Herstellerporträt: Hilleberg

Viele Outdoorer sagen, das beste Zelt der Welt kommt von Hilleberg. Kein Wunder, bauen die Schweden doch seit 47 Jahren Zelte – und zwar ausschließlich.

Oh Lord, won’t you buy me …«, bettelt Janis Joplin 1970 in ihrem Song »Mercedes Benz« den Allmächtigen an, ihr ein unerschwingliches Spielzeug von höchster Begehrlichkeit zu spendieren. Ob göttliche Eingebung, irdischer Erfindergeist oder höllischer Zorn auf die mangelhaften Zelte der damaligen Zeit – ein Jahr nach Janis’ Hit legt ein nordschwedischer Forstarbeiter den Grundstein für eine Marke, deren Produkte auch heute noch heftigste Haben-wollen- Gelüste bei abenteuerlustigen Outdoorern auslösen. Der Name dieses Mannes ist Bo Hilleberg, den Freunde »Bosse« und viele den »Zelt-Papst« nennen.

Nicht wenige etablierte Outdoor-Firmen sind aus Unzufriedenheit über bestehende Produktlösungen entstanden, so auch Hilleberg. Hätte Bo sich damals, Ende der 60er-Jahre, auf seinen wochenlangen Solotouren in der Wildnis des Sarek-Nationalparks nicht so maßlos über sein Zelt geärgert, dann gäbe es die grünen, roten und sandfarbenen Tunnel-, Kuppel- und Geodät-Modelle aus dem jämtländischen Frösön heute vermutlich nicht. Und wir könnten auf dem patagonischen Inlandeis oder den nordschwedischen Fjälls nicht so beruhigt in unsere Schlafsäcke kriechen, wenn Mutter Natur draußen mit Sturm, Schnee oder Regen mal wieder zeigt, wer die Chefin im Ring ist.

Hillebergs Idee ist ebenso simpel wie revolutionär: »Ich wollte nicht nur ein starkes Zelt, das dem Wetter dieser rauen Region standhalten würde, sondern auch eines, dessen Innenzelt beim Aufbau im Regen nicht nass wird.« Klingt logisch, oder? Nach einiger Entwicklungsarbeit steht ein Firstzelt, in dem das Innenzelt bereits eingeknüpft ist. »Keb« tauft Bo sein erstes Zelt, als Abkürzung für den höchsten Berg Schwedens, den Kebnekaise.

Archiv Hilleberg Familienbande: Papa Bo, Tochter Petra, Mama Renate und Sohn Rolf bilden bis heute den Vorstand der Hilleberg Group.

GNADENLOS KOMPROMISSLOS

Die Hilleberg AB – Bos frisch gegründete Firma – ist eigentlich auf Forstmaschinen spezialisiert. Doch Herz und Überzeugung sagen ihm, er solle alles auf die Zelt-Karte setzen. Seine Frau Renate, die er 1971 im Skiurlaub in Südtirol kennengelernt und bereits ein Jahr später mit Ehering am Finger nach Schweden »importiert« hat, näht die Zelte, Bo entwickelt und verkauft. Bis vor zehn Jahren wandelte Renate die Ideen ihres Mannes an der Nähmaschine in Prototypen um.

Im Jahr 2018 ist der 1971 gegründete Betrieb entgegen jeder Marktentwicklung immer noch fest in Familienhand. Aus dem ersten »Keb« sind inzwischen 40 Zeltmodelle in verschiedenen Farbvarianten und viele weitere nützliche »Unterschlupf-Produkte« entstanden. Was hat sich noch verändert in 47 Jahren Firmengeschichte? Anfang 2016 hat Tochter Petra die Position des CEO der Hilleberg Group von ihrem Vater übernommen. Sie trägt damit die operative Verantwortung für die Zentrale in Frösön, die Produktionsstätte in Estland und das Tochterunternehmen Hilleberg Inc. in Seattle, wo Petra mit ihrer Familie lebt. »Als ich zwölf Jahre alt war, habe ich meinen Eltern gesagt, dass ich unsere Zelte in den USA verkaufen möchte«, erzählt sie. Direkt nach dem Studium baut Petra dann tatsächlich den Nordamerika-Vertrieb der Firma auf. »Irgendwann wollte mein Vater weniger arbeiten. Es war eine natürliche Entwicklung, dass ich seine Position übernehme – obwohl meine Eltern niemals Druck auf mich und meinen Bruder ausgeübt haben, in der Firma mitzuarbeiten.«

Von seiner größten Leidenschaft konnte sich Papa Bo aber auch mit 77 Jahren noch nicht trennen: Er ist – neben dem Aufsichtsratsvorsitz – immer noch Chef der Produktentwicklung, und das ist auch gut so. Denn neben begnadetem Know-how in puncto Zeltkonstruktionen ist es vor allem die Kompromisslosigkeit bei Qualität und Funktion, die dank Bos Handschrift Hilleberg-Produkten einen legendären Ruf beschert hat. »Von Beginn an haben wir uns darauf fokussiert, die bestmöglichen Zelte zu bauen – und zwar nur Zelte. Nichts und niemand lenkt uns davon ab«, sagt Petra Hilleberg stolz.

Nach 47 Jahren in Familienbesitz machen wir noch immer nichts als Zelte – made in Europe und mit dem höchsten Qualitätsanspruch!

