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        Frieren ist ein No-go

        Interview Michael Neumann | Fotos Michael Neumann, Markus Gruner

        Ob in den Weiten Lapplands oder im Wald hinterm Haus – mit der richtigen Ausrüstung begeistert Wintercamping selbst Frostköttel. 

        Warum um Himmels Willen macht man Wintercamping?
        Warum nicht? Allerdings muss es dazu wirklich kalt sein, Temperaturen um den Gefrierpunkt, bei denen schnell alles nass und klamm wird, machen keinen Spaß. Bei minu­s fünf und mehr ist der Winter aber ein toller Kontrast zum restlichen Jahr – und zur eigenen Körperkerntemperatur. Der idealerweise liegende Schnee verwandelt jede Landschaft in ein Winterwonderland und schluckt den Schall, so dass man eine Stille erfährt, wie sie der urbane Mensch gar nicht mehr kennt. Und keine Angst vor Frieren, denn das ist ohnehin ein No-go und mit der richtigen Ausrüstung leicht zu verhindern. Meine Schwiegermutter glaubt mir das allerdings bis heute nicht …

        Was wäre die denkbar größte Panne auf deinen Touren durch den hohen Norden Skandinaviens?
        Der kleine Supergau wäre der Ausfall des Kochers, mit dem man seine tägliche Ration Wasser auftaut. Der große Supergau wäre ein Kocher, mit dem man aus Versehen das Zelt in Brand setzt und man dadurch seinen Schutz vor den Elementen verliert. Viel wahrscheinlicher ist aber das Szenario einer kaputten Isomatte. Denn versagt die Iso­lation nach unten, ist die Tour so gut wie beendet.

        Welche Behausung bevorzugst du beim Wintercamping? 
        Ist eine Hütte in der Nähe, idealerweise mit Holz und Ofen, schlafe ich natürlich nicht davor. Echtes Wintercamping geht aber anders. Puristen legen sich mit Schlafsack und Isomatte in den Wald und sind so vor Wind geschützt. Droht Schneefall, wird zudem ein kleines Tarp gespannt. Der Klassiker ist siche­r die Nacht im Zelt. Oder man gräbt sich eine Schneehöhle in Hang oder Wechte. Auch darin profitiert man von der schallschluckenden Eigenschaft des Schnees. Mag draußen der Sturm auch noch so toben, drinnen hört man nahe­zu nichts. Und auch die Temperaturen pendeln sich durch das Isolationsvermögen des Schnees bei plus/minus null Grad ein, sobald man die Höhle bewohnt. Bleibt man länger an einem Ort, lohnt auch der Bau eines Iglus. Das sollte man allerdings zuvor geübt haben. Und selbst Könner brauchen dafür meist länger, als ihnen lieb ist. 
        Kommen wir zum Schlafsack. Deine Empfehlung?
        Ganz klar Daune. Auch sollte man den Temperaturbereich seines Schlafsacks ruhig mit Puffer wählen. Sind minus zehn Grad zu erwarten, ist ein Komfortbereich von minus 15 angeraten. Eine wasserdichte Außen­hülle aus Gore und Co. ist praktisch, aber nicht zwingend, da Wasser idealerweise nur in gefrorenem Zustand vorkommt. Zudem setze ich auf die Vapor-Barrier-Liner- Technik, kurz VBL.

        VBL?
        Das ist eine Art Schlafsackinlet aus nicht wasserdampfdurchlässigem Material. Spötter würden auch Plastiktüte dazu sagen. Aber es funktioniert. Dieser Liner verhindert, dass der über Nacht abgegebene Wasserdampf zwischen Innen- und Außenhülle kondensiert und dann die Füllung verklumpt. Denn bei extremen Minustemperatur liegt der dafür verantwortliche Taupunkt meist innerhalb der Schlafsackisolierung. Stehe ich am Morgen auf, drehe ich den Liner auf links und lasse die darin befindliche Feuchtigkeit gefrieren. Dann einfach ausschütteln und fertig. Die Restfeuchte in meiner Wollunterwäsche, die ich 24 Stunden lang trage, trocknet dann je nach Intensität der Bewegung über kurz oder lang auch ab. Ein weiterer Vorteil des VBL ist die Erhöhung des Isolationsvermögens des Gesamt­systems um bis zu fünf Grad.

        It's all about the Taupunkt 

        Hast du sonst noch Tipps, wie man nicht im Schlafsack friert?
        Trick 17 ist eine mit heißem Wasser gefüllte Nalgene-Flasche, die vor dem Schlafen­gehen am Fußende im Schlafsack deponiert wird. Das hält nicht nur die Füße warm, sondern gleich den ganzen Schlafsack. Sehr kuschlig. Und am nächsten Morgen habe ich gleich ausreichend warmes Wasser für mein Porridge, ohne den Kocher anwerfen zu müssen.

        Und jetzt bitte Trick 18 in Sachen Bekleidung.
        Auch hier setze ich ich auf VBL – zumindest an den untersten Extremitäten. Zwischen einer dünnen Socke am Fuß und einer Wollsocke außen kommt ein banaler Gefrier­beutel. So bleibt auch das Schuhfutter von innen trocken. Die Innensocken trockne ich dann abends immer, indem ich sie kurz über die heiße Nalgene-Flasche für in den Schlafsack ziehe. Wichtig sind auch Accessoires wie Gesichtsmaske, Mütze, Stirnband und Handschuhe – Letztere in jedem Fall in doppelter Aus­führung, denn ohne Handschuhe ist der Trip genauso schnell zu Ende wie ohne Isomatte.

