Eisbaden als Frau: meine 6-monatige Winterchallenge


Ist das nicht gefährlich, dieses Eisbaden? Was ist, wenn meine Beine erfrieren oder mir die Zehen abfallen? Kann ich als Frau überhaupt Eisbaden – und sollte ich es lieber allein oder in Gesellschaft versuchen? Wenn dich dieses Thema genauso reizt wie mich, findest du hier einige Informationen, Tipps und hoffentlich auch Inspiration für deine Winter-Routine. Ich bin von Oktober 2023 bis März 2024 einmal wöchentlich Eisbaden gegangen und habe dabei viel über mich, meinen Körper und die Kraft der Kälte gelernt.

Warum macht Eisbaden süchtig?

Der Wind pfeift mir kalt um die Ohren, ein paar Spaziergänger stapfen in dicken Mänteln am Ufer entlang. Die Sonne ist irgendwo hinter der dichten Wolkenwand verborgen und wird sich heute wohl auch nicht mehr blicken lassen. Aber nun bin ich hier, am Ufer des Baggersees und murmele resignierend mein Mantra: »Es ist nur kaltes Wasser«. Also schäle ich mich schnell und ungelenk aus mehreren Kleidungsschichten, schlüpfe in die Badeschuhe und wate bis Nabelhöhe ins klare Wasser. Ich hole tief Luft und tauche mit der Ausatmung bis zum Hals unter. Mein Herz pocht laut in meiner Brust, der ganze Körper vibriert.

Einatmen, Ausatmen, Einatmen, Ausatmen. Plötzlich wird alles ganz still. Der Kopf wird leer, die Gedanken sind in Watte gepackt, ihr Kommen und Gehen zieht sich wie Kaugummi. Gleichzeitig bin ich absolut aufmerksam, jeder Reiz wird selektiv wahrgenommen. Ich sehe das Kräuseln der Wasseroberfläche. Höre das Geschnatter der Enten. Spüre die rutschigen Steine unter meinen Schuhsohlen. Merke, wie mein Körper arbeitet und gleichzeitig entspannt. Bin ganz im Moment. Und genau das ist es, was süchtig macht.

Herbstliche Eingewöhnung

Ich mag kaltes Wasser, schon immer, und selten hält mich die Luft- oder Wassertemperatur davon ab, ins kühle Nass zu springen. Dann fühle ich mich so richtig lebendig! Aber auch ich erliege oft meiner Komfortzone, vor allem im Winter. Um mir dieses »Lebendigkeits-Gefühl« quasi aufzuzwingen, vereinbare ich mit mir eine Winterchallenge: von Oktober bis März möchte ich einmal die Woche Eisbaden gehen ─ egal wo, egal bei welchem Wetter und egal ob allein oder mit Freunden. Ich starte also im Oktober bei 12°C Luft- und 8°C Wassertemperatur. Noch finde ich dafür halbwegs sonnige und windstille Tage und denke oft »Och, das ist doch eigentlich ganz angenehm.« Es fühlt sich noch nicht nach großer Herausforderung an – aber auch noch nicht nach etwas, nach dem ich süchtig werden könnte. Schnell etabliert sich jedoch eine Routine und ich genieße die Ausflüge an den See als kleine Auszeit vom Alltag – ein positiver Nebeneffekt, wenn man natürliche Gewässer aufsucht, anstatt sich in eine Wassertonne zu hocken!

Eisbaden – nun auch wortwörtlich

Januar, -4°C Lufttemperatur. Ich treffe mich mit Freunden an einem Steinbruch in meiner Thüringer Heimat. Mittlerweile hat sich hier eine kleine Eisbade-Gruppe gebildet, der ich mich anschließe, wann immer ich in der Nähe bin. Sie sind mit Hämmern und Äxten bewaffnet, denn die Sonne scheint kaum noch tief genug in den Steinbruch, um die Wasseroberfläche zu berühren. Wir haben Glück, scheinbar hat vor uns bereits jemand ein Loch in die mehrere Zentimeter dicke Eisschicht geschlagen und wir müssen nur die scharfkantigen Eisschollen aus dem Wasser räumen. Heute besteht unsere Gruppe aus zwei Männern und drei Frauen und ganz selbstverständlich sind wir nackt – nasse Badeklamotten sind zum einen einfach lästig und zum anderen fühlt sich dieses Erlebnis nackt einfach noch etwas natürlicher und freier an.

