Faszination Thruhiking: Der lange Weg

Peter Hochhauser/Outdoor Research
Laut eigener Aussage war Peter Hochhauser »nie der große Wanderer«. Trotzdem ist er erst den Pacific Crest Trail (4279 km) und dann den Pacific Northwest Trail (2100 km) gelaufen.

135 Tage am Stück wandern mit schwerem Gepäck – who’s in? Spätestens seit Bill Brysons Bestseller »Picknick mit Bären« oder dem Hollywood-Blockbuster »Wild« mit Reese Witherspoon träumen viele davon, einmal einen langen, also so richtig langen Trail am Stück zu laufen. Wirklich durch­ziehen tut es aber nur ein Bruchteil. Der Wiener Peter Hochhauser ist einer von ihnen. Nur fünf Stunden vor diesem Gespräch ist er von seinem zweiten großen Trail-Abenteuer, dem 2100 Kilometer langen Pacific Northwest Trail von Montana bis zur Pazifikküste zurückgekehrt.

Peter Hochhauser/Outdoor Research Erschöpft und dreckig, aber glücklich: Peter auf dem Pacific Northwest Trail.

Peter, die meisten starten ihre »Wanderkarriere« mit einem langen Wochenende im Mittelgebirge oder in den Alpen. Deine erste Tour war 2016 der Pacific Crest Trail.
Bei mir stand gar nicht so sehr der Trekkinggedanke im Vordergrund, sondern eher der Wunsch, mal ein wirklich langes Abenteuer zu bewältigen. Also die totale Herausforderung von Anfang an anzunehmen. Das war meine Hauptmotivation. Ich war nie der große Wanderer. Und dann dachte ich: Wenn ich etwas mache, dann mache ich es gleich g’scheit.

Warum ausgerechnet der PCT?
Hauptsächlich inspiriert hat mich die Diversität des Trails. Die Natur auf dem PCT ist extrem vielfältig. Die Vegetation reicht von Wüste über Hochland bis zu Regenwald. Man durchwandert verschiedene Klima­zonen quasi am Stück.

Wie bist du dein Vorhaben angegangen? Einfach drauflos?
Ich habe zwar gewusst, dass es schwer werden wird, vor allem am Anfang. Aber ich war schon der festen Meinung, dass ich das durchziehen kann. Auf Blogs habe ich viel gelesen, was mich erwartet. Sportlich war ich schon immer, das war nicht das Problem, aber der unbedingte Wille, es wirklich durchziehen zu wollen, der ist wichtig. Am Anfang gab es zwar viele Schmerzen, aber die mentale Stärke und Entschlossenheit haben mich da durchgebracht.

Worin liegt der Reiz des Thruhiking?
Thruhiking ist einfach eine ganz andere, eigene Welt. Das kannst du auch nicht mit einer einwöchigen Trekkingtour vergleichen. Erst nach drei bis vier Wochen ist man wirklich in diesem Lifestyle drin. Das Eintauchen in diese spezielle Kultur macht es für mich auch erst wirklich interessant.

Den PNT hast du gerade frisch absolviert. Welcher der beiden Thruhikes hat dir besser gefallen? Und welcher war die größere Herausforderung?
Die Ausblicke und die Diversität der Natur waren auf dem PCT großartiger. Die größere Herausforderung – obwohl er kürzer ist – war für mich der PNT, vor allem weil er noch gar nicht zur Gänze fertiggestellt ist. Teilweise bist du in absoluter Wildnis unterwegs, auf Pfaden, die zum Teil seit zehn Jahren nicht mehr gepflegt worden sind. Dann gibt es aber Tage, an denen du auf Forststraßen oder direkt am Highway entlangläufst – das kann richtig zermürbend sein. Und im Gegensatz zum PCT, auf dem du mehr oder weniger auf einem Gebirgs­rücken entlanggehst, überquerst du beim PNT mehrfach Bergketten – Berg, Tal, Berg, Tal. Sehr steil, sehr anstrengend.

