Hike Hong Kong

Wanderlust süßsauer vor den Toren der beliebtesten Touristenstadt der Welt.
Michael Neumann

Pro Jahr 25,6 Millionen Touristen: Weltrekord. 7,3 Millionen Einwohner auf 1100 Quadratkilometern: Platz vier in Sachen Bevölkerungsdichte nach Macao, Monaco und Singapur. Hongkong ist für viele Traveller ein Faszinosum, das man gern während eines Stopovers auf dem Weg nach Neuseeland oder Australien bestaunt – um dann schwer beeindruckt, aber auch irgendwie erleichtert von dannen zu ziehen – so ein Gewusel! Als Wanderparadies jedoch, das allein die Reise lohnt, stand die Sonderwirtschaftszone im Süden Chinas noch auf keiner Bucketlist ganz oben. Auch bei mir nicht. Bis Fjällräven kam. Verkündeten die doch im letzten Jahr, dass sie ihre überaus erfolgreiche Weitwanderveranstaltung, den Fjällräven Classic, zusätzlich in Hongkong stattfinden lassen wollen. Durch Hochhausschluchten statt über den schwedischen Kungsleden, oder wie? Die werden den legendären Ruf des Classic doch nicht durch einen zweifelhaften Event zu PR-Zwecken aufs Spiel setzen?

Das Internet bringt schnell Licht ins Dunkel – und zwei Namen auf den Zettel: Murray MacLehose und Gabi Baumgartner. Der Erste, ein Schotte, und ab 1971 Gouverneur in Hongkong, etablierte Naturparks vor den Toren der Stadt und war selbst ein begeisterter Wanderer. Folgerichtig wurde ein 100 Kilometer langer Fernwanderweg auf dem Stadtgebiet, der sich in Sachen Spektakel nicht hinter Milford Track und Laugavegur verstecken muss, nach ihm benannt. Die Zweite, eine Schweizerin, ist Mitte der 90er Jahre mit ihrem Mann von Zürich nach Hongkong ausgewandert. Dort ihrer geliebten Berge – scheinbar – beraubt, begann sie, ihre Umgebung wandernd zu erforschen. Schon nach wenigen Touren war klar: Die Trails rund um Hongkong ersetzen zwar nicht die Alpen, haben aber durchaus Potenzial für eine längere Liasion – die bis heute anhält. Mit ihrer Guide-Company »Walk Hong Kong« bietet sie geführte Touren vom Nachmittagshike bis zur Mehrtageswanderung an.

Wandervogel MacLehose ist leider 2000 verstorben, doch Gabi antwortet auf meine E-Mail mit einer Handvoll Fragen im Handumdrehen. Ja, die beste Zeit zum Wandern sei die Trockenzeit von Oktober bis April. Der Sommer wiederum bringe tropische Temperaturen und mögliche Taifune. Die Trails seien leicht zu finden, gut ausgeschildert und per ÖPNV im Nu erreichbar. Kurze Hose passt. Und Stirnlampe nicht vergessen, denn um 18 Uhr knipst einer das Licht aus. Also nur noch die Gattin vom Mitkommen überzeugt und nichts wie los!

20 Kilometer Luftlinie trennen Hongkong Downtown von Paradise City.

Während ich bei meinem ersten und einzigen Hongkong-Besuch 1997 – ein Stopover auf dem Rückweg von Neuseeland, logo – auf dem berühmt-berüchtigten Kai-Tak-Flughafen landete, liegt der heutige Airport weiträumig angelegt auf einer eigens aufgeschütteten Insel. Der Kai Tak nahe der Stadtmitte konnte mit seiner einzigen Landebahn nur aus einer Richtung angeflogen werden, links, rechts und geradeaus stand eine dichte Mauer aus 30-stöckigen Hochhäusern, die ein etwaiges Durchstarten wirkungsvoll verhindert hätten. Es gibt Passagiere, die behaupten noch heute steif und fest, dass sie beim Anflug erspähen konnten, welche Fernsehsender die Anwohner eingeschaltet hatten. Dank U-Bahn-Anschluss, in Hongkong Mass Transit Railway, kurz MTR, genannt, ist man heute aber ähnlich schnell im Zentrum wie seinerzeit mit dem Taxi.

