Erste Hilfe unterwegs

Vom Wehwehchen bis zum Knochenbruch: Wer etwas Zeit und wenig Geld investiert, kann sich selbst und anderen auf Tour helfen. Erste Hilfe ist Übungssache. Darum sind regelmäßige Kurse – etwa beim Roten Kreuz oder auch bei einer Wildnisschule – ebenso Pflicht wie das Erste­-Hilfe-­Set im Rucksack.

Inhalt:

»Die richtige Entscheidung rechtzeitig treffen. Darum geht es bei kleinen und großen Notfällen in der Wildnis.«

Dr. med. Host Hohn (53) aus Koblenz ist Biker, Paddler – und erfahrener Arzt.

Erste Hilfe: 18 x Was wäre, wenn …

Ein Zipperlein muss nicht gleich den Abbruch einer Tour bedeuten – und in einem echten Notfall kann ein geübter Ersthelfer buchstäblich Leben retten. Hier sind – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – 18 »typische« Situationen, in die man unterwegs geraten kann – und wie man damit umgeht.

Michael Neumann Routinierte Ersthelfer sind bewunderte Tourenpartner.

Die Entscheidung, ob eine Tour fortgesetzt, abgebrochen oder die Rettungskette ausgelöst wird, hängt immer von der Art und Schwere der Verletzung ab. 


#1: Gehirnerschütterung 

Was ist passiert? Sturz oder Schlag auf den Kopf.

Symptome: kurzzeitige Bewusstseinsstörung, Gedächtnislücken, Schwindel, Kopfschmerz, Übelkeit. 

1. Hilfe: flach auf den Rücken lager­­n, den Oberkörper leicht erhöht. Bei Bewusstseinsstörung stabile Seitenlage. 

Wie weiter? Bei starken Symp­tomen Tour abbrechen und zum Arzt, um Gehirnblutungen auszuschließen. 

#2: Platzwunde am Kopf 

Was ist passiert? Sturz oder Schlag auf den Kopf.

Symptome: meist stark blutend, sieht oft schlimmer aus, als es ist.

1. Hilfe: zunächst Gehirnerschütterung ausschließen (siehe #1.). Wunde nur mit sterilem Tuch abdecken, falls man schnell einen Arzt erreicht. Falls nicht: Wunde säubern, Wundränder mit Stripes adaptieren (nur geübte Helfer). 

Wie weiter? Tour abbrechen und zum Arzt. 

#3: Dehydration

Was ist passiert? Zu wenig getrunken, meist bei lang anhaltender Anstrengung und/oder Hitze.

Symptome: Benommenheit, hoher Puls, Kopfschmerz, Übelkeit. 

1. Hilfe: lange Rast im Schatten, Oberkörper erhöht, abkühlen, trinken (Wasser reicht oft nicht, unbedingt auch Elektrolyte zuführen). 

Wie weiter? Falls nach der Pause beschwerdefrei, die Tour fort­setzen. Sonst Tour abbrechen.

#4: Hitzschlag

Was ist passiert? Anstrengung in großer Hitze, lange ungeschützt in der Sonne.

Symptome: innere Unruhe, erhöhter Puls, Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit bis zum Erbrechen, oft Nackenschmerzen bis zur Steifigkeit, manchmal Ohr­geräusch, evtl. Sonnenbrand. 

1. Hilfe: Rast im Schatten, Oberkörper erhöht, abkühlen, trinken. 

Wie weiter? Falls nach Pause beschwerdefre­­i, Tour fortsetzen. Sonst abbrechen und zum Arzt. 

Notruf 112: Rettungskette auslösen

»Rettungskette auslösen« – das bedeutet, dass man die Profis zu Hilfe ruft. Bis zum Eintreffen von Bergwacht, Krankenwagen oder Heli bleibt der Ersthelfer beim Unfallopfer. 

So klappt der Notruf: 

112 anrufen! Die Nummer führt europaweit zur nächsten Leitstelle und funktioniert auch mit gesperrten Telefonen. Überlasse der Leitstelle die Gesprächsführung, bleibe ruhig, nicht auflegen. 

Beachten: Die eigene Nummer sollte nicht unterdrückt und die GPS-Funktion aktiviert sein, so kann man besser geortet werden. 

Kein Empfang? Einer bleibt beim Verunfallten, ein bis zwei Personen holen Hilfe. Den Unfall-Ort vorher im Handy markieren (geht auch ohne Empfang).

Tipp: Dein Smartphone ist ein erstklassiger Notfall-Helfer (Notruf, Ortung, GPS, Erste-Hilfe-Apps etc.). Mache dich mit diesen Funktionen vertraut und übe regelmäßig.

