wegen unserer Indienreise einen Monat vorzuziehen – um dann unmittelbar nach dieser Reise eine Lehrstelle als Fotograf anzutreten.« Papa Kroneck

              Vorletztes Jahr warst du auch mal ein bisschen beim Trailrunning – erzähl uns mehr …

              Der Maximiliansweg läuft auf 429 Kilometern und über 20 000 Höhenmeter von Lindau bis Berchtesgaden entlang der vorderen Alpenkette direkt vor meiner Haustür. Einen Großteil davon konnte ich früher sogar aus meinem Kinderzimmer in Münsing sehen. Vorletzten Herbst habe ich es dann probiert und wollte mal sehen, wo mein Limit beim Berglauf ist. Ich hatte Schlafsack, Isomatte und Biwaksack dabei, da alle Hütten schon zu waren. Und obwohl ich nie zuvor auch nur einen Marathon gelaufen bin, habe ich dann 50 bis 60 Kilometer täglich abgespult. Am zweiten Tag musste ich fast komplett gehen, da die Oberschenkel gestreikt haben, doch am dritten Tag hatte der Körper die Herausforderung adaptiert – und am siebten Tag war ich am Ziel.

              Was würde der 20-jährige Max heute anders machen?

              Ich wäre radikaler und würde als Heranwachsender wohl keine Zeit mit irgendwelchen Alibi-Studiengängen verschwenden, nur weil sich das vielleicht so gehört. Stattdessen würde ich machen, worauf ich Bock habe, und darin dann so gut werden, dass sich die Frage nach einer Qualifikation erübrigt.

              Home sweet home – die fünf Kronecks leben in einem kleinen Bauernhaus in Benediktbeuern. Ein Familienhund wie seinerzeit Tarzan fehlt aber aktuell noch.

                Cover Globetrotter Magazin #35
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                Globetrotter Magazin 35, Frühjahr/Sommer 2025

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