Familien-Radtour in Frankreich

Surfpacking am Atlantik

Oft gilt die Formel: Surftrip = Roadtrip mit dem Auto. Doch funktioniert das nicht auch mit dem Fahrrad? Mit Familie und Surfbrett radelte Julian Rohn die französische Atlantikküste nach Süden – auf der Suche nach Sommerwellen und Sandburgen.

Warum eigentlich?

Jeden Sommer am Atlantik hat uns die Neugier gekitzelt. Einmal diesem Radweg hinter den Dünen folgen, der alles verbindet. Die Vendeé mit den vielen Inseln, die endlosen Sandstrände von Les Landes und das Baskenland, wo die Ausläufer der Pyrenäen bis ans Meer reichen. Wir wollen die Küste auch zwischen den Hotspots kennenlernen, uns die Wellen erarbeiten. Anhalten, wo es uns gefällt. Und das alles in CO2-reduzierter Form – die Hände am Lenker statt am Lenkrad.

  • Fahrradtour Atlantik
    Durch die Kiefernwälder hinter den Dünen.
  • Essen Campingplatz Atlantik
    So viel Frischluft macht hungrig.
  • Küste Atlantik Frankreich
    Die endlosen Strände von Les Landes.
  • Radtour Trinken Frankreich
    Trinkpause an der Gironde.
  • Atlantik Wellen Familie
    Schnell vor den Wellen weglaufen.
Immer nach Süden

Wir starten in der westfranzösischen Küstenstadt La Rochelle. Zu großen Teilen folgen wir der Fahrradroute »La Vélodyssée«, die von der Bretagne bis an die spanische Grenze führt. Anfangs träumen wir noch, am Ende in San Sebastián durch die Tapas-Bars zu ziehen. Aber bis ins Baskenland ist es dann doch zu weit. Wir haben zweieinhalb Wochen und brauchen auch ein paar Pausetage zum Wellenreiten und fürs Sandburgen bauen.

Nach kurzer Zeit ist klar: Zwischen 25 und 35 Kilometer ist die optimale Tagesleistung für alle Mitreisenden. Oder um in anderen Einheiten zu sprechen: fünf Mal ein Pippi-Langstrumpf-Hörspiel. Nach einem Tag auf dem Rad bleiben wir in der Regel zwei Nächte auf dem nächsten Campingplatz. Unser neues Ziel ist die Düne von Pilat – gut 250 Kilometer in Richtung Süden.

Kungsleden Route
Inselhopping zum Aufwärmen

Der Fährmann schaut skeptisch, als wir mit vollbepackten Rädern, zwei Anhängern, einem Surfbrett und einer Zweijährigen auf dem Arm am Anleger warten. Aber wir haben die richtigen Tickets und bevor er es sich anders überlegt, schaffen wir das Gepäck auch schon an Bord. Unsere Tour beginnt gleich mit einem Abstecher auf die Île d’Oléron. Die zweitgrößte Insel Frankreichs in Europa liegt südlich von La Rochelle. Es ist Hochsaison und viel los. Aber sobald wir den Fähranleger an der Ostküste in Richtung Inselmitte verlassen, lässt der Trubel nach. Kühe und Schafe weiden in einer Marschlandschaft, die an die Norddeutsche Küste erinnert – wären da nicht die vielen Becken für Salzgewinnung, Austern- oder Langustenzucht. Als wir an der Westküste der Insel ankommen, reicht das Licht gerade noch für einen ersten Besuch am Strand.

  •  Île d'Oléron Strand Kind
    Baden auf der Île d’Oléron.
  • Radtour Frankreich Baguette
    Das Notfallset gegen den Hungerast.
  • Radtour Familie Kindersitz Frankreich
    Auf dem Kindersitz ist es spannender als im Anhänger.
Komfort vor Gewicht

»Bonne chance, viel Glück« – rufen uns andere Radler zu, wenn sie unsere Taschen und Anhänger mustern. Denn: Während wir sonst auf leichtes Gepäck schwören, zählt bei diesem Trip zuerst der Komfort. Es erwarten uns keine Bergetappen, so hat das Gewicht nicht erste Priorität. Hauptsache die Laune ist gut. In der Praxis bedeutet das: zwei Reiseräder mit Packtaschen – für Klamotten, Schlafsäcke und Matten. Im Gepäckanhänger fahren Surfbrett, Neoprenanzüge und Campingausrüstung mit – inklusive Zelt, Sonnensegel, Faltstühlen und -tisch, Kocher und Hängematte.

