Foto frei in der Serengeti

»Weit schweift der Blick über die Serengeti, fixiert Termitenhügel und Wasserstellen. Dann wird auf alles geschossen, was sich bewegt: Zebras, Löwen, Nashörner, Tiger. …

… Nach der Jagd stapelt sich die Beute auf der Ladefläche meines Jeeps, eines 1978er-Playmobil. Zum würdigen Abschluss der Jagd wartet ein kühler Drink auf stattlicher Ranch, hoch oben in den Hügeln meines Federbetts. «

So in etwa sahen meine winterlichen Spielnachmittage als Kind aus. Besonders bei Stubenarrest trieb ich meine Mutter zum Wahnsinn, wenn ich stundenlang und in aller Seelenruhe der Großwildjagd nachging, anstatt die verordnete Stubenhockerei zu beklagen.
Als ich Jahrzehnte später den Ort meiner Kindheitsträume »in echt« aufsuche, komme ich in friedlicher Mission. Bewaffnet bin ich allein mit einem stattlichen Fotorucksack, darin zwei Gehäuse, diverse Weitwinkel und ein ordentliches Rohr, um möglichst viel vom Gelb des Löwenauges auf Pixel bannen zu können. Ich bin Teil einer Fotosafari, veranstaltet vom Dresdener Reiseveranstalter Diamir. Treffpunkt ist eine Lodge nahe des Kilimandscharo Airports bei Arusha. Zwar weiß ich mit der Kamera umzugehen, doch so eine organisierte Fotoreise, das ist für mich komplettes Neuland. Werden einem da die Wildtiere vom Guide direkt vor die Kamera getrieben, während der Reiseleiter als Motivklingel fungiert? Und abends kommen dann bei jedem »Sonne lacht, Blende acht« fünf Euro ins Phrasenschwein? Ich halte es wie Rudi Carrell: Lass dich überraschen!

Michael Neumann Über eine Million Gnus zieht alljährlich quer durch die Serengeti, dem Regen hinterher.

Der Ersteindruck von meinen Mitreisenden ist jedenfalls positiv. Eine bunt gemischte Truppe, Weiblein wie Männlein, bestehend aus Humangenetikerin, Tierärztin, Pathologe, Sohn, Eventmanager und einem SAP-Berater drei Wochen vor der Rente. Ganz wichtig für das Fotografen-Ego: Keiner hat ein noch größeres Rohr als der andere dabei – der Reiseleiter einmal ausgenommen. Jörg Ehrlich ist Mitbegründer von Diamir und führt seit über 20 Jahren Fotoreisen in alle Winkel der Erde. Sein Rohr, ein 600er mit Anfangsblende 4,0, geht also in Ordnung.

VISIONÄR GRZIMEK

Am nächsten Tag fliegen wir per Propellermaschine direkt in die Serengeti. Dabei passieren wir auch den Ngorongoro-Krater, Vorbild für das Branding der Safari-Serie von Playmobil in den 80ern. Ich sitze starr und staune. Von hier aus hat der legendäre Bernhard Grzimek die tierreichen Savannen Ostafrikas erforscht und den Grundstein für ein seinerzeit absolut visionäres Tierschutzprojekt gelegt. Dazu später mehr.

Unsere Unterkunft für die ersten zwei Nächte in der Serengeti ist durchaus als nobel zu bezeichnen. Die Serengeti Serena Safari Lodge besteht aus doppelstöckigen Rondavels, typischen afrikanischen Rundhütten, und einem Hauptgebäude, in dem die Mahlzeiten serviert werden. Das Publikum setzt sich im Wesentlichen aus älteren Amerikanern zusammen, deren Interesse in erster Linie den Deckchairs am Pool und dem gerade aufgebauten Buffet gilt. Unsere Gruppe ist sich jedoch einig: wir lassen Frischmachen und Abendessen vorerst sausen und gehen auf eine abendliche Pirschfahrt, Game Drive genannt. Nicht die nächste Spielhalle ist das Ziel, Game bedeutet im Englischen auch Wildtier. Die Abendstunden versprechen bestes Fotolicht und die Kühle lockt die Raubtiere unter der Akazie. Wollen doch mal sehen, ob wir gleich am ersten Abend ein Kreuz in der To-see-Liste bei »The Kill« setzen können. Das Buffet in der Serengeti ist jedenfalls reich gedeckt, und wenn ich mal als Löwe wiedergeboren werde, dann bitte hier. Kilometerweit reicht der Blick, erst am Horizont begrenzen Höhenzüge das Panorama wie Scherenschnitte in einer Theaterkulisse. Die Ebene dazwischen scheint mit schwarzen Punkten verpixelt wie ein staubiger Kamerasensor. Doch all diese Punkte sind Tierherden. Gnus, Zebras, Antilopen, dazwischen Giraffen und Elefanten. Konservativ geschätzt sehen wir vor uns 5000 Tiere. Und direkt hinter uns drei Löwinnen.

