Gut zu Fluss

Mit Dachzelt, Faltrad und Faltboot vom ­Bodensee nach Berchtesgaden – ein feucht-fröhlicher Roadtrip quer durch Süddeutschland (und Österreich).

Sommer 2020. Urlaubszeit. Namibia, Kanada oder Nepal sind bekanntermaßen keine Optionen bei der Reiseplanung. Doch wohin mit der Abenteuerlust? Daheim ist es zwar auch schön, doch Berghütten wie Campingplätze in den regionalen Hotspots melden für die Ferienzeit ein flächendeckendes »Ausgebucht«. Aber zum Glück haben wir schon lange eine Idee im Kopf, deren Zeit nun definitiv gekommen ist. Sonst stets zu Fuß, auf Ski oder dem MTB unterwegs, wollen wir uns nun eine Geheim­waffe besorgen, die uns völlig neue Wege und Möglichkeiten erschließt: einen Faltboot-Zweier. Die seien auch von blutigen Anfängern wie uns beherrschbar, haben sie gesagt, und, die richtige Gewässerwahl vorausgesetzt, auch nicht gefährlich.

Zunächst wollen wir das auf unserem »Hausbach« aus­probieren. Von unserer Heimatstadt Radolfzell am Bodensee ist es nicht weit bis Stein am Rhein, wo selbiger aus dem See fließt und Kurs auf den Rheinfall bei Schaffhausen nimmt. Im Anschluss soll es dann von Ost nach West entlang der Alpen gehen. Ziel ist das wunderschöne Berchtesgaden im äußersten südöstlichen Zipfel Deutschlands.

Um auf der Tour möglichst frei und flexibel zu sein, kommt eine zweite Geheimwaffe zum Einsatz: der nagelneue Land Rove­­r Defender samt Dachzelt. Möglich macht dies ein Angebot des Herstellers, der die perfekte Kombination aus Abenteuer­auto und Hotelzimmer zum Ausprobieren vermietet. Obwohl sonst wenig autoaffin und im Alltag eher mit dem Fahrrad unterwegs, können wir uns dem Charme des neuen Defende­­r nicht entziehen. Er greift die Designelemente des kultigen Vorgängers gelungen auf und kombiniert sie mit hoher Alltagstauglichkeit und modernster Abgasreinigung, ohne dabe­i seine Geländewagen-DNA zu verleugnen. Mit einer enormen statischen Dachlast von 300 Kilogramm ist er zudem die perfekt­­e Plattform für die dauerhafte Nutzung eines Dachzelts. Gratis dazu gibt es das Gefühl, dass man mit diesem Auto auch jederzeit zur Weltumrundung aufbrechen könnte.

»Rhein, Iller, Lech, Isar, Alz, Chiemsee – bereits nach einer Woche haben wir ein paar echte Paddelklassiker im Fahrtenbuch.«

Auf dem Weg gen Osten wollen wir zudem alle legalen Arten des Übernachtens im beziehungsweise auf dem Auto aus­probiere­­­­­­n, die auf der Route möglich sind. Und das, so viel sei hier schon mal verraten, sind weit mehr als der klassische parzellier­te Camping­platz.

Jungfernfahrt im Scheidungsboot

Doch erst mal zurück an den Rhein. Das eigens angeschaffte Faltboot vom Typ Scubi 2 XL verwandelt sich, nachdem wir den Aufbau daheim schon zwei, drei Mal durchexerziert haben, in zehn Minuten von einer kleinen Tasche in ein wasch­echtes Zweier­kajak. Schnell noch die Paddel zusammengesteckt und los geht’s. Die letzten Wochen hat es viel geregnet und so mache­­n wir uns zusammen mit einer ordentlichen Wasser­menge auf den Weg nach Schaffhausen.

In Ermangelung ausländischer Touristen, die sich auf diesem Abschnitt gern mit dem Passagierdampfer durch die Gegend kutschieren lassen, hält sich der Motorbootverkehr aktuell in Grenzen. Gut für uns, denn es dauert ein paar Kilometer, bis wir uns eingespielt haben und das Boot dahin fährt, wo wir wollen. Beeindruckend ist dagegen die Kenterstabilität. Aufgrun­­d der Breite und der voluminösen Luftschläuche links und rechts habe­n wir zu keiner Sekunde das Gefühl, umzukippen – selbst wenn Vorderfrau und Hintermann gänzlich unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wo die Reise hin­gehen soll. Nicht umsonst, und auch das hatte man uns gesagt, haben Kajak­zweier den Beinamen Scheidungsboot.

