Herstellerporträt: Source

Bei der israelischen Outdoorfirma Source sieht man sich gerne als Underdog, der die Goliaths der Branche mit ausgetüftelten Produkten übertrumpft.

Für den Erfolg dieser Taktik steht vor allem der Firmengründer Yoki Gill: ein sozial engagierter Vorzeige-Unternehmer, der in einer Jurte wohnt.

In der Source-Fabrik südlich von Haifa montieren Arbeiter mit russischen, jemenitischen oder äthiopischen Wurzeln in kollegialer Atmosphäre die Sandalen. Ebenso einträchtig sitzen sich die Frauen in der Näherei gegenüber: Jüdinnen, Araberinnen sowie Frauen drusischen Glaubens. Ein Arbeitsplatz indes ist leer. Er gehört einer Christin, die seit 26 Jahren bei Source arbeitet. Heute, an einem Sonntag, ist sie selbstverständlich zu Hause geblieben.

»Unsere Fabrik ist ein Mikrokosmos der israelischen Gesellschaft«, sagt Yoram Gill mit leiser Stimme. Der 57-jährige Gründer und Inhaber von Source, den alle hier »Yoki« nennen, wurde kürzlich von einem Wirt-schaftsverband in Israel als besonders verantwortungsvoller Unternehmer ausgezeichnet.

Yoki pflegt in seinem Betrieb einen Stil des gegenseitigen Respekts und Miteinanders. Sein Schreibtisch steht mitten in einem Großraumbüro, das er sich unter anderem mit Entwicklern teilt. An einer Wand in der Fabrik hängen Fotos von Weihnachtsfeiern, zu denen christliche Mitarbeiter ihre andersgläubigen Kollegen eingeladen haben. Yokis Credo als Unternehmer: »Man kann zwar Profit ohne Werte generieren – aber keine Werte ohne Profit.«

Fünf Prozent für die Gemeinde

Folglich stellt Yoki seinen Betrieb auch in den Dienst der Allgemeinheit. »Wir profitieren in vielerlei Hinsicht von der Kommune – also soll auch die Kommune von unserem Unternehmen profitieren«, sagt er. Fünf Prozent des Reingewinns spendet Source jedes Jahr an die Gemeinde Tirat Carmel, im vergangenen Jahr waren das umgerechnet rund 250 000 Euro. »Fünf Prozent des Gewinns sind für uns nicht existenziell, können im sozialen und ökologischen Bereich aber viel bewirken«, sagt Yoki. Die Stadt hat von den regelmäßigen Source-Spenden unter anderem einen Kindergarten, der zur Hälfte von Kindern aus sozial schwachen Familien besucht wird, renoviert und neu ausgestattet. »Früher wollten kaum wohlhabendere Eltern ihre Kinder dorthin schicken«, erinnert sich Yoki, »heute ist er der beliebteste Kindergarten der ganzen Stadt.«

Der Firmenname Source leitet sich vom hebräischen Wort Shoresh ab. Es bedeutet nicht nur Quelle, sondern auch Wurzel und Ursprung. Die Wurzeln von Source reichen zurück bis in die späten 80er-Jahre. Damals reiste Yoki mit seiner Frau Daniel durch die Welt. Fernöstliche Philosophie und japanische Arbeitsethik inspirierten sie dazu, ein eigenes, ein nachhaltiges Unternehmen zu gründen. »Uns ging es um die kleinen Hel- fer, die einem das Reisen und Vagabundieren angenehmer machen. Als Erstes nähten wir Geldgürtel«, erzählt Yoki. In ihrer damaligen Wohnung in Tel Aviv entstand an der Nähmaschine auch die erste Sandale. Sandalen mit dem patentierten X-Strap-Riemensystem sind bis heute im Outdoorbereich ein Kernprodukt von Source. Und bis heute trägt die Firma den Spirit der Anfangszeit im Namen: »Source Vagabond Systems«.

Die Goliaths aus den USA

1991 zogen US-Truppen mit neuartigen Trinksystemen der kalifornischen Firma CamelBak in den Golfkrieg. Zur gleichen Zeit tüftelte Yoki in seiner Werkstatt in einem Kibbuz an einer cleveren Alternative. Im Gegensatz zur kalifornischen Konkurrenz verwendete er für die Trinkblase nicht Polyurethan, sondern Polyethylen. »Unser Material ist so glatt wie Glas, sodass sich darauf kein Biofilm aus Bakterien oder Pilzen bilden kann«, erklärt Yoki den Unterschied. Außerdem erfand Source eine weite Öffnung (»Widepac«), die ein einfacheres Befüllen und Reinigen der Blasen erlaubt. Heutzutage macht Source 70 Prozent seines Umsatzes im Outdoorbereich mit Trinksystemen. Und auch die US-Marines sind mittlerweile auf »Hydration Systems« von Source umgestiegen.

