Herstellerporträt: Sea to Summit

Wer sich die Produktdesigns von Sea to Summit anschaut, entdeckt darin viel Liebe zum Detail. Ein Firmenbesuch in Australien.

Was ist das für eine Firma, deren Produktsortiment von Outdoor-Shampoo über Kochgeschirr und wasserdichte Packsäcke bis hin zu Schlafmatten reicht? Die Spurensuche führt nach Australien. Genauer nach Perth an der australischen Westküste. Hier befindet sich der Sitz von Sea to Summit.

Schon der Ort ist anders. Perth gilt als eine der isoliertesten Millionenstädte der Erde, die nächste Großstadt ist über 2000 Kilometer entfernt. Bereits ein paar Kilometer außerhalb werden die Straßen einspurig und die Zivilisation wird dünner und dünner. Man findet dort draußen wilde Küstenabschnitte, unerforschte Höhlen, Kletterfelsen und weiter im Outback natürlich endlose Buschlandschaften und Wüste – für Leute mit einem starken Erlebnisdrang bedeutet das unbegrenzte Möglichkeiten. Roland Tyson ist so jemand. Der Gründer von Sea to Summit blickt auf eine eindrucksvolle Abenteuerkarriere zurück. Neben zahlreichen Höhlen- und Klettertrips in jungen Jahren gelang ihm unter anderem die erste Überquerung des Himalaja auf Ski. Auch mit dem Design von Ausrüstung beschäftigte er sich früh. Bereits während der Highschool schneiderte Roland auf einer alten Industrienähmaschine Beutel und Taschen für die örtlichen Outdoorshops. 1990 schloss er sich mit Tim Macartney-Snape zusammen. Der australische Extrembergsteiger hatte gerade den Mount Everest bestiegen – und war dafür auf Meereshöhe am Golf von Bengalen gestartet. Der Expeditionsname »Sea to Summit« wurde gleich als Firmenbezeichnung übernommen. Weitere Teilhaber waren Rolands Partnerin Penny Sanderson und seine Mutter June. Inzwischen hat sich Tim aus der Firma zurückgezogen und auch die über 90-jährige June genießt ihren Ruhestand.

Sea To Summit Das Outback direkt vor der Tür eignet sich perfekt für ausführliche Produkttests.

Paddler, Biker oder Surfer

Nicht nur der Chef von Sea to Summit hat das Abenteuer-Gen. Wer die Firmenzentrale in einem Industriegebiet in der Nähe des Swan River in Perth besucht, findet dort ein international gemischtes Team mit Erfahrung in den unterschiedlichsten Outdoor-Disziplinen. Der Südafrikaner Tom etwa gehört zum Designteam und ist früher gegen die weltbesten Surfskipaddler angetreten. Als seine Frau ein Stellenangebot in Perth bekam, beschloss er mitzugehen – nicht zuallererst wegen des Jobs, erzählt er und grinst: »Eher weil die rauen Winde hier an der australischen Westküste perfekte Trainingsbedingungen bieten.« Ryan aus dem Vertrieb hat es aus den USA nach Westaustralien verschlagen. Gerade ist er von einem Solo-Bikepacking-Trip auf dem Munda Biddi zurück, einem 100 Kilometer langen Offroadtrail, der von Perth in den Süden führt. Und die Marketingchefin Nathalie wiederum stammt vom Bodensee. Sie ist in Perth wegen der guten Wind- und Kitesurfmöglichkeiten hängen geblieben.

Ob nun Müslischalen oder Isomatten – allen Sea-to-Summit-Produkte gemein ist ihr funktionelles Design. »Unser Interesse gilt Produkten, von denen wir glauben, dass es sie so noch nicht gibt«, sagt Roland. Ein Beispiel dafür sind die Trockensäcke – im ersten Augenschein ein Produkt, das es schon immer gibt. Früher gab es aber nur ultrarobuste Ausführungen, die man im Kanu oder auf dem Autodach transportierte. Erst Sea to Summit hat die ultraleichten Trockensäcke aus Nylon entworfen, die man als wasserdichte Stausäcke im Rucksack verwenden kann.

Warum die Firma so viele unterschiedliche Produkte fertigt, erklärt sich Roland so: »Wir hatten nie eine Vision, wohin die Firma gehen soll. Es gab einfach immer eine neue Idee, der wir gefolgt sind.« Eventuell mal etwas zu entwickeln, um einfach nur einen weiteren Produktbereich abzudecken, ist nicht der Stil der Australier. So produziert Sea to Summit zum Beispiel Schlafsäcke und Matten – aber keine Zelte. »Wir finden einfach nicht, dass wir dazu gerade etwas Neues beitragen können,« erklärt Roland. Er schließt aber nicht aus, dass es irgendwann mal Zelte geben könnte, wenn die richtige Idee dazu kommt.

