Herstellerporträt: Primus

Made in Europe – Seit 125 Jahren. Zum Jubiläum der Kocherschmiede Primus besuchte das Globetrotter Magazin das Headquarter in Stockholm sowie die Fabrik in Estland. Zurückgekommen sind wir mit 12,5 Erkenntnissen.

Zwei Tage waren wir mit Primus unterwegs – und haben nur nette Menschen getroffen. Ehrlich jetzt. Zum Beispiel den Chefentwickler Eric Svartström. Dabei haben wir folgene Erkenntnisse gesammelt:

Nr. 1: Entwickler sind Freaks


Erics Reich ist der Keller des Firmenhauptquartiers im Stockholmer Industrievorort Solna – die »Entwicklungsabteilung«. Und was da alles rumsteht! Teils hundert Jahre alte Bohrer, Pressen oder Stanzmaschinen aus einer ehemaligen Primus-Fabrik. Bleche und Stahlrohre in allerlei Stärken. Dutzende Messgeräte und selbst angefertigte Werkzeuge. Ist das da hinten eure Keller-Sauna? »Nein, das ist unsere Kältekammer«, antwortet Eric, ohne eine Miene zu verziehen. »Da testen wir bei bis zu minus 39 Grad, ob Plastikteile brechen oder Schrauben sich festsetzen.« Cool.

2: Primus hat Tradition

Seit 1892 stellt Primus Kocher her. Zunächst rußfreie Petroleumbrenner für Marktfrauen. Später auch Gas- und Multifuel-Kocher für Outdoorer und Expeditionen. Bis zu 700 Arbeiter löteten und schraubten zunächst in einer Fabrik auf einer Insel mitten in Stockholm. Später zog die Produktion aufs Land. 1995 dann nach Estland. Dazu gleich mehr. Auch der neue Primus-Bestseller hat eine Vorgeschichte. Eric zeigt den Kocher aus dem Jahr 1972, der ihn zum neuen Zweiflammen-Kocher Onja inspiriert hat. Designmäßig waren die Schweden ja schon in den Siebzigern weit vorne. Und so ist der Onja mit seiner Holzplatte und dem Umhängegurt ein richtiges Schmuckstück geworden.

3: Primus hat Familie

Drei Stockwerke über dem Entwicklungskeller befindet sich das Primus-Großraumbüro. Also Geschäftsführung, Vertrieb und so weiter. Die neue Marketingchefin Karin Zgraggen, eine Schweizerin, hat heute Geburtstag und Kuchen mitgebracht. Auch Kollegen von Fjällräven und Tierra bekommen ein Stück ab. Mit ihnen teilen sich die Primaner die Büroetage. Fjällräven und Tierra gehören wie Primus – und seit 2015 auch Globetrotter – zum schwedischen Konzern Fenix Outdoor. »Konzern« klingt so zahlengetrieben und manschettenknöpfig. Aber Fenix ist in Familienbesitz. Und familiär ist auch die Atmosphäre im Primus-Headquarter. Jeder grüßt lächelnd mit einem »Hej«. Es ist dasselbe fröhliche Hej, das einem immer auf schwedischen Wanderwegen begegnet.

Häkan Wilke Fabrikleiter Mikael Cederholm (rechts) und CEO Lars-Ola Brolinson.

4: Primus ist »made in Europe«

»Wir sind einer der ganz wenigen Hersteller von Outdoorkochern, die in Europa produzieren«, sagt CEO Lars-Ola Brolinson. 1995 verlagerte Primus die Produktion von Schweden ins Baltikum. Seit 1999 steht in Tartu, der zweitgrößten Stadt Estlands, eine eigene Primus-Fabrik.

So, so, osteuropäische Billiglöhne … »Wir bezahlen unseren Arbeiterinnen deutlich mehr als den gesetzlichen Mindestlohn«, erwidert Lars-Ola. Warum seid ihr dann nicht gleich nach China gegangen? Wie so viele andere Hersteller von Outdoorprodukten? »Wenn man alle Kosten in Betracht zieht, ist Estland für uns die günstigste Lösung«, sagt Lars-Ola. »Eine eigene, nur wenige Flugstunden entfernte Fabrik kann kurzfristig Änderungen umsetzen oder auch mal Modelle in kleinen Stückzahlen produzieren. Außerdem gibt es in Estland sehr gute Arbeitskräfte für manuelle Präzisionsarbeit, die unsere hohen Fertigungsstandards umsetzen können.«

Ganz ohne Asien geht’s aber auch bei Primus nicht. Zwei weniger technische Kochermodelle werden in China gefertigt. Und die rund 1000 Komponenten für Kocher und Lampen kommen ebenfalls aus Fernost in die estnische Fabrik.

