Drinnen im draußen

Mal ein bisschen Komfort wagen! Mit einem Wohnanhänger trotzt man jedem Wetter, schläft wie im Hotelzimmer und ist doch immer draußen an der sprichwörtlichen frischen Luft. Ein Luxemburg-­Roadtrip mit Anhang.

Is it love?

Es ist Liebe auf den ersten Blick. In glänzendem Rot-Weiß wartet der knuffig-runde Eriba-Rockabilly-Wohnwagen an der Verleihstation. Eine gemütliche Mixtur aus Ferienwohnung mit Punkte-Gardine und Campingmobil. Das Ganze im Retro-Design der 1950er-Jahre. Klein und rund.

Also angehängt, die Knutschkugel, und die Rockabilly-Playlist angeschmissen.

Auf geht’s in Richtung Großherzogtum Luxemburg. Die Boombox spielt »Peggy Sue« von Buddy Holly. Und schon haben wir einen Namen für unser Hotelzimmer auf Rädern: Peggy Sue werden wir den Anhänger ab jetzt nennen. 

Der Begriff Rockabilly stammt aus den Südstaaten der USA, wo weiße Musiker in den 1950er-Jahren den »schwarzen« Rhythm and Blues nachahmten. Heraus kam eine Mischung aus Rock und Country. Also Rock, der von den Hillbillys – den »Landeiern« – gespielt wurde.

Da passt es doch ganz gut, dass wir unseren großherzoglichen Roadtrip ganz im Norden Luxemburgs beginnen. Auf dem Land. Auf den vergleichsweise rauen Plateaus der Ardennen. 


Breaking good

Auf den windigen Hochebenen im sogenannten Éislek ist es nicht ganz einfach, Landwirtschaft zu betreiben. Immerhin ist man auf etwa 500 Metern Höhe. Die Genossenschaft der Ourdaller Bauern hat sich daher etwas einfallen lassen. Sie setzen auf Ölsamen. Mohn, Raps, Lein und Hanf wächst hier ganz gut. Wir sind mit dem Initiator der Genossenschaft verabredet. Norbert wird uns die Produktionsanlagen zeigen. Er öffnet die Tür zum ehemaligen Kuhstall. Wir treten ein und sind sofort umhüllt von einem würzig-süßen Duft. Die Luft kommt einem weich und schwer vor. Man will gar nicht aufhören, berauscht einzuatmen! »Na? Kennen Sie den Geruch?« Der fast 70-Jährige grinst uns an. »Wir stellen CBD-Produkte für die Pharmazie her. Natürlich in Kooperation mit den Behörden, aber der Hanfanbau ist für uns, in dieser strukturschwachen Region, natürlich eine Chance.«

Wir sind baff. Da ist man in einem verschlafenen Drei-Seelen-Dorf in den Ardennen, und ehe man sich versieht, findet man sich in einer Breaking-Bad-Szenerie mit allerlei hightech Destillationsgeräten wieder.

THC ist natürlich nicht drin, aber das Aroma ist um so herrlicher und so decken wir uns mit ein paar Tüten Hanfblütentee ein, bevor wir weiterfahren.


Babylon

Auf dem Weg zum Obersauer-Stausee, wo wir unsere Stand-up-Paddelkünste testen wollen, machen wir noch einen Halt in Kautenbach. Hier endet der 52 Kilometer lange »Lee Trail«. Wir wandern ein kleines Stück davon in entgegengesetzte Richtung. Der Weitwanderweg führt über kleine Pfade durch Steineichenwälder, vorbei an schroffen Gesteinsformationen und über Felskämme und Hochplateaus. Für den ganzen Weg bräuchte man drei bis vier Tage. Wir schnuppern nur rein und erleben sattes dunkles Grün und pflücken hin und wieder Heidelbeeren, die hier wild wachsen.

Also weiter! In Esch-sur-Sûre sehen wir schon die ersten SUPler auf der Sauer durch das Dorf paddeln. Noch ein paar Kurven und der See liegt vor uns. Zur Hälfte Schutzgebiet, zur Hälfte für den Sport freigegeben, ist er ein beliebtes Ausflugsziel der Einheimischen. Auf der Wiese am See wird sie uns zum ersten Mal bewusst: die Vielsprachigkeit und Multikulturalität Luxemburgs. An den Grillstellen hören wir eine babylonische Mischung aus Französisch, Luxemburgisch, Deutsch und Portugiesisch. Die Portugiesen sind die größte Einwanderergruppe. Sie kamen als Gastarbeiter und blieben. Im Gespräch am Grill lernen wir: Typisch luxemburgisch sind zum Beispiel auch portugiesische Restaurants!