Spidi1981/fotolia Bei schweren Verletzung reicht die Hilfe zur Selbsthilfe nicht aus. Dann heißt es Rettungskette auslösen (siehe Kasten rechts oben) und auf die professionelle Hilfe warten – im Gebirge oft aus der Luft.

#5: Unterkühlung 

Was ist passiert? Zu lange im kalten Wasser (meist beim Wassersport); in der Wildnis unzureichender Schutz gegen Regen, Kälte, Wind oder Schnee.   

Symptome: Starkes Frieren, Zittern, zunächst erhöhter Puls, in weiterem Stadium niedriger Puls. Schläfrigkeit und Bewusstseinseintrübung bis zur Bewusstseinsstörung, im Extremfall bis zum Herzstillstand. 

1. Hilfe: Vorsichtig aus dem Gefahrenbereich (Wasser, Schnee) ins Warme und Trockene bringen, ggf. Feuer machen. Starke und heftige Bewegungen unbedingt vermeiden (Gefahr »After­shock«). Flach lagern, trockene Sachen anziehen, Rettungsdecke drüber (Rettungsdecke nie direkt auf die Haut legen!).

Wie weiter? Bei Erholung von einer (leichten) Unterkühlung die Tour fortsetzen oder abbrechen. Gelingt das Aufwärmen nicht: Rettungskett­­e auslösen. 

#6: Tierbisse und -stiche

Was ist passiert? Hund, Katze oder Schlange haben zugebissen – oder ein Insektenstich entwickelt sich unangenehm.

Symptome: blutende Wunde (Biss) oder Schwellung (Stich). Allergische Reaktion siehe #13

1. Hilfe: Stiche sind in Europa fast immer harmlos, daher nur desinfizieren und kühlen. Schlangenbisse sind bei uns extrem selten und meist harmlos (ebenfalls desinfizieren und kühlen). In Südeuropa, den Alpen oder den USA gibt es tatsächlich gefährliche Schlangen: Im Falle eines Bisses sofort Fotos von der Schlange machen, Uhrzeit merken und die Bissstelle markieren (Filzstift). Sofort zum (nahen) Arzt oder gleich die Rettung rufen. Alle 30 Minuten ein neues Foto der Bisswunde machen. Nicht herumschneiden oder saugen! 

Blutende Bisse von Hunden, Katzen oder Reptilien (und auch Menschen) sollten vom Arzt gesehen werden – es besteht hohe Infektionsgefahr. Bisswunde nicht verschließen. Ob ein Tier Tollwut hat, kann der Laie nicht erkennen. 

Wie weiter? Bei Stichen weiter, bei Bissen Abbruch und zum Arzt.

#7: Zeckenbiss

Was ist passiert? Nur draußen gewesen. Zecken gibt es überall. 

Symptome: Die Zecke entert den Wirt, sucht sich eine schöne Stelle (gerne warm und feucht) und beißt sich fest. In der Regel schmerzfrei, trotzdem sollte jede Zecke sofort entfernt werden.

1. Hilfe: mit geeigneter Zange entfernen. Nicht drehen oder ziehen, vor allem nicht die Zecke in den Biss »auspressen«. Keine Panik, wenn einige Zeckenreste in der Haut bleiben. Biss beobachten.

Wie weiter? Tour fortsetzen.

#8: Durchfall 

Was ist passiert? Es muss nicht immer eine Amöbenruhr sein, oft genügt auch eine fremde Küche, um die Verdauung ein paar Tage ordentlich aus dem Takt zu bringen.

Symptome: Durchfall, Krämpfe.  

1. Hilfe: viel trinken, Salze zuführen, nicht zu sehr anstrengen. Fühlt man sich ansonsten fit, kann ein Medikament (Loperamid) helfen, die Tour fortzusetzen. 

Wie weiter? Bei Erholung Tour fortsetzen. Verschlechtert sich aber der Allgemein­zustand (Fieber, Schüttelfrost etc.), ab zum Arzt.

#9: Schmerzen 

Was ist passiert? Kopf-, Rücken- oder Zahnschmerzen; unterwegs auch oft in Knien oder Handgelenken.

Symptome: leichte bis mittlere Schmerzen.  

1. Hilfe: Kühlen hilft, manchmal auch eine »taktische« Ibuprofen, um etwa eine Rückenverspannung durch Schutzhaltung zu verhindern (bitte nicht übertreiben).

Was muss ins Erste-Hilfe-Set? 

Serienausstattung sinnvoll ergänzen

Ein Erste-Hilfe-Set gehört in jeden Rucksack. Die Ausstattung kann je nach Tourencharakter und -dauer variieren. Gruppen können ein gemeinsames Set mutzen, das aber entsprechend üppig ausgestattet sein sollte. Bei Globetrotter findest du deswegen eine breite Auswahl an Sets.

