»Wir wollen nicht nur Teil des Problems sein, sondern Teil der Lösung!« 

Gegen den Strom zu schwimmen ist Antje von Dewitz seit jeher gewohnt. Als protestantisches Unternehmerkind in der schwäbischen Provinz, als junge Firmenchefin und auch als politisch engagierte Unternehmerin.

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Dr. Antje von Dewitz ist seit 2009 Geschäftsführerin des familiengeführten Unternehmens VAUDE. Nach ihrem Studium der Wirtschafts- und Kulturraumstudien fing sie als Produktmanagerin im elterlichen Betrieb an und führte die von ihrem Vater begonnene nachhaltige Unternehmensstrategie mit vollem Elan fort.

Einfach hatte Antje von Dewitz es noch nie. Nicht als protestantisches Unternehmerkind in der schwäbischen Provinz, nicht als junge Firmenchefin und auch nicht als Vorzeige-Aktivistin. Dennoch sorgte die vierfache Mutter dafür, dass fast die gesamte Vaude-Kollektion nach strengsten Textilstandards fair und ökologisch hergestellt wird.

Damit gibt sie sich aber nicht zufrieden: Sie setzt sich, auch auf politischer Ebene, dafür ein, dass alle Unternehmen an ökologischer Nachhaltigkeit, sozialer Gerechtigkeit und Solidarität gegenüber der Gemeinschaft gemessen werden sollten. »Nur so werden Firmen ganzheitlich Verantwortung für Umwelt und Menschen übernehmen und weniger auf Kosten von Mensch, Natur und den nachfolgenden Generationen wirtschaften«, sagt Antje von Dewitz. »Ein erster Schritt in diese Richtung ist das neu beschlossene Lieferkettengesetz, für das wir mit gekämpft haben.«

Frau von Dewitz, normalerweiser beginnen Karrieren wie Microsoft oder Apple in Garagen, die von Vaude jedoch begann vor über 40 Jahren im Schlafzimmer ihrer Eltern.

Das war damals der einzige Raum in unserer Wohnung der räumlich so ein bisschen abgegrenzt und besuchertauglich war – auch wenn unser Meerschweinchen »Fritzchen« dort »wohnte«. Mein Vater begrüßte dort seine ersten Kunden 

Ihr Vater war kreativ und kostenbewusst. Die ersten Shootings für die Kataloge fanden nicht am Wilden Kaiser statt, sondern im Wohnzimmer. 

Viele Menschen, die mein Vater kannte, wurden gebeten, als »Model« mitzuwirken: der Vermieter, der Bauer, die Nachbarn, Freunde. Die hatten ihren Spaß daran, sahen das als Event und machten gerne mit. Meine Mutter zog vor dem Sofa als neutralen Hintergrund ein weißes Spannlaken auf, davor posierten die Leute. Tagsüber hatten weder mein Vater noch die anderen Zeit. Also fanden die Shootings immer abends statt. Sehr lustig soll es gewesen sein. Und feuchtfröhlich. 

Nicole Maskus-Trippel Antje von Dewitz führt das Familienunternehmen Vaude in zweiter Generation.
Nicole Maskus-Trippel Der Firmensitz bei Tettnang am Bodensee ist umgeben von Wald, Wiesen und Wasser.

Outdoor war damals aber alles andere als ein Massen-Trend. 

Die Leute sind zu der Zeit an die Adria gefahren, nicht in die Berge. Mein Vater war damals aber schon davon überzeugt, dass es die Menschen in die Natur ziehen würde. Er war seiner Zeit um Jahre voraus, ein echter Visionär der Draußen-Bewegung. Mit heute können Sie das nicht vergleichen. Heute bekommen Sie an einem Samstag morgen um acht an einem beliebten Ausflugsziel keinen Parkplatz mehr. Am Wochenende zieht es die Menschen raus in die Berge oder aufs Land – Corona hat diesen Trend nochmal verstärkt. Outdoor-Sport, ob Wandern, Klettern oder Biken ist heute Lifestyle, die Ausrüstung soll funktionell und modisch sein.

Als »Unternehmerkinder« hatten Sie es nicht leicht. »Ich erinnere mich, wie ich einmal in der Grundschule sogar von einem Jungen verprügelt wurde, weil er mir vorgeworfen hatte, mein Vater sei bestimmt ein Ausbeuter«, schreiben Sie in Ihrem Buch »Mut steht uns gut!«. 

