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        Reisen auf Augenhöhe

        Interview: Moritz Schäfer | Fotos: Archiv Dirk Steuerwald

        Reisen ist in. Doch wie kommt man mit den Locals in Kontakt? Wie geht man mit Armut um und wie kann man den Einheimischen etwas zurückgeben? Fotojournalist Dirk Steuerwald gibt Antworten.

        Dirk, wie bekommst du auf Reisen Zugang zu den Einheimischen?
        Es ist wichtig, dass man den Leuten auf Augenhöhe begegnet. Nur wenn ich mich wirklich für sie interessiere, öffnen sie sich und zeigen mir ihre Welt. Wer mit vor­gefertigten Bildern im Kopf ein Land bereist und dann die ganze Zeit nur nach genau diesen Bildern sucht, wird niemals wirklich zu den Menschen vordringen.

        Was heißt für dich »auf Augenhöhe«?
        In Tansania gibt es das Sprichwort »Wer andere besucht, sollte seine Augen öffnen und nicht seinen Mund«. Das bringt es auf den Punkt. Für mich ist es eine Frage des Respekts, den Menschen zuzuhören, sie ausreden zu lassen und erst dann mit dem Fotografieren oder dem Interviewen anzufangen. Nur so entsteht Vertrauen.
         

        Was meintest du gerade mit »vorgefertigten Bildern von einem Reiseland«?
        In den letzten Jahrzehnten ist Reisen einfacher und günstiger geworden. Außerdem sind Bilder und Infos im Netz frei zugänglich. Fast jeder hat eine »bucket list«, auf der er Ziele sammelt, die er als Nächstes abhaken will. Meiner Meinung nach sollte es beim Reisen aber nicht ums Ab­haken, sondern ums Entdecken gehen. Ich will da nicht den Moralapostel spielen: Es ist toll, dass heute so viele Menschen die Möglichkeit haben, die Welt zu bereisen und über den Tellerrand hinauszublicken. Aber für mich ist ein intensiver Austausch mit einem Einheimischen viel wertvoller als ein Instagram-Post mit vielen Likes.

        Hast du ein Beispiel für so einen »Austausch«?
        Klar! Das war in Kapstadt am Strand in Muizenberg, direkt an der berühmten Garden Route. Da waren schwarze Kinder im Wasser am Surfen – leider ein eher seltener Anblick. Ich habe mich dann mit ihrem Betreuer Charles von der Organisation »Dreams To Reality« unterhalten und erfahren, dass die Kinder aus den nahen Townships stammen. Einmal pro Woche werden sie an den Strand zum Surfen eingeladen und bekommen eine warme Mahlzeit. Es hat einen wahnsinnig positiven Effekt auf die Kids, wenn sie mal aus ihren Vierteln rauskommen und dort eine gute Zeit haben, wo sonst mehrheitlich die Erfolg­reichen sind. Ich wollte mehr erfahren und habe dann den Betreuer gefragt, ob er mir seine Township zeigt.

        Dorthin verirren sich nur wenige Touristen, weil es als unsicher gilt. Bist du wirklich hin?
        Ja, und es war eines meiner bewegendsten Erlebnisse in Afrika: Wir sind mit meinem Mietwagen zu ihm gefahren, haben das Auto auf seinem Grundstück hinter einem Zaun geparkt und sind dann zusammen durch die Township gelaufen. Zuerst war mir etwas mulmig, aber Charles wird dort sehr respektiert und ich fühlte mich schließlich so sicher, dass ich ein paar Bilder und Interviews machen konnte. Das war für mich ein unglaublich wertvoller und spannender Einblick. Es hat mich sehr bewegt, dass Charles anderen Menschen hilft, obwohl er selber nicht viel hat und kaum etwas für seine Arbeit bekommt. Das ist ein schönes Beispiel dafür, dass sich echtes Interesse an den Menschen auszahlt: Die Bewohner der Townships haben sich total darüber gefreut, dass sich jemand für ihre Welt interessiert und nicht einfach auf der Garden Route vorbeifährt. Ich habe mit Charles besprochen, dass ich seinen Kontakt weitergeben darf, falls auch andere Leute diese Seite der Garden Route kennenlernen möchten.

