Hola Peru, hola Gringo

Diese klassische Rundreise durch Peru lässt Gringo-Augen glänzen: Dschungel und Anden, Machu Picchu und indigene Märkte. Spannend sind auch die nachhaltigen Konzepte des Tourveranstalters, der vieles anders macht.

Das ist natürlich auch eine Möglichkeit, sich etwas dazuzuverdienen. Kaum hat der legen­däre Zug von Machu Picchu nach Cusco Fahrt aufgenommen, dreht der Zugführer die Panflöte über Bordlautsprecher auf Anschlag und der Teufel leibhaftig tritt hinter einem Vorhang hervor. Oder ist es nur ein Clown mit Löwenmaske? Das Wesen springt jedenfalls das Abteil entlang und gibt dabei gurrende Laute von sich. An ein Nickerchen ist nicht mehr zu denken. Aber das ist wohl auch Sinn und Zweck der Übung. Denn der Teufel ist Anheizer für die anschließende Modenschau. Als Models fungieren die Zugbegleiter, die abwechselnd hinterm Vorhang hervorstolzieren, stets ein anderes Produkt aus Alpaka­wolle auf dem Leib. Mit Inbrunst erlaufen sie sich offensichtlich ihre Provision und stecken dabei mit ihrer guten Laune den ganzen Zug an. Alles klatscht und feixt – und wehe wenn  nicht, denn dann bittet der Teufel zum Tanz. 

Wir genießen das Spektakel tiefenentspannt, denn nach zwei Wochen auf dem sogenannten Gringo-Trail und noch erfüllt vom Höhepunkt der Reise – zwei Tage Machu Picch­­u – sind wir einiges gewohnt. Die u-förmige Rout­e des Gringo­-Trails startet in Lima und führt dann südwärts die Küste hinab über Pisco und Nasca nach Arequipa. Von dort geht es über schwindelerregende Bergpässe, darunter der 4910 Meter hohe Pata­pampa, ins Colca-Tal und weiter nach Puno am Titicacasee. Ab hier geht es wieder nordwärts gen Cusco und weiter nach Machu Picchu, dem grandiosen Finale der Reise. 

Für mich ist es das erste Mal, dass ich an solch einer organisierte­­n Gruppenreise teilnehme. Geht dabei nicht die Essenz des Reisens, das Spontane, Abenteuerliche, Über­raschende, verloren? Nun, mag sein. Aber die Reise des Berline­­r Anbieters Chamäleon ist derart clever komponiert und dicht an Eindrücken, dass man in zwei Wochen erlebt, wofür andere Monate brauchen – die man für gewöhnlich nicht hat. Außerdem haben Individualreisende keinen all­wissen­­­de­­n Reise­leiter wie Florian Hagemann. Florian ist Deutscher, in Peru geboren und mit allen Wassern ge­wasche­­­n. Sein enorme­­s Wissen über den Andenstaat ist ein absoluter Mehrwert, den kein gedruckter Reiseführer und kein Trip­advisor diese­r Welt ersetzen können.

Michael Neumann

Nach Ankunft in Lima und erster Stadtbesichtigung geht die Reise zunächst zu den Ballestas-Inseln, die wegen ihres Tierreichtums auch Klein-Galápagos genannt werden. Und dann weiter zu den weltberühmten Nazca-Linien. Auch wenn das Auswärtig­­e Amt die Sicherheit der örtlichen Anbiete­r tendenziell in Frage stellt, sollte man den fakultativen Rundflug in Erwägung ziehen. Denn die Rätselhaftigkeit der bis zu 20 Kilometer langen Scharrbilder im Wüsten­gestein erschließ­­t sich am besten aus der Vogelperspektive. Hier hatten ausnahmsweise mal nicht die sonst allgegenwärtigen Inkas ihre Finger im Spiel, sondern die Nazca-Indiane­­r – und das schon 800 bis 200 vor Christus. Was sie mit den Erdzeichnungen ausdrücken wollten, bleibt schleierhaft. Sollten die Figuren tatsächlich Passa­giere in kleinen Heißluftballonen verzücken? Oder waren sie als Botschaf­­ten an Außer­irdische gedacht? 

