Familien-Spezial: Gletschertrekking

Gletschertrekking ist auch für Kinder gut machbar und spannend. Die erwachsenen Begleiter sollten allerdings gute Gletscherefahrung besitzen.

Verlässt man den höchstgelegenen Bahnhof Europas auf dem 3454 Meter hohen Jungfraujoch in den Berner Alpen wird man von einer Welt aus Eis, Schnee und Kälte empfangen. Nicht gerade das, was man als eine Destination für eine Wanderung mit Kindern erachten würde. Für uns aber der Startpunkt eines großartigen Gletscherabenteuers mit der ganzen Familie.

Es gibt kaum einen größeren Abenteuerspielplatz als den Konkordiaplatz.
Es gibt kaum einen größeren Abenteuerspielplatz als den Konkordiaplatz.
Bei allem Enthusiasmus sollten die begleitenden Erwachsenen die Gefahren im Blick behalten.
Bei allem Entdeckertum sollten die begleitenden Erwachsenen die Gefahren im Blick behalten.
Ein Fehltritt kann große Konsequenzen haben. Nasse Füße sind hier das geringste Problem.
Ein Fehltritt kann große Konsequenzen haben. Nasse Füße sind hier das geringste Problem.

Wir sitzen im Zug der Jungfraubahn und schauen fasziniert aus den Fenstern. An uns zieht die grandiose Landschaft des Berner Oberlands um Eiger, Mönch und Jungfrau vorbei. Für unsere Mitreisenden ist nicht nur die Landschaft der Star, auch wir faszinieren sie. Das mag wohl an unserer Bergsteigerausrüstung liegen – ein nicht gerade alltäglicher Anblick für die Touristen aus fernen Ländern. Die Tatsache, dass auch unsere Kinder Pickel, Steigeisen und große Rucksäcke mitführen, entlockt so manches Getuschel auf den Nachbarsitzen. Zwar verstehen wir dieses aufgrund mangelnder Kenntnisse asiatischer Sprachen nicht, die Mimik der Leute lässt aber Erstaunen und Begeisterung erkennen.

Jungfraujoch Gefahrenschild
Ab hier ist sich jeder selbst überlassen. Der gesicherte Bereich rund um den höchsten Bahnhof Europas endet.
Beim Gletschertrekking sind die erwachsenen Begleiter gefordert. Sie müssen sich um Material, Routenwahl und Sicherheit kümmern.
RALF GANTZHORN Beim Gletschertrekking sind die erwachsenen Begleiter gefordert. Sie müssen sich um Material, Routenwahl und Sicherheit kümmern.

Unser Ziel ist nicht der Endbahnhof Jungfraujoch, um dort schicke Selfies zusammen mit der außergewöhnlichen Landschaft zu schießen. Stattdessen wollen wir die Touristen und die geschützte Umgebung hinter uns lassen und in die weiße Welt aus Schnee und Eis eintauchen. Dabei nutzen wir die Jungfraubahn als Aufstiegshilfe ins ewige Eis.

Ewiges Eis nur mit erfahrenen Erwachsenen

Wir, das sind Corinne und ich, unsere Kinder Moritz (9) und Sara Lisa (9). Die zweite Familie: Ralf, ein langjähriger Freund und erfahrener Bergsteiger, mit Birgit und den Kindern Nils (15) und Finn (9). Mit Petra begleitet uns noch eine weitere erfahrene Berggängerin. Die vage Idee, mit Kindern einmal auf eine Gletschertour zu gehen, geisterte schon länger in meinem Kopf. Ralf war sofort begeistert. Die Kinder waren schon im Vorfeld voller Motivation und Spannung. Logo, der Gedanke, mit Steigeisen an den Füssen und einem Eispickel in der Hand, verlieh ihnen Flügel. So mussten nur noch Schuhe und Steigeisen in den entsprechenden Größen organisiert werden, bevor die Idee in die Tat umgesetzt werden konnte.

Ausrüstungstipps fürs Wandern mit Kindern

Kinder sind mehr als kleine Erwachsene. Ihr Material beanspruchen sie stark, gleichzeitig lassen sich Rucksäcke und Co. nicht einfach schrumpfen und so kindertauglich machen. Wir haben für euch zahlreiche Kaufberatungen und Tipps für Wanderungen und Trekkingtouren mit Kindern.

