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Inselhüpfen für Fortgeschrittene

Kennt jemand Fogo und Change? Die beiden Inseln liegen vor der Nordostküste Neufundlands. Selbst für kanadische Verhältnisse ist das weit ab vom Schuss. Umso spannender sind sie für abenteuerlustige Inselhüpfer.

Eigentlich verwöhnt Kanada seine Besucher mit Direktflügen. Einsteigen, fliegen, aussteigen und ab in die Wildnis. Alles in weniger als 24 Stunden. Wer jedoch von Deutschland nach Fogo Island oder Change Islands will, muss sich auf eine echte Expedition machen. Auf zwei Flüge, eine Übernachtung, eine mehrstündige Autofahrt, Überfahrten mit der Autofähre (nach Change 25 Minuten, nach Fogo 45 Minuten) und zum Schluss, vorausgesetzt, die Fähre ist pünktlich, geht es gegen Ende des zweiten Anreise-Tages, noch einmal rund eine Stunde durch eine raue Wald- und Felsenkulisse. Dass diese Gegend, von allen Zielen Kanadas Europa am nächsten liegt, ist da durchaus als typisch kanadische Ironie zu verstehen. Das Land ist riesig. Oft ist der Weg das Ziel. Und oft gibt es nur einen einzigen. Wie schön!

Fogo Island besteht aus 2.300 Insulanern in vier Fischernestern mit Namen wie Little Seldom und Joe Batt´s Arm. Die Insel sorgt aber nicht nur mit Einsamkeit und atemberaubender wilder Natur für Aufsehen, sondern auch mit kunstorientierten, nachhaltigen Tourismusprojekten. In Sichtweite liegt Change Islands. Drei winzige Inselchen mit gerade 300 Menschen. Dort erleben Besucher nicht nur Neufundland pur, sondern auch das letzte Refugium des vom Aussterben bedrohten Neufundland Ponys. Fogo ist die berühmte große, Change die gelassen in ihrem Kielwasser segelnde kleine Schwester. Gemeinsam haben beide, dass der Nordatlantik immer im Bild ist. Und beide haben dieses gewisse Ende-der-Welt-Gefühl, das neugierige Abenteurer schon immer angezogen hat.

Auf Fogo Island befindet sich eine der vier Ecken der Welt. „Bleibt auf dem Trail und folgt den Hinweisen auf dem Schild“, pflegt Eileen Freakes ihre Gäste zu warnen. „Eine Windböe reicht, um euch über den Rand der Welt zu fegen. Dann seid ihr Geschichte!“ Der Besitzerin von Peg´s Place in der „Stadt“ Fogo ist es ernst. Todernst. Oder hat sie gerade geblinzelt? Dass die Erde nicht rund ist, sondern vier Ecken hat, ist jedenfalls sicher. Zumindest, wenn es nach der International Flat Earth Society geht. Die nach diversen Vorgängerorganisationen 1956 gegründete Gesellschaft behauptet, dass die Erde flach und Brimstone Head, ein gewaltiger Felsklotz am Ortsrand von Fogo, eine ihrer vier Ecken ist. Es gibt sogar ein Museum of the Flat Earth, in Seldom. Eileen Freakes setzt noch einen drauf. „Vielleicht ganz gut, wenn ihr euch vorher noch im Gästebuch eintragt. Für alle Fälle!“

Tatsächlich ist der Brimstone Head Trail der schönste Wanderweg auf Fogo Island. Gleich das erste Flat-Earth-Schild am Trail gibt Entwarnung: Number of People lost to date: 0. Gut zu wissen. Denn der zwei Kilometer lange Pfad (hin und zurück) ist steil und steinig, hier und da helfen Treppen. Die Mühe aber lohnt: Mit jeder bewältigten Stufe wird die Aussicht auf das offene Meer, die spärlich grüne Felsenlandschaft und das darin eingebettete Fogo schöner. Oben befindet sich eine Plattform aus Holz, die eine überwältigende Aussicht bietet. Wie gemalt sieht Fogo aus, jedes Haus scheint frisch gestrichen, Trucks kurven durch die engen Straßen, Kinder spielen, die Fischer bereiten ihre Kutter für den nächsten Tag vor. Ein perfekter Ort zum Glücklich sein.     

»Dieses gewisse Ende-der-Welt-Gefühl, das neugierige Abenteurer schon immer angezogen hat.«

„Seitdem wir Zita Cobb und ihren Fogo Island Inn haben, geht es uns besser“, sagt Eileen Freaks. Der Inn, ein auf Stelzen stehendes, den traditionellen Bootshäusern nachempfundenes Luxushotel, steht in Joe Batt´s Arm auf der anderen Seite der Insel. Seine Eröffnung 2013 war ein mediales Großereignis. Seitdem ist er in allen Reisemagazinen präsent. Cobb´s Plan, die Inselwirtschaft mit einem gut durchdachten Programm aus Kunst und Tourismus wieder anzukurbeln und zugleich neufundländische Traditionen wiederzubeleben, ist aufgegangen. Auch dank ihrer Zusammenarbeit mit den hier tief verwurzelten Einheimischen.

