Herrenpartie im Zillertal

Eine Ode an die Freundschaft am Berg, das Hüttenleben in luftigen Höhen und die Umrundung der Reichenspitze im Zillertal.

Wie lange haben wir uns nicht gesehen?! Kann doch nicht wahr sein! So geht es immer öfter, wenn man über 50 ist. Mit Bernd Ritschel und mir ist es genauso, das Besondere aber ist, was dann kommt. Wir reden uns alles von der Seele, wirklich alles, und zwar sofort. Er ist ein Freund, wie man im Lebe­­n nur wenige findet, aber gern mehr hätte. Dabe­i habe­­n wir nie wirklich viel gemeinsam unter­nommen. Einmal ein Buch zusammen gemacht, einmal eine grandiose Mountainbiketour, das war es eigentlich schon. Aber wir kennen uns über 20 Jahre. Irgendwie reicht das.

Meistens sehen wir uns zufällig auf irgendwelchen Veranstaltungen, die man besucht, wenn man berufli­ch in der Outdoorszene unterwegs ist. Dann klappen wir die Psycho-Couch auf (egal wo wir gerad­­e stehen) und los geht’s. Diesmal ist die Umgebung viel schöner, wir haben uns drei Tage im Ziller­tal genommen, es war Bernds Idee, Rundtour um die Reichenspitze, 3303 Meter hoch. Ist mir egal, wie der Berg heißt, ich freue mich auf die Auszeit und einen Männerfreund, der keine Herrenwitze erzählt. Bernd hat alles geplant, wird schon stimmen. Wir steigen vom Zillergründl-Speichersee hinauf in Richtung Plauener Hütte. Reden uns durch Be­ziehungskrisen (überstanden), Rückenschmerzen (immer wieder) und Pläne der fast erwachsenen Kinder (müssen sie selbst wissen). Es gibt eigentlich niemanden, vor dem ich so wenig Geheimnisse habe wie vor good old Bernd.


Malte Roeper & Bernd Ritschel

Malte (im Bild links) kletterte in jungen Jahren solo durch die Eiger-­Nordwand. Heute dreht der Autor zahlreicher Bücher Bergfilme für ServusTV und den Bayerischen Rundfunk. Bernd ist einer der renommiertesten Bergfotografen Europas und lebt mit seiner Familie in Kochel am See in Oberbayern.


Von Hütte zu Hütte

Dazu dieser erhabene Blick hinab über all die Almrose­­n zum See und die Berge gegenüber: Der Alltag ist jetzt ganz weit weg. Mit jeder Kehre kommen wir näher zu uns selbst. Klingt doof, ist aber so. Und alles Schwierige, was man einander anvertraut, ist leichter, wenn man es teilt. Klingt auch nicht besonders schlau, stimmt aber ebenfalls. Und es ist ja nicht so, dass wir uns ständig eine Hitparade von Tiefschlägen anvertrauen, es gibt auch immer viel zu lachen. In zweieinhalb Stunden bummeln wir die 500 Höhenmeter von der Staumauer hinauf zur Plauener Hütte auf gut 2300 Meter.

Der Wind frischt auf und treibt uns trotz bester Aussicht eilig hinein, drinnen in der Gaststube ist es heimelig warm. Die Menschen reden tatsächlich miteinander, statt am Smartphone zu daddeln. Erst als die Sonne spektakulär rot in die Wolken sinkt, kommen die »Wischkastln« zum Einsatz. Jetzt wird natür­lich wieder fotografiert und gefilmt, na gut, möchte man sagen, ist okay, die roten Wolken da draußen sind schon schön.

Bei unserer Wanderung profitieren wir von einer Infrastruktur, die weltweit ihresgleichen sucht: bewirtschaftete Berghütten an allen möglichen und unmöglichen Standorten alpenweit. Und das kam so … Nach Gründung des Deutschen Alpenvereins anno 1869 begannen die einzelnen Sektionen alias Ortsgruppen, die Berge mit Hütten zu erschließen. Nicht um Geld zu verdienen, sondern damit man von diesen Stützpunkten aus bergsteigen konnte. Auch radikal gebietsferne Sektionen wie Wilhelms­haven oder eben Plauen im Vogtland bauten voller Stolz. Auch wenn manche Häuser längst einen Komfort wie gute Hotels bieten, bestimmt diese Grundidee von Gemeinwohl noch immer das Selbstverständnis der DAV-Hütten. Daher haben viele auch separate Winterräume, in denen Skitourengeher Quartier finden.