WARMLAUFEN BEIM SIGHTSEEING

Die ersten zwei Nächte verbringen wir im schön gelegenen Icon Hotel. Zum Sightseeing, zur Akklimatisation und um auf einer ersten Tagestour mal die Kondition zu überprüfen. Wobei auch das Sightseeing durchaus seine sportliche Komponente hat: Zwischen dem Meer und dem 552 Meter hohen Victoria Peak, dem höchsten Gipfel auf Hong Kong Island, liegen nur 1,5 Kilometer Strecke. Entsprechend sind die Steigungen in den beliebten Stadtvierteln Central und Wan Chai auf Halbhöhenlage. An einer Stelle nimmt zwar die längste Rolltreppe der Welt einiges an Aufstiegsarbeit ab, doch links und rechts davon kann man noch ordentlich Schweiß vergießen.

Jede ebene Fläche ist verbaut, doch die Hügel rundum trotzen tapfer dem Expansionsdrang.

Wobei die Plackerei schnell zur Nebensache wird, denn eine Stadt wie Hongkong schafft es mit Leichtigkeit, selbst Naturfreunde um den Finger zu wickeln, die sonst Städtereisen meiden wie die FDP die Jamaika-Koalition. Der Mix aus asiatischer Kultur, architektonischer Meisterleistung und britischem Vorbild in Sachen Infrastruktur und Feierlaune ist weltweit einzigartig. Und so lassen auch wir uns begeistert einsaugen von rauchigen Tempeln, kruden Kruschtläden, alternativen Szenetreffs und Straßenständen, an denen uns Zuckerrohrsaft und Dim-Sum-Teigtaschen kredenzt werden. Das zwischen der formal zu China gehörenden Sonderwirtschaftszone und der Volksrepublik noch ein unsichtbarer Graben liegt, merken wir schnell an den Reaktionen der Touristen aus dem Reich der Mitte – die übrigens ein Visa brauchen, um nach Hongkong zu reisen. Immer wenn sie ein »verbotenes« Graffiti erspähen, wird der Selfiestick ausgefahren und geknipst, was der Speicher hergibt.

Michael Neumann Guten Morgen, Kowloon. Auch der Abstieg vom Lions Rock ist chinesisch- perfekt befestigt.

1997 wurde die Staatshoheit der seit 1843 existierenden britischen Kronkolonie an China übergeben – mit einer 50-jährigen Übergangsfrist, die der Region weiter freie Marktwirtschaft und ein hohes Maß an Autonomie garantiert. Mit einer Generation am Ruder, für die das Ende dieser Frist in Sichtweite ist, regt sich nun zunehmend Widerstand. So brachte 2014 eine Protestbewegung, die die Symbolik von gelben Regenschirmen bei ihren Versammlungen nutzte, die Problematik dieser Situation erstmals weltweit in die Medien. Es ist zu hoffen, dass die Chinesen den Sonderstatus Hongkongs als Brücke zwischen Ost und West auch über die 50 Jahre hinaus beibehalten.

Michael Neumann Als Grafitti oder Statue – Bruce Lee ist überall. 1973 starb er mit nur 32 Jahren bei Dreharbeiten in Hongkong.

Nach zwei Tagen in gemachten Betten, einem unglaublichen 1a-Blick auf die Skyline direkt aus der Horizontalen und einer im Preis inbegriffenen Minibar (Bingo!) plündern wir aus selbiger die letzten Müsliriegel, packen den Rucksack und schnüren die Wanderschuhe: Der MacLehose-Trail wartet. Der, auf dem auch der Fjällräven Classic stattgefunden hat.

