Frei sein: unterwegs mit Mario Goldstein

Mit einem Wasserwerfer zum Dalai Lama? Auf einem Floß durch Kanada? Klar! Mario Goldstein entdeckt das Leben und die Welt immer wieder neu. Das steckt an.

Mario, du bist sieben Jahre um die Welt gesegelt, bist mit einem Wasserwerfer auf Friedensfahrt beim Dalai Lama gewesen; zuletzt hast du Amerika durchquert von Neufundland bis zur Beringsee. Ist diese Reiselust Resultat deiner Haft im DDR-Gefängnis?
Mario Goldstein: Umgekehrt, wegen meines Freiheitsdrangs bin ich im Knast gelandet. Wir wohnten nahe an der deutsch-deutschen Grenze, sahen Westfernsehen – am liebsten »Dallas« –, und ich war ständig damit konfrontiert, was ich alles nicht durfte. Wenn du in so einem Absolutismus lebst und kein Ende in Sicht ist, musst du dir die Freiheit selbst nehmen. Das erzählte ich als 15-Jähriger herum, die Stasi bekam es mit – und steckte mich zehn Wochen in den Knast, wohl um mir die Flausen auszutreiben.

Hat die Abschreckung funktioniert?
Zunächst ja, das hat mir sehr viel Angst gemacht. Aus der Angst entwickelte sich jedoch die Erkenntnis, dass ich immer noch rauswollte und eben genau überlegen musste, wie. Mit 18 Jahren stellte ich den Ausreiseantrag. Man ließ mich lange warten, dann wurde verkündet: »Herr Goldstein, Sie kommen hier nie raus!« Ich dachte: Das werden wir ja sehen …

Republikflucht?
Der Versuch. Ich wusste von einem Abschnitt der tschechisch-österreichischen Grenze, an dem es keine Minenfelder und Selbstschussanlagen gab. Dafür berührte ich einen Signaldraht und die Soldaten schnappten mich ganz kurz vor der österreichischen Grenze. Mit einer Kalaschnikow im Rücken rennst du nicht mehr weiter. Sie haben mich dann von Prag nach Berlin geflogen. Das war mein erster Flug überhaupt: in Handschellen, aber mit Fensterplatz.

Und dann wieder Gefängnis?
Stasi-Untersuchungshaft, zweieinhalb Monate Verhör, das ganze Theater. Es gab dann zwei Jahre Freiheitsentzug. Nach sechs Monaten hat mich die BRD freigekauft, ich kam in den Westen. Kurz darauf fiel die Mauer. Erst habe ich geflucht – hätte ich anderthalb Jahre gewartet, wäre mir der ganze Mist erspart geblieben. Aber natürlich war es toll. Ich hatte ja alles zurückgelassen, Familie und Freunde.


»Wir wussten nicht so recht, was Wildnis überhaupt bedeutet. Ich hatte auch Angst – vor Tieren, der Weite, der Natur.«

Mario Goldstein Fotostopp mitten auf dem Highway? In Kanadas Norden kein Problem.

Begann mit der Freiheit das große Reisen?
Erst einmal wollte ich Geld verdienen und unbedingt Millionär werden – eventuell hatte ich etwas zu viel »Dallas« geschaut. Nach drei Wochen im Westen hatte ich schon einen Job – als Fahrer. Trucker sein war so ein alter Traum von mir, ich fuhr aber nur in der Gegend um Stuttgart herum. Relativ schnell merkte ich auch, dass der Chef deutlich mehr verdiente als seine Fahrer. Ich bin dann zurück in den Osten und habe mich mit Versicherungen selbstständig gemacht.

In der DDR hattest du Maurer gelernt. Wie lief es als Unternehmer?
Zunächst gar nicht. Nach drei Jahren war ich pleite. Rückblickend war das nicht so schlecht, die Versicherungen waren eine interessante Erfahrung und von den Schulungen ist einiges hängen geblieben. Nach diesem Tiefpunkt fing ich neu an – vorsichtiger und umsichtiger –, und diesmal klappte es. Eine Werbeagentur, später kamen eine Druckerei und eine Baufirma dazu. Am lukrativsten war aber der Verkauf von Fensterputzgeräten. Die Baufirma machte irgendwann dicht, die Druckerei gibt es heute noch. Diese Unternehmer-Phase sehe ich heute in anderem Licht, aber sie war auch die Grundlage für mein nächstes Leben.