Wir waren die einzigen bei uns auf dem Dorf, die nicht von hier kommen, die einzigen, die protestantisch sind, und auch wirklich die einzigen, die einen Adelstitel haben. 

Aber warum wurden Sie verprügelt? 

Mit unserem norddeutschen »Migrationshintergrund« waren wir einfach fremd und Fremdheit schafft Misstrauen. Das erlebe ich immer wieder. 

Wie haben Sie darauf reagiert? 

Ich wollte von Anfang an bei Vaude alles so transparent wie möglich machen. Wenn man wie bei einem Glashaus reinschauen und sehen kann, wie es ist, kann man Vertrauen aufbauen. Und das ist ein kostbares Gut. 

»Früher stapften Oberstudienräte mit Kniebundhose durch Oberammergau. Diese Zeiten sind vorbei. Wandern liegt im Trend – quer durch alle Altersgruppen.«

Sie krempelten Vaude in Sachen Nachhaltigkeit radikal um. Zu einem Zeitpunkt, als irgendwelche Dax-Konzerne eher pseudomäßig »Sustainbility Reports« verschickten. 

Vaude hatte bereits eine lange ökologische Vergangenheit mit einer eigenen Produktlinie die rückstandslos recyclebar war. Als meine Geschäftsleitungskollegen und ich die Leitung übernahmen, haben wir auf diesen Wurzeln aufgebaut um alles konsequent auf Nachhaltigkeit auszurichten. Dazu gehörte auch das Ziel, Schadstoffe komplett zu eliminieren. Meine Vision war von Anfang an, entlang der gesamten Lieferkette fair zu produzieren und dies absolut transparent darzustellen. 

Machen Sie heute alles richtig? 

Macht man das jemals? Wir haben noch einen langen und steinigen Weg vor uns. Dennoch bin ich sehr stolz wie weit wir gekommen sind. Wir haben es in den vergangenen zwölf Jahren geschafft fast die gesamte Kollektion nach den strengsten Textilstandards fair und ökologisch auszurichten. Das ist angesichts unserer Branche, die zur Verschärfung der globalen Herausforderungen wie Klimakrise, Wasserverschmutzung oder prekären Arbeitsbedingungen beiträgt, nicht leicht. Wir wollen nicht länger nur Teil des Problems, sondern Teil der Lösung sein. Dafür kämpfen wir hier jeden Tag. 

»Wir haben es in den vergangenen zwölf Jahren geschafft fast die gesamte Kollektion nach den strengsten Standards fair und ökologisch auszurichten.«

Vom Lager im Kuhstall und dem Fotostudio im Wohnzimmer hat sich Vaude zu einer Weltmarke entwickelt – allein der Standort ist geblieben: Obereisenbach bei Tettnang, 432 Einwohner.

Das macht der Bergsport-Ausrüster Patagonia schon seit 1974. 

Wir sind uns in Werte- und Haltungsfragen tatsächlich ähnlich. Es ist ja auch sehr wichtig, dass möglichst viele Unternehmen nachhaltig wirtschaften, um wirklich etwas zu bewegen. In diesem Sinne sehen wir uns als Verbündete in Sachen Nachhaltigkeit und schätzen uns gegenseitig. 

Adidas hat mehr als elf Millionen Paar Schuhe aus recyceltem Plastikmüll von Stränden hergestellt, der Münchener Ausrüster Pyua spricht von einer ökologischen »Alternative für nachhaltige Sportbekleidung«. 

Die Outdoor-Branche ist der Mode-Industrie im Bereich Nachhaltigkeit voraus, da gebe ich Ihnen Recht. Zum Teil handelt es sich jedoch um punktuelle Ansätze. Wir haben uns vor gut zehn Jahren entschieden, Nachhaltigkeit ganzheitlich zu verfolgen und im ganzen Unternehmen zu verankern. Dabei gelten wir als Pionier, denn dieser systematische Ansatz ist nach wir vor selten. 

»Anscheinend müssen kleinere Firmen den Weltkonzernen erst vormachen wie es auch ohne Gift geht«, schrieb der Stern. An was liegt das? 