        Wie gehst du damit um, wenn dir auf deinen Reisen Armut begegnet?
        Das ist ein spannendes und gleichzeitig schwieriges Thema. Wenn man Entwicklungs- und Schwellenländer bereist, wird man zwangsläufig damit konfrontiert und muss einen Weg finden, damit umzugehen. Ich persönlich glaube, dass es keine gute Idee ist, den Leuten einfach Geld zu geben. Für mich ist es genau das Gegenteil einer Begegnung auf Augenhöhe, wenn ich den Menschen das Bild vermittle, dass ich die Taschen voll Geld habe und sie mich nur anzusprechen brauchen, um etwas davon zu bekommen. Das führt aus meiner Sicht nur dazu, dass sie sich auf diese Einkommensquelle fokussieren – und damit tue ich ihnen absolut keinen Gefallen. Denn so entstehen Abhängigkeiten und an den strukturellen Problemen vor Ort ändert sich nichts. Ich habe es oft so gemacht, dass ich die Menschen, die mir etwas gezeigt oder anders geholfen haben, nachher dafür bezahlt habe. Das fühlt sich viel besser und respektvoller an.

        Wie bist du zum Thema Fotografie gekommen?
        Mich hat es schon immer fasziniert, meine Erlebnisse festzuhalten und zu teilen. Während des Studiums habe ich angefangen, für verschiedene Bergsport-Magazine zu arbeiten. Ich habe Reportagen in den Bergen gemacht, Geschichten über das Draußensein erzählt, Wander­führer geschrieben und den Leuten Tipps für ihr nächstes Outdoorabenteuer gegeben.

        Als Fotograf bist du ständig auf der Suche nach dem nächsten Motiv. Lenkt das nicht von den eigentlichen Erlebnissen ab?
        Nein, im Gegenteil. Ich glaube, dass ich durch die Fotografie fokussierter auf den Moment bin und aufmerk­samer beobachte. Außerdem geht man als Fotograf ja oft raus, wenn das Licht am besten ist: Während andere Reisende beim Frühstück sitzen, bin ich oft schon draußen zum Fotografieren. Dadurch erlebe ich Dinge, die Nicht-Fotografen häufig verwehrt bleiben.

        Deine Diplomarbeit hast du am berühmten MIT (Massachusetts Institute of Technology) in Boston geschrieben. Wie kam es dazu?
        Ich habe mich damals beim MIT beworben und glück­licherweise die Stelle bekommen. Mein Professor dort hat mich sehr fasziniert: Für ihn ist es selbstverständlich, seine Ergebnisse nicht nur in wissenschaftlichen Publikationen zu teilen, sondern mit jedem, der darum bittet – das ist in der Wissenschaft sehr selten. Vielen geht es nur darum, etwas zuerst zu veröffentlichen. Nachdem ich mit meiner Arbeit fertig war, bin ich dann noch am Institut geblieben und mit besagtem Professor durch Asien gereist.

        Warum ist es dir wichtig, dein Wissen und deine Erlebnisse zu teilen?
        Ich finde es extrem spannend, Zusammenhänge zu verstehen und Verknüpfungen herzustellen. Auf meinen Reisen habe ich schon oft Kontakte zwischen Leuten aus verschiedenen Teilen der Welt hergestellt. Wie genial ist es bitte, wenn jemand in Afrika ein Problem hat und ich dadurch helfen kann, dass ich ihn mit jemandem aus Europa zusammenbringe?