SCHNECKENHAUS AUF UND LOS

Im Nullkommanix kommt man aus der Metropole mit U-Bahn, Bus und Taxi ins absolute Outback. Denn dort, wo das letzte Hochhaus aufhört, fängt sofort der Dschungel an. Ein steiler jedoch, denn wäre er flach, hätte man dort längst das nächste Hochhaus gebaut. So aber genießen wir keine 20 Kilometer von der Stadtmitte entfernt bereits die Einsamkeit traumhafter Buchten am Südchinesischen Meer, verbunden über schattige Bergpfade.

Die erste Etappe ab Sai Kung in sengender Sonne entlang eines Stausees schenken wir uns zugunsten der anderen Etappen und lassen uns mit dem Taxi bis zum östlichen Damm bringen. Hier nimmt der MacLehose sofort Fahrt auf und es geht steil hinauf. Zwar fließt der Schweiß dabei in Strömen, die 26 Grad und der leichte Wind sorgen jedoch dafür, dass man bei einer Pause auch binnen Minuten wieder abtrocknet.

Im Nullkommanix kommt man mit der U-Bahn in die Wildnis.

Eine weitere Besonderheit ist die Beschaffenheit der Wanderwege. Wo immer möglich, sind sie maximal befestigt, manchmal sogar geteert. Und statt windiger Serpentinen bevorzugt der Chinese Treppen in der Direttissima. Diese Art von Wegebau mag während der Trockenheit stutzig machen, doch schaut man auf die Regenmengen, die so ein Taifun im Gepäck hat, weiß man, warum.

Wieder auf Meereshöhe passieren wir die bei Surfern beliebte Ortschaft Sai Wan Tsuen – Boardverleih und Surfschule inklusive. Nach einer kurzen Pause im Strandcafé nehmen wir die Beine noch mal in die Hand und wandern eine weitere Stunde über eine kleine Anhöhe zum Ham Tin Beach, den man sich so auch gut in Thailand oder auf den Phillippinen vorstellen könnte. Hier markiert ein in den Sand gerammter Pflock und ein verranztes Sanitärhäuschen den offiziellen Campingplatz.

Michael Neumann
Im Stadtteil Central hat uns die Zivilisation wieder – und wie! Zeltplatz voraus – am Ham Tin Beach werden Trekkingträume wahr.

Wir stellen unser Zelt exakt in die Mitte des Strandes an die Flutlinie, der Blick aus dem Zelteingang fällt Richtung Osten auf zwei kleine Inseln. Dort wird morgen die Sonne aufgehen. Kitsch as kitsch can. Selbst an einem kühlen Bier mangelt es nicht, ein kleiner Imbiss in einem Blechverschlag am Dschungelrand versorgt »gestrandete« Wanderer mit dem Nötigsten.

LIGHTSHOW DER EXTRAKLASSE

Von »unserem« Strand aus, den wir nur mit wenigen anderen Wanderern und einer Pfadfindergruppe teilen, fällt der Blick auch auf den imposanten Sharp Peak. Mit seiner Schroffheit, stolzen 468 Metern und einer ausgesetzten Aufstiegsspur über den Grat bietet er Stoff genug für eine aufregende Bergtour. Uns fehlt leider die Zeit (Anm. d. Red.: übliche Ausrede für zu wenig Kondition) für diesen Abstecher, doch der Berg kommt auf der To-do-Liste ganz nach oben.

Wir dagegen tauschen den Strand wieder gegen Dschungel und nehmen übers Landesinnere Kurs zurück Richtung Downtown. Einer guten Dramaturgie entsprechend, liegen die Highlights des MacLehose nach diesem phänomenalen Auftakt auf den nächsten Etappen eher in den Details. Erst bei Etappe fünf schüttelt der MacLehose wieder ein Ass aus dem Ärmel, führt doch der Trail über den schrof- fen Lions Rock maximal nah an das Häuser- und Lichtermeer Hong-kongs heran. Um das voll auszukosten, beschließen wir, die Etappe antizyklisch anzugehen. Statt im Frühtau zu Berge zu ziehen, starten wir gemütlich am Nachmittag und biwakieren am höchsten Punkt der Strecke. Die zahlreichen Instagramer, mit denen wir uns den Aussichtsfelsen zunächst noch teilen müssen, verschwinden nach Einbruch der Dunkelheit und schon um sieben haben wir die atemberaubende Aussicht ganz für uns allein.