»Nimm nicht zu viel mit! Jeder Erstling hat zu viel im Rucksack. Es reicht wirklich ein Stück Kleidung von jedem Teil.«

Welche Fehler hast du beim PCT gemacht, die dir beim PNT nicht mehr passiert sind?
Auf dem PCT habe ich anfangs viel zu wenig gegessen. Du glaubst gar nicht, wie viele Kalorien du verbrennst, wenn du 40, 50 Kilometer am Tag gehst mit 20 Kilo Gepäck auf dem Buckel. Ich habe immer nur so viel gegessen, wie ich Hunger hatte – und das ist einfach viel zu wenig. Beim PNT habe ich von Anfang an versucht, mir die Kraft besser einzuteilen und entsprechend mehr in mich hineingestopft, auch wenn ich nicht immer Lust darauf hatte. Und meine Ausrüstung war viel besser abgestimmt, sodass ich deutlich weniger Probleme mit Blasen und Abschürfungen hatte.

Zahlen & Fakten zu Peters Hike

Pacific Crest Trail

Gelaufene Distanz: 4200 km
Dauer insgesamt: 135 Tage
Gewichtsverlust: 15 kg
Verschlissene Paar Schuhe: 3 Paar
Budget: ca. 4500 €
Infos: www.pcta.org

Pacific Northwest Trail

Gelaufene Distanz: 2100 km
Dauer insgesamt: 73 Tage
Gewichtsverlust: 0 kg
Verschlissene Paar Schuhe: 2 Paar
Budget: 2500 €
Infos: www.pnt.org

Welche Ausrüstungstipps kannst du Thruhiking-Neulingen geben?
Nimm nicht zu viel mit! Jeder Erstling hat zu viel im Rucksack. Es reicht wirklich ein Stück Kleidung von jedem Teil, das man braucht. Keine großartige Wechselkleidung, nach drei Tagen stinkt ohnehin alles, ist schmutzig und verschwitzt. Jedes Gramm, das du zu viel im Rucksack hast, multipliziert sich über die Tausende Kilometer, die man es trägt. Besonderes Augenmerk würde ich auf die Wahl der Schuhe legen, sie müssen ausreichend gut gedämpft sein. Und: Da die Füße anschwellen, würde ich Schuhe von Anfang an ein bis zwei Nummern größer mitnehmen. Sonst bekommst du – wie ich am PCT – massive Probleme.

»Wenn du mal selbst einen langen Trail gelaufen bist, erkennst du auf den ersten Blick, wer ein Thruhiker ist.«

Gab es auch mal richtig brenzlige Situationen?
Auf dem PCT bin ich einer Klapperschlange erschreckend nahe gekommen. Sie lag auf einem Felsen in Kopfhöhe, gerade als ich um eine Kurve lief. Instinktiv bin ich nach vorne gesprintet – sie hat mich mit ihrem typischen Rattern gewarnt und war zum Glück nicht im Angriffsmodus. Und auf dem PNT bin ich zwischen eine Schwarzbärin und ihr Junges geraten. Mama Bär ist wütend auf mich zugerannt, aber sie hat zum Glück nur geblufft und sich dann ins Dickicht zurückgezogen.

Was für Leute trifft man unterwegs?
Auf dem PNT sind sehr wenige Anfänger unterwegs, einfach weil schon die Navigation sehr anspruchsvoll ist. Auf dem PCT gibt es zu Beginn sehr viele Rookies, allerdings findet auf den ersten 150 Kilometern eine natürliche Auslese statt. Doch vom Grundtypus her sind sie auf beiden Trails ähnlich – nur eben mit unterschiedlichen Erfahrungs­niveaus. Wenn du selbst mal einen langen Trail gelaufen bist, erkennst du auf der ganzen Welt auf den ersten Blick – auch in Städten –, wer ein Thruhiker ist. Das ganze Erscheinungsbild ist auf leicht getrimmt und durch Minimalismus geprägt, wie etwa Turn- statt Wanderschuhe, intensiv getragene Kleidung und diese typische »Wetterfarbe« auf Gesicht, Armen und Beinen.

