Erhard Jübermann: wilder Hund

Archiv Erhard Jübermann In seinem Seekajak »Jonathan« paddelte Erhard ans Nordkap und zurück.
Die Geschichte von Erhard und »Jonathan« und ihrer großen Tour kennen die wenigsten. Dabei ist sie äußerst lesenswert. Ein Plädoyer für echtes Abenteurer-Understatement.

Es kam alles anders als geplant – zum Glück.« So hieße – wenn es sie denn gäbe – die Autobiografie von Erhard Jübermann, verrät selbiger beim Hausbesuch in Uelzen, Niedersachsen. Der Name könnte vielen Paddlern und auch Tourenradfahrern bekannt vorkommen, denn Herr Jübermann, den alle nur Erhard nennen, ist hauptberuflich Inhaber, Chefautor, Produktionsleiter und Vertriebschef des Jübermann-Verlags, der auf Wassersportkarten und Radwanderliteratur an Wasserwegen spezialisiert ist.

Dass Erhard darüber hinaus eine Extremsportlerkarriere wie nur wenige hingelegt hat, ist weitgehend unbekannt. Nicht weil die Leistungen zu wenig Nachrichtenwert gehabt hätten – nein, der Niedersachse mag es typisch norddeutsch nicht so gerne, wenn um seine Person ein großes Bohei gemacht wird. Doch Erhard Jübermanns Leben ist so untrennbar mit dem Element Wasser verbunden, es wäre viel zu schade, sein größtes Abenteuer zu verschweigen …

Moritz Becher Mit seinen Wassersportkarten liefert Erhard selbst recherchierte und detaillierte Informationen an Paddler in ganz Deutschland.
Archiv Erhard Jübermann

Infiziert mit dem Paddel-Virus

Was für Tiroler Kinder die Ski sind, ist für Erhard das Kajak. Bei seinem Großvater, einem Flussfischer, lernt er bereits als Zwerg, auf dessen Stehboot das Gleich­gewicht wie ein Gondoliere zu halten. Früh steigt er in den Wassersport ein. All sein Taschengeld wird ins erste eigene Polyesterboot von Klepper investiert. Mit dem gehen die richtigen Touren los: Ilmenau, Elbe, Stör, Wilsterau, Schwentine, Nord-Ostsee-Kanal, Plöner See. Viel Zeit auf dem Wasser, viel Zeit im Zelt, viel Zeit mit guten Freunden. »Das war ein herrliches Robinson-Leben«, schwärmt Erhard.

Auf der Elbinsel Pagensand kommt es schließlich zur ganz großen »Infektion«: In einem Paddler-Camp werden abends am Lagerfeuer Kanuten-Latein und andere Heldentaten zum Besten gegeben. »Da war der Bazillus dann voll da – was die an Geschichten erzählt haben, das wollten wir auch erleben.«

Mit selbst gebauten Polyesterbooten folgt die nächste Steigerung: Wildwasser. 1971 geht es in die Alpen, nach Tirol, Kärnten und Norditalien, wo sie sich in Wassermassen der Schwierigkeitsstufen I bis IV wagen – ohne jegliche Erfahrung, nur mit der Eskimorolle im Repertoire, selbst beigebracht natürlich, aus einem Kanu-Lehrbuch von Herbert Rittlinger.

Solo ans Nordkap

Nach dem Abitur und zwei Jahren beim Bundesgrenzschutz folgt der Ernst des Lebens: Studium, höheres Lehramt für Geografie und Sport. Im Examensstress geht erst die Verlobung in die Brüche, dann lässt das anstehende Referendariat wegen Platz­mangel ein Jahr auf sich warten. Die Steilvorlage für die Tour seines Lebens, denkt sich Erhard und steigt im März in Uelzen in sein Seekajak »Jonathan«. Ziel: ans Nordkap. Erhard will den Kopf freibekommen und seinen eigenen Weg gehen.