Nach einigen Paddelstichen in kristallklarem Wasser packen wir unsere Siebensachen und zuckeln weiter über kehrenreiche Landsträßchen bergauf, bergab zu unserem Campingplatz »Kohnenhof«.

Am Obersauer-Stausee ist genug Platz für Schwimmer und Paddler.

Von den Holländern lernen

Bevor wir unseren Platz erreichen, rufen wir ein Dutzend Mal: »Da isser! Jetzt sind wir da!« Um dann festzustellen: Nee, war ein anderer Campingplatz. Im Großherzogtum gibt es eine super Infrastruktur für Camper! In vielen lauschigen Flussbiegungen sind kleine und kleinste Plätze. Oft nur eine Reihe am Ufer entlang. Und oft fest in holländischer Hand. Aus den Niederlanden kommend sind die Ardennen die ersten richtigen Berge. Dazu ist es – aus holländischer Sicht – Ausland. Also stellt sich ein Urlaubsgefühl ein! Und da die Holländer bekanntermaßen (oder dem Klischee nach) Camping-Narren sind, wird in dieses Segment ordentlich investiert.

Wir parken Peggy Sue. Der Kühlschrank summt, das Lattenrostbett steht bereit. (Okay, okay! Nur ausnahmsweise! Nächstes Mal wieder nur Zelt und Isomatte!) Wir gehen ins angeschlossene Restaurant »Am’Our«, wo ausschließlich regionale Produkte über dem Holzfeuerofen zubereitet werden. Draußen und drinnen verschmelzen. Outdoor und indoor in perfekter Kombination. Warum das bisher hauptsächlich die Holländer mitbekommen haben, wie cool das hier ist? Wissen wir nicht. Für uns war Luxemburg bisher auch nur irgendwas mit Europa und Amazon. 


Am Amazonas

Apropos Amazon! Bei Ronn’s Kajaks leihen wir uns selbige und paddeln auf dem Amazonas zwischen Wallendorf und Echternach. Naja, nicht ganz. Noch einmal die Sauer.

Vor uns fliegt ein Eisvogel von Ast zu Ast. Immer, wenn wir uns mit den Booten nähern, fliegt er einen Busch weiter, bis wir ihn irgendwann aus den Augen verlieren. 

Ronn und Sohn: Campingplatzbesitzer, Kajak-Verleiher, Outdoorbegeisterte. Bei »Ronn’s Bikes & Kayaks« findet der geneigte Outdoorsportler sein Leih-Equipment.

Kurz vor Echternach nimmt Ronn, der schon als Kind mit seinen Eltern hier zum Urlauben war und nun den Kajak- und Bike-Verleih betreibt, die Boote in Empfang. Wir schlagen uns noch etwas in die Büsche. Genauer gesagt in die Felsen. Die Region um Echternach ist als Kleine Luxemburger Schweiz bekannt und durchzogen von Schluchten mit Bachläufen, urwaldartiger Vegetation (da ist wieder das Amazonas-Bild!) und engen Klüften und Höhlen. 

Zurück zum Campingplatz kommen wir mit dem ÖPNV. Da muss man hier nicht viel planen. Der ist im ganzen Land umsonst. Also kostenlos. Verrückt. Ist aber so. Einsteigen, fahren, wohin man will. Ohne Ticket. Praktisch übrigens für Rucksackreisende!


Im Westen was neues

Weiter, weiter, weiter! Neuer Tag, neue Ziele! Wir haben noch viel vor. Ganz im Westen soll es ein Dorf geben, über und über mit Graffitis geschmückt. Ankunft in Kahler, an der belgischen Grenze. Eine Affen-Brass-Band prangt – überlebensgroß – auf einer Hauswand. Schräg gegenüber ein überdimensionierter Fisch auf einem Fahrrad. Daneben rast eine Rennschnecke über eine Haustür hinweg. Keine Wand bleibt kahl in Kahler. Schuld an diesem zur Galerie mutierten Dorf ist Alain Welter (IG: @alain_welter). Ein Passant rät uns, einfach mal bei ihm zu klingeln. Gesagt, getan. Prompt geht die Tür. Wir laden ihn auf ein gekühltes Luxemburger Bier vor unserem Rockabilly ein, den wir frech vor einer der bemalten Hauswände geparkt haben. Der Bewohner des Rennschnecken-Hauses gesellt sich dazu (alte Bekannte!) und Alain erzählt, dass das ganze Projekt seine Bachelorarbeit sei. Er habe in Berlin Illustration studiert und das »bemalte Dorf« als Abschlussarbeit eingereicht. Die Idee wurde angenommen und er musste »nur noch« seine Dorfgemeinschaft davon überzeugen, dass es eine gute Idee sei, jede freie Hauswand mit riesigen Graffitis zu überziehen. Na dann prost! Schnell noch ein paar Abschiedsfotos geschossen und weiter in den Süden, nach Arizona … beziehungsweise … nach Esch-sur-Alzette. 


