Endless Winter: Toni und der Weg des Esels

Archiv Sponar Anfang der 60er-Jahre heuerte Toni in Portillo, Chile als Skilehrer an.
Die unglaubliche Geschichte des Toni Sponar: Wie der Österreicher per Zufall in Kanada Skilehrer wurde, in Chile einen Berg kaufte und es so auf 110 Skisaisons am Stück brachte.

Toni, dein erstes Mal auf Ski?
Bevor ich denken konnte. Wir wohnten auf einem Hügel. Ich habe zwei Geschwister. Ich war der Älteste. Babysit­ter gab es damals noch nicht. Also hat uns mein­e Mut­ter beim Zimmermann Ski an­fertigen lassen und zur Tür hinaus­geschoben. Wir sind dann den ganzen Tag auf den Ski herumgestapft. Und die Nachbarn wuss­ten, dass sie uns keines­falls die Bin­dung öffnen durften. So fand uns meine Mutter abends immer am tiefsten Punkt des Dorfs wieder.

Wie kam es, dass du derart früh ausgewandert bist?
Ich bin 1934 in der Steiermark geboren, kurz vor dem Krieg. Mit zehn Jahren war ich Pimpf in der Hitlerjugend und wusste natürlich nicht, wie mir geschah. Nach Ende des Kriegs begann in der Steiermark eine schlimme Zeit mit wenig Perspektiven. Noch bevor Österreich 1955 wie­de­­­r unabhängig war, stellte ich ein Gesuch, nach Austra­lien, Neuseeland oder Kanada auswandern zu dürfen. Die Kanadier waren die Ersten, die mein Ansinnen bewillig­ten, und so packte ich 1958 meine Koffer.

Wohin führte dich dein Weg?
Mit dem Auswandererschiff ging es zunächst nach Mont­real, von dort machte ich mich nach Vancouver auf, wo ich jeden Job annahm, den ich kriegen konnte. Ich habe als Cowboy gearbeitet, als Holzfäller, und war mir auch sonst für nichts zu schade. Zum Glück hatte ich in Öster­reich noch die Hotelfachschule beendet, so dass ich schließlich einen Job im Chateau Lake Louise in Alberta ergatterte. Ich war für drei Cocktailbars verantwort­lich. Dort hatte ich eine fabelhafte Zeit, zwei Jahre lang.
Tagsüber bin ich Bergsteigen oder Skifahren gegan­gen, abends hinter dem Tresen gestanden. Am Ende des zweiten Winters traf ich dann zwei Burschen auf der Piste, die ganz akribisch an ihrer Skitechnik feilten. »Was macht’s ihr denn da?« »Lernen für die Skilehrerprüfung.« Klang inter­essant. Ich schloss mich ihnen an und kaum eine Woche später hatte ich meinen Skilehrerschein.

Und damit war die Weiche für dein weiteres Leben gestellt?
So in etwa. Im folgenden Winter suchte ich mein Glück in einer Skischule in Vermont in den USA. Anschließend ging ich zurück nach Lake Louise, doch da wusste ich schon, dass ich den Tresen fortan gegen die Piste tauschen würde.
Im nächsten Winter kehrte ich zurück in den Nordosten der USA, weil ich gehört hatte, dass dort der Österreicher Othmar Schneider in Michigan eine Skischule betreibt. Schneider hatte 1952 bei Olympia in Oslo den Slalo­m gewonnen und war seinerzeit der »Star-Skilehrer« schlechthin. Er hatte zwar wenig Zeit für mich, aber vermittelte mir einen Job. Othmar selbst gab seinerzeit etwa der Kennedy-Familie Un­terricht. Und ich habe noch heute einen Brief von US-Präsident Gerald Ford, in dem er sich für die schöne Zeit auf Ski mit mir bedankt.

Dein erster Chile-Stempel im Pass ist von 1961. Wie kommt man von Michigan nach Südamerika?
Othmar hatte mir erzählt, dass er in der Wintersaison in Chile, die ja genau gegenläufig zu jener auf der Nord­halbkugel ist, die Skischule in Portillo übernimmt und dafür noch Skilehrer sucht. Er fragte mich, ob ich staat­lich geprüfter Skilehrer sei. Ja! Und ob ich Spanisch spre­che? Nicht so gut! Dafür konnte ich Italienisch, und das klingt ja ähnlich, dachte ich mir.

