Klettersteig: Ein Fischkopp am Fels

Der erste Klettersteig bleibt tief in Erinnerung – die steilen Leitern, die ungewohnte Sicherung und der einschüchternde Tiefblick. Globetrotter Mitarbeiterin Rieke hat ihre Feuerprobe bestanden.

»Die Angst schlägt mir mittlerweile auf den Magen und mein Kopf schreit nach Rückzug.«

»Ich glaube, er verwechselt uns.« In meinen Ohren pocht das Blut, alles tut mir weh. Ich stütze mich schwer auf die Stöcke und lasse den Kopf hängen. Aus den Augenwinkeln sehe ich zu Tom. »Kann gut sein«, setzt dieser an, beäugt erst mich und dann den Weg, der noch vor uns liegt. Claudio ist nur noch ein bunter Punkt in der Ferne. Unbeirrt nähert er sich in gleichmäßigen Schritten dem Felssporn, auf dem in 2500 Metern über dem Meeresspiegel das Rifugi­­o XII Apostoli ruht und das Val Nardis beherrscht. Wir befinden uns in der Brenta – nördlich des Gardasees, etwa zwischen Trient und Madonn­­a di Campiglio.

Die Angst schlägt mir mittlerweile auf den Magen und mein Kopf schreit nach Rückzug. Ich wisch­e mir mit dem Halstuch über mein verschwitztes Gesicht und setze neu an. »Wir müssen mit Claudio reden. Hast du gehört, als er sagte, das hier wäre die einfachere Alternative?« Ich mache eine vielsagende Pause und ziehe die Augen­brauen in die Höhe. Tom muss lachen und lenkt ein: »Komm, wir besprechen uns mit ihm.«

Start mit Schwierigkeiten

Am Morgen hatte mich Claudio mit einem trockenen »Das ist ein schöner Rucksack. Perfekt für die Stadt!« begrüßt. Unsicher hatte ich meinen kompakten Neun-Liter-Daypack in das Shuttle geschoben. Das Kletter­steigset, das er uns am Vorabend in seinem Active­store in Andalo ausgeliehen hatte, baumelte an der Vorderseite des Rucksacks, mehr schlecht als recht mit der elastischen Kordel fixiert. »Das ist leider der einzige, den ich dabeihabe«, murmelte ich und sah hilflos zu Tom. »Ich kann aber auch nichts hierlassen«, ließ ich ihn kleinlaut wissen mit Blick auf den prall gefüllten Rucksack. Helm, Stöcke und Kamer­­a hatte ich in den vorgesehenen Halterungen befestig­­t. Die Innenfächer füllten Wechselklamotten, Getränk­­e, Handy, Ersatzakkus, Steigeisen, ein paar Riegel, Obst und Hygiene­artikel. Alles Weitere trug ich an mir. Wir waren zuvor durch die Nachbar­region Garda Tren­tino gereist und waren mit kleinem Gepäck unterwegs. Die tägliche Verköstigung und die organisierten Tagesaus­flüge dort hatten uns wohl weich werden lassen.

»Ich mag es nicht, wenn draußen am Rucksack zu viel mitschwingt. Am Klettersteig muss alles fest sitzen. Auf die Klettertour hätte ich dich so nicht mitnehmen können«, erklärte Claudio. Ich stockte. Klettertour? Erneut überkam mich das Gefühl, dass wir aneinander vorbeiredeten.

»Das ist ein schöner Rucksack. Perfekt für die Stadt!«

Klettersteig Brenta Via Ferrata

Der Trick mit den Wolken: Im Nebel lässt sich die Ausgesetztheit der steilen Kletterpassagen nur noch erahnen und der Kopf bleibt ruhig.

Wir hatten unsere Tour an der Malga Movlina begonnen. Mit seiner reservierten Art deutete Claudio nach wenigen Metern auf einen kleinen Haufen am Rande des Wanderwegs. »Bärenkot«, raunte er. Ich schluckte. Normalerweise tendiere ich dazu, mit meiner Kamera während Wanderungen zurückzufallen, doch sobald Tom und Claudio aus meinem Sucher verschwanden, nahm ich die Beine in die Hand und schloss direkt wieder auf. Innerlich zerrissen versuchte ich im Schnellschritt, die wunderbare Landschaft festzuhalten und gleichzeitig mit allen Sinnen zu erleben. Die Vegetation änderte sich pausenlos: Wiesen mit Kühen auf der Hochebene mündeten in Nadelwälder, durchzogen von Serpentinen mit unglaublichen Aus­sichten auf das unten liegende Tal. Die Lichtung ins Val Nardi­s erreichten wir nach kurzer Zeit. Vor uns er­streckte sich das Herz der Brenta-Dolomiten. Der Anblick war phänomenal. Da wir unsere genaue Route nicht kannten, folgten wir unserem Guide über die mit Schotter über­säten Trampelpfade, immer weiter hoch hinaus.