Next stop Arequipa

Auf seine Heimatstadt Arequipa lässt Reiseleiter Florian nichts kommen. Und das aus gutem Grund. Die »Weiße Stadt«, aus hellem Vulkangestein erbaut, bietet genau den Mix, den man in Peru sonst selten findet: deutlich mehr Sonne als in Lima, ein schöner, überschaubarer Stadtkern mit schicken Cafés, dazu Kultur satt und als Kulisse drei mächtige Vulkane mit einer Portion Schnee obendrauf. Wir staunen über das Kloster Santa Catalina und die drei­­schiffige Basilika Santa Maria, die wieder einmal eindrucksvoll beweis­­t, wie es der Katholizismus verstand, die Bevölkerung durch Glanz und Gloria zu beeindrucken.

Einmal durch Peru in 5 Minuten …

Tags darauf geht es in die Anden. Erstes Ziel ist das Colca-Tal. Hier gibt einen fantastischen Spot zur Condor-Be­obachtung und Heizdecken im Bett. Heiz­decken? Ja, denn obwohl Frühsommer, kann es hier oben auf 3600 Metern nachts empfindlich kalt werden. Was die Höhe noch mit sich bringt, erleben wir auf einer kleinen Wanderung. Wir pfeifen auf dem letzten Loch, die berühmt-berüchtigte Todeszone kann nicht mehr weit sein. Oben angekommen, werden wir mit dem Blick auf einen rauchenden Vulkan belohnt – der fast 6000 Meter hohe Sabancaya. 

Wer glaubt, dass unsere Nacht im Colca-Tal die höchste der Reise sei, kennt Puno schlecht. Die Stadt am Titicacasee liegt auf 3800 Metern und so langsam dämmert mir auch, warum die vom Veranstalter liebevoll ausgesuchten Her­bergen nie einen Fitnessraum haben. Hier ist schon die Treppe in den 1. Stock ein echter Workout. 

Dann doch lieber eine Bootsfahrt auf dem größten See Südamerikas. Zunächst besuchen wir dort die Urus. Auf ihren selbstgebauten Inseln aus Schilf und den ­zuge­hörigen Booten prägen sie seit jeher das Bild, dass wir Europäer vom höchsten schiffbaren Gewässer der Welt ­haben. Und auch wenn sie heute nur von nine to five das Leben von früher nachspielen, so tut dies der Faszination über ihren »schwankenden« Lebensstil keinen Abbruch.

Nach Puno ist erneut Sitzfleisch gefragt. Über acht Stunde­­n Busfahrt bis ins Urubamba-Tal warten auf uns. Doch keine Bange, denn ein großes Plus bei Chamäleon sind die mehr als ausreichend dimensionierten Reise­busse. So hat jeder einen Fensterplatz garantiert. 

Größer als die Wirklichkeit

Im Urubamba-Tal beziehen wir die vielleicht schönste Unter­kunft der Reise. Einzelne Villen in Hanglage, um­geben von einem Garten voller Kolibris. Idea­l, um sich für den Höhepunkt der Reise in Stimmung zu bringen: Machu Picchu. Die Inka­festung auf einem Berg­rücken im Dschunge­­l, umtost vom Urubamba, gehört einfach auf die Bucketlist eines jeden Weltenbummlers – und das trotz der Problematik des »Overtourism«. Bis zu 6000 Besucher täglic­­h be­suchen die Anlage und sollen sie allein durch die schlichte Abnutzung der Pfade und Stiege ins Wanken bringen. Andrang hin, An­drang her, Machu Picchu ist in jedem Fall einer dieser Orte, der in der Realität größer ist als jede Vorstellung davon. 

Die erste Annäherung findet am Nachmittag statt. Im feinen Nieselregen geht es im Kleinbus die Serpentinen hinauf. Nach eine­m kurzen Fußmarsch der erste Ausguck. Nebel. Kein Machu Picchu. Der zweite Ausguck. Nebel. Doch beim dritten Ausguck kommt plötzlich Bewegung in die Wolken. Wie von Zauberhand lichtet sich der Nebel und gibt die Ruinen frei. 

Noch heute rätselt die Wissenschaft über die Bedeutung Machu Picchus. War es eine Sommerresidenz der Inkaherrscher, ein Pilgerort für Gläubige, eine Art Universität zur Erforschung des Himmels oder wurde es gar nicht von den Inkas gebaut, sondern vielleicht von den in Nasca angelockten Außer­irdischen? 