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Doch bevor die Ausrüstung mit Ankunft am Jungfraujoch zum Einsatz kommt, nehmen wir uns erst noch Zeit für den Eispalast am Bahnhof. Der »Palast« besteht aus ins Gletschereis geschlagenen Gängen und kleinen Hallen, die mit vielen tollen Eisskulpturen verziert sind. Schließlich führt uns ein dunkler Gang vom Bahnhof hinaus ins Freie. Von einem auf den anderen Moment werden wir von der Sonne geblendet. Vor uns öffnet sich die riesige Eisarena. Noch sind wir Teil der Besucherströme, die die Jungfraubahn hier hinauf chauffiert. Doch das ändert sich bald. Wir helfen den Kindern, die Steigeisen an die Schuhe zu montieren und binden alle in das Seil. Es folgen letzte Instruktionen zum Verhalten, dann geht’s los. Wir steigen über eine Absperrung und lassen den ganzen Trubel hinter uns.

Disziplin und Kondition sind die Schlüsselanforderungen an die Kinder, außerordentliche Kletterfähigkeiten bedarf Gletschertrekking nicht.

Treppen zur Konkordiahütte

Treppen an der Konkordiahütte
Senkrecht am Fels zieht sich der Aufstieg zur Konkordiahütte hinauf. Morgen früh geht es den gleichen Weg wieder herunter.

Die ersten Meter sind ideales Trainingsterrain fürs Laufen mit Steigeisen. Vom Jungfraujoch geht es konstant leicht bergab. Es gilt, die Eisen stets voll aufzusetzen. Schließlich erwartet uns ein kurzer Abschnitt mit ernsten Gletscherspalten. In ein paar Schlaufen navigieren wir um zwei große Spalten herum. Mit Begeisterung ziehen die Kinder und die Väter an den Eismäulern vorbei, während die Gesichter der Mütter – die ebenfalls zum ersten Mal auf einem Gletscher wandern – ein etwas weniger entspannter Ausdruck zeigt. »Mama, das ist doch cool« höre ich nur von hinten – wie gut, dass man von dort mein Grinsen im Gesicht nicht sieht. 

Mit Erreichen des aperen und spaltenlosen Eises ist eine große Pause angesagt. Als sich die Kinder aus dem Seil losbinden dürfen, gibt es kein Halten mehr. Die Eispickel müssen herhalten, um kleine Bäche ins Eis zu hacken oder das Eis kunstvoll zu bearbeiten. Mini-Gletscherspalten wollen übersprungen werden. Die Eisschrauben von Ralf und mir werden ins Eis gedreht und der herauskriechende Eiswurm fasziniert beobachtet. Wir fühlen uns alle als Gast in einer anderen Welt. Eine ganz eigene Landschaft mit kleinen Bächen und Tümpeln, Wasserfällen, die im Eis verschwinden, blauen Gletscherspalten und Gletschertischen, wo nur noch die Stühle zu fehlen scheinen. Zum Abschluss des ersten Tages wartet doch noch ein kleiner Anstieg: die vielen Stufen einer Metalltreppe, welche vom Gletscher hinauf zur Konkordiahütte führen. Aufgrund des Gletscherschwundes wird die Treppe nach unten hin fast jedes Jahr ein wenig verlängert (und musste 2021 sogar versetzt werden) – mittlerweile überwindet diese gut 120 Höhenmeter.

Steckbrief Gletscherwandern Aletsch

Anforderungen

Leichtes Gletschertrekking für bergerfahrene und konditionsstarke Kinder ab ca. 10 Jahren; der Abstieg zur Anenhütte im weglosen Gelände erfordert Orientierungssinn, eine anspruchsvolle Stelle muss dabei hinabgekraxelt werden. Die primären Anforderungen liegen bei den erwachsenen Begleitpersonen, die über eine profunde Erfahrung in der Begehung von Gletschern verfügen sollten. Zu bemerken ist, dass auch für Erwachsene nicht zwangsläufig Gletschererfahrung notwendig ist, wenn die Tour zusammen mit einem Bergführer unternommen wird. 

Tagesetappen

  1. Tag: Jungfraujoch (3454 m) – Konkordiahütte (2850 m); 4.30 Std.; 180 m Aufstieg, 780 m Abstieg
  2. Tag: Konkordiahütte – Hollandiahütte (3245 m); 5.30 Std.; 570 m Aufstieg, 180 m Abstieg
  3. Tag: Hollandiahütte – Anenhütte (2355 m); 4.30 Std.; 150 m Aufstieg, 1030 m Abstieg
  4. Tag: Anenhütte – Fafleralp im Lötschental (1770 m); 2 Std.; 600 m Abstieg
Unter den Augen der Begleiter können die Kinder auch ihre eigenen alpinen Grenzen ausloten.

Variante

Einen Tag kürzer wird die Tour, wenn man alternativ von der Konkordiahütte über den Aletschgletscher zur Gletscherstube Märjelen absteigt und zur Bergstation Fiescheralp wandert.