Du meinst, du hast genug Geld zur Seite gelegt?
Zumindest etwas Grundkapital. Wichtiger war die Einsicht, dass diese tollen Geschäftsbeziehungen und Connections nur funktionieren, solange du erfolgreich bist. Als die Baufirma ins Trudeln kam, zählte das alles plötzlich nicht mehr. Das war ein Schlüsselerlebnis – ich begann nachzudenken. Mir wurde klar, dass ich eine Veränderung nicht mit der Schließung meiner Firmen erreiche. Ich wollte komplett neue Erfahrungen machen. Der Traum vom Segeln kam auf, eine neue Sehnsucht. Erst war es der Westen, jetzt die Freiheit auf dem großen Meer. Das Geld für ein eigenes Boot hatte ich nicht, aber schließlich fand ich eine Amerikanerin, die sich finanziell an einem alten Katamaran beteiligte. Mit diesem Boot war ich dann die nächsten sieben Jahre unterwegs.

Das fällt dir offenbar leicht: alte Dinge loslassen und neue angehen …
Ich bin in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, aber habe immer viel Liebe erfahren, von meiner Mutter und meinem Opa, der nach der Trennung meiner Eltern in die Vaterrolle geschlüpft ist. Wenig Geld, dafür viel Liebe – das war immer so mein Ding. Wenn ich spüre, dass mein Tun und meine Gefühle auseinanderdriften, kann ich gut loslassen. Materielles – das Haus, der Job – ist oft nur vorgeschoben, das muss man erkennen. Meine Unternehmer-Phase war so gesehen ein Irrweg, aber notwendig. Auch das Loslassen in einer Beziehung ist eine wichtige Erfahrung. Meine erste Frau konnte sich mit dem Segeln nicht anfreunden. Am Ende haben wir uns getrennt.

Sieben Jahre auf allen Ozeanen. Das Paradies?
Ein »Good Life« – so hieß auch unser Boot. Mit meiner neuen Freundin Yvonne und später auch unserer Tochter war ich lange Zeit sehr glücklich. Irgendwann wird aber selbst so ein Katamaran zu eng und wir wollten eine Veränderung. Wir probierten ein Landleben in Brasilien, in der Karibik und zuletzt auf Mallorca. Dort wollte ich Segeltouren anbieten, das war allerdings nicht so einfach, die Claims sind dort abgesteckt. Yvonne begann, mit einer Rückkehr nach Deutschland zu liebäugeln.

»Die Stasi steckte mich als 15-Jährigen für zehn Wochen in den Knast, wohl um mir die Flausen auszutreiben.«

Wieder mal Zeit für einen Schnitt?
Richtig. Die Idee war: Wir genießen hier die letzten Monate, verkaufen dann das Boot, gehen zurück und verdienen Geld mit Vorträgen. Auch wieder so ein Business, von dem ich erst keine Ahnung hatte. Aber daraus ist der Vortrag »5 Jahre – 5 Meere« entstanden, der heute noch läuft.

Ist dir der Schritt vom Meer aufs Festland nicht schwergefallen?
Da sind wir wieder beim Loslassen. Es fühlte sich richtig an, und wenn einem neue Pläne im Kopf herumspuken, sind die alten Sachen nur im Weg. So kam ich dann auf den Wasserwerfer.

Wasserwerfer – wie bei Stuttgart 21?
Da muss ich kurz ausholen: Ich hatte mich viel mit dem Buddhismus beschäftigt und war auf den Dalai Lama gestoßen. Den wollte ich besuchen – das war so eine Idee. Auf der Suche nach einem passenden Gefährt – mit Allrad, Platz und bezahlbar – entdeckte ich dann diesen ausgedienten Wasserwerfer im Internet. Es hat sofort Klick gemacht: Mit diesem früheren Kampffahrzeug gehen wir auf eine friedliche Mission.

Was meinte der Dalai Lama dazu?
(lacht) Der wusste noch nichts von seinem Glück. Ich habe dann ein richtiges Projekt konzipiert und rund 1000 Friedensbotschaften gesammelt – Schulkinder, Erwachsene, alle haben ihre Wünsche und Ideen für den Dalai Lama aufgeschrieben. Daraus ist dann das Book of Peace entstanden, ein vierbändiges Buch, das ich dem Dalai Lama am Ende der 12.000 Kilometer langen Reise zu seinem indischen Domizil persönlich überreichen durfte. Der Dalai Lama hatte dann auch eine Botschaft für uns.

Über diese Reise habe ich in einem Film, einem Vortrag und einem Buch – mit persönlichem Vorwort des Dalai Lama – berichtet. Das alles funktioniert gut und macht mir selbst auch großen Spaß.

