Endura: Scottish by Nature

Fahrtwind, Spritzwasser, Dreck, Wärmestau, Sichtbarkeit – gute Fahrradbekleidung herzustellen, ist anspruchsvoll. Ein Besuch bei Endura, inklusive Probefahrt in den Highlands

Diese Geschichte spielt in Schottland, aber sie beginnt bei einem Bier in Bayern: Feierabendumtrun­k auf der Outdoor-Messe in München. Ich stoße mit Richy Thomas an, dem Deutschlan­d-Chef von Endura. Endura sitzt in Schottland und produziert Bekleidung, Helme und weitere Ausrüstung speziell für Radler. Gesprächsthema: Brauche ich als Normalradler eigentlich extra Bikebekleidung, wo ich doch gute Outdoor-Klamotten habe? Meine Wander­jacke nehme ich für alles, und so groß können die Unterschiede ja nicht sein …
Richy hat ein gutes Argument: Globetrotter sei »kein reinrassiger Fahrradhändler«, aber trotzdem einer der größten Endura-Anbieter. Viele Globetrotter Kunden würden also sehr wohl spezielle Bikebekleidung nutzen. Am Ende des Gesprächs habe ich das Bier leer und eine Einladung nach Schottland: »Komm doch zu Endura, schau dir die Unterschiede an.«

Richy hat ein gutes Argument: Globetrotter sei »kein reinrassiger Fahrradhändler«, aber trotzdem einer der größten Endura-Anbieter. Viele Globetrotter Kunden würden also sehr wohl spezielle Bikebekleidung nutzen. Am Ende des Gesprächs habe ich das Bier leer und eine Einladung nach Schottland: »Komm doch zu Endura, schau dir die Unterschiede an.«

Es gibt Einladungen, die man ungern ausschlägt. Also finde ich mich ein paar Monate später in den herbstlichen Highlands wieder. Der Fluss Tay windet sich durch ein grünes Tal, flankiert von schnuckeligen Dörfern, wilden Bergwäldern und dunklen Seen, die hier natürlich Lochs heißen. Der Wald von Birnam spielte schon in Shakespeares »Macbeth« eine Rolle – als er sich wie von den Hexen prophezeit in Bewegung setzt. Heutzutage steht der Wald still und schweiget, dafür übertragen Webcams des Scottish Wildlife Trust die Brut der örtlichen Falken live auf Youtube.

Am kleinen Bahnhof von Birnam könnte jetzt auch ein Harry-Potter-Zug auf dem Weg nach Hogwarts durchfahren, stattdessen warten dort ein paar Jungs von der Endura-Crew. Stramme Waden, schicke Trikots, Helme, Protektoren. Ich bekomme ein Mountainbike und einen Satz Endura-Ausrüstung in die Hand gedrückt. Es ist Sonntag, und der Tay Forest Park gehört zu den bevorzugten Bikerevieren der Mitarbeiter. »Wir treffen uns regelmäßig zum Biken, das ist eine nette Mischung aus gemeinsamem Sport und prak­tischem Produkttest«, sagt Martin Steele. Martin arbeite­­t im Endura-Marketing und nebenbei als Bike-Guide. Er kennt hier jeden Trail und jedes Loch.

Danny Macaskill kommt heute nicht

Es geht breite Forstwege hinauf und schmale Pfade hinunter. Die schottischen Cracks nehmen höflich Rücksicht auf den Gast aus Deutschland. Ich versuche lustig zu sein und frage, ob Danny MacAskill auch noch kommt (Info für andere Gelegenheitsbiker: Der Schotte Danny MacAskill ist der berühmteste Mountainbiker der Welt, seine witzig-spektakulären Videos haben Abermillionen Aufrufe). Nein, wird mir beschieden, Danny komme heute leider nicht. Aber an anderen Bike-Sonntagen könne das schon passieren. Ich gucke verdutzt. »Er ist ein alter Kumpel und kriegt schon immer Zeug von uns«, lacht Martin. »Zum Beispiel sein Red-Bull-Helm, das ist ein Endura MT 500 – der gleiche, den du auch gerade aufhast.«

Martin reiht Trail an Trail. Als wolle Schottland alle Klischees erfüllen, erleben wir binnen weniger Stunden Sonnenschein und Wolkenbruch, Windstille und steife Brise, leuchtende Heidekräuter und tiefe Matschlöcher. Die schicken Bikeklamotten werden systematisch eingesaut – und erledigen ihren Job tadellos. Produktentwickler Ian Young erweist sich als lebende Gebrauchsanweisung: »Wenn dir kalt ist: In den Ärmeln deiner Jacke sind Handschlaufen, die funktionieren auch als Pulswärmer.« – »Jetzt geht’s eine Weile bergauf, da könntest du noch diesen Zipper zur Belüftung öffnen.« – »Weil man die Jacke öfter mal an- und auszieht, sind die Ärmel innen besonders geschmeidig. So bleibst du nicht dauernd hängen.« – »Hey, wie findest du die zusätzliche Fütterung auf der Vorderseite der Shorts?«

Von Mountainbike bis Tour de France

Dass Bewegungsabläufe und Wettereinflüsse beim Radeln etwas anders sind als beim Wandern, ist keine tiefschürfende Erkenntnis. Doch fühlt man sich bewusst in die Thematik hinein, sind die Unter­­schiede markanter als gedacht: Der Wind kommt oft und heftig von vorne, Regenfeuchte und Spritzwasser suche­­n (und finden) kleinste Undichtigkeiten an Kapuze, Reiß­verschlüssen oder Bündchen. Der Körpe­r arbeitet auf Hochtouren und schwitzt, gleichzeitig kann er im Fahrtwind sehr schnell auskühlen.