»Ständige Innovation und unsere Mitarbeiter – das sind die beiden Säulen von Source«, sagt Yoki. Knapp 200 Menschen beschäftigt die Firma in Tirat Carmel. Hinzu kommen Hilfskräfte von einer benachbarten Behinderten-Tagesstätte. Das höchste Gehalt bei Source darf maximal das Fünffache des niedrigsten ausmachen. Die Geschäftsbücher liegen für alle offen.

Archiv Source Yoko Gill 1992 als junger Unternehmer in seiner Kibbuz-Werkstatt.

Wie der große Konkurrent bei Trinksystemen, so kommen auch die Sandalen- Goliaths aus den USA: Keen wird von Source wegen der eher geschlossenen Bauart nicht als Konkurrenz gesehen, vielmehr ist Source sogar Israel-Importeur für Keen-Sandalen. Bleiben die Kalifornier mit dem hebräischen Markennamen: »Teva« bedeu- tet Natur und ist in vielen Teilen der Welt zum Synonym für Outdoorsandalen geworden. Dagegen kämpft Source nicht mit der Steinschleuder, sondern mit Hightech und cleveren Details an. Wie etwa mit einer antibakteriellen Ausrüstung des Fußbetts, die Geruchsbildung hemmt. »Im Gegensatz zu silberhaltigen Technologien können Source-Fußbetten keine Allergien auslösen«, erklärt Jan Hänel, Schuheinkäufer bei Globetrotter Ausrüstung. Was Jan an Source außerdem schätzt: »Seit vielen Jahren beste Qualität, die hochwertigen Transporttaschen der Sandalen und natürlich der Produktionsstandort Israel, der im Vergleich zu Fernost für kürzere Lieferwege sorgt.«

Zu Besuch in der Jurte

Sonntagnachmittag an den westlichen Ausläufern des Karmelgebirges in der Provinz Haifa: Yoki und Daniel, die sich bei Source um die sozialen Projekte kümmert, empfangen uns in ihrer Jurte. Vor vier Jahren haben sie das mongolische Rundzelt in dem Künstlerdorf En Hod errichtet. »Es braucht nicht viel, um glücklich zu sein«, sagt Yoki auf dem Boden sitzend bei einer Tasse Kräutertee. Die Jurtenwände sind mit Hanfmatten gedämmt. Die Dusche funktioniert mit aufgefangenem Regenwasser, und die Toilette wird auf einen speziellen Komposthaufen geleert. »Wir Menschen sind die einzige Spezies, die in Trinkwasser pinkelt«, sagt Yoki. »Das ist doch verrückt, gerade in einem so trockenen Land wie Israel.«

Internet und Fernsehen gibt es in der Jurte nur der 19-jährigen Tochter zuliebe. Für sie und ihre künftige Familie hat Yoki etwas oberhalb am Hang nun auch ein Haus gebaut. »Es ist das ökologischste Haus von ganz Israel«, sagt er stolz. Die Wände bestehen aus Natursteinen vom eigenen Grund-stück sowie aus Holz, Ton, Lehm und Hanf. Einzig der gesetzlich vorgeschriebene Schutzbunker ist aus Beton gegossen.

Archiv Source Viel Handarbeit steckt auch in den Trinksystemen. Hier ist Source Weltmarktführer.

Alles so schön grün hier – aber eben auch olivgrün. Die Militärsparte von Source mag nicht so recht ins friedliche Bild der Firma passen. Doch in Israel ist die Armee ein normaler Bestandteil des täglichen Lebens und der Lebensgeschichten. Auch Yoki hat seinen Militärdienst geleistet und sieht es pragmatisch: »Es wäre naiv zu glauben, dass es keine Konflikte gibt. Wir von Source produzieren Ausrüstung für Menschen, die sich draußen bewegen. Dazu zählen neben Sportlern, Jägern oder Anglern eben auch Soldaten.« Übrigens rüsten auch deutsche Hersteller für Rucksäcke oder Wanderstiefel die Bundeswehr und Polizeikräfte aus.

Solarzellen für alle

Yoki Gill, der Tüftler und Autodidakt. Bald feiert seine Firma 30-jähriges Bestehen. Während CamelBak Finanzinvestoren gehört und Teva einem Konsortium, ist Source noch in Privatbesitz und strebt weiter nach dem Ideal eines »Business with Values«. Auf den Fabrikhallen von Source ließ Yoki Solarzellen installieren. Den überschüssigen Strom verkauft die Firma ins Netz. Davon profitieren auch private Kleininvestoren, die sich an dem Solarprojekt beteiligten. »Die Sonne gehört allen, die Subventionen für Solarstrom stammen von allen Steuerzahlern – dann soll auch die Rendite allen gehören«, findet Yoki. Er zog sogar bis vors oberste israelische Gericht, um eine gesetzliche Pflicht für Solaranlagen auf öffentlichen Gebäuden zu erstreiten. Das Urteil? Nun ja – auch König David kann nicht immer gewinnen.


Text: Ingo Wilhelm