Die Outdoor-Branche stand in den vergangenen Jahren durch die Umweltorganisationen wie Greenpeace oder Vier Pfoten immer wieder stark unter Druck. Die haben uns Outdoor-Unternehmen kräftig Dampf gemacht, wofür ich ihnen dankbar bin. Denn nur so ändert sich auch etwas. Wir wollten allerdings nicht erst warten bis uns jemand zwingt dieses oder jenes zu machen, wir haben bereits sehr viel freiwillig gemacht. Doch manches konnten auch wir erst ändern, als die gesamte Branche unter Druck kam. 

Was treibt Sie an? 

Button Eine gruenere Wahl
Mit dem Label eine »Grünere Wahl« kennzeichnet Globetrotter seit einigen Jahren nachhaltigere Alternativen im Sortiment. Darunter »natürlich« eine Vielzahl von Vaude-Produkten. Mehr zur Grüneren Wahl findest du hier >>

Die Verantwortung gegenüber meinen Mitarbeitern, Mitmenschen und vor allem meinen Kindern. Ich wünsche ihnen, sowie der gesamten nächsten Generation eine lebenswerte Zukunft. Ich hatte immer das Bild vor Augen, dass sie uns Erwachsene eines Tages fragen werden, was wir getan haben, um diese Ausbeutung von Mensch und Natur zu verhindern. 

Was sagen Sie ihren Kindern heute? 

Meine Kinder bekommen seit vielen Jahren intensiv mit, welchen Aufwand wir mit Vaude betreiben, um Mensch und Natur zu schützen. 

Eine der Kernbotschaften von Patagonia ist nicht auf Teufel komm raus zu wachsen. Trifft das auch auf Sie zu? 

Ja, das war schon in meiner Kindheit ein Thema. Meine Mutter Inge ist eine liberale Freidenkerin, die dem Kapitalismus schon immer sehr skeptisch gegenüberstand. An ein Abendessen kann ich mich noch gut erinnern. Wir saßen zusammen und sprachen über die Firma. Plötzlich stand sie auf und sagte: »Wachstum, Wachstum, Wachstum. Wo soll denn das hinführen wenn alle Unternehmen immer weiter und immer weiter wachsen wollen? Es muss doch eine Möglichkeit geben das anders zu machen!« 

Haben Sie eine Antwort darauf? 

Zum einen indem wir als Unternehmen einen möglichst minimalen ökologischen Fußabdruck anstreben. Indem wir beispielsweise biobasierte und recycelte Materialien einsetzen, unsere Produkte so langlebig wie möglich gestalten und unseren Kunden viele Möglichkeiten eröffnen, ihre Ausrüstung zu reparieren, wiederzuverkaufen oder auszuleihen. Aber auch indem sich Unternehmen auf ihre ureigene unternehmerische Verantwortung ausrichten. Das ist sogar in unserer Verfassung verankert: »Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.« Leider ist dies in der Realität nicht der Fall. An der Börse, aber auch wenn es um Steuern oder öffentliche Aufträge geht, zählen nur betriebswirtschaftliche Kennziffern wie Umsatz, Gewinn, Marge und Eigenkapital. Das ist mir zu kurz gedacht, weil wichtige demokratische Grundwerte außer Acht gelassen werden und sich die Wirtschaft folglich zu einseitig – auf Profit ausgerichtet – entwickelt.

»An der Börse zählen nur Umsatz, Gewinn, Marge und Eigenkapital. Das ist mir zu kurz gedacht, weil wichtige demokratische Grundsätze außer Acht gelassen werden.«

Nicole Maskus-Trippel/ bodensee- Wer bei Vaude arbeitet, kann es weit nach oben schaffen – nicht nur an der firmeneigenen Kletterwand.

Ihr Vorschlag? 

Wir brauchen ein Umdenken in der Wirtschaft. Unternehmen sollten nicht nur in finanzieller Hinsicht bewertet werden, sondern auch im Hinblick auf ihr soziales und ökologisches Engagement Deshalb unterstützen wir den Ansatz der Gemeinwohlökonomie, für die ich auch Botschafterin bin. Wir erstellen regelmäßig eine Gemeinwohl-Bilanz, die neben dem Finanzgewinn auch Aspekte wie ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit, Menschenwürde oder Solidarität gegenüber der Gemeinschaft bewertet . Auf politischer Ebene engagieren wir uns dafür, dass solche Kriterien in die neue CSR-Berichtspflicht einfließen, die ab 2023 strenger und umfangreicher werden soll,. Nur so werden wir es schaffen, dass unser Wirtschaftssystem zur Lösung der aktuellen globalen Herausforderungen beitragen kann. Denn erst wenn Firmen ganzheitlich Verantwortung für Umwelt und Menschen übernehmen und die Konsequenzen für ihr Handeln tragen, werden wir echte Veränderungen bewirken.