Ende September war die Sonne auf dieser Höhe immer noch stark und brannte sich unbarmherzig in die Haut. Meine Schirmmütze war vom Schweiß dunkel verfärbt und ich brauchte regelmäßige Trinkpausen. Den Blick für die Landschaft um mich herum hatte ich spätestens bei der Begehung der Scala Santa, der heiligen Treppe hoch zum ersten Rifugio, verloren. Technisch wenig anspruchsvoll bedurfte sie aber einer guten Ausdauer nach dem ohnehin fordernden Anstieg aus dem Val Nardis. Wir kamen nur langsam voran und ich war der Grund. Ich fühlte mich hundeelend. Das schlechte Gewissen, alle hängen zu lassen, plagte mich, und ich ärgerte mich, nicht bereits am Morgen mehr Fragen zur Route gestellt zu haben. Deshalb musste ich jetzt dringend mit Claudio sprechen.

Das Eis bricht

»Ich schaff’s nicht. Wenn das so weitergeht …« – ich stocke und mache eine ausschweifende Handbewegung über das Tal zu unseren Füßen – »… drehe ich um.« Der Gedanke beruhigt mich. Einfach aufgeben. Einfach umdrehen. »Kommt nicht infrage!« Tom und Claudio schauen mich an. »Ist das deine erste Via Ferrata?« Ich nicke und unser­e Ü60-Alpin-Kraftmaschine schüttelt ungläubig den Kopf. »Dann tut es mir leid, ihr wurdet mir als Alpinisten angekündigt. Ursprünglich wollte ich mit euch zu den Rifugi klettern.« Ich schlucke. »Ich hab auch leichte Höhen­angst, wenn ich mich auf mich selbst verlassen muss«, gestehe ich kleinlaut – und fange aus purer Hysteri­e an zu lachen. Meiner Höhenangst stelle ich mich immer wieder mit dem Ziel, ihr den Wind aus den Segeln zu nehmen. Ob nun Klettersteig in den Dolomite­­n oder Klettern in der Sächsischen Schweiz: Ich will es schaffen – nur heute bin ich mir nicht mehr ganz sicher.

»Meiner Höhenangst stelle ich mich immer wieder – mit dem Ziel, ihr den Wind aus den Segeln zu nehmen.«

Tatsächlich bricht genau in diesem Moment das Eis. »Ich nehme dir jetzt Gepäck ab und dann schaffen wir das zusammen. Die Route ist nicht ohne. Aber wenn das wirklich deine erste Bergtour mit Klettersteig ist …« – Claudio hebt anerkennend die Augenbrauen – »…dann kannst du am Ende des Tages stolz auf dich sein. Dann hast du wirklich was geleistet.« Ich drücke das Kreuz durch. Wenn Claudio sicher ist, dass ich auch den Rest der Klettersteig-Strecke schaffe, dann bin ich das auch!

Schließlich ist die erste Etappe geschafft. Ich bin so in mein »Einen-Fuß-vor-den-nächsten-Mantra« vertieft, dass ich die Ankunft an dem Rifugio XII Apostoli erst realisiere, als ich fast unmittelbar davorstehe. Die Hütte bildet das westliche Eingangstor zur Brenta. Doch der beschwerliche Zustieg hält die großen Menschenmassen ab – trotz der aufsehenerregenden Landschaft, in die man von hier gelangt. So spät im Jahr ist die Hütte bereits winter­fest gemacht und geschlossen. Der Firn am anderen Ende der Ebene glitzert in der Sonne. Eine Landschaft Grau in Grau mit weißen Tupfern. Die Umgebung auf 2500 Meter Höhe erinnert an Bilder von der Mond­landung, nur dass hier graues Dolomitgestein jeden Mete­r der Umgebung bedeckt.

Wie ein Abenteuerspielplatz

Nach einer kurzen Verschnauf- und Verpflegungspause brechen wir wieder auf. »Der Klettersteig ist gleich da vorn, bei der Doppelspitze.« Claudio zeigt in die Ferne. »Die Bocca dei Due Denti – Mund der beiden Zähne. Aber mich erinnert es eher an Teufelshörner, nicht wahr?« Ich blicke zu der Felsformation. Von Osten her quellen schwere Wolken über den Kamm und schon bald sind wir eingehüllt vom Nebel, der sich kalt auf unsere Gesichter legt. Im Spätsommer dauern die Schönwetterphasen im Gebirge oft nur ein paar Stunden. Innerhalb eines Tages kann es herbstlich werden, dann wieder sommerlich heiß oder tiefster Winter. Wahrlich teuflisch!