Tipp: Hände und Füße sind am weitesten von der Körpermitte entfernt und kühlen daher am schnellsten aus. Für mich hat sich das Tragen von Badeschuhen/Neoprensocken als sinnvoll erwiesen – diese helfen auch bei schmierigem oder schlammigem Untergrund. Meine Hände halte ich entweder über der Wasseroberfläche oder stecke sie unter meine Achseln, um mich danach nicht mit völlig steifen Fingern wieder Anziehen zu müssen.

Frau beim Eisbaden
Tee nach dem Eisbaden

Schreien und Tee trinken

Einige von uns kannten sich schon länger, andere haben sich erst durch das Eisbaden kennengelernt, aber durch die gemeinsame Herausforderung hat sich bereits ein starkes Gruppengefühl eingestellt. Wir pflegen zwei Rituale: Schreien und Tee trinken. Das bedeutet, dass die, die es möchten (also wir drei Mädels 😉 ) beim Eintauchen einen wirklich lauten Schrei loslassen. Und damit meine ich: wirklich laut. Diese »Ur-Schreie« werden über die Wasseroberfläche getragen und hallen im Steinbruch wider, was ein intensives Klangerlebnis erzeugt. Zum einen hilft das bei der Herausforderung, bis zum Hals abzutauchen. Zum anderen verstärkt der Schrei das Ritual des Loslassens – für mich ein zentrales Element beim Eisbaden. Jede:r bleibt im Wasser, so lange es sich individuell gut anfühlt, es wird sich nicht gegenseitig gepusht oder bewertet. Und danach trinken wir gemeinsam einen heißen Tee aus der Thermoskanne, bevor wir uns wieder verabschieden.

Eisbaden als Frau – die Vorteile:

Physische Effekte:

  1. Stärkung des Immunsystems: Eisbaden kann das Immunsystem stimulieren, indem es die Produktion von weißen Blutkörperchen erhöht, was zur Bekämpfung von Infektionen beiträgt.
  2. Entzündungshemmende Wirkung: Die Kälte kann Entzündungen reduzieren und Schmerzen lindern, was insbesondere bei Menschen mit entzündlichen Erkrankungen wie Arthritis oder Muskelschmerzen von Vorteil sein kann.
 Auch Leistungssportler:innen nutzen Kältetherapie bekanntermaßen zur schnelleren Muskelregeneration!
  3. Verbesserung der Durchblutung: Durch den Wechsel von warmen zu kalten Temperaturen wird die Durchblutung angeregt, was die Sauerstoffversorgung der Gewebe verbessert und zur Regeneration beiträgt.
  4. Stressabbau: Eisbaden kann den Stresshormonspiegel senken und eine beruhigende Wirkung auf den Körper haben, was zu einer allgemeinen Entspannung führen kann.

Psychische Effekte:

  1. Stimmungsverbesserung: Das Tauchen in kaltes Wasser kann die Freisetzung von Endorphinen, den sogenannten »Glückshormonen«, fördern, was zu einer verbesserten Stimmung und einem Gefühl der Euphorie führen kann.
  2. Steigerung der mentalen Stärke: Die Überwindung der eigenen Angst vor der Kälte und die Bewältigung der Herausforderung des Eisbadens können das Selbstvertrauen stärken und die mentale Widerstandsfähigkeit erhöhen.
  3. Verbesserung der Schlafqualität: Regelmäßiges Eisbaden kann zu einem tieferen und erholsameren Schlaf führen, da es den Körper entspannt und Stress reduziert.

Disclaimer: Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass Eisbaden nicht für jeden geeignet ist und bestimmte Risiken birgt, insbesondere für Menschen mit Herzerkrankungen oder anderen Gesundheitsproblemen. Es wird empfohlen, vor dem Eisbaden ärztlichen Rat einzuholen, insbesondere wenn man bestimmte gesundheitliche Bedenken hat.

Welche Dauer ist die richtige?