Bei jedem Set gilt: Schau dir die Basisaustattung genau an – und ergänze diese durch individuelle Ausrüstung. Wir zeigen das hier mal am Beispiel des Tatonka First Aid Compact

Serienausstattung

  • 2 x Wundpflaster 10 x 6 cm 
  • Rollenpflaster 5 m x 1,25 cm
  • Rettungsdecke 160 x 210 cm
  • Verbandschere spitz/stumpf 
  • Splitterpinzette 9 cm 
  • »Spickzettel« Sehr sinnvolle Erinnerungshilfe mit den wichtigsten Erste-Hilfe-Infos
  • Vinylhandschuhe 2 Paar 
  • First-Aid-Tasche Robust, kompakt, Tragegriff, Gürtel­halter und viele Innentaschen 

Außerdem enthalten (nicht im Bild)

  • 2 x Wundverband steril, 10 x 6 cm 
  • 1 x Verbandpäckchen groß, Kompresse nicht haftend 
  • 1 x Verbandpäckchen mittel Kompresse nicht haftend 
  • 5 x San Wundkompresse, 10 x 10 cm nicht haftend 
  • 1 x Dreiecktuch (Viskose) 
  • 10 x Alkoholtupfer 
  • Checkliste zum Nachkaufen von verbrauchtem Material

Individuelle Ergänzung (Beispiele)

  • Hilfe auch für die Ausrüstung Für Pannen an Zelt, Jacke oder Rucksack: Kabelbinder, Duct Tape (um Zelt-Reparaturhülse gewickelt). Nützlich (und winzig) sind auch etwas Draht, D-Ringe und Schlüsselringe  
  • Riegel (kleine Energiereserve)
  • Mückenmittel konzentriert
  • Taschenmesser 
  • Desinfektionsmittel 
  • Mini-Taschenlampe 
  • Persönliche Medikamente, z. B. gegen Herpes (Zovirax) und Schmerzen (Ibuprofen)  
  • Ohrenstöpsel (für Hüttenruhe)
  • Blasenpflaster

Außerdem sinnvoll (nicht im Bild):

  • Beatmungsmaske für CPR
  • Zeckenzange
  • Sprühverband
  • Tabletten zur Wasser­aufbereitung (Micropur)
  • Feuerzeug

#10: Bänderriss am Fuß

Was ist passiert? Klassischerweise nach außen umgeknickt, oft hört man sogar ein charakteristisches »Peng«, wenn das Band reißt.

Symptome: kurzzeitig starke Schmerzen und Schwellung des Sprunggelenks.  

1. Hilfe: Bein hochlagern und abschwellen lassen. Eventuell banda­gieren und Hilfskrücke bauen. 

Wie weiter? Sofort zum Arzt. 

#11: Schulterluxation 

Was ist passiert? Schulter »aus­gerenkt«, meist durch ruckartige Armbewegung nach hinten/oben.

Symptome: starke Schmerzen, besonders beim Bewegen des Arms.  

1. Hilfe: Auf gar keinen Fall ver­suchen, die Schulter selbst »einzurenken«! Den Arm in möglichst schmerzfreie Position bringen, mit Dreiecktuch körpernah fixieren. 

Wie weiter? Zum Arzt oder ins Krankenhaus, die Rückführung der Schulter soll unter Narkose erfolgen (es entstehen mehr langwierige Probleme durch schlechtes »Einrenken« als durch das vorangegangene »Ausrenken«). 

#12: Knochenbruch 

Was ist passiert? Meistens Sturz.

Symptome: extreme Schmerzen, vor allem bei Belastung. Nicht jeder Bruch ist von außen sichtbar.  

1. Hilfe: Bruch mit Verband fixieren, keinesfalls herumrenken.

Wie weiter? Einen Bruch der oberen Extremitäten (z. B. am Handgelenk) kann man evtl. so weit fixiere­­n, dass man selbst Arzt oder Krankenhaus erreicht. Ansonsten: Rettungskette auslösen. 

#13: Allergische Reaktion 

Was ist passiert? Ein Allergiker reagiert auf einen Insektenstich oder Lebensmittel. 

Symptome: können von Reizungen und Ausschlägen bis zu schwerer Atemnot und Asthma oder sogar bis zur Bewusstlosigkeit reichen. 

1. Hilfe: Allergiker sollten ihre Begleiter unbedingt vorab informieren und auf ein evtl. mitgeführtes Notfallset hinweisen, das im Notfall (z. B. einem Wespenstich) eingesetzt werden kann. 