Willkommen in der Serengeti! Groß wie Bayern, spielt sich das Tierleben hier ab wie vor 1000 Jahren.

Denen sind wir jedoch völlig schnuppe. Bis auf den Sichtschutz, den unser Auto bietet. Sie haben die kleine Antilopengruppe rechts von uns auf dem Kieker. Sorgsam wird sich Zentimeter für Zentimeter gegen die Windrichtung angepirscht. Minutenlang geht das so. Bis irgendein Vogel Wind von der Sache kriegt und einen schrillen Warnruf an alle ausstößt. Sofort prescht das Buffet auseinander und die Löwen gucken vorerst in die Röhre. Der »Kill« muss vertagt werden.


Die Nacht in der Lodge verläuft ruhig. Nur an das dauernde Löwengebrüll draußen muss ich mich noch gewöhnen – trotz dicker Mauern, massiver Tür und Bett im zweiten Stock. Da ist mein »Hilfe, ein Säbelzahntiger-Urinstinkt« wohl noch irgendwo tief im Stammhirn aktiv.

ZEBRA ZUM FRÜHSTÜCK

Die morgendliche Pirschfahrt bringt die Ursache des nächtlichen Gebrülls zum Vorschein. Nur einen Kilometer von der Lodge entfernt zerlegt gerade eine Löwenfamilie genüsslich ein erbeutetes Zebra. Einmal mehr nehmen die Tiere überhaupt keine Notiz von unserer Anwesenheit. Die Fahrer bringen die Autos in Fotoposition und stellen den Motor ab. Über zwei Stunden sind wir nun damit beschäftigt, das wilde Treiben zu bestaunen und zu dokumentieren. Wären wir eine »normale« Safari, die die Serengeti in den üblichen drei, vier Tagen durchstreift, würde der erste Passagier sicher schon nach 15 Minuten zur Weiterfahrt drängen – nicht, dass man andernorts was verpasst. Unser Trip dagegen beinhaltet neun Tage und acht Nächte in Afrikas spektakulärstem Nationalpark.

Ein weiterer kleiner, aber entscheidender Unterschied: Wir nutzen zwar die gleichen Autos wie alle, umgebaute Land Cruiser mit langem Radstand, acht Sitzplätzen und Klappdach – doch zu viert, nicht zu acht. So kann man sich nahezu frei im Auto bewegen und alle Fotografen können zu einer Seite rausknipsen. Nicht auszudenken, wenn links ein Gepard die Antilope jagt, man aber rechts sitzt und nur die Vokuhila des Nebenmanns vor der Linse hat.

Nach einer zweiten Nacht in der burgartigen Lodge wechseln wir das Quartier und steuern auf das eigentliche Ziel der Reise zu: das Mara-River-Crossing.

Zwei Mal im Jahr überqueren die 1,2 Millionen Gnus der Serengeti auf der Suche nach den grünsten Weidegründen den Mara, Grenzfluss zwischen Tansania und Kenia. Von Süd nach Nord geht das recht gesittet ab, da die Ufertopografie diese Richtung begünstigt, doch auf dem Weg zurück aus der Masai Mara, dem kenianischen Teil der Serengeti, stehen die Gnus tausendfach vor einer meterhohen senkrechten Uferböschung. Und keines hat sich die geeignete Stelle von vor sechs Monaten gemerkt. So traben sie dann hektisch wie unentschlossen von links nach rechts an der Kante entlang. Bis irgendwann der Druck von hinten zu groß wird und ein erstes Gnu sich in die Fluten stürzt. Dem Urinstinkt folgend, springt dann die ganze Mannschaft hinterher.

In unserem Jahr ist das Spektakel, das in einem vierwöchigen Zeitfenster stattfindet, nicht ganz so eindrücklich, da ein Großteil der Gnus schon durch ist und uns bereits im Mittelteil der Serengeti entgegenkam. Doch auch wenn man Tausend durch Hundert ersetzt, wird man an dem Spektakel seine Freude haben. In unserem Fall kommt erschwerend hinzu, dass der Mara zu Beginn der kleinen Regenzeit bereits leichtes Hochwasser führt, so dass sich die möglichen sicheren Passagen zum Queren noch einmal reduzieren. Und wenn die kurzsichtigen Gnus dann noch blindlings in einen Haufen Steine rennen, der sich beim Näherkommen als Hippo-Familie herausstellt, ist für Aufregung gesorgt. Allein die Krokodile scheinen zum Ende des Crossings schon zu sehr mit Verdauen beschäftigt, als dass es noch für ein Dessert reichen würde.

