Hannes im Himalaja

Passion gefunden: Hannes Künkel ist Geograf, Abenteurer und Filmemacher mit großer Leidenschaft für Nepal und das höchste Gebirge der Welt.

Hannes, es ist schwer, dich in eine Schublade zu stecken. Du bist Forscher und Abenteurer mit Schwerpunkt Himalaja, gleichzeitig machst du Filme und hältst Vorträge. Als studierter Geograf hast du wirklich Theorie und Praxis verbunden. Wie ist dir das gelungen?
Schuld war ein charismatischer Professor an der Göttinger Uni, der dort die Himalajaforschung geleitet hat. Gleich im ersten Semester bin ich auf Exkursion in den indischen Himalaja gereist. Anschließend war ich mit meinem Kumpel und heutigen Geschäftspartner Nils Peuse in Nepal zum Trekking im Everest-Gebiet – und war infiziert. Es folgten etwa 15 weitere Reisen und Expeditionen.

Du konntest das mit dem Studium verbinden?
Ich wollte selbst über den Himalaja forschen und habe meine Diplomarbeit zum Thema geschrieben. Das Beste war: Ich konnte zu Mama und Papa gehen und sagen, dass ich für die Abschlussarbeit eine sechswöchige Forschungsexpedition machen muss. Das war ein unschlagbares Argument. Ich habe dann auch gleich noch meine Doktorarbeit drangehängt und war auf dem Weg, ein richtiger Hochgebirgsforscher zu werden.

Worüber hast du geforscht?
Ich habe untersucht, wie traditionelle Hochgebirgswege angelegt sind und von welchen Gefahren und klimatischen Faktoren sie beeinflusst sind. Das dauerte dreieinhalb Jahre und ich war über 150 Tage mit Einheimischen unterwegs. Hunderte von Kilometern zu Fuß. Ich musste möglichst viele Wege in verschiedenen Regionen kennen, um eine Systematik zu entwickeln.

Klingt nach einem Traumjob, gab es auch einen Haken?
Mich hat immer gestört, dass man hinterher nur ein langweiliges PDF für andere Wissenschaftler herausgibt. Ich wollte auch über die Reisen und Begegnungen mit den Menschen als Teil der Arbeit berichten. Also dokumentierte ich 2009 eine Forschungsreise zu meiner Doktorarbeit filmisch. Praktischerweise hatte Nils gerade ein längeres Praktikum beim »Bergdoktor« für das ZDF gemacht und war im Bereich Bergfilm fit.

Und daran hast du so viel Spaß gefunden, dass du deine mediale Karriere ausgebaut hast?
Nicht sofort, aber 2011 wurde meine erste Tochter geboren und ich musste Geld verdienen. Nur mit der Arbeit an der Uni war das schwer. Mit Nils Peuse und Fabian Klindt gründete ich dann die Agentur Third Pole. Wir entwickeln für Partner in der Outdoorbranche verschiedene Film- und Multimediaprojekte – oft auch mit einem populärwissenschaftlichen Hintergrund.

Und deine Doktorarbeit?
Mein Professor wollte, dass ich mich auf die Forschung konzentriere. Ich habe erwidert, dass er mir keine sichere Zukunft in der Wissenschaft bieten kann. Die Arbeit war fast fertig, aber abgegeben habe ich sie nicht mehr. Leider ist mein Professor Mathias Kuhle dann auch 2015 bei dem großen Erdbeben in Nepal ums Leben gekommen. Das ist mir wirklich nahegegangen.

Das Erdbeben hat Nepal bis heute schwer getroffen. Ihr wart damals auch im Himalaja …
Wir haben zu der Zeit Alix von Melle und Luis Stitzinger zum Everest begleitet. Für den Bayerischen Rundfunk sollten wir den Aufstieg dokumentieren. Bis etwa 7400 Meter hätten wir selbst gefilmt, darüber hinaus hätten dann Sherpas die Kamera getragen.

Wie habt ihr das Beben erlebt?
Wir waren auf der tibetischen Seite am Everest, dort war es schwächer, und das Basislager stand auf sicherem Grund, aber die Zelte wackelten und Sachen sind von den Tischen gefallen. Es war klar, dass in Nepal viel mehr passiert sein musste. Über Tage gab es Nachbeben – als ob du auf einem Wasserbett durchgeschüttelt würdest.

