Hokkaido: Skifahren auf Japanisch

Skifahrer in Asahidake
Sibirische Winde treiben im Winter dicke Schneewolken auf die japanische Insel Hokkaido. Und sobald diese aufs Festland treffen, beginnt das Feuerwerk. Skifahrer freuen sich oft über täglichen Neuschnee. Und falls nicht, gibt es in Japan derart viel zu entdecken, dass etwaige Schneehöhen schnell zur Nebensache werden.

»Schon die Anreise zu unserem Skitrip auf Hokkaido hat es in sich. Wir sitzen in Tokio und warten auf den Weiterflug nach Sapporo, der Hauptstadt Hokkaidos und Ausrichtungsort der Olympischen Winter­spiele 1972. Doch dort ist Schneemalheur und der Flieger kann nicht landen. Mit zehn Tagen Zeit im Gepäck sehen wir dem gelassen entgegen, denn wer viel Schnee will, soll sich nicht beschweren, wenn er viel Schnee bekommt. Als wir schließlich mit drei Stunden Verspätung auf der Nordinsel landen, liegt der komplette Flug­hafen unter einem halben Meter Neuschnee begraben. Nur die Landebah­n wird im Zehnminutentakt geräumt und als wir am Gate andocken, ist sie hinter uns schon wieder unter einer Schicht Schnee verschwunden. Fängt ja vielversprechend an.

Nachdem wir am Morgen unseren Mietwagen klargemacht haben – ein kompakter Toyota-Bus mit Platz für fünf, Allrad und Reifen, die allein dafür geschaffen scheinen, sich durch Schnee zu wühlen – machen wir uns auf den Weg gen Norden. Asahidake is calling!

Das Skigebiet im Daisetsuzan-Nationalpark besteht im wesent­lichen aus dem aktiven, 2,291 Meter hohen Stratovulkan Asahi. Eine Gondel führt auf die halbe Höhe, zwei planierte Abfahrte­n führen zurück zum Parkplatz, der Rest ist Skitour, Tiefschnee und allerfeinsters Treeskiing bis der Arzt kommt. Da das Resort klein und die Stimmung sehr familiär ist, kommen wir alsbald mit den Locals und den anderen weitgereisten Touristen ins Gespräc­h. Bei genauere­m Hinsehen fällt auf, dass eine Trupp­e Snowboarder von Kopf bis Fuß in Burton gewandet ist: es sind Dann­y Davis, Terje Hakonsen und weitere Teamfahrer. Während meine Skifreunde gänzlich unbe­eindruckt scheinen, verbringe ich eine Gondelfahrt im Gespräch mit Kevin Pearce über seinen Halfpipe-Unfall und die daraus entstandene TV-Doku »The Crash Reel«. Gucken, bangen, Helm aufsetzen. Immer.

Im Onsen entspannen

Am Abend ist Onsen angesagt. Hier oben am Vulkan hat jedes Hote­l solch eine heiße Quelle, die dem Japaner heilig sind und deren Bade­regeln man strikt einhalten sollte: Schuhe am Eingang aus, vor dem Bade gründlichst waschen, kein Lärm, kein lautes Gequatsche und – für manche heutzutage eine unüberwindbare Hürde – kein­e sichtbaren Tattoos. Denn Körperbilder sind in Japan primär den Yakuz­a vorbehalten, einer mafiaähnlichen Unterwelt. Und da man mit denen eben nicht gemeinsam entspannen will, hat man die Tattoo-­Regel ersonnen. Nach zwei weiteren Tagen am Asahi, in denen wir immer tiefer ins Backcountry vordringen und ein ums andere Mal die Felle brauchen, um zurück zum Lift zu stapfen, streichen wir aus einem für Mitteleuropäer unbekannten Problem die Segel: es ist zu kalt hier oben in den Bergen. Aktuell sind es bis zu minus 25 Grad und fürs Wochenende sind noch zwei, drei Grad weniger angesagt. Brrrr!

Wir rollen zurück zur Küste, um Hokkaidos steilstes Skigebiet kennen­zulernen: Sapporo-Teine. Hier erlaubt eine vergleichsweise flotte Sessel­bahn schnelle Runden in zwei Bowls, an deren steilsten Stellen noch nicht einmal Bäume wachsen. Nach einer Testrunde, bei der wir uns überzeugt haben, dass da tatsächlich keine Bäume lauern, düsen wir mehrfach mit offener Handbremse durch die Bowl. Da es beständig schneit, sind unsere Spuren bei jeder neuen Runde beinahe vollständig wieder eingeschneit. Der Schnee ist bodenlos und leicht wie Sternenstaub, so dass es sich anfühlt wie Fliegen, wenn wir mit Blick aufs Meer und die Skyline Sapporos zu Tale schweben.