Bernd fand – wie sollte es anders sein – über die Liebe zum Bergsteigen zu seinem Beruf. Er ging auf Expedition damals in den 1980ern, irgendjemand musste die Fotos für die Sponsoren machen. Widerwillig kaufte er sich eine Kamera, das Objektiv ging kaputt, ein Freund lieh dem heute erfolgreichsten deutschen Bergfotografen Geld für ein neues. The rest is histor­y, hier aber die Kurzfassung: Die Vorträge über die Expedition liefen erfolgreich, er machte noch die Lehre als Schlosser zu Ende, investierte aber jeden Pfennig in Fotoausrüstung und jede Minute ins Foto­grafieren. 1989 das erste große Werbeshooting, gleichzeitig erschien sein Bildband »Berge im Licht«. Seitdem kann er sich die Arbeit aussuchen, steht aber immer noch gefühlt so früh auf wie ein Bäcker, denn Morgenlicht ist die Droge aller Naturfoto­grafen. »Sonnenaufgang auf der Zillerplatten­scharte, das MUSST du gesehen haben!«, beschwört er mich, »Aufbruch zwei Stunden vor Tagesanbruch, mindesten­­s!«

So schön wie das Yosemite Valley

Okay, kann man schon mal machen, wenn es ein guter Freund verlangt. Aber ach, es gibt natürlich keinen Kaffee um die Uhrzeit. Ich gehe langsam los, lasse schnell nach, es dämmert, es wird hell, dann erst erreichen wir den Übergang. Dennoch hat sich der frühe Start gelohnt: Von Westen her steigen wir, noch im Schatten, auf in den schmalen Sattel der besagten Zillerplattenscharte, stehen urplötzlich im gleißend hellen, warmen Licht der uns aus wolkenlosem Blau entgegenblitzenden Sonne. Unter uns kitzeln die Strahlen den kleinen kreisrunden Eissee wach und in meinen Augen schimmern, tja, zwei Rührungstränen. Yeah, ist das schön bei uns in den Alpen! Ein paar Stunden zu Fuß und einmal früh aufstehen, das genügt. Ein Augenblick von solch er­habener Größe, wie er im Himalaja, den Anden oder im Yosemite Valley auch nicht schöner wäre. Das da drüben sind die Hohen Tauern, das klingt jetzt nicht so sexy wie Annapurna oder El Capitan, aber wen interessiert das? Wir setzen uns hin und schweigen ergriffen. An Fern- und sonstigen Reisen habe ich zum Leidwesen meiner Lebensgefährtin seit Jahren keinerlei Interesse mehr, jetzt weiß ich wieder, warum.

Wer mit einem Fotografen unterwegs ist, sollte leidensfähig sein, wenn es ans Aufstehen geht.

Mir fällt ein, dass ich lustigerweise als Autor auch über den Kauf einer Kamera zu meinem Job kam, genau wie Bernd. Also: Ich war Extrembergsteiger, besessen von den Bergen. Als meine Touren so schwierig wurden, dass es sich anbot, Berichte an die Fachpresse zu verkaufen, investierte ich hundert Mark in einen Fotoapparat. Ich musste dafür einen ganzen Tag lang Säcke schleppen im Hamburger Hafen. Es blieb bei diesem Invest, denn schnell stellte ich fest, dass mich Schreiben noch mehr fesselte als Bergsteigen und Fotografieren zusammen. Das Leben ist – was sage ich euch? – eine Wundertüte.

Unser heutiges Ziel ist die Richterhütte, so hat es Bernd geplant, so soll es sein. Auf gut zwei­tausend Meter führt der Weg ein einsames Trogtal entlang, weit unter uns bricht es steil ab, das macht es noch einsamer. Weit draußen sind wir hier, unglaublich weit draußen, es könnte in Kanada sein, aber: mitte­­n in Österreich. Als wir doch noch anderen Wanderern begegnen, gibt es sofort diese spon­tane Verbundenheit, die in der Einsamkeit entsteht. Schließlich erreichen wir die Windbachscharte auf knapp 2700 Metern, ab jetzt müssen wir nicht mehr weiter bergauf, uff.