Die Expedition war dann zu Ende?
Wir haben abgebrochen, noch bevor weitere Besteigungen verboten wurden. In Nepal war eine Katastrophe passiert und unsere Sherpas sollten nach Hause reisen und sich um ihre Familien kümmern können.

Konntest du dir ein Bild vom Ausmaß machen?
Ich hatte mich mit Pemba Jangbu Sherpa aus unserem Team gut verstanden und versprochen, ihn zu besuchen. Zwei Monate später sind wir von Kathmandu in sein Heimatdorf getrekkt und haben uns ein Bild gemacht. In dieser Zeit lernte ich ihn gut kennen und verspürte das erste Mal so etwas wie eine Freundschaft zu einem Sherpa. Sonst ist das immer eher ein Dienstleistungsverhältnis.


Wie ist die Lage in Nepal heute?
Viele Spenden wurden in und um Kathmandu verteilt, aber auch da ist noch viel zerstört. In den armen Bergregionen ist oft nichts vom Geld angekommen. So hart es klingt: Die Menschen verlassen sich auf nichts mehr und können deswegen damit umgehen. Wenn der Strom drei Mal täglich ausfällt, ist es halt nicht ganz so schlimm, wie wenn die Leitung für sechs Monate gekappt ist.

Sollte man trotzdem jetzt nach Nepal fahren?
Unbedingt! Mit dem Tourismus kommt das Geld sehr direkt zur Bevölkerung. Aber man sollte ruhig auch mal ein bisschen abseits der ausgetretenen Pfade schauen. Die klassischen Touristenrouten führen durch die reicheren Gegenden. Die Leute dort sind durch die Einkünfte recht wohlhabend, aber das ist sehr konzentriert.

Hast du einen Tipp für eine erste Nepalreise?
Ich bin ein großer Freund vom Annapurna-Gebiet. Du wanderst durch eine Wüstenlandschaft, die es am Everest nicht gibt. Die Schluchten erinnern an den Grand Canyon und du kommst durch viel mehr Wälder. Natürlich hast du nicht den einen magischen Berg, aber es ist sehr vielfältig. Du kannst dort auch von den klassischen Routen abweichen und dir dein eigenes Abenteuer in einem Tal 20 Kilometer nebenan suchen.

Third Pole Einer von 36 Gipfeln mit 7000 Meter Höhe in Nepal: Morgenlicht am Ganesh I (7422 m), auch Yangra Kangri genannt.

Ist nicht gerade der Annapurna-Trek zu einer richtigen Straße geworden?
Die wird so gut wie nicht befahren, weil sie immer irgendein Erdrutsch blockiert. Außerdem gibt es Ausweichwege. Insgesamt hat sich der Trek verkürzt. Früher war das eine Dreiwochentour. Inzwischen sparst du dir am Anfang und am Ende drei bis vier Tage, weil du da mit dem Auto fährst.

Hat dich das Erdbeben auch persönlich verändert?
Ich reise noch immer mit Geografenblick in den Himalaja und Expeditionen finde ich auch noch spannend. Aber für mich sind die Einheimischen in den Vordergrund gerückt. Ich lasse mich mehr auf die Menschen ein und habe so noch mal ein ganz neues Nepal kennengelernt. Der Kontakt zu den Menschen war mir bei unserem letzten Projekt »Great Himalaya Winter Trail« sehr wichtig, deshalb habe ich es zum ersten Mal alleine mit Pemba und anderen Sherpas geplant.

Worum ging es bei dem Projekt?
Wir wollten zusammen die neue Trekkingroute Great Himalaya Trail, die einmal durch die Kernzone des Himalaja führt, im Winter erstbegehen. Zahlreiche wissenschaftliche Berichte hatten gezeigt, dass die Winter dort trockener werden. Der Klimawandel macht es möglich, so einen Versuch zu starten. Wir sind im Januar dann letztendlich gescheitert, weil ich ausgerechnet da zum ersten Mal in Nepal ernsthaft krank geworden bin – aber das gehört dazu. Pemba kommt mich jetzt bald in Deutschland besuchen und dann probieren wir es einfach noch mal. Vielleicht dann sogar als TV-Doku, wir suchen gerade einen Sender.

Third Pole Hoch motiviert, aber gescheitert. Im Januar 2017 wollte Hannes den »Great Himalaya Trail« als Erster im Winter versuchen.
Text: Julian Rohn
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