Kaum haben wir Stein am Rhein hinter uns gelassen, verfliegt auch der Trubel des Alltags. Historische Anwesen und das mittel­alterliche Dörfchen Diessenhofen wechseln sich mit kleine­­n Waldschluchten ab, in denen einsame Buchten zum Bade locken. Und über allem schwebt das erhabene Gefühl, dass man sich einen natürlichen, von der Urkraft des Wassers geschaffenen Weg zunutze macht. Außer einem halbwegs erreich­baren Ein- und Ausstieg brauchen Paddler nicht viel, um glücklich zu sein.

Bereits bei der Ankunft in Schaffhausen, wohlweislich einige Kilometer oberhalb des 23 Meter hohen Rheinfalls, sind wir uns einig: Die Geheimwaffe Faltboot sticht.

Beschwingt von der Magie unseres neuen »Abenteuer­hobbies« nehmen wir Kurs gen Osten. Schnell noch daheim die Blumen gießen und dann auf dem Weg ins Allgäu ein weitere­­s Roadtrip-Highlight mitnehmen: Landvergnügen.

Landvergnügen kommt ursprünglich aus Frankreich und erfreut sich auch in Deutschland wachsender Beliebtheit. Dahinte­­r verbergen sich Bauernhöfe, die jeweils ein paar wenig­e Stellplätze für Reisemobil oder Wohnwagen bereitstellen. Zusammengefass­­t sind diese über 800 Höfe in einem opulenten Deutschlandführer, dem zudem eine Vignette beiliegt, mit der man sich für die kostenfreie Übernachtung qualifiziert. Im Gegen­­zug wird erwartet, dass man im angeschlossenen Hof­lade­­­­n ein paar Lebensmittel erwirbt.

»Perfekte Übernachtungsplätze, leere Landstraßen und tägliche Paddelabenteuer machen unsere Reise zur Traumtour.«

Unser Landvergnügen genießen wir auf dem Biohof Kohler bei Wangen. Der Hof liegt genau dort, wo man sich einen Camping­platz wünschen würde: auf einer Anhöhe mit Panorama­blick bis zu den Alpen, während hinter einem gemäch­lich die Sonne untergeht und uns bis zum letzten Strahl den Nacken wärmt.

Auch das Angebot im rund um die Uhr zugänglichen kleinen Hofladen lässt nichts zu wünschen übrig: vom würzigen Berg­käse über Naturjoghurt und tiefgefrorenes Grillfleisch bis hin zum lokalen Biobier. Also an unserem Umsatz wird die Idee des Landvergnügens nicht scheitern.

Nächster Fluss auf unserer Paddelagenda ist die Iller bei Immen­stadt. Der Einstieg liegt an einer überlaufenen Wasser­skianlage, doch schon hinter der ersten Flussbiegung werden das Quietschen und Johlen von Vogelgezwitscher und Wasser­geplätscher übertönt. Auf der Iller kommt auch erstmals Geheim­waffe #3 zum Einsatz: ein Faltrad von Brompton. Dieses passt exakt in die Mitte des Scubi und dient am Ausstieg dazu, das am Einstieg parkende Auto nachzuholen. Fahren wir dagegen von unten auf dem Weg zum Einstieg flussauf eh am Ausstieg vorbei, deponieren wir das Bike im Gebüsch.

Ein Fluss wie aus dem Bilderbuch

Auch die Iller führt ordentlich Wasser, so dass wir nahezu mühe­los Strecke machen und dabei zu keiner Zeit fürchten müssen, auf Grund zu laufen. Selbst die sonst übliche Umtrage nach einem Drittel der Strecke ist nicht nötig, nach einer kurze­n Besichtigung befinden wir die sonst so rumplige Boots­gasse am rechten Ufer für fahrbar.

