Go with the Flowtrail

Archaisch anmutende Berghänge mit flowigen Trails. Ob Genussradler oder Profisportler, hier kannst du sie entdecken: besondere Orte und magische Momente im Bikeland Schweiz.

#1 Ticket zum Bikerhimmel

Biker sind in Arosa Lenzerheide ständig im Flow. Sie steigen in eine Gondel, schweben den nächsten Berg hinauf und dann heißt es: Rocks ’n’ Roll.

Text: Thorsten Brönner
Fotos: Sven Martin, Mattias Fredriksson

Jetzt könnte man eigentlich das Bike in die Ecke stellen und eine Bar entern. Man hat ja alles gesehen, alles erlebt. Aber jetzt geht es wirklich nicht, jetzt ist man im Flow. Ach, Biken ist eine Sucht. Um sie zu stillen, ist man ins Herz Graubündens gefahren, in die Gefilde von Arosa Lenzer­heide. Die Fakten: 500 Kilometer beschil­ derte Touren und 900 Kilometer GPS­-Routen. Die Argumente: eine Kulisse wie aus dem 3­D­-Kino, wilde Berge wie bei Herr der Ringe, Almwiesen wie bei Heidi. Die Events: das legendäre testRIDE, die Hörnli Trailjagd, der GrischaTrail RIDE und für Rennradler die Alpen Challenge. Im Sep­tember 2018 folgen als i­-Tüpfelchen die Mountainbike­Weltmeisterschaften.
Jetzt heißt es Farbe bekennen. Heidbüel, Tgantieni, Scalottas, Hörnli – wer die Namen der Bergstationen in der Bikeregion Arosa Lenzerheide auswendig weiß, kann beim Scrabble­Spielen richtig absahnen. Doch Biker haben andere Dinge im Kopf, nämlich Trails, Kurven und nochmals Kur­ven. Hier gesellen sich drei Farben hinzu: Blau, Rot, Schwarz. Blau wie der Himmel über Graubünden, rot wie die Züge der Rhä­tischen Bahn, die unten durch das Tal zuckeln und schwarz wie Stollenreifen. Das Biketicket 2 RIDE ist die Eintrittskarte in den Bikerhimmel. Hier kommen die Farben ins Spiel. Die blaue Tour ist 39 Kilometer lang und hat eine Höhendifferenz von -2400 Metern. Und ja, es geht auch ein Stück hoch, nämlich 620 Meter. Kondition 3/5 und Technik 2/5. Ein Klacks! Beim Trail Rot zeigt es sich, ob man einen guten Tag erwischt hat. Die Zahlen: 42, -3250, +950, 4/5, 3/5. Uff! Und Schwarz? Besser nicht fragen, denn auf den schwarzen Trail sollte man sich nicht verirren. Die Daten sprechen für sich: 65,- 6000, +636, 5/5, 5/5. Gehen wir es an!

WIE VON EINEM SCHAMANEN IN TRANCE VERSETZT

Nervös steigt man in die Gondel, schwebt hoch auf den ersten Berg. Es ist das 2865 Meter hohe Parpaner Rothorn. Oben an der Bergstation klettert man auf den Sattel, folgt dem schwarzen Trail. Er gleicht einer Mur­melbahn. Als Biker braucht man es meist nur rollen zu lassen. Schließlich gibt der Trail die Richtung vor. Man hat ihn für einen einzigen Zweck präpariert: zum Hinab­cruisen. Antreten, Fahrt aufnehmen, grin­sen. In Gorillahaltung geht es zu Tal. Wie von einem Schamanen in Trance versetzt, jagt man über die Bündner Erde. Die Land­schaft fliegt schemenhaft vorbei: Sträucher, Bäume, Berge. Schneller, immer schneller. Rechts in die Kurve legen. Links. Geradeaus. Irgendwo tief in sich drin spürt man ihn auf­ziehen – den Flow. Yeah! Längst ist man eins mit dem Bike. Die Federung wippt, gleicht die Schläge der Steine aus. Tschuk, tschuk, tschuk. Unten im Tal zieht man beide Brem­sen bis zum Anschlag durch. Abrupt und etwas wackelig bleibt man stehen. Wow – was für eine Fahrt! Schluss für heute? Nö! Schließlich ist man noch vollgepumpt mit Adrenalin. Also ab in den Bikepark. Dort steppt zwischen der Mittel­station Scharmoin und der Talstation Rot­horn der Bär. 2013 und 2014 schuf man fünf Freeridestrecken, einfach bis schwierig. Sie sehen ein bisschen aus wie ein Agility­-Trai­ningsplatz für Hunde: Es gibt Holzbrücken, Wurzelfelder, Steilwandkurven; dazu Drops, Anleger und North­Shore­Elemente. Man fühlt sich wie ein Border Collie, der einer neuen Aufgabe nachgeht. Die Aufgabe lau­tet: Spaß haben.