Wie weiter? Im Zweifel Rettungskette auslösen. 

#14: »Wolf« gelaufen 

Was ist passiert? Lange Tour mit viel Reibung zwischen den Beinen, oft auch begünstigt durch Hitze, Schweiß oder ungeeignete bzw. ungewohnte Bekleidung.

Symptome: wunde, brennende Stelle(n) zwischen den Beinen.  

1. Hilfe: eventuell desinfizieren, eincremen. Nach Stuhlgang abduschen, nicht mit Papier abputzen. 

Wie weiter? Vor der nächsten Etappe Hirschtalk o. Ä. auftragen. 

#15: »Ich hab was im Auge« 

Was ist passiert? Partikel, Insekt oder Flüssigkeit im Auge.

Symptome: irritierendes Gefühl, Brennen, Jucken, Schwellung.  

1. Hilfe: Auswaschen: Am einfachsten Kopf ins Wasser tauchen (See, Waschschüssel), Lider offenhalten und mit den Augen rollen.   

Wie weiter? Tour fortsetzen. 

#16: Schürfwunde

Was ist passiert? Meist ein Sturz.

Symptome: oberflächliche Hautabschürfung, leicht blutend, aber oft stark verschmutzt.  

1. Hilfe: Mit Wasser säubern, Split u. Ä. entfernen, desinfizieren. Kleine Wunden unverbunden lassen, bei großflächigen Wunden ist ein Sprühverband die beste Lösung.

Wie weiter? Tour fortsetzen.

Reanimieren lernt man im Kurs

Die CPR (cardiopulmonray resuscitation, deutsch Herz-Lungen-Wiederbelebung) ist die »Königsdisziplin« – so kann man buchstäblich Leben retten. Die CPR wird in Kursen gelehrt (z. B. www.drk.de). Also: buchen und üben!

Horst Hohn

Was passiert? Jemand wird bewusstlos, dann setzen vielleicht auch Atmung und Herzschlag aus. Das kann verschiedenste Gründe haben (schwerer Hitzschlag,  Unterkühlung, Gewalteinwirkung, Herzinfarkt etc.), das Vorgehen der Ersthelfer ist aber immer dasselbe.

Symptome: langsamer oder schlagartiger Bewusstseinsverlust. Fehlende Atmung und/oder Puls.  

1. Hilfe: Erst Atmung prüfen: Kopf vorsichtig überstrecken, Blick auf Brustkorb (Hebt dieser sich?). Hand auf Bauch (fühlt man eine Atmung?). 

• Keine Atmung: CPR. Uhrzeit merken, CPR notfalls bis zum Eintreffen der Retter fortsetzen. 

• Atmung vorhanden: stabile Seitenlage (Atmung permanent kontrollieren) . 

Parallel Rettungskette auslösen.

Hinweis: In den Zeiten von Covid-19 sind viele Ersthelfer besorgt, es könnte bei der Beatmung zu einer Ansteckung kommen. Im Zweifel die Beatmung weglassen und auf die Herz-Druck-Massage beschränken. Das ist im Notfall immer noch viel besser als keine Reanimation. 

»Spickzettel« helfen, sich an das Gelernte zu erinnern (einfach ausschneiden und mitnehmen).

Die Globetrotter Rettungskarte hier zum Download.

#17: Schnitt- oder Fleischwunde 

Was ist passiert? Geschnitten oder (ab)gestürzt.

Symptome: stark blutende Wunde, starke Schmerzen. 

1. Hilfe: Wunde vorsichtig säubern, mit sterilem Verband abdecken, starke Blutungen mit Druckverband stoppen. Ruhigstellen.

soupstock/fotolia Sonne, insbesondere in exponierten Situationen, wie beim Gletschertrekking oder beim Langlaufen kann zu Verbrennungen im 2. Grad führen.

Wie weiter? Demnächst zum Arzt. Wird die Tour fortgesetzt, täglicher Verbandwechsel. 

#18: Verbrennung

Was ist passiert? Z. B. kochenden Kaffee übers Bein gegossen oder am Lagerfeuer verbrannt.

Symptome: Rötung der Haut (1. Grad); Blasenbildung (2. Grad); tiefe Einbrennung (3. Grad).

1. Hilfe: Feuer löschen, mitverbrannte Kleidung sofort entfernen, Verbrennung mit kaltem Wasser übergießen. Evtl. Salbe, evtl. mit steriler Kompresse abdecken. 

Wie weiter? Bei Grad 1 + 2 ist die Tour oft fortsetzbar; bei Grad 3 oder großflächigen Verbrennungen Abbruch und zum Arzt (oder Rettungskette auslösen).

Text: Dr. med Horst Hohn, Stephan Glocker
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