Es ist erst früher Nachmittag, als wir unser nächstes Ziel ins Navi eingeben. Erfreut stellen wir fest, dass heute noch eine zweite Paddelei möglich ist. Keine zwei Stunden sind es aus dem Allgäu via Tannheimer Tal bis an den Tiroler Lech. Und so nehmen wir bereits an Tag zwei den dritten Fluss unserer Reise unter den Kiel. Und was für einen. Kennern der Materie dient der Lech, der im gleichnamigen Skiort Fahrt aufnimmt und nach 256 Kilometern bei Marxheim in die Donau mündet, als einer der schönsten Alpenflüsse überhaupt. Zumindest auf österreichische­­m Gebiet. Die Deutschen dagegen haben den Lech mit 23 Staustufen zwischen Füssen und Augsburg ordentlich an die Kette gelegt. Doch zwischen Steeg und Weißen­bach fließt er weitestgehend unreguliert zu Tale. Will heißen: Keine Stau­mauer gräbt ihm das Wasser ab und kein Bagger und keine Ufer­begradigung leitet ihn in Bahnen. Wer wissen will, wie Flüss­­e vor Jahrtausenden ausgesehen haben, sollte zum Lech fahren. Absolut atemberaubend wird es unterhalb Stanzach, wo der Lech mit unzähligen Kanälen ein tal­breites Kiesbett füllt.

Hier unten nehmen wir das erste Mal Tuchfühlung mit dem Naturburschen auf. Die Schwierigkeit ist als Stufe I–II auf der sechsteiligen Wildwasserskala angegeben und sollte für uns Novize­­n machbar sein. Aufpassen muss man nur, und das gilt eigentlich für alle Fließgewässer, auf Baumhindernisse. Denn liegt so ein Exemplar, vom Hochwasser angespült, quer zur Strömun­­g im Fluss, gilt Alarmstufe Rot: langsam annähern und beim kleinsten Zweifel, ob man gut vorbeikommt, mit Sicherheitsabstand anlanden und weiträumig umtragen. Der töricht­e Versuch, hinzufahren und drüberzuklettern, ist ein No-Go und kann schnell tödlich enden.

Eine App für Plan B

Am Abend erleben wir erstmals die Kehrseite der Medaille vom Urlaub »dahoam«. Beide Campingplätze im Lechtal sind pickepacke voll und mit Zuspätkommern wie uns kennt man ohnehin kein Pardon. Doch die App »Park4Night« hat noch einen Tipp parat. Oben am Lift der Jöchelspitzbahn könne man beim Wirt fragen, ob man eine Nacht bei ihm im »Vorgarten« stehen darf. Gemacht, erlaubt, aufgebaut, geschlafen.

Apropos aufgebaut. Das Dachzelt vom Typ Autohome Colum­bus verwandelt sich wirklich innerhalb von zehn Sekunden in eine überaus bequeme Bettstatt. Schnappverschluss auf, etwas drücken und schon befördern zwei Gasdruckdämpfer die obere GFK-Schale nach oben und spannen die Seitenwände. Der Abbau geht ähnlich schnell, zudem können Schlaf­säcke und Kopfkissen im Obergeschoss bleiben.

Mit dem Guide ins Wildwasser

Tag drei unserer Abenteuerreise entlang der Alpen bringt uns ein paddeltechnisches Highlight, wie wir es zu Beginn der Tour nie für möglich gehalten haben. Ein erfahrener Paddler, den wir am Abend am Ausstieg kennengelernt haben, hat sich angeboten, uns den Lech ab Häselgehr zu zeigen. Der Wasserstand sei perfekt für ein Faltboot und der Fluss nach dem letzten Herbsthoch­wasser leichter geworden als im Flussführer vermerkt. Hat er gesagt.

»Den ungezähmten Tiroler Lech würde man eher in Kanada oder Neuseeland vermuten.«

Mittlerweile schaffen wir den Faltbootaufbau in unter zehn Minuten und so stehen wir pünktlich um zehn Uhr am Einstieg. Und tatsächlich, unser Guide hat nicht zu viel versprochen: Die Stromschnellen sind zwar durchaus spritzig, aber wenig verwinkelt, so dass es reicht, oben die richtige Einfahrt zu treffen und unten den Mund wieder zuzumachen. Den Rest erledigt das kippstabile Faltboot, das wir mittels Persenning und Spritzdecken wildwasserfest gemacht haben.

Michael Neumann Rock’n’Roll auf dem Lech – bereits am dritten Tag unserer Paddelkarriere trauen wir uns im kentersicheren Luftfaltboot auf leichtes Wildwasser.