Sie wollen das Wirtschaftssystem komplett verändern? 

Nein, weiterentwickeln, an einigen Stellschrauben drehen, die Sinne schärfen, wie wir mit unserem Planeten umgehen. Machen wir uns aber nichts vor: Auch wir sind in gewisser Hinsicht zum Wachstum verdammt, um in unserem Markt bestehen zu können. Seit vielen Jahren herrscht ein dynamischer Konzentrationsprozess in der Outdoor Branche, der sowohl unsere großen Kunden als auch unsere Wettbewerber immer größer und mächtiger werden lässt. Daher ist es auch für uns als Unternehmen aus Risikosicht relevant weiter zu wachsen. Die Frage ist für mich daher vor allem: wie können wir verträglich und ressourcenentkoppelt wachsen? 

Alwin Buchmaier

Ihrem Vater und Ihnen fiel die Übergabephase der Firma nicht leicht. »Rückblickend hätte uns ein Mediator gut getan, der uns bei den Herausforderungen in dieser schwierigen Phase unterstützt hätte«, schreiben Sie. 

Wir waren die harmonische Vater-Tochter-Rolle gewohnt. Nun war er plötzlich der Übergeber der Firma an mich sowie mein Beirat – und ich führte sein Lebenswerk weiterweiter. Das war eine noch nicht eingeübte Konstellation für beide von uns und barg einfach immer wieder Zündstoff. (lacht). 

Was haben Sie verändert? 

Wie viele Unternehmen war auch Vaude in vielen Bereichen und Entscheidungen auf meinen Vater als Gründer und Lenker der Firma ausgerichtet. Die gleiche Rolle konnte und wollte ich angesichts der komplexen Herausforderungen aber nicht wahrnehmen. Also verteilte ich die Verantwortung auf mehrere Führungskräfte, zog weitere Hierarchieebenen ein. Wofür ich sehr dankbar bin, ist, dass mein Vater meine Entscheidungen immer mitgetragen hat, ob er sie gut oder schlecht fand. Nichtsdestotrotz hielt er sich auch mit Kritik nicht zurück, wenn ihm etwas missfiel. 

Sind binnenfamiliäre Narben geblieben? 

Es war keine einfache Zeit für uns. Dennoch haben wir sie ganz gut gemeistert. Das Handbuch »So-meistern-wir-reibungslos-die-Firmenübergabe« gibt es halt nicht. 

Gleich am Anfang haben Sie das Ziel ausgegeben Europas nachhaltigster Outdoor-Ausrüster zu werden – binnen sechs Jahren. 

Alwin Buchmaier

Ganz oder gar nicht, war unsere Devise. Wir entschieden uns für ganz! Im Nachhinein war das vielleicht ein bisschen vermessen, doch wir wollten uns selbst unter Druck setzen und auch andere zum sportlichen Wettkampf um Nachhaltigkeit auffordern. Als Anfängerin in Sachen Nachhaltigkeitsmanagement wurde mir bald klar, dass sich bei jedem Schritt neue Herausforderungen auftun und man nie endgültig am Ziel ankommt. 

Ist das alles so kompliziert? 

In der Textilindustrie werden laut einer Studie von Greenpeace 3500 krebserregende und giftige Chemikalien eingesetzt. Damit nicht genug. Auch der Verbrauch von Wasser und Energie ist in vielen Bereichen der Textilproduktion enorm hoch. Da mussten wir uns erstmal einen Überblick über zahlreiche Materialien, Produktionsprozesse und globale Produzenten und Zulieferern verschaffen Das war aber nicht das einzige Problem. 

Welche kamen noch hinzu? 

Innerhalb der Firma hielten einige unsere ökologische und nachhaltige Ausrichtung für einen bloßen Marketing-Gag. Dann kam noch erschwerend hinzu, dass sich einige Produzenten weigerten mit uns gemeinsam diesen Weg zu gehen, da er mit mehr Aufwand und Kosten verbunden ist. Was mir schnell klar wurde, war, dass es sehr mühsam und anstrengend werden würde. Das hat sich bis heute bewahrheitet. 

