Gipfelglück an der Shisha Pangma

Alix von Melle ist Profibergsteigerin und ehemalige Mitarbeiterin bei Globetrotter. Hier schildet sie, wie sie 2013 den Gipfelanstieg zur Shisha Pangma (8027m) in Tibet erlebte. 
Am Gipfel der Shisha Pangma, dem niedrigsten Achtausender.

Hinweis: Den Daunenanzug, den Alix bei dieser Tour trug, könnt ihr am 27.11.20 bei Globetrotter erwerben.

Der Gipfeltag oder besser gesagt die Gipfelnacht beginnt für meinen Mann Luis und mich im Stockdunkeln und bei klirrender Kälte. Um 2:30 Uhr starten wir im Schein unserer Stirnlampen und steigen mit Eispickel und ohne Fixseile über 40-45 Grad steile Hänge – wechselnd durch Schnee oder über Blankeis.

Als wir auf 7400 Meter den exponierten Lagerplatz vom dritten Hochlager erreichen, wird es dämmrig und der Horizont im Osten hüllt sich malerisch in orange- und rotfarbene Töne. Was für eine unglaublich schöne Stimmung! Ich freue mich, dass wir die Stirnlampen ausmachen können. Nach einer kurzen Verschnaufpause und einem Becher aus der Thermoskanne machen wir uns an die lange Querung durch die Gipfelflanke. Wir haben entschieden, anstelle der Normalroute auf den Zentralgipfel, die Inaki-Variante durch die Nordostwand zum Hauptgipfel auf 8027 Meter zu versuchen. Inzwischen ist es hell und wir genießen die phantastische Aussicht auf Cho Oyu, Nuptse, Lhotse und Everest. Ein traumhafter Gipfeltag mit strahlend blauem Himmel, wie vom Meteorologen Charly Gabl vorhergesagt.

Gegen 11:30 Uhr erreichen wir die weite Einsattelung vor dem exponieren Gipfelgrat. Hier erwartet uns eine böse Überraschung! Bisher waren wir in der Nordostwand vor dem Wind gut geschützt, aber jetzt weht er uns jäh entgegen. Die Böen erreichen Geschwindigkeiten, die uns ein paar Mal regelrecht von den Füßen heben. Enttäuschung kommt auf – sollten wir hier, den Gipfel in greifbarer Nähe, kurz vor unserem Ziel umkehren müssen? Gleichzeitig meldet sich aber auch die Vernunft: Ist es zu verantworten, bei diesen Windgeschwindigkeiten, den messerscharfen Grat auf den Gipfel zu begehen?

Wir warten eine gute halbe Stunde ab, bis sich der Wind abrupt zu legen scheint. Am kurzen Seil gesichert versuchen wir nun unser Glück. Über einen messerscharfen Schneegrat erreichen wir eine Art Vorgipfel. Der kurze aber immer noch sehr exponierte Verbindungsgrat zum Hauptgipfel ist schnell überwunden. Dann sitzen wir beide, Luis und ich ganz alleine, auf dem spitzen Horn des Shisha-Pangma-Hauptgipfels. 13.30 Uhr und 8027 Meter Höhe zeigt unsere Uhr exakt an. Höher geht es nicht mehr.

Wir sind glücklich und freuen uns über die tolle Aussicht auf die tibetische Hochebene und das Himalaya-Gebirge. Nach dem dramatischen Finale mit den orkanartigen Sturmspitzen hätten wir mit einem solchen Ausgang der Expedition schon fast nicht mehr gerechnet. Letztendlich braucht es trotz bester Planung und Vorbereitung einer Expedition auch immer viel Glück, dass es mit einem Gipfelerfolg klappt. Deshalb betrachte ich jeden Achttausender, auf dessen Gipfel ich bisher stehen durfte, als ganz großes Geschenk und nicht als Selbstverständlichkeit. Am Gipfel der Shisha Pangma mit Luis alleine zu stehen, ist für mich ein ganz besonderer Moment.

Todmüde freue ich mich nach dem Abstieg auf meinen Schlafsack. Die erste Nacht im Basislager nach erfolgreichem Gipfelgang genieße ich immer ganz besonders. Glücklich und erschöpft kann ich besonders gut schlafen. Auch am nächsten Morgen nehme ich es mir heraus, erst dann aufzustehen, wenn ich ausgeschlafen bin. Aber dieses Mal ist alles anders – ein Murmeltier weckt mich auf! Etwas verdattert reibe ich mir die Augen, bis ich sehe, dass es der Expeditionsleiter einer Schweizer Expedition ist, verkleidet in dem Murmeltiergewand der Firma Marmot. Er gratuliert mir zum Gipfelerfolg und überreicht mir eine Flasche feinsten Champagners. Was für eine schöne Geste!

Text: Alix von Melle
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