„Tu´ ein bisschen Oice in Deinen Drink.“ „Ein bisschen was!?“ „Ein bisschen Oice. Vom Oiceberg.“ In Phil´s Shed ein Dorf weiter ist gemütliches Miteinander angesagt. Die mit zerschlissenen Sofas und 70er-Jahre-Lichtorgel eingerichtete „Scheune“ ist ein Mittelding aus Kneipe und Partykeller und der soziale Mittelpunkt des 250-Seelen-Outports Tilting. Phil Fowley hievt einen dicken Eisklumpen aus der Kühltruhe und bearbeitet ihn mit einem Pickel. Sein Cousin Fergus gießt Screech ein, den berüchtigten neufundländischen Rum, und gibt einen Schluck Cola dazu. Zuletzt folgt ein „Oice“-Würfel von dem Eisberg, der im Juni vorbeigedriftet ist. Drei Rum Colas und diverse Newfie-Witze später (Wie erkennt man einen Newfie im Himmel? Das ist der Typ, der ständig über Heimweh jammert!) wissen Besucher, dass Phil noch vier Brüder hat, die auch alle in Tilting leben, und dass Fergus als Community Host, eine Art Fogo-Island-Erklärer,  für den Fogo Island Inn arbeitet. Als solcher chauffiert er die Gäste des Inn über die Insel, zeigt ihnen die vom Inn aufgestellten Künstlerateliers, in denen Kreative aus aller Welt malen, und erzählt ansonsten frei von der Leber weg vom Inselalltag. Irgendwann kommen noch mehr Fowleys herein, gummistiefeltragende, joviale Zeitgenossen allesamt, und nun wird die Unterhaltung im irisch gefärbten Neufundländisch geführt. „Morgen nach Change?“ hat einer mitbekommen. „Grüß Beulah von uns!“ Wo Einwohnerzahlen höchstens dreistellig zu sein pflegen, kennt man sich halt. 

Nach Fogo Island fühlt sich Change Islands mikroskopisch klein an. Die drei Eilande, die aus welchem Grund auch immer nur im Singular genannt werden, sind so klein, dass die Labrador-See auf der einen und die Notre Dame Bay auf der anderen Seite so gut wie immer zu sehen sind. Zwei der drei sind bewohnt und durch eine Brücke miteinander verbunden. Die meisten Menschen leben beiderseits dieser Brücke. Bunte Holzhäuser auf steinigen Klippen, ein stets weißbemützter Nordatlantik und eine Durchgangsstraße von Süden nach Norden, das war es auch schon. Die paar Autos und Trucks, die die Fähre ausspuckt, verkrümeln sich schnell und zielstrebig. Während der ersten Kilometer durch waldgesprenkelte Felsenlandschaft stellt sich die Frage: Wohin? Und was tun?

Zunächst führt die Straße am Besucherzentrum vorbei. Hier gibt’s Antwort: die Felsenküsten entlang wandern, das Sammelsurium im Olde Shoppe ansehen (falls jemand da ist und aufmacht) oder Fischkutter zählen. Sie kennen die drei oder vier Bed and Breakfast und auch den Weg zu Beulah Oakes, der Besitzerin des Seven Oakes Island Inn. Auf dem Weg dorthin sei der Abstecher zu Netta LeDrew Pflicht, die sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, das vom Aussterben bedrohte Neufundland Pony zu retten. Früher haben die Ponys Brennholz aus den Wäldern geschleppt, den als Dünger benutzten Seetang in die Gärten geschafft und das Erz aus den Bergwerken gezogen. Heute gibt es weltweit nur noch 400 Exemplare dieser in 400 Jahren harter Fron in den Outports entstandenen Pferderasse. Ein paar Teenager aus dem Dorf sitzen auf dem Gatter und machen Selfies mit dunklen Mähnen und pelzigen kleinen Ohren im Hintergrund. Zwölf der stämmigen Pferdchen leben im Netta Newfound Pony Sanctuary. Unregelmäßig hereinkommende Spenden halten Nettas Lebenswerk knapp über Wasser. 

Im Seven Oaks Island Inn serviert Beulah die besten Fish`n Chips von Neufundland und bittet danach zum Sonnenuntergang auf die Veranda. Die Aussicht vom Inn hoch über der Siedlung auf der Nordinsel ist atemberaubend, der Blick reich bis nach Fogo Island. Die Inseln sind ohne Zweifel ein Stück Neufundland wie aus dem Bilderbuch: Grandiose Natur, freundliche Bewohner, ein wunderschöner Flecken Erde fernab der Welt.

Weitere Infos:

Fogo Island & Change Islands

https://www.newfoundlandlabrador.com/top-destinations/fogo-and-change-islands

Autofähre:

https://www.tw.gov.nl.ca/ferryservices/schedules/c_fogo.html

Fogo Island Inn:

https://fogoislandinn.ca/

Von Mitte Juli bis Anfang September haben Gäste des Inns die Möglichkeit, mit einem privaten Charter Service von Halifax aus direkt nach Fogo Island zu fliegen. Der Flug mit einer neunsitzigen Beech 1900D dauert nur zwei Stunden.

Peg´s Place:

http://pegsplace.ca/

Das preiswerte B&B liegt mitten in Fogo (Stadt) und in Fußgängernähe zu Wanderwegen, Restaurants und der einzigen Bäckerei im Ort. Acht angenehme Zimmer.

Seven Oakes Island Inn and Cottages

http://sevenoakesislandinn.com/

Sieben urgemütliche Zimmer und drei Cottages. Frühstück und Abendessen.

Newfoundland Pony Sanctuary

http://www.nlponysanctuary.com/

Newfoundland & Labrador Tourism

https://www.newfoundlandlabrador.com/

Text: Ole Helmhausen