Hochgefühle in Südafrika

Die Drakensberge bieten überirdisch schöne Wanderungen. Durch Canyons bis hinauf auf die flachen ­Gipfelplateaus – und dort oben fühlt man sich Welten entfernt.
Dietmar Denger

Durch ein grünes Flusstal windet sich der Weg zwischen hohen Farnen hindurch, taucht zwischendurch ab in kleine Urwäldchen, wo die knorrigen Äste der alten Bäume dicke Teppiche aus Moos ­tragen. Schließlich mündet er in einen knapp drei ­Meter breiten Canyon. Über dem Tal steigen die Felswände des sogenannten Amphi­theaters steil in den Himmel auf. Einfach mal innehalten und schauen, wie unheimlich fotogen Wasser und Zeit die ­Tugela-Gorge im Royal-­Natal-Nationalpark gestaltet haben. Der Park liegt in den Drakensbergen, einem langen Gebirgszug, der an der östlichen Grenze des süd­afrikanischen Binnenhochlands stellen­weise senkrecht wie eine Mauer aufragt. Die tiefen, grünen Schluchten und mehr als 3000 Meter hohen Tafelberge, deren Hochplateaus oft in Wolken gehüllt sind, durchzieht seit ewigen Zeiten ein Netz aus Hirtenpfaden, die nur selten markiert sind. 

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Nicht nur deswegen trifft es sich hervorragend, dass wir am nächsten Tag zusammen mit Bergführerin Zee Ndaba aufs Dach Südafrikas steigen. Kurz den Ausblick genossen, dann startet die Wanderung am Fuß des 3165 Meter hohen Sentinel Peak. Durch baumloses Grasland führt der Weg an den steilen Flanken entlang und ermöglicht immer wieder atemberaubende Fernblicke ins Tief­land, wo die beginnende Regenzeit faszinierende Wolken­dramen am Himmel inszeniert. Zee lenkt unseren Blick ­unter einen Felsüberhang am Weg. Große ockerfarbene Tierkörper drängen sich darauf zusammen, hier und da Bilder von langen, dünnen Menschen auf Antilopenhufen. »Eine typische Jagdszene, die die San hier verewigt haben. Andern­orts sieht man auch Geister. Das Gebirge ist eine riesige Freiluftgalerie unserer Vorfahren«, erklärt Zee ein wenig geheimnisvoll.

Oben erwartet uns eine archaische Szenerie. Nebel­fetzen fegen über die Hochebene, dazwischen wandern Sonnenstrahlen den Boden ab. Und wie aus dem Nichts stehen da plötzlich drei junge Ziegenhirten, in dicke Wolldecken gehüllt, und grinsen uns interessiert an. Nur ein paar Stunden von der Zivilisation entfernt, erscheint die Welt hier auf dem Plateau wie auf einem anderen Planeten.

Wir folgen einem Bach, der sich plätschernd seinen Weg durch blühende Bergflora bahnt – in der Ferne grasen ziemlich entspannt Elen-Antilopen, erfahren wir von Zee. Wenig später endet der Bach an der senkrechten Abbruchkante als Wasserfall. Vis à vis sind die 950 Meter hohen Tugela-Falls zu erkennen. Für Zee besitzen diese Berge eine starke spirituelle Kraft. »Und die absolute Freiheit!«, ruft sie verzückt. Auf dem Rückweg tauchen wir in die weißen Wolken ein, die sich gerne mal an den Felswänden festhängen. Ein irgendwie magisches Abstiegserlebnis. Kurz nachdem wir die Lodge erreichen, bricht der Gewitterdonner in der Ferne schließlich los. Vielleicht sind es aber auch die laut hallenden Stimmen der Geister der Drakensberge.

Text: Dietmar Denger
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