Als du es jeweils geschafft hattest – die kanadische Grenze bzw. den Pazifik erreicht –, was ging dir durch den Kopf?
Im ersten Moment ist es sehr schwer zu greifen. Du arbeitest Wochen und Monate auf dieses Ziel hin, zählst die Kilometer runter – und wenn es dann wirklich so weit ist, befällt dich ein zwiespältiges Gefühl. Einerseits hast du das geschafft, was du erreichen wolltest, auf der anderen Seite war man ja auch gerne auf dem Trail – und der Trail irgendwie deine Heimat für diese Zeit. Wirklich realisieren tust du es ohnehin erst, wenn du nach zwei oder drei Wochen wieder im richtigen Leben angekommen bist.

Wie hast du deine Trailprojekte in Einklang mit deinem Job gebracht?
Ich arbeite in einer Filmproduktionsfirma. Da kommen sehr schnell viele Überstunden zusammen. Die habe ich jeweils mit meinem Urlaub angespart. In meiner Firma herrscht ein sehr freundschaftliches Verhältnis – und so durfte ich jeweils für die Zeit freinehmen.

Was empfiehlst du Menschen, die selbst einen anspruchsvollen Thruhike planen?
Das Wichtigste ist: einfach starten. Viele haben ein langes Abenteuer im Kopf, aber man findet immer so schnell Ausreden, warum es jetzt gerade nicht geht. Job, Verpflichtungen usw. Sobald aber der erste Schritt getan ist, hast du quasi schon mehr als die Hälfte geschafft. Auf dem Trail ergibt sich alles von alleine. Und es ist auch wichtig, nicht zu viel zu planen. Viele Leute lassen sich Pakete vorausschicken, bereiten jede Etappe akribisch vor. Spätestens nach drei Tagen sind all diese Planungen obsolet.

Wie hat sich dein Leben nach deiner Rückkehr vom PCT verändert?
Ich habe schätzen gelernt, was für ein angenehmes Leben wir im Alltag führen. Auf dem Trail hast du alles in deinem Rucksack, musst stark rationieren. Wir haben alle Annehmlichkeiten immer verfügbar, an
jeder Ecke ist ein Supermarkt. Mittlerweile schätze ich die normalen Dinge viel mehr, die das Leben uns bietet.

Peter Hochhauser/Outdoor Research

Was kommt nach PCT und PNT?
Nach dem PCT hatte ich eigentlich gesagt: »So was mache ich nie wieder!« Und jetzt bin ich gerade vom PNT zurückgekehrt. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr jucken die Beine wieder. Ich würde gerne einmal etwas in Europa laufen, z. B. die Via Dinarica, der von Slowenien durch den gesamten Balkan bis nach Albanien verläuft. Das wäre auch kulturell etwas ganz anderes. Aber es wird jetzt mindestens zwei Jahre dauern, bis ich wieder losziehe.

PETER HOCHHAUSER

Alter: 33 // Heimat: Wien // Ausbildung: Studium Digitale Medien // Beruf: Video-Editor // Instagram: @pjotre

Fürs Wandern hatte der Wiener Peter Hochhauser nie besonders viel übrig. In seinem »richtigen« Leben verbringt er als Video-Editor bei Filmprojekten viele Stunden vor dem Bildschirm. So konnte er vom Pacific Crest Trail seinen eigenen Film »This is not a beautiful hiking video« produzieren, der auf YouTube bereits eine halbe Million Klicks hat. Aktuell arbeitet er an dem Dokufilm über seinen PNT-Trip.


Einer von 50: In der Sonderausgabe »50 Menschen, 50 Abenteuer« zeigen wir Menschen und ihre ganz persönlichen Geschichten – von skurillen Episoden über kleine und große Expeditionen bis hin zu ganzen Lebensgeschichten.

Text: Moritz Becher
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