»Das eigene Werk und die kurzen Wege ermöglichen Primus ein schnelles Reagieren auf Kundenwünsche.«

Globetrotter-Einkäufer Carl Jahn (39)

5: Primus zeigt Flagge

Wir sind in Estlands Hauptstadt Tallinn gelandet und fahren zweieinhalb Stunden nach Tartu weiter. Kurz vor der 100 000-Einwohner-Stadt steht eine 1200 Quadratmeter große Halle, die in den schwedischen Farben blau-gelb gestrichen ist. Könnte eine Ikea-Filiale sein, ist aber die Primus-Fabrik.

6: Der Fabrikchef ist eine Wucht

Als 16-Jähriger hat Mikael Cederholm in der Primus-Fabrik, damals noch in Schweden, als Lehrling angefangen. Heute ist er 54, seit 14 Jahren Produktionschef in Estland – und er wirkt wie ein moderner Hägar: kampferprobt, durchsetzungsstark und einfach zum Knuddeln. Was ihm in Estland fehlt? »Eigentlich nur ein Golfplatz in der Nähe«, sagt Mikael und lacht.

7: Primus schätzt Frauen

»Bei uns arbeiten nur Frauen«, stellt Mikael klar. »Männliche Arbeiter bringen zu viel Unruhe, weil sie meinen, alles besser zu wissen.« Nun, das lassen wir jetzt einfach mal so stehen … Je nach Auftragslage arbeiten zwischen 20 und 30 Frauen in der Fabrik. Die meisten kommen seit vielen Jahren.

Häkan Wilke »Es ist eine gute Arbeit.« Merle Kangur montiert seit 18 Jahren bei Primus in Estland.

8: Primus ist Feinarbeit

Die meisten Bauteile stammen aus Fernost. Aber das Bohren von superfeinen Löchern machen sie im Primus-Werk lieber selbst. Es geht um die Öffnung in der Kocherdüse. 0,37 Millimeter dünn ist der Bohrer einer Schweizer Werkzeugfirma. Die Kontrolle erfolgt dann unterm Mikroskop.

9: Qualität wird großgeschrieben

Qualitätskontrolle spielt bei Primus eine riesengroße Rolle. Klar, wenn man sein Geld mit Gas und offenem Feuer verdient … »Wir verkaufen unsere Produkte in mehr als 50 Länder«, sagt CEO Lars-Ola. »Überall sind andere Gesetze und Auflagen zu erfüllen.« Besonders streng seien die Japaner. Ein US-amerikanischer Mitbewerber von Primus verkauft deshalb überhaupt keine Gaskocher in Nippon. »Unser Ansatz ist eher: Wenn wir es in Japan schaffen, schaffen wir’s überall«, sagt Lars-Ola. Beispiel Piezo-Zünder: »Nach japanischer Vorschrift darf er höchstens bei zwei von zehn Zündungen versagen. Aber nie zweimal hintereinander«, erklärt Mikael. Diese strenge Vorschrift haben sie sich in der Primus-Fabrik zur allgemeinen Regel gemacht.

10: Primus hält dicht

Die Kocherventile gehen baden, oder besser gesagt schnorcheln. Eine Arbeiterin taucht sie in ein Becken und verpasst ihnen 7,5 Bar Druckluft. Steigen Blasen auf, wird das Ventil aussortiert. »Das ist ein 100-Prozent-Test«, sagt Mikael. Nicht nur Stichproben, sondern jedes einzelne Ventil muss ihn durchlaufen.

11: Primus brennt

Auch der Brenntest ist ein 100-Prozent-Test. Jeder Kocher muss am Ende der Montage zeigen, was er draufhat, nämlich eine schöne bläuliche Flamme. »Durch den Brenntest können die Kocher schon im Neuzustand leichte Gebrauchsspuren aufweisen«, erklärt Mikael. »Diese Gebrauchsspuren sind also kein Reklamationsgrund, sondern ein Qualitätsmerkmal.«

12: Primus kocht groß auf

Die Schweden gliedern ihre Kocher in drei Einsatzbereiche: Expedition (besonders zuverlässig und leicht), Trekking (effizient, benutzerfreundlich) und Campfire (praktisch, komfortabel). Gerade die Campfire-Linie hat in den vergangenen Jahren stark zugelegt. CEO Lars-Ola: »Immer mehr Menschen entdecken die Lust am Kochen in der Natur. Sie bereiten immer raffiniertere und aufwändigere Speisen zu. Der Kocher ist dabei ein Teil des Vergnügens – wie etwa unser Zweiflammenmodell Onja.«

12,5: Und wie schmeckt’s?

Das entscheidet sich nicht im Headquarter und auch nicht in der Fabrik. Sondern das zeigt sich erst beim Kochen in der Natur. Eine ideale Gelegenheit zum Ausprobieren und Verkosten sind die Primus-Kochshows auf der GlobeBoot. Hier kannst du selbst draußen kochen und genießen.

Häkan Wilke Revival eines Klassikers: der Onja (links) und sein Vorfahre aus den Siebzigern.



Text: Ingo Wilhelm
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