Der eigentlich für unsere Tochter vorgesehene Kinderanhänger wird schnell zum zweiten Gepäcktransporter – weil Lotta den Kindersitz vorne auf dem Fahrrad spannender findet. Unseren eigentlichen Plan – während ihres Mittagsschlafs Kilometer runterreißen – können wir damit vergessen. Dafür singen wir Kinderlieder während der Fahrt und entdecken Tiere, Pflanzen und Verkehrsschilder am Wegesrand. Alles neu, alles aufregend.

Von Fähre zu Fähre

Nicht jeden Kilometer treten wir selber. Von La Rochelle auf die Île d’Oléron, von Royan über die Mündung der Gironde auf die Médoc-Halbinsel und schließlich von Cap Ferret über das Becken von Arcachon – drei Fährüberfahrten bringen Abwechslung in die Radstrecke. An Bord machen wir Pause, beobachten Möwen oder halten einfach nur die Nasen in die Salzluft.

  • Radtour Atlantik Gironde Fähre
    Mit der Fähre über die Gironde.
  • Segelboot Gironde Frankreich
    Boote gucken und Salzluft schnuppern.
  • Fähre Gironde Frankreich
    An Deck ist Zeit für eine Pause.
Les Vagues

Kleine Schaumkronen bauen sich auf und klatschen auf den Sand – für uns das schönste Geräusch. Denn es bedeutet: die Wellen sind da. Surfen im Hochsommer an der Biscaya, das kann klappen – muss aber nicht. Die Stürme, die den Swell in Richtung Frankreich schicken, machen oft Sommerpause. In diesem Jahr haben wir Glück. In der ersten Woche zwischen der Côte Sauvages und Carcans Plage treffen schöne Sommerwellen auf die Küste. Wenn wir am Strand etwas laufen, finden wir oft noch eine Sandbank, an der kaum andere Surfer im Wasser sitzen. Wir surfen, wie es mit abwechselnder Kindbetreuung eben möglich ist. Nicht mehr wie früher mehrere Stunden gemeinsam im Wasser, sondern abwechselnd konzentrierte 60 Minuten. Schließlich soll niemand warten und alle noch genug Energie zum Muscheln sammeln und Krebse suchen haben. Erst in Woche zwei frischt der Wind auf und zerhackt die schöne Dünung. Das Wasser bleibt mit 22 Grad weiterhin ungewöhnlich warm.

  • Atlantik Familie Surfen Frankreich
    Rollenverteilung: eine buddelt, eine geht surfen.
  • Strand Spielzeug Frankreich
    Das Reisethema hinterlässt bei allen Teilnehmern seine Spuren.
Leben im Zelt

Unsere Tage verlaufen im Rhythmus der Natur. Mit der Dämmerung wachen wir auf und zum Sonnenuntergang geht es zurück ins Zelt. Unsere Tochter fühlt sich in ihrem kuscheligen Schlafsack sehr wohl. Ohne Überzelt beobachtet sie den Himmel und die Bäume. Ein großer Pluspunkt für eine Radtour mit Kind ist die hohe Dichte an Campingplätzen entlang der Küste. Im Schnitt alle zehn Kilometer liegt der nächste Stellplatz im Kiefernwald hinter den Dünen. So können wir die Etappenlängen ganz nach Temperaturen und Tagesform unserer Tochter anpassen. Die meisten Plätze haben einen kleinen Supermarkt und ein Restaurant. Mehr brauchen wir nicht. Nur mit Zelt und Rad bekommen wir auch kurzfristig Reservierungen – während Campingvans und Wohnwagen oft abgewiesen werden.