Ich habe gelernt, dass die Dauer des Eisbadens für mich persönlich sehr variieren kann. Ich trage keine Uhr im Wasser, sondern starte nur die Stoppuhr am Handy und entscheide intuitiv, wann ich das Wasser wieder verlasse. Dann zeigen sich keine spürbaren Symptome, aber eine klare Stimme im Kopf sagt: »Jetzt ist es genug.« Manchmal bleibe ich also nur 3 Minuten – und manchmal bis zu 6. Die Dauer von 6 Minuten hat sich als meine persönliche Wohlfühldauer herausgestellt: Die Tage, an denen ich gefühlt ewig im Wasser bleiben könnte, sind in der Regel auch die Tage, an denen ich mich gut bei mir fühle, ausgeschlafen bin und nicht menstruiere. Dann ist das Eisbaden ein wirklicher Genuss – egal ob allein und meditativ oder unterhaltsam mit einer Gruppe oder Freundin.

Was passiert nach dem Eisbaden?

Unabhängig von der Dauer im Wasser ist das Gefühl danach immer das gleiche: glücklich und lebendig. Nach dem Verlassen des Wassers schmeißt der Körper spürbar den Motor an und fährt im höchsten Gang, um das System schnell wieder aufzuwärmen. Alles kribbelt, alles vibriert und meist spürt man die Kälte der Umgebung erst einmal gar nicht und bummelt beim Anziehen. Nach einer Weile kommt dann das große Zittern – das ist weder schlimm noch ungewöhnlich, aber für mich der Moment, an dem ich entweder bereits wieder im warmen Auto sitzen oder in Bewegung sein möchte. Besagtes Tee-trinken-Ritual darf sich also nicht allzu sehr in die Länge ziehen!

Eisbaden im Steinbruch

Mein Resümee nach sechs Monaten Eisbaden

Der greifbarste Effekt war für mich, dass ich zwischen Oktober und März kein einziges Mal krank geworden bin. Nicht mal ein Schnupfen hat mich erwischt. Tatsächlich besuchte mich eine kleine Erkältung in der ersten Aprilwoche – als ich meine Challenge beendet hatte und bereits die zweite Woche nicht im Wasser war. Zufall? Vielleicht. Auf jeden Fall bin ich direkt wieder Baden gegangen, als es mir besser ging. Ansonsten kann ich von keinen lebensverändernden Effekten berichten – ich habe weder wieder das Bindegewebe eines Teenagers, noch fühle ich mich kognitiv erneuert oder spirituell erleuchtet. Schade.

Aber ich hatte auch absolut kein »Winter-Tief«, aus dem mich erst die Frühlingsblüher locken konnten. Auch in der dunklen Jahreszeit habe ich mich durchgängig munter, fit und ausgeglichen gefühlt. Ob das nun an der versprochenen Ausschüttung von Glückshormonen, der Anregung des Stoffwechsels oder einfach dem regelmäßig eingeforderten Überlebensmodus lag – wer weiß das schon. Ganz sicher hat es mir gutgetan, mich einmal die Woche bei Wind und Wetter mit mir selbst zu verbinden und mein mentales »Das fühlt sich unangenehm an« in ein »Man ist das geil« zu verändern. Ich weiß nicht, ob es für mich den gleichen Effekt hätte, mich regelmäßig draußen in eine mit Wasser gefüllte Tonne zu hocken. Zwar ist das weniger zeitaufwendig und sicherlich physiologisch genauso effektiv – aber mir geht es auch um die bewusste Zeit in der Natur, egal ob am Baggersee, Steinbruch oder Wildfluss. Nur in der Natur kann ich mich auf dieses Erlebnis wirklich einlassen, die Elemente fühlen und Abstand vom Alltag gewinnen. Nur die Natur kann mich in meditative Stille versetzen oder mir einen primitiven Schrei entlocken.

Warum also nicht? Dieses Erlebnis kostet absolut nichts – außer Überwindung. Vielleicht schließt du dich einer Gruppe an, erlebst es gemeinsam mit Partner:in oder Freund:in oder machst es zu deiner außergewöhnlichen Me-Time. Denke einfach daran: Es ist nur kaltes Wasser.


TEXT:Pauline Picker

FOTOS: Pauline Picker / Thermoskanne: Oleg Bilyk / Stegleiter: Brian Kyed

Inhaltsverzeichnis
Inhalts-
verzeichnis