        Du bist auch in der Entwicklungs­zusammenarbeit aktiv. Worum geht es da?
        Ich habe mit der TU München im Rahmen eines EU-Projekts in Simbabwe und Lesotho den Aufbau von Masterstudiengängen für Erneuerbare Energien unterstützt. Da war mein akademischer Hintergrund sehr hilfreich …

        Haben die Leute dort nicht andere Probleme als fehlende Studiengänge?
        Eine berechtigte Frage: Warum engagiert man sich auf dieser Ebene, wenn die Leute keine Demokratie und kein Essen haben? So einfach ist es aber nicht. Entwicklungsprojekte müssen auf verschiedenen Ebenen einer Gesellschaft stattfinden. Uns ging es darum, Perspektiven für junge Leute zu schaffen, ein internationales Netzwerk aufzubauen und einen Beitrag zur Verbesserung des Bildungssystems zu leisten, das in Simbabwe während fast 30 Jahren Diktatur unter Robert Mugabe ziemlich gelitten hatte. Damit Menschen aus allen Gesellschaftsschichten von dem Stu­diengang profitieren, haben wir uns um ein Stipendiensystem bemüht, so dass besser betuchte Studenten weniger gut gestellte Studenten querfinanzieren.

        Was hast du vor Ort erlebt?
        Der Anfang war etwas holperig: Das Problem war, dass wir nur sehr wenig Geld im Gepäck hatten – wir wollten ja vor allem technische Hilfe leisten. Da waren einige der Simbabwer erst mal enttäuscht und verloren das Interesse. Wir haben uns dann auf die motivierten Leute fokussiert und letztendlich viel erreicht. Aber ich musste schnell lernen, dass es gar nicht so einfach war, den Leuten im Rahmen des Projekts auf Augenhöhe zu begegnen.

        Wieso das?
        In der Entwicklungszusammenarbeit ist es wichtig, dass man nicht irgendwo hingeht und die Leute belehrt. In unserem Fall ging es darum, ein Bewusstsein für Umweltpro­bleme und das Thema Nachhaltigkeit zu schaffen. Wir Europäer verursachen aber einen Großteil der weltweiten Klimagase. Vor diesem Hintergrund können wir natürlich nicht sagen: »Ihr müsst ab sofort alles umstellen und umweltschonender leben!« Wir wollten eher von unseren Fehlern erzählen und ihnen dadurch die Möglichkeit geben, es besser zu machen. Dazu kommt: Wir Weiße haben in ehemaligen Kolonien wie Simbabwe verständlicherweise keinen besonders guten Ruf. Da muss man erst mal Vertrauen aufbauen und den Menschen klarmachen, dass man sie respektiert. Ich habe irgendwann angefangen, die Leute, die mich mit Sir angesprochen haben, auch Sir zu nennen. Das ist nur eine Kleinigkeit, aber ich wollte meinem Gegenüber das Gefühl geben, dass ich ihn genauso respektiere wie er mich.

        »Ich habe irgendwann angefangen, die Leute,
        die mich mit Sir angesprochen haben, auch Sir zu nennen.«

        Wie kann ich als Reisender die lokale Bevölkerung unterstützen?
        Das fängt bei der Reiseplanung an: Ich schaue dabei genau hin, wo ich hinreise und wo ich übernachte. Mich persönlich reizen Community-Initiativen, die lokale Ressourcen nutzen, um Touristen ein bleibendes Erlebnis zu bieten. Es gibt zum Beispiel in Lesotho eine Lodge, die in ein Dorf eingebettet ist. Die haben es geschafft, die Einheimischen miteinzubeziehen: Bei allen Touren, die man da bucht, sind ausgebildete Locals dabei. Sie verdienen dadurch Geld, die Lodge kümmert sich um ihre soziale Absicherung und die Touristen bekommen ungefilterte Einblicke.

        Du bist schon öfter mit deiner Mutter gereist. Wie war das für euch?
        Ich habe es sehr genossen. Und es hat teilweise als Türöffner gewirkt: Bei den Hereros in Namibia hatten wir zum Beispiel erst Probleme, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Aber als sie realisiert haben, dass ich mit meiner Mutter unterwegs bin, hat uns eine Frau in ihre Hütte eingeladen. In Afrika hat die Familie einen sehr großen Stellenwert. Meine Mutter durfte dann traditionelle Herero-Kleider anprobieren und wir waren plötzlich total willkommen – das war ein geniales gemeinsames Erlebnis.