Fühlen Sie sich eigentlich als Aktivistin? 

In erster Linie bin ich eine Unternehmerin die für den wirtschaftlichen Erfolg verantwortlich ist und dafür, dass dieser Erfolg nicht auf Kosten von Mensch und Natur erreicht wird. Wir engagieren uns aber auch in unserer Branche und darüber hinaus auf vielen Ebenen für das Thema Nachhaltigkeit. So haben wir beispielsweise als Gründungsmitglied des Bündnisses für nachhaltige Textilien bei der Etablierung des staatlichen Siegels »Grüner Knopf« mitgewirkt, das sozial und ökologisch hergestellte Textilien kennzeichnet. Gemeinsam mit Entwicklungsminister Gerd Müller haben wir uns auch für ein Lieferkettengesetz engagiert, das die Unternehmen zur Verantwortung zieht. Wir werden diesen Weg auch weiterhin konsequent verfolgen und uns mit aller Energiedafür einsetzen, dass wir andereUnternehmen dazu motivieren, Verantwortung zu übernehmen. Denn nur gemeinsam können wir die globalen Herausforderungen wie den Klimawandel oder das Artensterben angehen. Im letzten Jahr haben wir die VAUDE Academy für nachhaltiges Wirtschaften gegründet, mit der wir mit unserer Expertiseandere Unternehmen in den verschiedensten Industriezweigen dabei unterstützen, diesen wichtigen Transformationsprozess zu gehen. 

Wo haben Sie mit Ihrer Transformation begonnen? 

Wir haben Nachhaltigkeit zum einen an unserem Firmenstandort verankert und zugleich hohe ökologische und soziale Standards in der weltweiten Lieferkette umgesetzt. Wichtig war dabei auch, Nachhaltigkeit bei uns am Standort für alle Mitarbeitenden spürbar zu machen, indem wir fairen Biokaffee einführten,komplett auf Recyclingpapier umstellen und vieles mehr. Seit 2012 sind wir am Firmenstandort mit allen hier hergestellten Produkten klimaneutral. Als wir unser Firmengebäude 2015 umbauten, achteten wir auf ökologische Materialien sowie ernergie-effziente Konzepte und wurden dafür auch zertifiziert. So wurden beispielsweise unsere Teppichböden aus Fischernetzen verarbeitet, die im Meer zurückgelassenen wurden. Für die Holzterrasse wurde aus einem Stausee geborgenes Holz verwendet und unserer Dächer haben wir mit Photovoltaikanlagen bestückt und begrünt. Wir haben eine Bio-Kantine und ein vielfältiges Sportprogramm für unsere Mitarbeiter geschaffen. Außerdem haben wir ein umfangreiches Mobilitätskonzept etabliert, das neben einem E-Bike-Ausleihpool auch Duschmöglichkeiten und eine Reparaturwerkstatt umfasst. Alles kam auf den Prüfstand – vieles wurde verändert und initiiert. 

Sie produzieren auch hier in Deutschland?

Ja, wir haben seit jeher eine Produktion am Standort Tettnang. In unserer Manufaktur stellen wir rund acht Prozent unseres Umsatzes her, überwiegend Radtaschen. Insgesamt produzieren wir etwa 20 Prozent unserer Produkte in Europa.

Alwin Buchmaier Wasserdichte Fahrradtaschen made in Germany.

Warum produzieren Sie einen großen Teil in Asien? 

Das liegt an der globalisierten Textilindustrie, die sich mit der ganzen Wertschöpfungskette schon vor langer Zeit nach Asien verlagert hat. In Europa gibt es kaum noch Produktionsstätten für Outdoor-Ausrüstung, zudem wären die Kosten so hoch, dass die Preise vom Endkunden nicht mehr bezahlt würden. Generell sind die ökologischen und sozialen Standards in Europa nicht zwangsläufig besser. Für uns ist entscheidend, dass wir verantwortungsvoll produzieren und als Mitglied der Fair Wear Foundation hohe soziale Standards gewährleisten. Ebenso achten wir auf strenge Umweltstandards bei unseren Produzenten und Lieferanten, die wir auch schulen und beraten. 

Die gesamte Liefer- und Herstellungskette ich nachhaltig optimiert – was allseits für gute Laune sorgt.