Petra Hilleberg ist seit 2016 CEO der Hilleberg Group.

QUALITÄT HAT IHREN PREIS

Beim Material ist für Bo & Co. das Beste gerade gut genug. Kerlon etwa, das hauseigene Außenzeltgewebe, ist die wohl robusteste Ripstop-Nylonhaut der gesamten Branche. Es ist dreifach mit reinem Silikon beschichtet, seine Weiterreißfestigkeit ist legendär. Hillebergs Exportmanager machte sich einmal den Scherz und verteilte auf einer Schulung für Fachhändler Stoffstücke – einmal handelsübliches Zeltgewebe und einmal Kerlon 1800. Seine Aufforderung: »Wer das Kerlon zerreißt, bekommt ein Zelt seiner Wahl von mir geschenkt.« Siegessicher legten die Verkäufer los. Den normalen Zeltstoff zerfetzten sie in Sekunden, nur das verdammte Kerlon 1800 machte einfach keine Anstalten, zu reißen. Schlussendlich gingen sie ohne Gratiszelt, aber mit einer sehr beeindruckenden Erfahrung im Gepäck nach Hause.

Weiter gehören zu jedem Hilleberg-Zelt feinste Featherlight-Aluminiumgestänge von Marktführer DAC, leichtgängige, aber robuste Reißverschlüsse, zuverlässige Zeltleinen und zahllose weitere clevere Detaillösungen, die zu Komfort und Sicherheit beitragen.

Aber kommen alle Ideen nur vom Boss(e)? Mitnichten. Mehrmals im Jahr verschwindet die gesamte Mannschaft im nordschwedischen Outback, um über neue Lösungsansätze und potenzielle Verbesserungen zu diskutieren und philosophieren. Bei einem solchen Betriebsausflug ist vor vielen Jahren auch die Idee für die GT-Modelle mit vergrößerter Apside zum Kochen und Lagern entstanden – ausgebrütet vom ehemaligen Globetrotter Geschäftsführer Thomas Lipke und Bo Hilleberg. Wofür das GT im Namen dieser Raumwunder steht? Na, für Globetrotter natürlich!

Beste Materialien, extrem lange Testphasen, Fokus auf Detaillösungen – das alles schlägt sich im Preis nieder. Manch einer sagt den Produkten der schwedischen Edelmarke gar Unbezahlbarkeit nach. Immerhin legen Kunden durchschnittlich zwischen 1000 und 1500 Euro für ein Hilleberg auf den Kassentisch. Doch ein Großteil davon ist nicht die Marge, sondern schlicht der Waren- und Entwicklungseinsatz für überragende Qualität. Jeder Unternehmensberater würde sicher umgehend an Material-, Produktions- und Personalkosten sparen, um damit Umsatz und Profit anzukurbeln. Aber Petra Hilleberg winkt ab: »Wir lassen uns bei unserem Ziel, die bestmöglichen Zelte zu bauen, auf keine Kompromisse ein.«

HILLEBERGS HEILIGE HALLEN

Auch die Fertigung erfolgt nicht irgendwo am anderen Ende der Welt. Bis in die 90er-Jahre hinein war die Produktion am Stammsitz in Frösön. Doch die hohen Lohnkosten in Schweden zwangen zum Handeln, sonst wären die Zelte für Kunden tatsächlich unerschwinglich geworden – oder die Firma pleite-gegangen. So eröffnete Hilleberg 1997 seinen eigenen Produktionsbetrieb in Estland, mit Arbeitsbedingungen, die den Werten der Familie verpflichtet sind. Das Resultat: Acht der zehn bei der Fabrikgründung angestellten Mitarbeiter feierten 2017 gemeinsam mit Hilleberg ihr 20-jähriges Jubiläum in Estland. Die Spezialität der überwiegend weiblichen Näherinnen: die sogenannte doppelte Kappnaht. Dabei werden vier Gewebelagen miteinander vernäht. Da silikonbeschichtete Stoffe nicht per Tape an den Nähten versiegelt werden können, müssen die Verbindungen zuverlässig fest und wasserdicht verarbeitet werden. Spezielle Nähmaschinen arbeiten mit Kühldüsen an den Nadeln, damit die Einstichlöcher maximal klein sind.

Zum Schluss kommt die Qualitätskontrolle: Jedes Zelt, das die Fabrik verlässt, wird auf- gebaut und penibel überprüft. Einige ältere Mitarbeiter haben das schon bei über 65.000 Zelten gemacht. »Mit unserer eigenen Fabrik in Estland, nur wenige Stunden von unserer Zeltentwicklung entfernt, und der wilden Natur direkt vor der Haustür können wir das ganze Jahr über unter realistischen Bedingungen testen und bei Bedarf Anpassungen vornehmen«, erklärt Petra. Und Papa Bo? Von Ruhestand will der noch nichts wissen: »Warum sollte ich jetzt aufhören? Ich liebe meinen Job – außerdem macht es mir Freude, mit jungen, motivierten Leuten zu arbeiten.« Die Alten, so sagt er, »tendieren immer dazu, in Erinnerungen zu schwelgen und nur über die Vergangenheit zu sprechen«. Er wolle lieber nach vorne schauen, in die Zukunft, das sei spannender.

Text: Moritz Becher
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