Im Fluss der Zeit

Mario Goldstein hat Deutschland auf dem grünen Band durchquert. Auf der Elbe tauschte er dabei die Wanderschuhe gegen das Kanu.
Patrick Schilbach

Die Elbe liegt voraus, ein Fluss, der Deutschland einst auf 94 Kilometern teilte und heute mitten im Grünen Band liegt. Die Elbe ist der zwölftlängste Fluss in Europa und gehört zu den 100 längsten Flüssen der Welt. Sie ist der einzige Fluss, der das von Mittelgebirgen eingeschlossene Böhmen in Richtung Norden entwässert, und mündet schließlich nach 1094 Kilometern in die Nordsee. 

Als ich am Nachmittag auf einen Sandstrand an der Elbe laufe, reiße ich die Arme in die Höhe und schreie mir die Seele aus dem Leib. Noch bin ich nicht an der Ostsee, aber dieses Zwischenziel markiert einen wichtigen Meilenstein auf meiner Wanderung. Über 1100 Kilometer sind geschafft und mit Erleichterung lasse ich den schweren Rucksack in den Sand sinken. Das klare und kühle Wasser umspült meine geschundenen Füße. Es tut gut, hier zu sein. 

Im Strömungsschatten einer Buhne lege ich mich in den Sand und döse vor mich hin. Hier geht es sowieso nicht weiter, es gibt keine Brücke, keinen Weg und keine direkte Möglichkeit, das andere Ufer zu erreichen. Der Grenzzaun verlief früher auf der anderen Seite des Flusses oben auf der Deichkrone und die Grenzlinie lag direkt in der Flussmitte. 

»Die schönsten Tage seit langem« 

Das Grüne Band ist hier mehrere Hundert Meter breit und dieser Abschnitt bietet die Möglichkeit, die Landschaft vom Wasser aus zu erleben. Mir gefällt die Vorstellung, für eine Woche die Beine langzumachen. Nach einer kurzen Recherche leihe ich mir ein Kanu und setzte bei dem niedrigsten Wasserstand der Elbe seit 80 Jahren bei Mückendorf ein. Mein Plan ist, das Boot nach etwa 90 Kilo­metern, bei Lauenburg, wieder abzugeben. 

Vorbei an der Hohen Garbe führt meine erste Halbtagesetappe bis nach Lenzen. Die Burg Lenzen erhebt sich heute im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe-Brandenburg malerisch über der Elbtalaue. Hier verbringe ich die Nacht und decke mich mit Vorräten ein, bevor ich am frühen Morgen mein leichtes Stechpaddel durch das klare Wasser der Elbe ziehe. Die Strömung ist schwach, aber spürbar, und so lasse ich mich längere Strecken treiben, lehne mich zurück und genieße das Nichts­tun. Die Elbe zeigt sich im schönsten Kleid und fordert mich auf, mit ihr zu tanzen. Sanft dreht sich das Kanu im frischen Elbwasser. Mit einem Fluss derart zu verschmelzen, bringt ungeahnte Tiefe und Frieden. Stille Elbstunden begleiten mich durch ein dahindösendes Tagwerk und die Natur hört einfach nicht auf, mich mit ihrer absichtslosen Strahlkraft in den Bann zu ziehen.

Es sind die schönsten Tage seit langem, ich fühle mich noch mehr mit der Natur verbunden als auf meiner Wanderung. Eine Woche lang keine Fahrzeuge, keine Menschen und keine Gespräche. Nur der Fluss und ich. Meist starte ich in den frühen Morgenstunden, kurz nachdem die Sonne auf­gegangen ist. Vorher koche ich mir auf meinem Gaskocher einen Kaffee und höre mir das laute Geschnatter der Gänse an, die mit ihrem kraftvollen Sound die Stille der Nacht verdrängen.

Einen Stopp mache ich dann doch: Rüterberg liegt direkt an der Elbe, und aus Protest und als Zeichen gegen die jahrelange Demütigung durch die DDR riefen die Bewohner am 8. November 1989 ein­stimmig die »Dorfrepublik Rüterberg« aus. Nach der Wende kam die Anerkennung und Rüterberg durfte bis 2002 die Bezeichnung »Dorfrepublik« als Zusatz auf allen Ortsschildern führen.

Ich nutze die kühleren Vormittagsstunden, um voranzukommen, dann lege ich eine zwei- bis dreistündige Mittagspause ein. Döse an einem schattigen Plätzchen vor mich hin oder kühle mich im Fluss ab. Nachmittags paddele ich dann bis in die Abend­stunden hinein. Wenn die Sonne sich anschickt, am Horizont abzutauchen, steht die Lagersuche an.

Nach einer Woche und knapp 100 Flusskilo­metern taucht Lauenburg hinter der großen Elb­brücke auf, die hier den Fluss überspannt. Ich gebe mein Kanu ab, miete mich in einer kleinen Pension ein, gönne mir eine warme Dusche. In einer Woche könnte ich am Meer stehen. Noch 150 Kilometer bis nach Priwall.

Text: Mario Goldstein
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