An- und Abreise

Mit der Jungfraubahn entweder von Lauterbrunnen oder von Grindelwald über die Kleine Scheidegg zum Ausgangspunkt auf das Jungfraujoch. Vom Endpunkt der Fafleralp im Lötschental mit dem Bus zum Bahnhof Goppenstein.

Küchenarbeit Hollandiahütte
Nicht müde zu kriegen. Während die Erwachsenen die Pause genießen, erarbeiten sich die Kids ihren zweiten Nachtisch.

Am nächsten Morgen steht als erstes die Überquerung des Konkordiaplatzes an. Was nach einer Piazza mit Cafés in einer italienischen Stadt klingt, ist im Berner Oberland eine rund vier Quadratkilometer große Gletscherebene mit einer Eisdicke von fast 900 Metern. Hier vereinen sich drei Gletscher und bilden den größten Eisstrom der Alpen, den Aletschgletscher. Glücklicherweise sind die Bedingungen hervorragend und die Überquerung gleicht schon fast einem Spaziergang. Zudem sind alle mittlerweile an das Gehen auf dem Eis gewöhnt.

Am frühen Nachmittag erreichen wir die Hollandiahütte, welche wie ein Adlerhorst aussichtreich auf einem Felsabsatz thront. So bleibt noch genügend Zeit, um Sonne und Kraft auf der toll gelegenen Hüttenterrasse zu tanken, bevor die hungrigen Mäuler beim Abendessen versorgt werden. Anschließend verschwinden Moritz und Finn in der Küche, um freiwillig beim Abwasch zu helfen – zuhause ein noch nie gesehener Anblick! Wundert uns das, als wir danach eine zweite Portion Nachtisch vor den beiden Küchengehilfen stehen sehen?

Abstieg in eine andere Welt

Am dritten Tag geht es nur noch bergab. Nach einer guten Stunde kann das Seil aufgenommen werden und wir betreten eine Felspassage. Eine kleine Kraxelpartie auf der Route erzeugt Freude bei den Kindern und einen angespannten Gesichtsausdruck bei den Müttern, dann ist es praktisch geschafft. Noch einmal kurz auf blankes Eis und die Gletscherzunge ist erreicht. Mit Verlassen des Eises schreiten wir urplötzlich in eine andere Welt hinüber. Weiß und Grau von Eis und Fels werden abgelöst vom Grün der Pflanzen, es blüht in Hülle und Fülle, Insekten schwirren in der Luft. Statt der Kälte des Eises strahlt die Oberfläche eine angenehme Wärme aus. Einen ausgeprägteren Kontrastwechsel kann man sich kaum vorstellen. 

Schon bald treffen wir auf den Wanderweg, welcher uns genussvoll zur traumhaft gelegenen Anenhütte führt. Kaum haben wir die Sonnenterrasse betreten, fliegen Bergschuhe und Strümpfe der Kinder zu Boden. Die Erwachsenen folgen ihrer Tat und jeder streckt wohlig die Füße in der wärmenden Sonne aus. Gott sei Dank müssen wir heute nicht mehr in die gewöhnungsbedürftig duftenden Schuhe schlüpfen, da wir uns entschieden haben, eine Nacht auf der Hütte zu verbringen (obwohl es auch möglich wäre, noch am gleichen Tag ins Lötschental abzusteigen). Aber die Kinder sollen schließlich das positive Erlebnis bis zum Ende beibehalten dürfen – ein Grundsatz, wenn man mit Kindern wandert, ist stets genügend Zeit mit im Gepäck zu haben und sich auf das Tempo der Kinder einzulassen.

Genusswandern im Wallis

Der kurze Abstieg am letzten Tag dehnt sich genussvoll, Liegepausen im Gras inbegriffen. Ein Kiosk neben der Bushaltelle Fafleralp am Endpunkt unseres ungewöhnlichen Hüttentrekkings sorgt für einen durstlöschenden Abschluss bevor es wieder Richtung Heimweg geht. Und je näher wir wieder dem Zuhause kommen, umso größer werden natürlich in den Erzählungen die Gletscherspalten, über die die Kinder in den Tagen zuvor noch gesprungen sind.

Die moderne Anenhütte ist eisfrei von der Fafleralp zu erreichen. Wir genießen das wiederkehrende Grün.
Wir entschließen uns zu einer weiteren Hüttennacht, um das Gletschertrekking gebührend zu beenden.
Zurück aus dem Hochgebirge strahlen die Felder und Wiesen der Fafleralp ganz besonders.
Text: Bernd Jung
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