Doch einen entscheidenden Vorteil hat der Nebel für mich: Durch den Verzicht auf eine wahrscheinlich lohnenswerte Aussicht bei meiner ersten Via Ferrata »Ettore Castiglioni« kann ich keinerlei Gefühl für die Höhe und somit auch keine Höhenangst entwickeln. Es fühlt sich an wie ein Abenteuerspielplatz mit vielen Leitern entlang der Südwand der Cima d’Agola. Claudio muss mich regel­mäßig zur Contenance ermahnen, weil er kaum hinterherkommt. Auch trägt die Tatsache, dass er uns mit einem Seil verbunden hat, um mögliche Fehl­tritte von mir notfalls abzufangen, zum Spielplatz-Flair bei. Nach etwa 200 Höhenmetern Klettersteig ist der Spaß bereits vorbei. An der nächsten Hütte angekommen, kann man wegen der dichten Wolken die Dimensionen der umliegenden Felswände nur erahnen. Das berühmte Amphi­theater bekommen wir erst am nächsten Morgen zu Gesicht.

Agostini-Hütte in den südlichen Brenta-Dolomiten
Die Agostini-Hütte im oberen
Valle d’Ambiez ist Ausgangspunkt für tolle Wanderungen
in den südlichen Brenta-Dolomiten.

»Du siehst, fühlst und riechst alles in einer ­Intensität, die noch ­Monate nachhallt.«

Die Begehung der ersten Via Ferrata bleibt jedem wohl ewig in Erinnerung. Der Moment, wenn aus Wandern Bergsteigen wird, führt einen über kurz oder lang zu den Eisensprossen eines Klettersteigs. Sie ermöglichen auch Personen ohne große Klettererfahrung, sich in alpines Gelände vorzuwagen und dabei gut gesichert zu sein. Dabei halten dich die unmittelbare Aufregung und Unsicherheit wach und schicken Adrenalinstöße in jede Zell­e deines Körpers. In diesem Moment ist dein Fokus klar, deine Sinne sind geschärft.

Du siehst, fühlst, riechst alles um dich herum in einer Intensität, dass das Erlebte noch Monate später nachhallt. Dann schließt du deine Augen und fühlst es wieder, das kalte Eisen der Treppen und Streben unter deinen Händen. Siehst das zarte Edelweiß am Steilfels und schmeckst die feinen Wassertröpfchen des Nebel­s. Gleich danach überkommt dich die vertraute Mischung aus Euphorie, Stolz, Selbstvertrauen – vielleicht auch ein kleines bisschen Ungläubigkeit. Du hast es tatsächlich geschafft, du selbst hast es aus eigener Kraft geleistet. Hoch hinaus, Schritt für Schritt. Wer dem Traum der alpinen Erstunternehmung nachgehen will, dem seie­n lokale Bergschulen und Guides ans Herz gelegt, die einen auf der Route begleiten und Sicherheit geben.

FREDERIEKE KRIPPEIT

Alter: 34 // Heimat: München // Ausbildung: Betriebswirtin (b.a.) // Beruf: Leitung Social Media und Influencer Marketing bei Globetrotter Ausrüstung // Instagram: @happytravelsouls

Irgendwo zwischen der westaustralischen Küste und den Souks von Marrakesch wurde das Reisen zu Riekes Leidenschaft. Derzeit kümmert sie sich um die Social Media Kanäle von Globetrotter und denkt oft an neue Begegnungen, fremde Kulturen und ferne Länder. Und dann, mit dem Fernweh, kommt der Drang, weitere Teile der Welt mit ihrer Kamera zu entdecken.​ Dabei liegt das nächste Abenteuer manchmal ganz in der Nähe.

Weitere Abenteuer von Rieke im Blog: Zu den Berichten.


Das nehm ich mit:

Ausrüstung für deinen nächsten Klettersteig

Die Route

Die Brenta im Trentino ist eine Gebirgsgruppe nördlich der Gardaseeberge und zeichnet sich durch ihren schroffen Charakter, senkrechte Dolomittürme und massive Felswände aus. Die Tour zum Nachlaufen habe ich einmal aufgezeichnet. Mit den angesetzten 3,5 Stunden kommt ihr nicht aus, wenn ihr mit meiner Kondition startet. Aber – der Weg ist bekanntlich das Ziel. Ihr kommt an und auf dem Weg habt ihr traumhafte Ausblicke. Habt Verpflegung dabei und checkt vorab die Passierbarkeit der Pfade und Öffnungszeiträume der Refugios. Wenn ihr keine oder wenig Erfahrung habt, bucht euch einen Bergführer, der euch sicher durch das Gelände leitet. Und lest den Blogpost »Fischkopp am Fels« zur Einstimmung! Viel Spaß beim Nachgehen und Klettern! Gruß, Rieke

Alternativ gibt’s die Route auch auf Outdooractive

Text: Frederieke Krippeit