 
»Kinderarbeit raubt Kindern ihre Kindheit und zerstört ihre Zukunftschancen«, schreibt UNICEF. Laut ihnen müssen 152 Millionen Mädchen und Jungen arbeiten, um zum Überleben ihrer Familien beizutragen. 

Als Outdoor-Marke produzieren wir technische Produkte, deren Herstellung auch technisches Know-how und eine hohe Kompetenz erfordert. Daher ist Kinderarbeit in unseren Produktionsstätten generell kein Thema. Das bestätigen uns auch die Audits der »Fair Weardie dort regelmäßig durchgeführt werden. Es gibt andere Themen wie faire Löhne oder Überstunden, an denen wir gemeinsam arbeiten und auch schon wichtige Verbesserungen erreicht haben. Dafür haben wie den Leader Status erhalten, den höchsten Status den die „Fair Wear“ zu vergeben hat. Wir sehen die Globalisierung auch als große Chance für die Menschen dort, wenn faire Arbeits-bedingungen gewährleistet sind. 

Nicht alle Kollegen waren von Ihren Entscheidungen angetan. Sie schreiben: »Widerstand war zum treuen Begleiter auf unserem Weg zu mehr Nachhaltigkeit geworden, daran hatten wir uns schon gewöhnt. Im Vergleich zu dem, was nun kam, war das höchstens eine sanfte Brise gewesen, die uns entgegenwehte. Nun erwartete uns ein Sturm.

Für viele Kollegen bedeutete beispielsweise die Einführung unseres »Green Shape« Labels für nachhaltige Produkte erst mal eines: mehr Arbeit. Zur Erklärung: »Green Shape«-Produkte bestehen aus nachhaltigen Materialien und werden umweltfreundlich und fair hergestellt. Dabei verwenden wir auch zunehmend Naturmaterialien wie Hanf, Rizinusöl oder Bio-Baumwolle als Alternative zu erdölbasierten Materialien. Die »Green Shape«-Kriterien basieren auf den strengsten vorhandenen Textilstandards und umfassen den gesamten Lebenszyklus des Produkts. Mit diesen hohen Anforderungenfühlten sich unsere Produktexperten bei der Entwicklungsarbeit anfangs massiv eingeschränkt und auch Produzenten waren zum Teil nicht bereit, diesen Zusatzaufwand auf sich zu nehmen. 

Doch Green Shape hat sich durchgesetzt – gegen skeptische Produzenten und alle Bedenkenträger. 

Ja, Green Shape hat sich etabliert. Die Kriterien werden laufend weiter entwickelt und damit immer strenger. Der neuen verschärften Green Shape 3.0 Version entsprechen aktuell rund 90 Prozent unserer Bekleidung und Rücksäcke haben heute das Green Shape Label, bei den Zelten, Schlafsäcken und Schuhen sind esüber 80 Prozent . Alle Green Shape Produkte der entsprechenden Kategorie erhielten automatisch dasstaatliche Siegel „Grüner Knopf, das vor zwei Jahren von der Bundesregierung eingeführt wurde. Das ist eine großartige Bestätigung für uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. 

Green Shape, Grüner Knopf, Bluesign. Blicken Ihre Kunden noch durch? 

Die Vielfalt ist tatsächlich komplex. Um unsere Kunden bei denvielenunterschiedlichen Standards Orientierung zu gebenhaben wir»Green Shape« als übergreifendes Label ins Leben gerufen. . Auch der Grüne Knopfals Metasiegel der Bundesregierung trägt dazu bei, dass als Konsument schnell erkennt, welche Produkte nachhaltig und fair hergestellt sind.

»Schadstoffe von der Stange«, schrieb Greenpeace 2016 auf seiner Homepage. Seit Jahren warnte die Umweltschutzorganisation vor gefährlichen Chemikalien in Outdoor-Kleidung. Die Produkttests fielen für die Hersteller miserabel aus: »Bei allen großen Herstellern fanden sich umwelt- und gesundheitsschädliche polyfluorierte Chemikalien, sogenannte PFC, in der Kleidung.« 