Das war also genauso geflunkert wie der staatli­che Skilehrer?
Nun ja, Othmar wollte eigentlich, dass ich ihm gleich mein Skikönnen zeigte, und nahm sich dafür extra den nächsten Samstag frei. Doch dann kamen die Kennedys und er konnte nicht. Othmar fragte mich erneut: »Bist du staatlich geprüfter Skileh­rer?« »Ja!« Was nicht gelogen war, denn ich war ja staat­lich geprüft – nur eben in Kanada, und nicht in Öster­reich, was Othmar natürlich meinte. Also hat er mich angestellt.

Wie reiste man 1961 nach Chile?
Ein Flug war natür­lich viel zu teuer. Also bin ich zum Hafe­n und bin mit dem Schiff nach Chile. Die Matrosen waren alle Chilenen, und so konnte ich bei der Ankunft tatsächlich rudimentär Spani­sch. Aber dann kam das Problem.

Archiv Sponar Anfang der 80er-Jahre: Location-Check vom Pferderücken aus.

Problem?
Am 15. Juni traf Othmar in Chile ein und nahm mich gleich mit in die Berge zum Skifahren hoch nach Portillo. Die Abfahrt war nicht besonders steil, doch völlig unpräpariert. Pistenraupen gab es noch nicht, stattdessen überall windverblasener Schnee mit dicker Kruste. Othmar ist da trotzdem runter, als wäre es bester Powder. Und dann ich mit meinen 225 Zenti­meter lan­gen Metallski von Kästle: erster Schwung, Sturz. Zweiter Schwung, Sturz. Als ich nach einer gefühlten Ewig­keit unten ankam, schaute mich Othmar nur kurz an und meinte: »Du? Staatlich geprüft? Pack deine Koffer und verschwinde!«
So bin ich mit Sack und Pack zum Bahnhof. Damals war Portillo ja nur per Eisenbahn zu errei­chen. Doch die kam nicht, weil eine Lawine abge­­­­gan­gen war. Ich also notgedrungen zurück ins Hotel. Am nächsten Tag das gleiche Spiel. Wieder kein Zug. Als ich dann abends an der Bar saß, kam Othmar auf mich zu und meinte, dass da drei Da­men wären, die gern einen Skikurs machen würden. Und seine »richtigen« Skilehrer seien ja noch nicht da … Also habe ich das gemacht. Als am fünften Tag die Strecke wieder frei war, kamen die anderen Skileh­rer. Alle in Österreich staatlich geprüft. Doch keiner konn­te Spanisch. Und so durfte ich bleiben. Unter einer Be­dingung: Ich durfte privat nicht in Skilehrerunifor­­m Skifahren gehen. (lacht)

Wie ging es weiter?
Ich wurde Othmars Assistent und bin mit ihm herum­gereist. Von Chil­e ging es zurück nach Amerika, einmal im Jahr auch nach Österreich, und von Juni bis Oktober immer nach Portillo. Die übrige Zeit habe ich alles Mögliche getan. Zweimal bin ich mit dem Auto aus den USA nach Chile gefahren, mit dem Zug habe ich halb Süd­amerika bereist, und einmal bin ich den Amazonas von Ucayali bis nach Manaus runter­geschippert. Als Othmar dann bei einer großen Kaufhauskette in den USA Einkäufer für Wintersportausrüstung wurde, übernahm ich die Verkäuferschulung und fuhr mit meinem VW-Bus von Shop zu Shop.