  • Kind Füße Kiefernnadeln
    Jugend forscht: Wie sehr pieksen Kiefernnadeln?
  • Camping Atlantik Frankreich
    Basislager: Mehr brauchen wir nicht.
  • Camping Kind Hängematte
    Das ist Urlaub: Zähneputzen in der Hängematte.
  • Camping Essen Atlantikküste
    Hunger! Die Kalorien müssen wieder rein.
  • Zelt Kind Frankreich Atlantik Camping
    Rückzugsort: Das Zuhause ist immer dabei.
Unter Kiefern

Nach einem trubeligen Start auf der Île d’Oléron wird es südlich der Gironde-Mündung fast schon meditativ. Kilometerlang zieht sich der Radweg ganz allein durch dichte Wälder aus Seekiefern, die einen würzigen Duft verbreiten. Die Bäume wurden im 19. Jahrhundert angepflanzt, um unter anderem eine Versandung des Hinterlands zu verhindern. Uns spenden sie Schatten. Wer sich die Zeit nimmt, kann hier tief im Kiefernwald wirklich einsame Strandabschnitte erkunden.

Am Becken von Arcachon

Zum Ende unserer Reise verbringen wir ein paar Tage auf der Landzunge zwischen dem Becken von Arcachon und dem Atlantik. Das Wetter ist instabiler geworden. Auf der Atlantikseite zerbläst der Wind die Wellen. Es ziehen Schauer durch. In der ersten Woche bei 30 Grad noch unvorstellbar, brauchen wir nun doch unser ganzes Gepäck: Wir kramen die Regenjacken ganz unten aus den Taschen. Auch das Tarp kommt als Regenschutz über der Spieldecke zum Einsatz. An der Bucht von Arcachon ist es freundlicher. Vor den Hütten der Austernzüchter finden wir einen schmalen Sandstrand mit seichtem Wasser, wo unsere Tochter mal ganz ohne Wellengang planschen kann.

  • Karussell Arcachon Frankreich
    Verdiente Belohnung: Karussell fahren in Arcachon.
  • Regenjacken Kind Vater Fahrradtour
    Wen stört ein bisschen Regen, wenn es Croissants gibt.
  • Kind Arcachon Austernhütten
    Bei den Austernzüchtern.
  • Becken von Arcachon Frankreich
    Schöner Kontrast zum wilden Atlantik.
  • Kind Strand Arcachon
    Kinderfreundlich: Keine Brandung im Becken von Arcachon.
Großer Sandkasten zum Schluss

Nach neun Tagen auf dem Rad, mit einigen Tagen Pause dazwischen, erreichen wir die Düne von Pilat. Die größte Wanderdüne Europas liegt knapp südlich von Arcachon. Ringsherum hat ein großer Waldbrand im letzten Sommer seine Spuren hinterlassen. Auf dem Campingplatz sprießt das junge Grün zwischen verkohlten Baumstämmen, die wie Geisterfinger in den Himmel ragen. Der Anblick beschäftigt unsere Tochter sehr. Noch Tage später wird sie der Familie zu Hause davon erzählen. Zum Sonnenuntergang erklimmen wir den 100 Meter hohen Sandhaufen. Ein großer Spielplatz für Gleitschirmflieger – und ein riesen Spaß für uns: Wir rollen, hüpfen und purzeln die Abhänge runter. Am nächsten Morgen geht es mit dem Zug von Arcachon über Bordeaux zurück nach La Rochelle.

  • Kind Mutter Düne von Pilat
    Purzeln, springen, rollen – die Düne von Pilat lädt zum Toben ein.
  • Sand Spuren Düne
    So viel Sand!
  • Gleitschirm Düne von Pilat Frankreich
    Die Gleitschirmflieger üben im Aufwind.
  • Kind Vater Düne Frankreich
    »Papa, du machst eine Rolle und ich einen Purzelbaum.«
  • Sonnenuntergang Atlantik Frankreich
    Abendstimmung an der Düne von Pilat.
  • Fahrräder Zug TER Frankreich
    Im Regionalzug zurück nach La Rochelle.

Deine Stimme für den Schutz der Meere

Unterstütze die Petition von Patagonia

Die Grundschleppnetzfischerei zerstört unseren Meeresboden, gefährdet die traditionelle Kleinfischerei und verschärft die Klimakrise. Patagonia fordert den Stopp dieser zerstörerischen Praxis – im ersten Schritt durch ein sofortiges Verbot der Grundschleppnetzfischerei in Meeresschutzgebieten und küstennahen Zonen.

Hier kannst du die Petition unterzeichnen: eu.patagonia.com/de/de/actionworks/kampagnen/schuetzt-die-meere


TEXT: Monika Hippold und Julian Rohn

FOTOS: Julian Rohn