Grand Canyon oder Grand Duchy

Rot leuchtet die Erde. Förster und Mountainbiker Claude zeigt uns, wo die Biker in einem ehemaligen Eisenerz-Tagebau einen riesigen MTB-Spielplatz vorfinden. Es ist eine Landschaft im Wandel. Langsam holt sich die Natur die Tagebauminen zurück. Zwar ist die Landschaft hier von Menschenhand geschaffen, in Form und Farbe erinnert sie jedoch an die Red Rocks in den USA.

»Für den Bau des Pumptracks, ganz unten, haben wir uns extra Expertenhilfe aus der Schweiz geholt. Insgesamt haben wir hier Strecken in allen Schwierigkeitsstufen«, erzählt Claude stolz. Und düst davon. Noch eine Runde durch sein Klein-Arizona cruisen. Im Licht der untergehenden Sonne strahlt die Szenerie in einem leuchtenden Grand-Canyon-Rot. Würde ein Puma hinter den Büschen hervorspringen, man würde sich nicht wundern.


Stadtleben

Und wieder weiter. Schließlich ist das hier ein Roadtrip. Sehr innenstadtnah liegt der Hauptstadt-Campingplatz Kockelscheuer. Einchecken, Peggy verkabeln und wieder ohne Ticket mit den Öffis in die Stadt. Am Fahrradverleih wartet Romain mit seinem 30 Jahre alten Rennrad auf uns. Er führt uns dermaßen flott auf dem UNESCO-Rad-Rundweg durch die sehr grüne Hauptstadt, dass uns schwindelig wird. Wir düsen durch französisch anmutende Gassen, vorbei an innerstädtischen Streuobstwiesen. Sausen vom Plateau der Innenstadt in einem Affenzahn hinunter in den sogenannten Grund. Vorbei an skatenden Jugendlichen und den flanierenden Touristen. Immer die schillernde Silhouette des Europaviertels mit seinen glitzernden Hochhäusern in der Ferne.

Dann wieder aus dem Grund mit einem hypermodernen Aufzug an der steilen Felswand der Corniche entlang nach oben aufs Plateau, bis wir schließlich in einer Seitenstraße in einem hippen Bistro landen, mit – wie könnte es anders sein – alten Rennrädern als Deko an der Wand! Den Espresso und die Tortillas haben wir uns jetzt redlich verdient! 

Hoch über dem sogenannten Grund: Romain und sein Rennrad in der Aussichtsplatform des neuen Aufzugs, der Ober- und Unterstadt verbindet.


Landleben

Zum Abschluss unserer Rundtour wollen wir noch mal aufs Land. Der Fromburger Hof mit seiner Solidarischen Landwirtschaft (kurz: SOLAWI) hat uns neugierig gemacht. Über 50 verschiedene Kulturen werden hier angebaut. Obst, Kräuter, Beeren, Blumen, Gemüse – alles kann von den Mitgliedern der SOLAWI direkt vom Feld oder aus dem Gewächshaus geerntet werden. Auch die Gäste der Ferienwohnungen sind eingeladen, mitzugärtnern. Unter den bräsigen Blicken der hofeigenen Angus-Rinder pflücken wir, gemeinsam mit  Hofeigentümer Jeff, den Salat und die Tomaten und Zwiebeln für das Barbecue, das wir gemeinsam mit Jeffs Freund und gelerntem Koch Philippe zubereiten wollen. Philippe hat ein altes Ölfass mit aufliegender Eisenplatte zum Ofen umfunktioniert. Mit Loch für den Dutch Oven. Darin köchelt eine herrlich duftende Senfsoße. Alles kommt vom Feld direkt auf den Tisch. Outdoor-Cooking der allerfeinsten Sorte!

Jeff bei der Ernte.
Philippe bei der Arbeit.

Während Speck, Kartoffelpuffer und Bratwürste auf dem Feuerring brutzeln, lade ich Jeff auf ein original luxemburger Hanf-Bier ein. Wir sitzen vor Peggy Sue und der Blick geht über die Felder, die in der Abendsonne liegen. Nach einer Weile kommt ein weiterer Bekannter den Weg zum Hof empor. Georges Schiltz. Ein junger Winzer aus der Gegend. Im Gepäck natürlich ein paar Flaschen vom hauseigenen Wein! »Burger sind fertig!« Philippe ruft von hinten. Die Rinder, die von Bratwürsten nichts wissen wollen, muhen zufrieden. Insekten tanzen in der Sonne. So lässt es sich aushalten.

Bon appétit!

Abreise vom Fromburger Hof … es war schön! Auf ein Wiedersehen!
Text: Tom Jutzler – Fotos: André Schösser, Tom Jutzler
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