        Du tourst ab dem 10. Januar mit deinem Vortrag »Was Afrika ausmacht« durch die Globetrotter Filialen. Was erwartet mich?
        Ich war in den letzten Jahren ungefähr zehn Mal im südlichen Afrika und seit meiner ersten Reise faszinieren mich die krassen Kontraste vor Ort: Gerade noch fliegst du über das Okavango-Delta mit seiner gigantischen Artenvielfalt und kurz darauf bist du in einem total unwirtlichen Lebensraum, in der Namib – der ältesten Wüste der Welt. Dann begegnest du Menschen, die so gut wie gar nichts haben, aber unglaublich hilfsbereit sind. 

        Welche Begegnung ist dir besonders in Erinnerung geblieben?
        Da gibt es viele, aber der Besuch in der Township hat mich, wie gesagt, schon sehr bewegt. Total eindrucksvoll war auch unser Besuch bei den Himba, dem letzten (Halb-)Nomadenvolk in Nordnamibia. Dort gab es ein Lehmzelt ohne Fenster, in dem eine Frau mit ihren zwei kleinen Mädels saß. Der Mann war gestorben und dann ist es bei den Himba Tradition, dass die Frau und die Kinder für ein ganzes Jahr im Zelt bleiben, um zu trauern. Sie werden zwar versorgt – aber sie dürfen nicht rausgehen und keine Sonne bekommen. Das hat mich sehr aufgewühlt …

        Um welche Länder geht es in dem Vortrag?
        Los geht’s an den Viktoriafällen in Simbabwe. Von dort führt der Vortrag durch das Okavango-Delta in Bots­wana rüber nach Namibia und dort kreuz und quer durchs Land. Anschließend geht es an der Westküste Südafrikas nach Kapstadt und von dort über die Garden Route nach Lesotho. Das Schöne an dem Vortrag: Auf seiner 17.000 Kilometer langen Strecke zeigt er unglaubliche Kontraste, animiert aber trotzdem zum Nachmachen. Wir haben bewusst Allrad-Mietwagen als Transportmittel gewählt. So kann jeder die Reise oder Teile davon als Vorlage nehmen. 

        Welches Land hat dir am besten gefallen?
        Namibia war mit seiner unglaublichen Schönheit ein echtes Highlight, aber sehr überrascht hat mich Lesotho – das sogenannte Königreich im Himmel: Als einziges unabhängiges Land der Erde liegt sein gesamtes Staatsgebiet über 1390 Meter, und es gipfelt auf knapp 3500 Metern. Ich hatte diesen Binnenstaat nie auf dem Schirm, ein richtiger Geheimtipp und ein Outdoorparadies. Die Menschen vor Ort haben mich fasziniert: Anders als im Rest des südlichen Afrikas winken sie nicht, wenn du vorbeifährst – sie warten erst mal ab. Aber sobald du die Hand hebst, grüßen sie freundlich zurück.

        Abschließend: Man sagt, reisen bildet. Was war für dich bisher die wichtigste Lektion?
        Ich habe gelernt, dass es immer zwei Seiten der Medaille gibt und dass es sich lohnt, beide zu betrachten. Wir sollten uns auf Reisen mehr Zeit lassen, richtig eintauchen und den Menschen freundlich und respektvoll begegnen. Ich finde, das zahlt sich in jeder Hinsicht aus!

        Mehr von und mit Dirk Steuerwald


        Anfang 2019 tourt Dirk Steuerwald mit seinem Vortrag »Was Afrika ausmacht« durch die Globetrotter-Filialen.

        Die Termine

        Stuttgart 10.01.2019 Mehr Infos und Karten
        Frankfurt 17.01.2019 Mehr Infos und Karten
        München 18.01.2019 Mehr Infos und Karten
        Berlin 24.01.2019 Mehr Infos und Karten
        Dresden 25.01.2019 Mehr Infos und Karten
        Köln 31.01.2019 Mehr Infos und Karten
        Hamburg 01.02.2019 Mehr Infos und Karten

        Mehr Infos gibt’s unter: www.lastinginstant.com/vortraege
        Dirk bietet auch Fotoworkshops und -reisen an: in der Schweiz und u. a. nach Namibia. Termine und Infos finden sich auf seiner Homepage (s. oben).

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