Archiv Goldstein Vor seiner Nordamerika­ Durchquerung war Mario in Indien – den Dalai Lama besuchen.

Durch die Globetrotter-Filialen tourst du demnächst mit einer noch längeren Reise: quer durch Nordamerika, von Neufundland zur Beringsee. Wieder mit Wasserwerfer?
Natürlich – den haben wir nach Neufundland verschifft und sind dann sechs Monate lang und 12.000 Kilometer weit bis Dawson City im Yukon gereist. Für die zweite Etappe bauten wir ein Floß: 3000 Kilometer auf dem Yukon River bis zur Beringsee.
Der Vortrag heißt »Sehnsucht Wildnis«. Das trifft es gut, denn meine jetzige Frau Ramona und ich starteten als Greenhorns. Trotz Weltumsegelung und der Indien-Fahrt – mit dem hohen Norden hatte ich praktisch keine Erfahrung. Aber das ist Teil des Abenteuers. Also einfach los am Cape Spear, dem östlichsten Punkt Nordamerikas. Ich dachte, da schwimmen Tausend Eisberge im Atlantik, aber wir mussten weit mit einem Boot rausfahren, um welche zu sehen. Dabei ist uns aber auch ein Buckelwal begegnet – mein erster Wal, und ich war ja schon sieben Jahre zur See gefahren.

Neufundland, Labrador, Manitoba – das haben nur wenige Kanada- Reisende auf dem Zettel. Was habt ihr erwartet im Niemandsland?
Wir wussten nicht so recht, was Wildnis überhaupt bedeutet. Ich hatte auch gewisse Ängste – vor wilden Tieren, vor der Weite, der Einsamkeit, der schieren Wucht der Natur. Das hat uns beschäftigt. Wir haben Einsiedler kennengelernt, auch Leute besucht wie Mike McIntosh, der 18 Braunbären hat.
Wer auf Reisen auf die Menschen zugeht, lernt und erlebt am meisten. Nach 1500 Kilometern habe ich mich mal beschwert, dass wir im Land der Elche keinen Elch sehen. Einen Einheimischen hat das so amüsiert, dass er ein Stück mitgefahren ist und mir in kürzester Zeit acht Elche zeigte. Nicht direkt an der Straße, aber nur ein kleines Stück weiter im Busch. So sind wir buchstäblich nach und nach in die Wildnis vorgedrungen. Später waren dann Elche und ein, zwei Bären täglich ganz normal. Wir sprachen mit Wolfsexperten, waren mit Indianern auf Bisonpirsch, besuchten eine Bärenstation. So ging das immer weiter, quer durch Kanada.

In Dawson City angekommen wart ihr dann bereit für das große Abenteuer Yukon River?
Dawson City, die alte Goldgräberstadt, war das Ziel, weil wir den deutschen Aussteiger Holger Haustein dort treffen wollten. Der ist früher mal mit Jens Weißflog gemeinsam Ski gesprungen und lebt jetzt unter dem Künstlernamen Driftwood Holly im Busch. Im Yukon tummeln sich so viele Aussteiger und Lebenskünstler, das ist allein schon eine Reise wert.
Den Plan, den Yukon hinunterzufahren, fassten wir erst in Dawson. Wir sahen Leute den Fluss runterschippern. Wieder machte es Klick im Kopf. Der Winter war aber schon nahe. Also entschieden wir, im folgenden Jahr wiederzukommen und dann den kompletten Yukon zu machen. Also nicht nur die übliche Strecke von Whitehorse bis Dawson, sondern die ganze Reise durch Alaska bis zur Beringsee – wo man dann schon fast nach Russland rübergucken kann.

»Im Yukon tummeln sich viele Lebenskünstler, das ist allein schon eine Reise wert.«

3000 Kilometer auf einem Floß durch Kanada und Alaska, das ist aber etwas anspruchsvoller als ein Roadtrip im Wasserwerfer …
Richtig. Autark und immer mittendrin – Wildnis, Unwetter, Bären. Die Wasserwerfer-Fahrt erwies sich im Nachhinein als Ausbildungstour. So fügen sich die Dinge auf Reisen ja oft.

Hattest du denn Erfahrung als Floß-Designer?
Nein. Aber im Internet habe ich nach langer Recherche Chris gefunden, der den Yukon gut kennt und auch schon ein Floß gebaut hatte. Von ihm bekam ich jede Menge Tipps und auch wichtiges Material. Am Lake Laberge in Whitehorse haben wir dann in drei Wochen das Floß zusammengezimmert. Dann ging es los. Auf dem ersten Stück bis Dawson City liegen am Yukon immer wieder mal kleine Ortschaften, man kann mal was nachkaufen oder ein Bier trinken gehen. Das war ideal zur Eingewöhnung.