»Ich habe noch heute einen Brief von Präsident Gerald Ford, in dem er sich für die schöne Zeit auf Ski mit mir bedankt.«

Lange hast du das aber nicht gemacht, oder?
Wie das Leben so spielt. Eines Abends sitze ich im Hotel Por­tillo, da kommt ein Argentinier daher. »Toni, ich habe ein Problem. Drüben in Argentinien in Pe­nitentes will die Regierung einem Skiclub Land geben, damit er dort ein Skigebiet errichten kann. Aber die wis­sen nicht, wie. Magst du nicht rüberkommen und schauen, ob das geht?« Das Gelände in Penitentes sah sehr vielversprechend aus. Aber die Schneesituation musste man studieren, bevor man inves­tierte. Drei Jahre lang, so mein Vorschlag. Der Argentinier ging dar­auf ein und engagierte mich. Von da an lief ich jede Wo­che einmal rüber. War der Eisenbahntunnel nach Ar­gentinien frei, marschierte ich zu Fuß durch. War er eingeschneit, musste ich mit Tourenski über die Berge, um die eigens installierte Wetterstation abzulesen. Das machte ich zwei Jahre lang. Beide Jahre war der Schnee fantas­tisch. Noch vor Beginn der dritten Saison drängten die Argentinier auf den Baubeginn. Das Geld sei bewilligt, die Banken einverstanden, es müsse nun losgehen. Plötzlich hatte ich also einen neuen Job als Skigebiets­entwickler und -betreiber.

Wann ging es los mit den Bauar­beiten?
1979. Kurz zuvor hatte ich meine heutige Frau kennen­gelernt. Beim Skilehrern in Sugarbush, Ver­mont. Sie besuchte mich dann auch gleich in Penitentes, wo die Bau­arbei­ten in vollem Gange waren. Überall nur Dreck und Staub. Aber ihr hat es gefallen. Da dachte ich mir, wenn eine meinetwegen hierherkommt, dann kannst du sie auch gleich heiraten. Und das Skigebiet in Penitentes sollte unsere Zukunft werden. Doch schon nach wenigen Jah­ren war Schluss. Ich hatte alles nur »südamerika­nisch« per Handschlag vereinbart, und irgendwann war dieser Handschlag nichts mehr wert.

»Ich habe einen Bauern gefragt, ob er schon mal einen Weg angelegt hätte. Er gab den Tipp, sich für die Routenwahl einen Esel zu suchen.«

Wurde es nicht langsam Zeit, sesshaft zu werden?
Ich war ja zwi­schendrin immer wieder auch in den USA, und wir hatten uns in Aspen eine Heimat geschaffen. Dort habe ich heute ein Reihenhaus und arbeite noch pro Saison bis zu 500 Stunden als Privatskilehrer. Doch die Idee, ein eigenes Skigebiet zu besitzen, ließ mich nie los. Einer der Arbeiter, der mir in Penitentes geholfen hatte, erzählte mir dann von Arpa. Zwei Täler in Chile im Schatten des Aconcagua, rund 80 Kilometer nördlich von Santiago. Die kauft­e ich von dem in Penitentes und Aspen verdienten Geld.

Warum unbedingt ein eigenes Skigebiet?
Ich habe nie gefragt, warum! Ich bin ein Abenteu­rer! Ich habe mir nie viele Sorgen gemacht. Ich habe ein­fach gelebt. Andere Leute machen auch viel Blödsinn, warum sollte ich keinen Blödsinn ma­chen!? Das Tal hatte noch nicht einmal einen Straßen­zugang.

Was macht man mit einem Tal ohne Straße?
Man baut eine, was denn sonst? Zuerst habe ich einen Bauern dort gefragt, ob er schon mal einen Weg angelegt hätte. Er gab den Tipp, sich dafür einen Esel zu suchen. Den sollte ich zweimal dort entlangführen, wo ich mir den Weg vorstellte. Und beim dritten Mal sollte ich ihm unten einen Klaps geben und schauen, ob er wieder den gleichen Weg nehme. Wenn ja, wäre die geplante Trasse geeignet, wenn nicht, müsse man von vorne beginnen. Ich setzte mich dann aber über den Weg des Esels hin­weg, denn der Testlauf war im Sommer. Wie soll schließ­lich ein Esel zwischen Nord- und Südseite unterschei­den? Und das ist im Winter ja nicht ganz unwichtig. Als ich letztlich den Wegverlauf hatte, mietete ich mir eine Raupe mit Fahrer. Für die erste Kurve brauchten wir einen ganzen Tag. Doch nach drei Monaten und zwei Dutzend Serpentinen war der Weg fertig und für einen schmalen Wagen befahrbar.