Die Route führt ihn solo über die dänische Ostsee­küste und durch das Skagerrak, von wo er per Segelboot-Anhalter nach Norwegen übersetzt. Als er südlich von Stavanger in einen Sturm mit Windstärke 7 gerät, gelangt er an seine körperlichen und psychischen Grenzen. Weit und breit keine Inseln, kein Sandstrand, nur Felsbrandung – mit Rückenwind. Keine Chance, auch nur halbwegs sicher anzulanden, ohne dabei Leib, Leben und Materialtotalverlust zu riskieren. Also: Flucht nach vorne, in fünf Meter hoher Dünung, teilweise überschlagend. Bei jeder Welle Tempowechsel von 7 auf 35 Stundenkilometer innerhalb weniger Sekunden. Fünf Stunden dauert das mörderische »Spiel« mit den Elementen. »Das war eine weiße Hölle«, sagt Erhard rückblickend.

Harte Landung

Nach drei Monaten und Millionen von Paddelschlägen erreicht er das Nordkap. Und nun? Erst kommt eine große Leere im Kopf, dann spürt Erhard die Ruhe – in der Natur und in sich selbst. »Ich hatte meinen inneren Frieden gefunden.« Über die norwegisch-finnischen Grenzflüsse und die Ostsee tritt er die Rückreise an, bis er im September im »Heimathafen« Uelzen wieder aus seinem »Jonathan« steigt.

»Als ich nach 7000 Kilometern aus dem Boot stieg, war ich ein anderer Mensch. Das war ein Lebensabschnitt, kein Urlaub.«

Nach 7000 Kilometern Selbstfindungstrip tut sich Erhard zunächst schwer, in der deutschen Ellbogengesellschaft wieder klarzukommen. »Ich war einfach ein anderer Mensch als der, der sechs Monate zuvor Uelzen verlassen hatte.« Das Referendariat zieht er noch durch, aber mit der Gewissheit: »Schuldienst? Dafür bist du nicht gemacht – oder besser: nicht mehr.«

Understatement als Lebensmotto

Er beschließt, das Hobby aus dem Studium – das Zeichnen von Wassersportkarten – zu seinem Beruf zu machen. Mit Erfolg – in seinem Sinne. Kein Verlagskonzern, keine vorgespielte Authentizität. Wenn er eines nicht verstehen kann, dann ist es die Gier nach Geld und materiellem Überfluss. »Das Leben steht auf zwei Beinen: Lebensstandard und Lebensqualität. Bei einigen wird der Standard so großgeschrieben, dass aus der Qualität eine Krücke geworden ist. Dann humpelt man automatisch.«

An Erhard Jübermann ist wirklich alles echt. Auch die Nummer, als er mal eben von Uelzen nach Ehrwald radelt und das Extrembergrennen »Zugspitzlauf« erfolgreich absolviert, um anschließend über Fernpass, Silvretta-Hochalpenstraße, Bodensee und Schwarzwald wieder Richtung Heimat zu strampeln – alles in knackigen zwei Wochen. Aber das ist eine andere Geschichte …

ERHARD JÜBERMANN

Alter: 67 // Heimat: Uelzen // Ausbildung: Studium höheres Lehramt für Geografie und Sport  // Beruf: Verlagsinhaber //  Web:
www.juebermann.de

Erhard Jübermann ist Leistungssportler – aus Leidenschaft. Wenn der 65-Jährige mal nicht am Rechner sitzt und Wassersportkarten digital zeichnet, findet man ihn im Kajak, auf dem Rad oder beim Orientierungslauf. Sein Fachwerkhaus in Uelzen hat der gelernte Autodidakt – nach etwas Recherche und Selbststudium – nahezu im Alleingang gebaut. Es steht noch heute.


Einer von 50: In der Sonderausgabe »50 Menschen, 50 Abenteuer« zeigen wir Menschen und ihre ganz persönlichen Geschichten – von skurillen Episoden über kleine und große Expeditionen bis hin zu ganzen Lebensgeschichten.

Text: Moritz Becher
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