Schuld an diesem gewaltigen Frage­zeichen hat der Spanie­­r Francisco Pizarro, der im Jahr 1531 peruanischen Boden betrat. Motiviert von den Raubzügen Hernán Cortés im Aztekenreich Mittelamerikas, hatte er nur drei Dinge im Sinn: Gold, Gold und Gold. Es spielte ihm dabei in die Karten, dass das etwa 300 Jahre alte Inkareich, das sich zwischenzeitlich von Santiago de Chile bis in den Norden Ecuadors erstreckte, von einem Bruderkrieg ­geschwächt war. Nur ein Jahr nach dem Landfal­­l nahm Francisco Pizzaro die Ink­a-Hauptstadt Cusco ein. Mit nur ­200 Soldaten hatten sie so ein Reich von sechs ­Milli­­­one­n indianischen Einwohner­­n in die Knie ge­zwungen – und dabei ­etwa 180 000 Tonnen Gold erbeutet. 

Der eigene Machu-Picchu-Momen­­t 

Nachdem 1572 der letzte Inkakönig Túpac Amaru von den Spaniern enthauptet worden war, gerieten auch die Errungen­schaften der Inkas in Vergessenheit, da sich kein spanischer Chronist die Mühe gemacht hatte, diese nieder­zuschreiben. So unterhielten die Inkas beispielsweise ein 30.000 Kilometer langes Straßennetz für den Transport von Mensch und Material. Laufende Boten im Staffel­system machten es möglich, dass sich Nachrichten sehr schnell verbreite­­n konnten. Dabei kam eine Knotenschrift zum Einsatz. 95 verschiedene Silben sollen so darstellbar gewese­­n sein, doch deren genaue Bedeutung wurde bis heut­e nicht entschlüsselt. Und obwohl die Inkas das fortschrittlichste Straßen­netz der Welt unter­hielten, fehlte ihnen etwas sehr Elementares: das Rad. 

Nachdem sich der Nebel endlich verzogen hat, streifen wir staunend durch die Anlage. Wohlwissend, dass wir nicht, so wie die meisten, nur einen Tag hier sind. Stattdessen verbringen wir eine entspannte Nacht in einem der schön­s­­­te­­n Hotels von Agua Calientes, bevor wir eine neuerliche Auffahrt im Morgen­grauen wagen – Aufstieg auf den Huayna Picchu inklusive. Diesen muss man vor der Reise »dazu­buchen« – was jeder, der halbwegs fit und schwindelfrei ist, unbedingt tun sollte. Um acht Uhr öffne­t das Tor zum Aufstieg. Es empfiehlt sich jedoch, auch hier etwas früher dran zu sein und sich vorne anzustellen, da jeder Gipfelstürmer einzeln kontrolliert wird. Als ich mich um 8.01 Uhr auf den Weg mache, gibt es nur eine Richtun­g: steil nach oben. 

Auf den ersten Blick scheint es kaum vorstellbar, dass man den Gipfe­l ohne Kletterei erreichen kann. Doch wiede­r einmal habe­n die Inkas ganze Arbeit geleistet und Treppen­stufe für Treppenstufe in den blanken Fels gehauen. Wer mag, kann die etwa 350 Höhenmeter in rund 40 Minuten hochspurten. Oben angekommen, ziehe ich einmal mehr meinen Hut vor den Inkas. Auch hier oben befinden sich ange­legte Steinterrassen und Ruinen. Um meinen Vorsprung vor der restlichen Wanderer­schar nicht zu ver­spielen, lasse ich den Gipfel links liegen und steige den Pfad wieder ein paar Meter ab. Und dort finde ich meinen Machu-Picchu-Momen­­t: Gänzlich alleine hocke ich mich auf einen Mauer­vorsprung und lasse die Beine baumeln. Immer wieder drückt die Thermik Wolken aus dem Tal über den Kamm und lässt die Ruinen in Watte verschwinden. Ganz so, als könne man diese Pracht nur in Portionen ertragen. Fast eine Stunde dauert es, bis mich erste Stimmen aus dem Tagtraum holen. Zeit für den Abstieg und die Rückfahrt nach Cusco, Zeit für den Teufel.

Text: Michael Neumann