#2 Hochgefühle im Singletrail-Paradies

Die Bergwelt von Davos Klosters ist abwechslungsreich und bietet Genuss, Herausforderung und Adrenalin zugleich.

Text: Thomas Jutzler
Fotos: Martin Bissig, David Schultheiß

»Stopp, halt, anhalten!« Vollbremsung. Die hätte nicht sein müssen, macht aber Spaß. Es war ja kein Wanderer weit und breit zu sehen! Vor uns ist der Weg ver­sperrt. Und zwar mit den coolsten Bauarbei­tern von ganz Davos Klosters! »Salü«, grüßt es aus der Trail Crew, »geht gleich weiter!« Es wird mal wieder gewerkelt. Die Shaper der Trail Crew sind täglich auf den Wegen der Region unterwegs. Da werden Bach­übergänge gebaut, Erdrutsche weggeschau­felt, Zaundurchgänge montiert und vor allem wird mit den Wanderern und Bikern geplaudert. So bekommt man als Gast die besten Tipps – wir wissen jetzt zum Beispiel, dass die Zigeunerspieße im Restaurant Chalet Velo neben dem Davos Adventure Park, die besten weit und breit sind – und die Crew ist immer mit neuesten Meldun­gen, wo eventuell noch etwas verbessert werden könnte, versorgt. Ein Tipp, den wir von unserer Begegnung jetzt noch mitneh­men: Wir sollen uns unbedingt trauen, die Gotschna­-Freeride­-Piste zu fahren. Die Jungs von der Trail Crew bekommen leucht­ende Augen beim Aussprechen des Namens. Diese Sechs­Kilometer­-Nervenkitzel­-Bahn hat es in sich. Über 200 Steilkurven, Sprünge und Wellen führen vom Gotschnaboden hinab nach Klosters. Senkrechte Kurven in­ klusive. Vielleicht schauen wir uns das Spek­takel als Zaungäste mal an. Jetzt weiter auf dem Alps Epic Trail, auf dem wir uns mo­mentan befinden. Die Brauerei in Monstein wartet. Früh am Morgen sind wir gestartet, mit der Bergbahn hinauf zum Jakobshorn, haben kurz die Aussicht auf die umliegen­den Gipfelspitzen genossen und uns dann ins Vergnügen gestürzt. Dieses Vergnügen hört auf den sprechenden Namen »Alps Epic Trail Davos« und hat es als erster Single­trail der Alpen in die Liste der Epic Rides der International Mountain Bicycling Asso­ciation geschafft.

EIN EPISCHES VERGNÜGEN

Zu Recht, wie wir gerade bemerken. Die insgesamt 45 Kilometer haben über 80 Pro­zent Singletrail­Anteil und sind ein flowiges Vergnügen par excellence. Nachdem wir uns also von den blau­rot behemdeten Jungs mit den Spitzhacken verabschiedet haben, zischen wir weiter über den Trail. Wir nä­hern uns in rasantem Tempo dem »last beerstop before heaven«: So nennt sich die klei­ne Bierbrauerei im Walserdorf Monstein. Die Tatsache, dass dies die wohl höchstge­legene Brauerei Europas ist, genügt uns als Ausrede, schon vor vier Uhr ein Bier zu schlürfen. Na gut, ein halbes – schließlich wollen wir den imposanten Abschnitt zwi­schen Monstein und Jenisberg heil überste­hen. Der Weg fällt teilweise steil ab. Ein Hochgenuss für schwindelfreie Biker. Ein gigantischer Ausblick ins Tal, gepaart mit dem harzigen Duft des Waldes und der tech­nischen Herausforderung, ist dieser Ab­schnitt auf jeden Fall süchtig machend. Vor Jenisberg zweigt die Route rechts ab und über einen Singletrail gelangt man mit einem Affenzahn in die Zügenschlucht. Wir genießen das Panorama über die Schlucht vom sogenannten Bärentritt aus.
Am Statiönli biegen wir ab und fahren den Gebirgsbach Landwasser entlang, bis wir unter dem Landwasserviadukt stehen. Nach diesem eindrücklichen Anblick folgt der Aufstieg zum Bahnhof Filisur, wo wir in der Abendsonne sitzen, uns ein Bio­-Eis gönnen und auf den Zug warten, der uns zurück nach Davos bringen wird. 