Dass diese größte Tiermigration der Welt heute noch so stattfindet wie vor tausend Jahren, haben wir der Vision des legendären Prof. Bernhard Grzimek zu verdanken. Genau, der Erklärbär aus dem Fernsehen der 60er- und 70er-Jahre mit dem Schimpansen auf der Schulter. Grzimek kam erst- mals in den 50er-Jahren nach Tansania mit dem Ansinnen, Tiere für seinen Frankfurter Zoo zu erstehen. Zugleich beschäftigte er sich mit der Verhaltensforschung in der enorm tierreichen Region, sorgte dafür, dass man der Serengeti einen noch heute gültigen Schutzstatus einräumte und drehte zusammen mit seinem Sohn Michael den Oscar-prämierten Tierfilm »Serengeti darf nicht sterben«.

Michael Neumann Eine Sekunde vorher hatten wir noch überlegt, mal schnell zum Pinkeln hinters Auto zu gehen …

LÖWEN SATT

Erst in jüngster Zeit wurden wieder Begehrlichkeiten nach einer Fernstraße quer durch den Park laut, die das Inland mit den Häfen des Indischen Ozeans verbinden soll. Der Preis dafür wäre wohl ein Ende der Migration gewesen. Mittlerweile hat die Regierung Tansanias dem einen Riegel vorgeschoben, und bis auf kleinere Grenzkonflikte mit den Massai, die ihr Vieh in der Serengeti weiden lassen, strahlt die Zukunft der Serengeti heller denn je.
Die Nächte verbringen wir hier in der Nord-Serengeti in einem sogenannten Tented Camp. Das sind solide Hauszelte mit eigenem Klo und Dusche, Löwe und Mensch trennt aber nur eine millimeterdicke Stoffschicht. Immerhin bekommen wir alle eine Pfeife ausgehändigt, mit der man im Notfall Hilfe herbeiträllern soll. Diese Camps gelten gerade wegen ihrer Nähe zu Flora und Fauna als ultimative Afrikaerfahrung. Der ökologische Impact dieser Behausungen ist minimal, zumal sie im Vierteljahrestakt umgesiedelt werden – immer den Tierherden hinterher. Zurück bleibten nur eine zugeschüttete Latrine und mein Angstschweiß.

Es hat schon etwas sehr Spezielles, wenn man nichtsahnend im Zelt liegt, an dem draußen ein Tier schnuppert. Wird wohl nur eine Maus sein, redet man sich ein. Bis das Löwengebrüll in der Ferne daran erinnert, auf welchem Kontinent man sich befindet. Als unsere Gruppe auch nach sechs Übernachtungen noch vollständig am Frühstückstisch sitzt, schließe ich meinen Frieden mit dieser Art der Übernachtung.
Die Tage selbst fließen in einer angenehmen Routine dahin. Da alle auf das tolle Morgenlicht aus sind, gibt es keine Diskussion, wenn der Reiseleiter abends die Weckzeit ausgibt. Und am späten Nachmittag, wenn nach einer kleinen Siesta im Camp die Pferde erneut gesattelt werden, ist die Begeisterung ungebrochen. Mögen die Wege auch noch so rumplig sein, wenn an deren Ende eine spannende Tierbeobachtung und ein gutes Foto locken, gibt es kein Pardon. Ein ums andere Mal verweilen wir stundenlang bei einem großen Löwenrudel in der Nähe. In aller Ruhe machen wir unsere Fotos und beobachten das Sozialverhalten der majestätischen Tiere. Insgesamt sehen wir während unserer neun Tage in der Serengeti 97 Löwen, exakt gezählt vom Pathologen.

Michael Neumann


Abends, wenn die blaue Stunde tiefschwarzer Nacht gewichen ist, sitzen wir am Lagerfeuer, lauschen den Geräuschen der Savanne und sinnieren über unsere eigene Mickrigkeit unter diesem unglaublichen Sternen-himmel. Mit jedem Tag wächst unser »Jagdtrieb«. Die Big Five – Löwe, Büffel, Nashorn, Elefant und Leopard – sind schnell abgehakt. Auch Gepar- den sehen wir zuhauf im Sucher. Zwar bleibt uns »The Kill« verwehrt, doch jede Menge sich anpirschende Löwen und das riesige Krokodil, welches eine erlegte Gazelle mundgerecht in Teile schleudert und dann mit Haut und Hörnern verschlingt, lassen das verschmerzen.

Einmal parken wir eine Stunde im Schatten eines Busches am Mara River, um auf das Crossing zu warten, als auf einmal ein Ast nebenan zum Leben erwacht. Zwischen frischen Blatttrieben schlängelt sich eine daumendicke Schlange in schickem Giftgrün. Eine junge »Boomslang«. Sie ist ein gutes Beispiel dafür, dass auch Tiere mit auffälliger Effektlackierung ziemlich giftig sein können. Und ein Grund mehr, das Auto auf Safari nicht zu verlassen.