Wie die Endura-Designer auf diese Anforderungen reagieren, beeindruckt durchaus. Im Gegensatz zu einer straighten Outdoorjacke wirkt die Radbekleidung wie ein cleveres Mosaik aus Funktionsstoffen: hier eine Stretch­einlage, dort ein winddichter Bereich, da ein Silikonaufdruck (stabilisiert den Rucksack­riemen), hier noch eine große Tasche für die Landkarte, die auch als Zusatzbelüftung fungieren kann. Dass die Hosen im Sitzbereich nahtfrei oder die Jacken­ärmel angewinkelt geschnitten sind – eh klar.

Jim McFarlane
Gründer und Chef von Endura

»Die Leute fielen reihenweise von den Bikes und hatten immer kaputte Klamotten.«

Am nächsten Tag treffe ich meine Bikegefährten wieder, diesmal bei ihrer Indoor-Arbeit. Endura sitzt vor den Toren Edinburghs im Örtchen Livingston. Das Firmengebäude wirkt eher nüchtern, doch signalisiert der gut und edel gefüllte Fahrradparkplatz, was drinnen vor sich geht. 130 Leute arbeiten hier in Design, Vertrieb, Marketing, Verwaltung und Produktion. Die Spezialität des schottischen Standorts sind Radtrikots. Sie können auch in kleinen Auflagen geschneidert werden: Erst gestalten die Designer am Computer sämtliche Farben, Muster und Logos, dann werden diese auf vorgeschnittene Stoffteile gedruckt und schließlich von erfahrenen Näherinnen zusammengefügt. Das Angebot reicht dabei vom Moviestar-Teamtrikot für die Tour de France über Logo-Shirts für Whiskymarken bis zu Einzelanfertigungen für gesponserte Profis wie Marcel Kittel, Greta Weithaler oder Harald Philipp.

Erfindungsreich und selbstkritisch

Obwohl das Endura-Sortiment heute sämtliche Radsportsparten von Rennradlern bis Büropendlern abdeckt, hat das Unternehmen seine Wurzeln in den Hügeln der Highlands. »Angefangen hat das vor gut 27 Jahren«, erzählt Endura-Gründer Jim McFarlane. »Das Mountainbiken kam gerade auf, und die Leute fielen reihenweise von den Rädern und hatten immer kaputt­e Klamotten.«

Zuvor hatte Jim eine Weile in Australien gelebt und war dort auch Radrennen gefahren – bis seine komplette Ausrüstung geklaut wurde. »Ich musste alles neu kaufen und war geschockt, was diese windigen Spandexklamotten aus Italien kosteten. Offenbar war Radeln nicht nur ein guter Sport, sondern auch ein gutes Geschäft.«

Jim, von Haus aus Ingenieur, setzt sich also an die Näh­maschine und produziert das, was man in den Highlands unter robuster Bekleidung versteht. Er experimentier­­t mit Nylon, Kevlar und Stretchstoffen, lernt viel über Wärmeableitung und Atmungsaktivität. Der Name der bis heute erfolgreichen Endura-Serie MT 500 stammt aus dieser Gründerzeit: 500 steht für 500 Prozent robusteres Material. »Die Leute fielen immer noch von den Rädern, aber unsere Klamotten hielten das aus«, lacht Jim.

Mit diesem Konzept ist Endura vom Start weg erfolgreich. Ab 2002 kommen Fahrradhelme dazu – für einen Bekleidungshersteller natürlich völliges Neuland. Offenbar wirkt aber auch hier die Ingenieurs-DNA von Endura: Die neue Koroyd-Technologie, bei der ein superleichtes Wabensystem die Aufprall­energie abfängt, ist eines der cleversten Konzepte am Markt und wird nun in vielen Helmen verbaut, vorneweg natürlich im Flaggschiffmodell MT 500. Diesen Helm hat Globetrotter ebenso im Programm wie die auf maximale Sichtbarkeit ausgerichteten Urban-Luminate-Jacken – für Radpendler im Stadtverkehr ein enormer Sicherheits­gewinn, ohne dass die Funktion geschmälert würde.

Seine erfindungsreiche Firma führt Jim McFarlane bis heute gemeinsam mit seiner Frau Pamela Barclay. Besonders ihr ist es zu verdanken, dass sich Endura seit Langem mit sozialen und nachhaltigen Themen auseinandersetzt. Das Engagement der beiden reicht vom privaten Bikeparcours für benachteiligte Jugendliche bis zur selbstkritischen Beleuchtung der eigenen Produkte. Der Verzicht auf PFC etwa macht die Imprägnierungen von Jacken deutlich anspruchsvoller.

Das neueste Endura-Projekt heißt »One Million Trees«: Als Sofortmaßnahme gegen den Klimawandel wird Endura jährlich eine Million Bäume pflanzen. Den Beginn macht dieses Jahr ein Mangroven-Pflanzungs­programm in Mosambik. Die schottischen Wurzeln von Endura reichen weit.


Grüne Gründe für Endura

Die Schotten reden nicht nur über Nachhaltigkeit, sondern schaffen Fakten: Seit zwei Jahren ist die komplette Kollektion PFC-frei und wird immer weiter optimiert. 1 % der Firmengewinne werden für wohltätige Zwecke gespendet – und ab sofort jährlich eine Million Bäume gepflanzt.

Mehr dazu: www.endurasport.com/sustainibility/

Text: Stephan Glocker
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