Wir waren schon lange vor dieser Veröffentlichung fest entschlossen, Fluorcabone aus unseren Produktion komplett zu eliminieren und stellten unsere wasserdichten Membranen bereits 2010 auf PFC-frei um. Schwieriger war es allerdings, eine funktionierende PFC-freie wasserabweisende Ausrüstung zu finden, da es diese schlichtweg nicht am Markt gab und wir als einzelne Marke nicht genügend Einfluss auf die Chemie-Industrie ausüben konnte diese zu entwickeln. Nachdem Greenpeace die gesamte Branche unter Druck gesetzt hatte, kam endlich auch die Materialentwicklung in Bewegung. Die ersten PFC-freien Alternativen funktionierten zwar im Labor, aber leider nicht im Praxistest: Die Jacken saugten sich wie ein Schwamm mit Wasser voll. Nach vielen weiteren Versuchsreichen schafften wir es, Schritt für Schritt für jedes Modell wirksame PFC-freie Alternativen zu finden. 

Sich mit Greenpeace anzulegen war nicht immer ganz einfach … 

… wir haben uns nicht mit ihnen angelegt, sondern uns immer als Mitstreiter von Greenpeace verstanden und uns eng miteinander ausgetauscht. Deshalb hat es uns sehr geschmerzt, dass wir anfangs auch an den Pranger gestellt wurden.. 

Bei Ihnen flossen Tränen. 

Alwin Buchmaier

Dieses Misstrauen hat mich auch persönlich sehr getroffen, weil ich immer davon überzeugt war, dass wir auf der gleichen Seite stehen und uns für den Schutz von Mensch und Natur und eine lebenswerte Welt einsetzen. 

Und heute? 

Schon seit langem arbeiten wir wieder sehr konstruktiv zusammen. Wir unterzeichneten bereits im Juli 2016 das so genannte »Greenpeace Detox Commitment«. Das bedeutet: wir verpflichten uns aus freien Stücken alle schädlichen Substanzen in unserer Lieferkette zu eliminieren. Sieben haben wir bereits geschafft, vier folgen noch. Seit Frühjahr 2018 sind wir in unserer Bekleidung PFC-frei und insgesamt auf bestem Wege unseren Kunden bald eine komplett PFC-freie Kollektion anbieten zu können. 

Im Umkehrschluss bedeutet mehr Aufwand auch mehr Kosten. Können Sie diese an Ihre Kunden eins zu eins weitergeben? 

Oft können wir das nicht. Für nachhaltige Produkte können wir den Preis, den wir bei dem jeweiligen Produkt haben, zwischen null und 20 Prozent höher ansetzen. Je mehr Alleinstellung umso höher kann der Zuschlag sein. Beispielsweise hat unsere erste Fleecejacke aus Holzfaser (gegen Mikroplastik in den Meeren) mindestens 20 Prozent mehr gekostet. Das bedeutet, dass die Zielgruppe wesentlich kleiner ist, die bereit ist diesen Preis zu zahlen. Unser Bestreben ist also nach ein bis zwei Saisons neue Materialentwicklungen auch für Wettbewerber zu öffnen, damit der Preis über die Menge nach unten geht und die Produkte massentauglicher werden. 

Da ist Ihr Finanzchef bestimmt nicht glücklich. 

Ich kann mich noch gut an einen Bankberater erinnern. »Mit so einem Schmarren kann man doch kein Geld verdienen!« war seine Aussage zu Beginn unseres Weges. »Doch«, hat unser Finanzchef gesagt. Trotz der vielen Konflikte, vielen Strapazen und auch Tränen haben wir es in den vergangenen zehn Jahren geschafft das Eigenkapital zu vervierfachen sowie den Umsatz zu verdoppeln. Darauf sind wir sehr stolz. Denn diesen wirtschaftlichen Erfolg haben wir trotz unserer Wettbewerbsnachteile erreicht, die wir aufgrund unserer nachhaltigen Ausrichtung im Vergleich zu Unternehmen haben, die rein profitorientiert auf Kosten von Mensch und Natur wirtschaften. 

Zu Lasten Ihrer Gewinnmarge

Die müssen wir eben kontinuierlich an anderer Stelle optimieren. Durch optimierte Prozessabläufe, durch Effizienzsteigerungen und durch ein geringeres Marketingbudget müssen wir das reinholen, was wir auf der anderen Seite mit dem Mehraufwand für die Forschung und Entwicklung an umweltfreundlichen Materialien sowie dem Personal Aufwand beim Einkauf, in der Produktentwicklung und Unternehmensausrichtung haben. 