Michael Neumann Noch heute kommen Skiprofis über die eigens von Toni angelegte Straße nach Ski Arpa.

Wann hast du Ski Arpa dann er­öffnet?
Das war 1984, mit einem benzingetriebenen Schlepplift. Ich baute ein kleines Gebäude, deponier­te Leihmaterial und stellte einen Chi­lenen an, der die Anlage bediente. Das alles lag genau gegenüber einem Lawinenstrich. Kaum dass die Anlage stand, ging nachts eine Lawine ab. Der Luft­druck reichte, um die Hütte samt Liftmotor anzuheben und 50 Meter zu versetzen. Der Chilene flog sogar 100 Meter weit. Zu­erst dachte er, er sei tot. Und als der Schneestaub sich legte und die Ster­ne rauskamen, dachte er, er sei im Himmel. Doch dann wurde ihm kalt, und das konnte unmöglich der Himmel sein. Im nächsten Jahr schneite es in vier Tagen zehn Meter. Die daraus resultierende Lawine war derart groß, dass sie rechts vom Haus den Hang hochschoss und von hinten das Gebäu­de traf. Dem Lift ist zwar nichts passiert, doch ausgra­ben konnte ich ihn erst wieder im Oktober – und die zweite Saison war ohne Einnahmen gelaufen.

Und damit warst du pleite?
Sozusagen. Ich bin also zurück nach Aspen und konnte mich in Ruhe um meine zwei kleinen Kinder und meine Frau kümmern – und den Plan mit dem Skigebiet überdenken. Wegen dieses kleinen Liftes wäre eh nie jemand hinaufgekommen. Von 1986 bis 2002 ging ich nur ein, zwei Monate pro Jahr nach Chile, fuhr auf meinem Land Ski und ging zu den Banken. Aber niemand wollte mir Geld geben. Und dann kam mir und meinem Sohn Anton die Idee, Catskiing anzubieten. Heute haben wir zwei Pisten­raupen, lawinensichere Gebäud­­e und von Juli bis Ende September je­de Menge Tagestouristen.

Warum aber eigentlich immer Winter?
Ich habe Hotelfachmann gelernt. Da ist man ein Sklave und arbeitet den ganzen Tag. In Kanada habe ich sehr viel Glück gehabt. Ich fing eher zufällig mit dem Skifahren an und bin davon nicht mehr losgekommen. Insgesamt habe ich jetzt 110 Winter am Stück – immer im Wechsel zwischen Nord- und Südhalbkugel. Dazwischen bin ich aber immer wieder auch an den Strand gereist. Auf meinen Autotouren von Aspen nach Chile etwa hatte ich ein Surfbrett dabei und bin in Ecua­dor wochenlang gesurft.

Was bedeutet für dich Schnee?
Der Schnee ist mein Leben. Er er­nährt mich. Ohne Schnee kein Verdienst. Doch uns alle treibt auch die Sehnsucht, durch perfekten, unberührten Schnee zu schweben. Das ist wie die perfekte Welle, davon kann man nie genug kriegen. Ich weiß nicht, wie lange ich es noch tun kann, aber ich werde Ski fahren bis zum Schluss. Und im Mo­men­­­­­t fühlt es sich noch ganz gut an …

TONI SPONAR

Alter: 85 // Heimat: Aspen, Colorado // Ausbildung: Hotelfachmann // Beruf: Skilehrer

Geboren 1934 in der Steiermark, nach dem Krieg nach Kanada ausge­wandert. Eher per Zufall wurde er Skilehrer – erst in Mount Snow, Vermont, seit 1961 zusätzlich in Portillo, Chile. Dort kaufte er Anfang der 90er-Jahre zwei Täler 80 Kilometer nördlich von Santiago und errichtete das Catskiing-Unternehmen Ski Arpa.


Einer von 50: In der Sonderausgabe »50 Menschen, 50 Abenteuer« zeigen wir Menschen und ihre ganz persönlichen Geschichten – von skurillen Episoden über kleine und große Expeditionen bis hin zu ganzen Lebensgeschichten.

Text: Michael Neumann
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