Julian Rohn Viel Teamwork: Roland Tyson (links) diskutiert einen Entwurf mit Designer PJ.

Anregungen für neue Produkte oder auch einfach Verbesserungen werden ständig dis- kutiert. Das Unternehmen pflegt eine ausgesprochene Feedbackkultur. Ideen kommen oft auch von Kunden oder Händlern. Das Designteam führt eine Liste mit über 100 Produktideen, die je nach Dringlichkeit und Machbarkeit abgearbeitet wird. Ein Wunsch, der zum Beispiel von Globetrotter kam war, die Doppelmatratze Comfort Deluxe mit einer Eckaussparung zu versehen, sodass sie besser auf die Liegefläche von VW-Bussen passt. Gesagt, getan – ab diesem Frühjahr gibt es die Matte mit Aussparung.

»Es gab einfach immer eine neue Idee, der wir gefolgt sind.«

Brainstorming in Perth

Im Großraumbüro, das in Perth die komplette dritte Etage des Firmengebäudes einnimmt, bildet das sechsköpfige Designteam das Herz der Firma. Auch der Chef Roland sitzt mittendrin: »Ich hatte noch nie ein eigenes Büro, denn so bekommt man einfach mehr mit. Bei uns hat jeder seine Schwerpunkte, aber letztendlich diskutieren wir viel im Team und jeder wirft seine Ideen mit in den Raum.«

Wie interdisziplinär das Team arbeitet, wird beim Designer PJ deutlich. PJ stammt ursprünglich aus Indien und kennt Roland schon aus Teenagerzeiten. Zusammen haben sie diverse Skitrips im Himalaja hinter sich. PJ ist nicht nur Vater der X-Serie, einer auch bei Globetrotter-Kunden sehr beliebten Serie von faltbaren Müslischüsseln, Tellern und Tassen, er hat nebenbei als gelernter Architekt das neue Firmengebäude entworfen. Auch die anderen Designer kümmern sich nicht nur um einzelne Produkte. Sie entwerfen zusätzlich die entsprechenden Verpackungen und die Verkaufsständer, auf denen die Produkte bei Globetrotter im Laden hängen. »Auf den Verpackungen und den Displays erklären wir noch mal explizit die Eigenschaften, die beispielsweise eine Schlafmatte von uns mitbringt«, sagt PJ.

Sea to Summit Sea to Summit hat sogar den Trockensack noch mal neu erfunden.

Produktion in China

Während in Australien der kreative Kopf der Firma arbeitet, sind die Produktion und Materialbeschaffung seit ein paar Jahren nach Südchina ausgelagert. Um nicht mit anonymen Zulieferern zusammenarbeiten zu müssen, gibt es dort eine eigene »Sea to Summit«-Niederlassung, die über einen großen Videobildschirm ständig mit Perth verbunden ist. Praktischerweise liegt Zhongshan (nicht weit von Hongkong) nämlich in der gleichen Zeitzone. Dadurch ist auch die Fertigung von Prototypen ohne große Wartezeiten möglich.

Und neue Ideen für Protoypen kommen ständig, denn gefühlt ist immer einer der Mitarbeiter gerade irgendwo draußen unterwegs. Der Firma gehören mehrere Allradfahrzeuge, die fertig ausgestattet mit Frischwassertanks und Solarzellen für einen Campingtrip bereitstehen und von allen genutzt werden dürfen. Der Chef Roland geht da mit gutem Beispiel voran. Derzeit gilt das Interesse des 51-Jährigen der wilden Kimberley-Region im Nordwesten. Was sich in seinen Erzählungen wie ein völlig normaler Wochenendtrip anhört, ist in Wirklichkeit eine kleine Expeditionen. Per Boot, Amphibienfahrzeug und Geländewagen arbeitet er sich zum Ausgangspunkt vor, um von dort ausgedehnte Bushwalks zu unternehmen. Seine Mitarbeiter wundern sich nicht mehr, wenn sich der Chef dann per Sat-Phone meldet und Ersatzteile für den Geländewagen bestellt, die ins Outback geflogen werden müssen, damit er es wieder nach Hause schafft. Schließlich bringt er oft eine Idee für ein Detail mit zurück, das man noch ausprobieren könnte – zum Beispiel die X-Serie mit einem hitzebeständigen Metallboden zu platzsparenden Kochtöpfen weiterzuentwickeln.

» Eine Millionenstadt, drumherum nur Meer und Wildnis – gibt es einen besseren Standort für eine pfiffige Firma?«

GM-Redakteur Julian Rohn (34) besuchte Sea to Summit in Perth.
Text: Julian Rohn
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