Am letzten Tag zaubere ich schließlich den Playmobil-Jäger von einst aus dem Koffer, um ihm mal seine Herkunft zu zeigen. Statt einer Flinte trägt er mittlerweile aber einen Fotokoffer bei sich. Geschossen wird nur noch mit der Kamera.

10 FOTOTIPPS FÜR SAFARISTEN

#1 Neue leichte Tele + Crop-Faktor
Die aktuelle Fototechnik macht es möglich. Nikon, Sigma und Tamron bieten allesamt mittellichtstarke Supertelezooms bis 500 / 600 Millimeter an, die über eine sensationelle Abbildungsleistung verfügen. Kombiniert man das mit einer pixelstarken APS-C-Kamera, durch deren Crop-Faktor sich die Brennweite um den Faktor 1,5 erhöht und deren Auflösung Ausschnittsvergrößerungen zulässt, hat man umgerechnet bis zu 1000 Millimeter Brennweite zur Verfügung.

#2 ISO hoch bei Bedarf
Früher kombinierte der Fotograf Zeit und Blende, heute kommt noch das Hochschrauben der Empfindlichkeit über die ISO-Einstellung hinzu. Beieiner aktuellen Kamera sollte man daher nicht vor dieser Funktion zurückschrecken. Das damit einhergehende Rauschen haben die Hersteller heute gut im Griff und ein scharfer Gepard bei ISO 1600 ist besser als ein verwischtes Fellknäuel bei ISO 100.

#3 Bohnensack + Stativ
Erste Wahl für scharfe Fotos aus dem stehenden Auto ist ein Bohnensack. Trotzdem sollte ein gutes Stativ im Gepäck nicht fehlen, denn wenn sich abends der Sternenhimmel übers Camp legt und idealerweise Neumond ist, lockt die Milchstraßenfotografie.

#4 Zweites Gehäuse mit Weitwinkel
Auf einer Safari geht es nicht nur rumplig, sondern auch recht staubig zu. Um nun nicht Gefahr zu laufen, sich bei jedem Objektivwechsel eine Prise Staubeinzufangen, empfiehlt sich die Mitnahme eineszweiten Gehäuses. So hat man eine Kamera mit Teleund eine mit aufgesetztem Weitwinkel stets parat – fallsmal eben der Gepard auf die Motorhaube springt.

#5 Genug Zeit, auch zu filmen
Dank der langen Verweildauer bei den einzelnen Tieren bleibt genügend Zeit, auch mal die Filmfunktion der Kamera auszuprobieren. So macht man im Nu nicht nur schöne Bilder, sondern ganznebenbei auch einen tollen Urlaubsfilm.

#6 Regelmäßiger Sensorcheck
Nichts ist ärgerlicher als ein blauer Himmelvoller Staubflecken. Daher sollte man jeden Abend die Sauberkeit des Sensors checken und ggf. mit Blasebalg und Putzstäben eine Reinigung durchführen.

#7 Fotorucksack mit Schnellzugriff
Die Tiere der Serengeti sind recht gemütlich unterwegs. Dennoch ist es hilfreich, wenn man die Kamera blitzschnell aus dem Rucksack hervorzaubern kann. Operiert man mit nur einem Gehäuse, ist es zudem recht nützlich, schon beim Einpacken abzuschätzen, welches Objektiv beim nächsten Stoppgefragt sein könnte – und dieses vorab zu montieren.

#8 Achtung, Gerüttel!
Die Schlaglochpisten in der Serengeti setzen nicht nur der Bandscheibe zu, auch die Ausrüstung muss leiden. Daher sollte man seine Kamera nicht ungepolstert spazieren fahren. Schutz verspricht ein guter Kamera-rucksack, unterlegt mit dem Bohnensack. Wird es ganz rabiat: Rucksack auf den Schoß nehmen.

#9 Sonnenblende als Objektivschutz
Das eine Sonnenblende unerwünschte Reflexionen auf der Frontlinse verhindern kann, ist eh klar. Mindestens ebenso wichtig ist ihre Funktion als Schutz, wenn es bei Gedränge an Bord – Leopard auf acht Uhr – mal wieder hoch hergeht.

#10 Das Ungewöhnliche suchen
Man kann davon ausgehen, dass in der Serengeti schon alles fotografiert wurde. Nur noch nicht von jedem. Wenn nun alle die Teleobjektive auf den siebten Leopard des Tages halten, warum nicht mal die Gesamtszenerie im Weitwinkel festhalten? Oder die Landschaft im Rücken als Panorama in Szene setzen?

Text: Michael Neumann