TRAIL-TOLERANZ
In Davos Klosters benutzen Wanderer und Mountain- biker die gleichen Wege ohne Einschränkungen. Dies gilt für ganz Graubünden und ist einzigartig in den Alpen. Möglich macht dies eine tolerante und rücksichtsvolle Einstellung von allen Seiten. Mehr Infos für Biker unter: www.davos.ch/bike


#3 Entspannt in die Wildnis

Den »Schweizerischen Nationalpark« in Graubünden gibt es seit rund 100 Jahren. Unser Autor hat ihn mit dem E-Mountainbike erkundet.

Text: Georg Friedrich
Fotos: André Meier

Forstwege und Passstraßen, Singletrails und knirschender Kies liegen vor uns. In einem Gelände, das sanft und wild zugleich ist. Nicht zu steil und nicht zu flach: perfekt für einen Sonntags­Mountain­ biker wie mich. Wir wollen auf einer Mehrtagestour die Nationalparkregion erkunden. Auf E­-Mountainbikes und mit Gepäcktransport.
Bei Schäfchenwolkenwetter schiebt uns der Motor des Bikes das Val S­-charl hinauf. Es ist ruhig. Ab und zu hört man die Arvenhä­ her am Himmel flattern. Sie sind Vorboten von Europas höchstgelegenem Arvenwald, dem God da Tamangur. Doch bevor wir die­ sen erreichen, wartet erst einmal eine Über­raschung auf uns: Auf einer Anhöhe unter­ halb der uralten Bäume grasen Pferde. Wie­hernd und ihre Mähnen schüttelnd traben sie leichtfüßig oder vielmehr leichthufig neben uns her.
Wir wiehern ein Adieu und strampeln weiter zum Pass da Costainas, dem höchsten Punkt dieser Etappe. Trotz des Hilfsmotors ist es nicht unanstrengend und ich denke respekt­voll an die Biker, die mit Packtaschen und ohne Motor hier in den Bergen unterwegs sind. Chapeau! Ich hingegen bin eher Ge­nussmensch. Dafür aber umso begeisterter von der archaisch­-sanften Natur, die ich – ohne zu schwitzen – so viel besser bejubeln kann. Doch jetzt heißt es laufen lassen. Kurve um Kurve tauchen wir ein in das sich öffnende Val Müstair. Das Grün der Bäume und Büsche scheint hier auf besondere Art wilder, rauer, kräftiger.
Vielleicht sind es aber auch die leeren Bat­ terien – meine sowie die des Bikes –, die unsere Sinne trüben und hier alles noch ein Stück urweltlicher erscheinen lassen. So la­den wir die Akkus im Hotel in Müstair dankbar auf.
Von Müstair aus führt ein – dann doch – an­strengender Weg hinauf durch das einsam­-romantische Val Vau. Höhenmeter um Hö­henmeter wird die Umgebung felsiger. Die Bäume ziehen sich zurück. Ducken sich weg und machen den Blick frei auf eine wilde Hochgebirgslandschaft. Wir fahren vorbei an Gischt sprühenden Wasserfällen. Natürlich halten wir an und lassen uns von den Wassertropfen das Gesicht benetzen. Von Endorphinen durchströmt erreichen wir das scheinbar unberührte Val Mora.

André Meier

IM PARADIES

Einer Legende nach bringt es Glück, die in­mitten des Hochtals stehende Mumma Veglia zu küssen. Die Felsformation ist eine uralte Schutzpatronin der Münstertaler. Sie hätte sich keinen schöneren Ort zum Herumstehen aussuchen können. Achtung, Klischee! Aber hier ist es, das Paradies: wie­der Pferde, dazu ein Licht, so golden, als würde es Gott selbst jeden Morgen anknip­sen. Dazwischen Kühe, die es kaum glauben können, dass es sie hierherverschlagen hat. Ein Gefühl von Freiheit und Glückseligkeit stellt sich ein. Kein Wunder: Auf knapp 2300 Metern sind wir dem Himmel schließlich ziemlich nah. 

»E« WIE ENTSPANNT
Die ganze E-Mountainbiketour führt von Scuol über das Val Müstair nach Livigno (IT). Von dort über den Berninapass ins Oberengadin bis nach Zuoz und wieder zurück nach Scuol. Die vier Etappen sind zwischen 50 und 60 Kilometer lang. Infos und Buchung unter: www.scuol.engadin.com

Text: Globetrotter Magazin