Dass es auch ein Zuviel an Schnee gibt, erleben wir am Folgetag. Wir sind in der Kiroro-Snowworld und wieder hat es gut 60 Zentimeter über Nacht geschneit. Nur leider ist das per Lift erreichbare Gelände stellenweise so flach, dass wir ein ums andere Mal am Ende einer vielver­sprechende Abfahrt links und rechts der planierten Piste schlichtweg in den Schneemengen verhungern. Dann heißt es abschnallen und bis zum Bauchnabel im Schnee selbigen durchpflügen, bis man wieder planierten Boden unter den Skiern hat. Warum Kiroro bei zuviel Neuschnee eher nix ist, erfahren wir von einem Liftnachbarn. Die Pisten des Resorts seien einst als Parcours für Schneemobile geplant gewesen, die Lifte seien erst später hinzugekommen, als der Skisport zunehmend populärer wurde. Soviel zu den schlechten Nachrichten. Der Liftnachbar hat aber auch gute: auf die Frage, ob es innerhalb Japans auch Unterschiede in der Qualität des Sushis gäbe, freut er sich wie ein Thunfischschnitzel. Oh ja, und ob. Das nahe Otaru, die Stadt am Meer, die uns schon seit zwei Tagen als Basislager für Ausflüge in die umliegenden Skigebiete dient, sei DIE Sushihauptstadt Japans. Und jetzt im Winter sei die Qualität aufgrund des kalten Meeres und der gegen die Kälte aufgespeckten Fische auf dem Höhepunkt.

Also schnell auf Tripadvisor geschaut, welche kulinarischen Optionen es gibt und dann ab zum Gaumenschmaus. Die Speisekarte hat zusätzlich zum japanischen Beschrieb auch viele bunte Bildchen, doch was wir da letztlich bestellen, ist uns oft ein Rätsel. Ich bleibe daher eher bei den Klassikern, während Stephan und Jobst »all in« gehen. Hat sich das Schalentier, zu dem die Bedienung Besteckutensilien gereicht hat, die man so auch in einem OP vermuten würd­e, eben nicht noch ein bisschen gezuckt? Und dass die hirn­artige Mass­e, die Jobst da gerade ohne viel Aufhebens geschluckt hat, Dorsch-Sperma war, findet selbiger zum Glück erst nachträglich raus. Wer mit mittel­europäischen Maßstäben durch Japan reist, kommt aus dem Staunen einfach nicht mehr raus.

Ein weiteres Beispiel dafür ist die letzte Absteige auf unserem Trip: das Windsor-Hotel Toya. Wie ein gestrandeter Wal liegt das Hotel auf einem Bergrücken am Toya Lake. Selbiger ist vulkanischen Ursprung­s und die Inseln darauf sehen aus wie kleine Mini-Vul­kane. Auf der anderen Seite kann man bis zum Meer blicken. Zumindes­t im Sommer, wenn es mal nicht schneit. Das Hotel verfügt über einen kleinen Anfängerlift, dessen zugehörige Piste aber maximal hellblau ist. Unser Interesse gilt dagegen der Bowl runter zum See, die wir auf Luftaufnahmen des Gebäudes entdeckt haben. Rund 300 Höhenmeter, gut Gefälle und die Linien kann man in Ruhe aus dem Hotel-Onsen studieren.

Zu Gast im G8-Hotel

Das Hotel selbst haben wir auf Booking.com entdeckt. Mit dieser Hotelbuchungsplattform bestreiten wir schon den gesamten Trip und buchen uns einfach beim Frühstück – je nach Schnee, Wetter und Reiseroute – für den Abend eine neue Unterkunft. Und auch wenn wir in den letzten Jahren schon einiges an Hotels gesehen haben, so macht uns das Windsor sprachlos. Exzellenz, wohin das Auge blickt. Auf allen Etagen stehen gewaltige Blumengebinde, die sicher hunderte Dollar das Stück kosten. Gleich zwei Sterne­restaurants buhlen um Gäste. In der Aula, deren riesige Fenster­fronten nach Sonnenaufgang und Sonnenuntergang ausgerichtet sind, spielen fortwährend zwei Musiker Piano und Querflöte. Irgend­wann entdecken wir auch eine Bildergalerie vom G8-Gipfel 2008, der offensichtlich in diesem Hotel abgehalten wurden. Angel­a fand’s sicher auch gut.

Skifahrer im Hotel auf Hokkaido
Skifahrer sprint über einen Kicker auf Hokkaido

Und dann wäre da ja noch der kleine Talkessel hinterm Hotel, weswege­n wir ja eigentlich hier sind. Als erste Amtshandlung düsen wir per Straightline zum Talgrund, um eine schöne Aufstiegsspur für weitere Runden anzulegen und ein Gespür für die Schneebeschaffenheit zu bekommen. Denn einen detaillierten Lawinen­bericht wie bei uns in den Alpen, gibt es in Japan nicht. Unten angekommen, entdecken wir verfallene Liftanlagen mitten im Unterholz, die wohl schon einige Jahre nicht mehr in Betrieb sind. Gespenstisch. Aber wahrscheinlich waren die Hänge hier schlicht zu steil für den durchschnittlichen japanischen Skifahrer. Nach einige­n Laps sind Harti und Jochen des Aufstiegs müde und bauen oben am Hotelparkplatz einen Kicker für die Nachmittags­ertüchtigung. Morgen geht der Flieger von Sapporo nach Tokio und es kann wohl nicht schaden, sich vorab wieder mit der Luftfahrt vertraut zu machen …

Text: Michael Neumann
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