Völlig mühelos gleiten wir durch eine Naturlandschaft, wie man sie eher in Kanada oder Neuseeland vermuten würde. Sollte sich jemals ein Wasserkraftwerker mit dem Gedanken tragen, diesem fantastischen Naturraum den Hahn abdrehen zu wollen, muss er fortan mit zwei Gegnern mehr rechnen, die sich an seine Baustellenbagger ketten.

Halligalli auf der Alz

Am Abend rollen wir via Plansee und Garmisch-Partenkirchen weiter zum Sylvensteinsee. Die Obere Isar von Krün bis Mitten­wald steht dem Lech optisch wenig nach, ist aber, wie so viele Alpenflüsse, weitestgehend trockengelegt. Nur ein jämmerliches Rinnsal fließt noch gen Norden, der Rest wird zum Walchensee-Kraftwerk geleitet, von wo das Isarwasser in den Kochelsee stürzt und am Ende in der Loisach landet.

Am Sylvensteinsee probieren wir Übernachtungsvariante drei aus: offizieller Reisemobilstellplatz. Dieser liegt am Örtchen Fall wunderbar in einem dichten Wald und wer richtig parkt, ist von drei Seiten von Holz und Laub umgeben. Jetzt, zur Hauptsaison, ist der Platz zwar recht voll, doch alle wissen sich zu benehmen, so dass wir eine wunderbare wie ruhige Nacht verbringen – für drei Euro Parkgebühr.

Michael Neumann Schöner wohnen auf dem Reisemobilstellplatz am ­Sylvensteinsee.

Die nächsten Flüsse auf der Agenda heißen Isar und Alz. Letztere entwässert den Chiemsee und ist von allen Flüssen unsere­­r Reise sicher der anfängertauglichste. Den ersten Abschnitt von Seeshaupt bis Truchtlaching müssen wir uns gar mit knallroten Gummi­booten und aufblasbaren Einhörnern teilen. Trotzdem genießen wir die in weiten Bögen dahinmäandrierende Alz auch ohne jegliche Adrenalinausschüttung in vollen (Paddel-)Zügen. Kann Sommer in Deutschland schöner sein?

Am Abend sorgt ein kleinräumiges Tiefdruckgebiet für Nachschub in den Flüssen und ordentlich Wellengang auf dem Chiemsee. Zum Glück liegt unser ausgewählter Campingplatz, das Seehäusl bei Chieming, in Sachen Windrichtung gold­richtig. Auflandig heißt das Zauberwort. Sprich: Der Wind weht uns frontal entgegen, während wir durch die meterhohen Wellen gen Wendelstein stampfen. Und besser noch: Sobald wir das Paddeln einstellen, weht es uns automatisch zurück zum Startpunkt. Würde der Wind andersrum wehen, würden wir mit unserem Leben spielen.

Fünf Sterne zum Schluss

Zum Finale unserer »feuchtfröhlichen Campingtestwoche« wolle­­n wir noch einmal das obere Ende der Komfortskala ausprobieren: den Fünf-Sterne-Platz »Allweglehen« bei Berchtesgaden. Gelegen fern der Hauptstraße in einem kleinen Tal­kessel mit schöner Aussichtslage auf den Watzmann und seine Kinder, bietet er allen erdenklichen Komfort. Vom Infinity­pool über eine Wellnesslandschaft bis hin zu dazubuchbaren Privat­bädern. Dazu gesellen sich eine typisch bayerische Wirtschaft und rundum entspannte Mitcamper.

Als wir nach einer Woche schließlich beidrehen und zurück an den Bodensee fahren, sind wir absolut tiefenentspannt und grinsen wie die Honigkuchenpferde. Die Kombi aus Defender und Dachzelt und Bike und Boot hat gehalten, was sie ver­sprochen hat: einen Abenteuerurlaub mitten in Deutschland.

Die ganze Reise in 3 Minuten, Film ab!

DAS NEHM ICH MIT

Alles für den nächsten Roadtrip


GEORG RATHFELDER
Der Bauingenieur aus dem Schwäbischen ist Skifahrer, Mountainbiker und jetzt auch Paddler aus Leidenschaft.

Text: Georg Rathfelder
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