Bergkameraden sind wir

Eine Stunde noch bergab, dort steht die Richter­hütte, klein und gedrungen stemmt sich der Schutzbau gegen die raue Umgebung von Gletschern und Gipfel­graten. Von allen Seiten her ist der Zustieg lang, am kürzesten – zwei Stunden – ist noch der Weg vom Krimmler Tauernhaus herauf. Wegen des langen Zustiegs haben sie kaum Tagesgäste, die für einen Kaiserschmarrn herauf kommen, somit auch kaum Stammgäste. Trotzdem, seit Julia Stauber und Lebensgefährte Martin Falkner die Hütte 2016 übernommen haben, brummt es, Betten und Lager sind fast durchgehend ausgebucht. Julia, eigentlich Lehreri­­n, gibt resolut und herzlich den Turm in der Brandung der hungrigen Gäste, Martin hält Gerät­­e und Maschinen in Schuss. Die Kinder sind während der Ferie­n hier oben, ein paar Hühner haben sie auch. Welch ein Idyll, es könnte die Kulisse der nächsten ZDF-Seri­e sein, aber ist es nicht: alles echt. Im Fernsehen hätten sie auf 2374 Meter wahrscheinlich eine­n tolle­n Gemüsegarten, tatsächlich wachsen nur Maggi und Schnittlauch. Immerhin.

Wenig verlockend dagegen der Blick hinauf zur Richterspitze und ihren benachbarten Dreitausendern. Sieht aus der Entfernung schön aus, aber die Gletscher tauen ab, von den entblößten Flächen hagelt der Steinschlag, oben drüber war es schon vorher ziemlich brüchig. Als Gipfeltour wenig empfehlenswert, wer unten bleibt und wandert, hat hier deutlich mehr vom Tag.

Vier Tage und drei Nächte in den Bergen – schon ist der ­Alltag meilenweit weg.

Am nächsten Morgen wieder Aufbruch so früh wie möglich, ein Stück Weg Richtung Krimmler Tauernhaus hinab, dann zweigen wir nach Norden ab, es geht wieder bergauf. Schon wieder fühlt man sich einsam wie in Kanada, weit und breit außer uns: niemand. Der felsige Steig hinauf in die Rosskarscharte auf knapp 2700 Metern zieht sich, dann sehe­n wir unsere letzte Etappe, die Zittauer Hütte am Ufer des Unteren Gerlossees. Der See hat ein bisschen die Form eines Pantoffeltierchens und lädt zum Bade. Am Nachmittag dieses Sommertags ist das Wasser zwar immer noch reichlich frisch, aber dafür sind die dunklen Felsen am Ufer schön warm. Und zwar in genügender Entfernung zueinander, so dass man auch nackt hineinspringen kann.

Mit 70 Übernachtungsplätzen ist die Zittauer Hütt­e etwas größer als die Richterhütte. Der kurz­e Zustieg plus der fabelhafte See sorgen für viele Tages­gäste, die exzellente Küche mit regionalen Produkten tut ein Übriges. Von der spektakulär schönen Terrasse sehen wir noch einmal in voller Pracht die schroffe­n Wände der Reichenspitze, von hier unten wirkt sie so groß wie ein Achttausender in Miniatur. Wir stoßen an auf unsere Tour und auf diese Auszeit unter Freunden, die wir uns jetzt jedes Jahr gönnen wollen.


ZILLERTAL AT ITS BEST

Die viertägige Hüttentour startet am Speicher Durlaßboden bei Gerlos und führt über die Zittauer Hütte, die Richterhütte zur Plauener Hütte 270° um die Reichenspitze. Die Gesamtstrecke beträgt 35,4 Kilometer, im Aufstieg sind es fast 3000 Höhenmeter, bergab 2500 Höhenmeter.

Mehr im Tourenportal von Outdooractive unter https://out.ac/XEiVG.de

Text: Malte Roeper
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