        Was hast du an Klamotten dabei?
        Ich habe zwei Unterwäschesets von Wool­power in 200er-Stärke aus 70 Prozent Merinowolle, 28 Prozent Polyamid und 2 Prozent Elasthan. Eines trage ich am Körper, das andere ist Ersatz. Darüber kommt eine Hard­shell-Schicht, die in aller­erster Linie den Job hat, Wind vom Körper fernzuhalten. Mit diese­­n zwei Schichten trotze ich in Bewegung allen Temperaturen. Und ist es doch mal zu kalt, habe ich eine Weste mit Kunstfaser parat. Für die Pausen und das Lagerleben habe ich Daunenjacke, -hose und -booties dabei.

        Kann ich jedes Zelt zum Winter­camping nutzen?
        Ist es trocken und windstill, natürlich. Für ernsthaftere Bedingungen gilt jedoch: Es darf kein Schnee ins Innenzelt gelangen. Hierzu sollte das Außenzelt seitlich bis zum Boden gezogen sein, die Lüfter müssen verschließ­bar sein und das Innenzelt darf keine Bereiche aus reinem Moskitonetz habe­­n. Dazu kommen viele stabile Abspannpunkte. Snowflaps, also eine lappenartige Ver­längerung des Außenzelts, auf das ich für Dichtheit und erhöhte Windstabilität Schnee schaufeln kann, sind nicht zwingend, aber ungeheuer praktisch. Elementar ist auch der einfache Aufbau, selbst bei vollständige­­r Dunkelheit im Sturm. Daher bevorzuge ich Tunnelzelte. Eine zweite klassisch­­e Winterkonstruktion, besonders fürs Hochgebirge, ist der Geodät, bei dem sich das Gestänge durch eine gewundene Führung mindestens an zwei Stellen kreuzt. Dadurch resultiert eine noch bessere Stabilitä­­t bei Wind und Schneelast. 
        Ich selbst lasse beim Abbau das Gestänge zur Hälfte im Zelt und rolle das Ganze zu einer Rolle zusammen, die dann zuoberst auf der Pulka Platz findet. 

        Schützt ein Zelt auch vor Kälte?
        Nicht, sobald ich im Schlafsack liege und der Kocher aus ist. Es dient allein dem Windschutz, so dass der Windchill-Faktor keinen Einfluss auf die gefühlte Temperatur hat. Immerhin.

        Kommen wir zum dritten elementaren Baustein einer  Nacht im Schnee: der Isomatte. Deine Tipps?
        Wer auf eine Luftmatte mit Isolierfüllung setzt, der sollte mindestens noch eine zweite, einfache Matte aus Evazote mitführen. Denn wenn die Luftmatte ein Loch bekommt, sinkt die Isolierleistung gegen null und ich kann die Tour abbrechen. Und das Reparieren bei Minusgraden ist eine Wissenschaft für sich. Über eine Evazote-Matte kann ich zur Not auch mit Steigeisen turnen. Und wenn man beide Matten übereinander legt, dann bitte die mit dem besseren R-Wert nach oben.

        R-Wert?
        Damit wird der Wärmeduchgangswiderstand eines Material bezeichnet. Von 1 bis 12, je höher, desto besser. Tragbarer Spitzenreiter in unserem Sortiment ist die Exped Downmat 7 mit einem R-Wert von 5,9.

        Bevor ich nun schlafen gehe, jogge ich noch eine Runde um den Block, um warm zu werden?
        Viel wichtiger ist es, genug zu Essen. Wer hungrig ins Bett geht, wird über kurz oder lang frieren – besonders bei Temperaturen von minus 20 Grad und darunter.

        Womit wir beim Kocher wären. Was empfiehlst du?
        Ich habe einen modifizierten Benzinkocher von MSR, den ich in und auswendig kenne und mit verbundenen Augen auseinander­nehmen kann. Dafür habe ich mir ein spezielles Kochersystem selbstgebastelt. Für die Standfestigkeit auf Schnee sorgt eine Carbonplatte mit Steigfellresten darunter, oben erledigen klappbare Titanbleche den Windschutz. Darauf köchelt ein Wärmetauscher-Topf. So komme ich mit deutlich weniger Brennstoff aus, als die Faustregel empfiehlt. Diese geht im Winter von 200 ml pro Tag und Kopf aus. Im Zweifel nimmt man einen Liter mehr mit, was bei Reinbezin wie dem Primus Powerfuel mit rund 690 Gramm Mehrgewicht zu Buche schlägt. 

        Ist Gas eine Alternative?
        Nur bedingt. Kocher, die direkt auf die Kartusche geschraubt werden, beginnen schon ab fünf Grad zu schwächeln. Eine Ausnahme bildet das Wintergas von Primus, mit dem sich auch bei minus zehn Grad noch gute Ergebnisse erzielen lassen. Ernsthafte Wintercamper mit Gasfaible werden wohl eher zum Kocher mit Flüssiggaseinspeisung greifen. Bei diesen steht die Kartusche am Ende einer Zuleitung auf dem Kopf. So gelangt das Gas in flüssigem Zustand zum Brenner, wo es letztlich vergast. Das funktioniert aber nicht ohne Vorheizprocedere mit Brennpaste. 

        Und was kommt dann in den Topf?
        In den Topf kommt bei mir ausschließlich gefriergetrocknete Fertignahrung. Das ist zwar nicht die absolute Kulinarik, doch bei meinen Wildnistouren sind Gewicht, Packmaß und Brennstoffverbrauch einfach wichtiger. 

        Woher holst du dir deine Tipps fürs Wintercamping?
        Ich habe mir viel vom norwegischen Abenteurer Børge Ousland abgeschaut. Und dann wären da noch die zahlreichen, meist englischsprachigen Online-Foren zum Thema Outdoor.

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