Ein Konsumgüterhersteller gibt in etwa 14 Prozent des Umsatzes fürs Marketing aus. 

Wir kommen auf weniger als fünf Prozent. Mehr geht einfach nicht. Erschwerend kommt hinzu, dass Wettbewerber, die ihrer Verantwortung nicht oder nur teilweise gerecht werden, ihre Produkte entweder günstiger anbieten und oder höhere Gewinne erzielen können. Deshalb fordern wir politische Vorgaben für ökologische und soziale Mindeststandards, die Unternehmen einhalten müssen. Dann würden nicht mehr diejenigen benachteiligt, die Verantwortung übernehmen. Außerdem würden sich deutlich mehr Unternehmen engagieren. Andererseits bringt uns dieser Weg auch viele Vorteile: Wir sind ein beliebter Arbeitgeber, haben es geschafft zu einer Marke des Vertrauens zu werden und dieser Ansatz »Teil der Lösung sein« zu wollen, macht uns extrem innovativ und zukunftsfähig. Zudem freue ich mich natürlich auch über die Dinge, die wir erreicht haben: Seit nun mehr neun Jahren sind wiram Firmensitz mit allen hier hergestellten Produkten klimaneutral. Jetzt machen wieder einen Riesenschritt nach vorn: Ab 2022 sind wir weltweitklimaneutral mit allen global hergestellten Produkten.

Was bedeutet das konkret? 

Das heißt, wir kompensieren unsere weltweiten Emissionen vollständig und arbeiten gleichzeitig mit Hochdruck daran, diese zu reduzieren. Mit den Science Based Targets haben wir uns zu großen Reduktionszielen verpflichtet, um den ökologischen Fußabdruck kontinuierlich zu verkleinern und einen messbaren Beitrag zur Eindämmung des Klimawandels unter Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels zu leisten. So haben wir uns das Ziel gesetzt,bis 2024 rund 90 Prozent unserer Produkte überwiegend aus biobasierten oder recycelten Materialie herzustellen. Bis 2030 wollen wir 50 % der Emissionen aus der Lieferkette einzusparen, indem wir unsere weltweiten Produktionspartner beim Umstieg auf erneuerbare Energiequellen unterstützen. 

Führt eine Frau eine Firma anders als ein Mann? 

Das weiß ich nicht. Ich kann nur für mich sprechen. Ich muss nicht immer stark sein und alles wissen. Hier in der Firma bin ich von Menschen umgeben, die ohnehin vieles besser können oder mehr wissen als ich. Ich teile mir Verantwortung gerne mit meinen Kollegen und zeig auch mal Emotionen, wenn mir was an die Nieren geht. Das gibt mir Kraft: Ich darf authentisch sein, muss niemand vorgeben, der ich nicht bin. Außerdem war ich schwanger als ich ins Unternehmen eingestiegen bin, ich habe also immer mit Kindern gearbeitet. Daher war mir von Anfang an bewusst, wie wichtig die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist. 

Können Sie auch mal von dem ganzen Nachhaltigkeits-Thema bei der Familie abschalten? 

Meine Kinder leben alle vegan. Mein Sohn fragt mich regelmäßig wie ich auf die Idee kommen würde überhaupt noch Milch zu trinken, obwohl ich doch wüsste, dass es die Muttermilch der Kälber sei. Da richte ich seit nun mehr als einem Jahrzehnt ein ganzes Unternehmen mit hunderten von Mitarbeitern auf Nachhaltigkeit aus – und kaum komme ich nach Hause, liest mir mein 16-jähriger Sohn die Leviten. Das ist nicht fair (grinst). 

Nur wegen der Milch? 

Mein Mann Wolfgang hat es schwerer. Er hat einst eine Metzgerlehre absolviert und genießt es nach wie vor Fleisch zu essen. Das macht seine Verhandlungsposition nicht gerade besser. Letztendlich stellt mein Sohn ja – genau wie ich immer erwartet hatte – unser Verhalten für eine lebenswerte Welt in Frage. Ich hatte nur mit anderen Inhalten gerechnet (lacht).

Wer mehr über Antje von Dewitz wissen will, folgt diesem Link zum Globetrotter-Podcast. Dort plaudert sie mit dem Globetrotter-CSR-Profi Fabian Nendza über den Status quo in Sachen Nachhaltigkeit und wo die Reise hingeht.

Text: Andreas Haslauer