Grenzgang in Thüringen

Mario Goldstein hat Deutschland auf dem grünen Band durchquert. Der Abschnitt von Baumkreuz bei Ifta bis Burg Hanstein war eine Wanderung entlang von Relikten aus einer dunklen Zeit.
Mario Goldstein

Mit weitem Herz und offenen Augen liege ich in dieser Nacht unter dem klaren Sternenhimmel und bestaune einmal mehr die unendliche Weite unseres Universums. Als ich am nächsten Morgen erwache, hat sich Morgentau über meinen Schlafsack gelegt und die kurzen Halme der saftigen Wiese glänzen in der aufgehenden Sonne. Routiniert packe ich zusammen, laufe ein paar Hundert Meter entlang der B 7 und tauche mit Sunny wieder in die Landschaft ein. Mein Weg führt nach Norden. Eine Schlange wärmt sich in den ersten Sonnenstrahlen und schlängelt sich ins dichte Grün. Ein Reh steht bewegungslos im kniehohen Gras nahe dem Grenz­weg. Die Tiere fühlen sich wohl am Grünen Band, das nur schwach von Menschen frequentiert wird. 

Der Wetterbericht verspricht ein paar heiße Tage und mit täglich vier bis fünf Litern Wasser im Gepäck versuche ich den Flüssigkeitsbedarf von Sunny und mir abzudecken. Das Auf und Ab in den Thüringer Wäldern ist schweißtreibend, doch mittlerweile hat sich mein Körper daran gewöhnt. So gehe ich die Steigung hinter Treffurt ohne spürbaren inneren Widerstand an. Erst eine alte Stasischleuse, die aus einer unterirdischen Betonröhre besteht und schwer auszumachen unterhalb der Grenzanlagen nach Hessen führt, erinnert mich an vergangene Tage. Mit etwa einem Meter Durchmesser war sie groß genug, um Agenten und Spione unbemerkt in den Westen zu schleusen. Ein paar Kilometer weiter steht die Tür eines alten Wachturms offen und ich nutze die Gelegenheit, um mich der Aura von damals noch einmal zu stellen. Ich öffne die verbeulte Stahltür und steige die alten Eisentreppen zur Aussichtsplattform hinauf. Der Ausblick ist weit, nichts verstellt mir die Sicht und das Grüne Band zieht sich klar und schnurgerade durch die Landschaft. 

Mahnmale aus der Vergangenheit

Ich schiebe eines der Fenster auf und lasse den kühlen Abendwind die alten Geister der Vergangenheit vertreiben. In den Jahrzehnten der deutschen Teilung standen 434 Wachtürme entlang der innerdeutschen Grenze. Zudem wurden 302 Türme entlang der Berliner Mauer errichtet. Viele von ihnen wurden nach der Wende abgerissen, doch immer wieder findet sich eines dieser alten und mahnenden Relikte entlang des Grünen Bandes.  

Viele Flüchtlinge bezahlten ihren Drang nach Freiheit mit dem Leben: 327 Tote verzeichnete man offiziell an der innerdeutschen Grenze und 113 Mauer­­tote wurden in Berlin registriert. Die Dunkelziffer liegt vermutlich weitaus höher, denn eine unbekannte Zahl von Flüchtlingen ist in der Ostsee, der Elbe und in anderen Grenzgewässern ertrunken oder während der Haft unter menschenunwürdigen Bedingungen gestorben. Um die Flucht zu erschweren, wurden insgesamt rund 1,3 Millionen Bodenminen verlegt und 55 000 Selbstschussanlagen installiert. 

Nach Lindewerra geht es steil bergauf und mein Weg führt als schmaler Pfad bis auf den Bergkamm, wo die Hexenkanzel einen atemberaubenden Ausblick ins Werratal bietet. Dort, wo sich heute die Werra durch die hügelige Landschaft ihren Weg bahnt, befand sich früher das Grenzgebiet. Als ich am Abend die Burg Hanstein erreiche, ziehen dunkle Wolken heran und zaubern ein faszinierendes Lichtspiel in die Landschaft. Während sich der erste Blitz über der Burg entlädt und es wie aus Eimern zu regnen beginnt, schlüpfe ich in mein Zimmer im Gästehaus, das mir Schutz für die Nacht bietet.

Text: Mario Goldstein
Impressum