Wie war das Leben an Bord?
Meistens sehr entspannt. Wir waren zu dritt auf dem Floß: Ramona, Patrick – ein Freund aus Deutschland – und ich. Dazu noch unser Hund. Zwischendurch haben wir auch jemanden mitgenommen: einen Aussteiger, der auf einer Insel gestrandet war und schon seit zwei Tagen auf Hilfe wartete.
Wir hatten zwar einen 15-PS-Außenborder, aber oft sind wir einfach getrieben und haben diese gigantische Natur genossen. Für die Nacht wurde am Ufer festgemacht. Von Mike, dem Bärenexperten, hatten wir gelernt, dass Bären nicht an bewegliche Sachen herangehen, auf ein Floß würden die also wohl nicht klettern. Bis heute weiß ich nicht, ob das wirklich stimmt, aber wir fühlten uns halbwegs sicher – und bekamen auch keinen ungebetenen Besuch.

Das Floß war komfortabel?
Durchaus. Wir hatten so einen Aufbau, damit waren wir relativ gut vor Sonne und Regen geschützt. Er hat sich ein bisschen verbogen, aber gehalten. Ein Kanu war für Foto- und Filmaufnahmen auch dabei, darin konnten wir viel Material verstauen. Nur eine Heizung gab es nicht. Wir versuchten einmal, mit Gas zu heizen, aber das brachte nichts. Wir hatten sowieso nur drei Kartuschen zum Kochen. Als die dann leer waren, haben uns Indianer zwei volle geschenkt. Das sind so Gesten beim Reisen, die ich unheimlich liebe.

Probleme auf dem Fluss gab es keine?
Mit der Wildnis eigentlich nicht, und beim Navigieren habe ich von meiner Zeit als Segler profitiert. Sehr nützlich war ein GPS-Track von Chris, vor allem in den Yukon Flats – der Fluss verästelt sich dort in ein 400 Kilometer langes und 30 Kilometer breites System. Es gibt keine offizielle Fahrrinne. Manchmal haben wir auch auf dem Dach gestanden und nur geschaut, wo es denn weitergehen könnte.
Eine kleine Krise hatten wir natürlich auch einmal: Ramona wollte weiter ruhig durch die Natur gleiten, ich dagegen mal auf die Tube drücken, damit wir es auch schaffen, bevor der Winter kommt. Wenn du nicht ankommst, hast du zwar eine Story, aber kein Happy End. Und wenn man so etwas anfängt, dann will man es auch zu Ende bringen. Wir haben uns dann zusammengesetzt und schließlich geeinigt.

Verrätst du uns das Ende?
(lacht) Klar. Je näher wir der Beringsee kamen, desto schwieriger wurde es. Mehrmals mussten wir Stürme aussitzen. Mit dem Motor gab es Probleme. Wir liefen auf Sandbänke auf. Aber am 3. September sind wir an der Beringsee angekommen. Die letzte Nacht, windgeschützt in einem kleinen Seitenarm, werde ich nie vergessen: Das letzte Bier brüderlich geteilt, und dann schimmerten Nordlichter am Himmel. Das war wie eine Abschiedszeremonie.

Was ist aus dem Floß geworden?
Das haben wir in einer kleinen Ortschaft nahe der Mündung auf Stelzen gestellt und verschenkt. Jetzt ist es wohl eine Art Kinderspielplatz.

Dein Fazit zur »Sehnsucht Wildnis«? 
Man kann sie stillen. Uns ist das gelungen. Und das gelingt auch anderen. Das ist die Botschaft.

Mario, wir führen dieses Interview in deinem Büro in Plauen. Mit deiner Firma Freiträumer organisierst du Festivals, Events und Vorträge, auch für Dritte wie Willi Weitzel und Markus Lanz. Bist du nun nach all deinen Wanderjahren gut zu Hause angekommen?
Das Gefängnis, in dem ich als 15-Jähriger für zehn Wochen eingesperrt war, ist hier direkt um die Ecke, nur hundert Meter weiter. Inzwischen wurde es zu einer Berufsschule umgebaut. Man kann also schon sagen, dass sich der Kreis geschlossen hat, und das auf eine positive Art. Und auch mein nächstes Projekt hat viel mit Heimat und meiner persönlichen Geschichte zu tun: Da wird es um den alten innerdeutschen Grenzstreifen gehen – und um Freiheit.

Text: Stephan Glocker
Impressum | Mediadaten