Michael Neumann Im Stadtteil Central hat uns die Zivilisation wieder – und wie!

Direkt unter uns breiten sich die uniformen Wohnstangen Kowloons aus. Rechts lässt noch ein leichtes Glimmen den Fortlauf der formschön unter- gegangenen Sonne erahnen. Und voraus, auf Hong Kong Island, beginnt bald die erste Reihe Hochhäuser mit ihrem fabelhaften Lichterzauber, der »Symphony of Lights«. 13 Minuten lang setzen Lichterketten an den Hochhausfassaden, Laserstrahler und LED-Scheinwerfer die Fassaden in Flammen, den Soundtrack dazu kann man sich als App aufs Smartphone laden. Wow!

WANDERN HÄLT JUNG

Und falls sich jemand wundert, warum manche Hochhäuser hier handballfeldgroße Löcher haben, wo stattdessen doch gut und gerne 30 Wohneinheiten Platz gehabt hätten: Die sind dafür da, dass die Drachen aus den Bergen ungehindert zum Meer fliegen können. Sagenhaft!

Bevor wir uns nach dem Lichtzauber in die Rabatten schlagen, machen wir noch ein Foto für die Instagram-Gruppe #youdidnotsleepthere mit dem Zelt am Abgrund. Haben wir auch nicht, aber fünf Meter weiter … nennen wir es künstlerische Freiheit, okay?

Beim Abstieg am Morgen mit einem Sonnenaufgang zum Frühstück begegnen wir zahlreichen Rentnern, die fit wie ein Turnschuh den Lions Rock stürmen. Andere wiederum machen ihre Morgengymnastik an Reckstangen zwischen den Bäumen. Mit gespreizten Beinen, einen Fuß über Kopfhöhe, murmeln sie Gebete vor sich hin, andere vollführen Tai-Chi. Allen gemein ist, dass sie ein kleines Radio bei sich tragen, aus dem unablässig chinesische Schlager dudeln. Wie sagte doch unser Stadtführer am ersten Tag: Der Chinese ist nicht gern allein. Und wenn er schon allein sein muss, dann bitte mit lautstarker Untermalung, damit er sich nicht allein fühlt. Wir hingegen genießen auch auf den nächsten Etappen die Ruhe und erklimmen Peaks wie Needle Hill, Beacon Hill und den fast 1000 Meter hohen Tai Mo Shan.

Morgens Dschungel, abends Großstadt – ein einmaliger Mix.

Nach knapp 100 Kilometern, die man entweder als Tagestouren oder im Stile skandinavischer Weitwanderungen mit Zelt und Schlafsack machen kann, laufen wir in Tuen Mun begeistert durch das imaginäre Zielband. Nie im Leben hätten wir Hongkong ein solch forderndes Naturerlebnis zugetraut.

Wer fit ist, kann den MacLehose auch im Expresstempo machen. So wie die zahlreichen Trailrunner, denen wir begegnet sind. Doch auch die waren meist nur auf Teiletappen unterwegs. Nicht so die Teilnehmer des Oxfam Trailwalker. Als Viererteam hat man bei dieser Benefizveranstaltung 48 Stunden Zeit, um alle Etappen zu absolvieren. Den Rekord hält übrigens ein Team indischer Elitesoldaten mit zehn Stunden und 58 Minuten. Nicht schlecht für eine ausgewiesene Zehntageswanderung mit 4830 Höhenmetern, oder?

Text: Michael Neumann
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