Down-Under: weiter Horizont

In Aborigines-Mythen eintauchen, über Boden vom Anbeginn der Zeit wandern, auf einer der schönsten Straßen der Welt mit dem Kopf im Wind cruisen.

#1 Wie der Emu in den Himmel kam

Der menschenleere und oft ursprüngliche Norden ist eine gewaltige Bühne für einen einzigartigen Trip in die Welt der Aborigines.

Text Ingo Hübner

Der coole Bundy ist starker Kulturvermittler.

Und da stehen wir also, unter dem gewaltigsten, zum niederknienden, klein machenden, glitzernden Sternenhimmel. Die Milchstraße nicht nur ein fluffiger Sternenhauch, sondern eine Manifestation der Unendlichkeit. Nachts am Cape Leveque, einem klitzekleinen Zipfel ziemlich weit im Nordwesten von Westaustralien, mit sehr viel Nirgendwo drumherum. Langsam taucht der Mond, eine auf dem Rücken liegende, orange glühende Sichel, ins Meer. Aus irgendeinem Grund, den Außenstehende nicht verstehen, kann oder will Bundy das Schauspiel nicht betrachten und wendet ihm demonstrativ den Rücken zu. Was er doch verpasst! »Ist es vorbei?«, flüstert er fast zaghaft. Stummes Nicken in der Runde. Also schwenkt er seinen Taschenlampenstrahl mitten in die Milchstraße und zeichnet das Kreuz des Südens nach. »Links davon seht ihr eine schwarze Fläche, die nach unten spitz zuläuft.« Er richtet seine Lampe in den Sand, kniet sich hin und zeichnet den Kopf nach, einen langen Hals und schließlich den Körper. Richtet die Lampe wieder in den Himmel und fragt: »Seht ihr es? Der Emu.« Die unendlich schwarzen Schatten zwischen dem Sternenstaub fügen sich langsam zu einem gigantischen Emu-Himmelsbild. »Das Traumzeittotem meines Großvaters.« Bundy nun in einem Ton, der schon allein diese Aussage wie die Preisgabe eines Geheimnisses wirken lässt. Der Rest ist auf keinen Fall sagbar. Wie der Emu in den Himmel kam, welche persönliche Geschichte Bundys Familie mit diesem Symbol verbindet. Sie ist nur für seine Familie in die Welt überliefert, zugänglich, erfahrbar. So ist das eben mit der Traumzeit, einer spirituellen Welt und Art, die Dinge hinter den Dingen zu sehen, deren Bedeutungen und Botschaften jeweils nur einigen eingeweihten Familienmitgliedern zugänglich sind.

Tagsüber war Bundy dafür schon ein wenig mitteilsamer, was seine Kultur angeht, zumindest die Alltagskultur der Saltwater People – das ist die allgemeine Bezeichnung für die Clans, deren Lebensraum die Nordwest- küste ist. Und diese Alltagskultur beschäftigt sich vorwiegend mit dem Überleben. »Das Land sagt dir, was du zu tun hast, du musst nur zuhören«, lautete das Motto seines kleinen Workshops. Wenn dieser Baum orange- farbene Blüten trägt, ist der Beginn der Jagdzeit, wenn der dort gelbe Blüten trägt, ziehen die Wale vorbei, und wieder andere Blütenfarben signalisieren den Beginn der Regenzeit. Das wichtigste Merkmal der Bäu- me aber: Mit ihnen lässt sich Feuer machen und dieses wiederum sorgt dafür, dass sich sonst recht widerspenstiges Holz zu geraden Speeren biegen lässt. Eine Frau braucht übrigens keinen Speer, ihre Aufgabe ist es, im Sand nach essbaren Wurzeln und ähnlichen Dingen zu buddeln. Die Männer aber gehen mit den Speeren im Meer fischen. Was bei uns Novizen selbstverständlich in recht kläglichen Versuchen endet, über die sich Bundy ein klitzekleines Grinsen natürlich nicht verkneifen kann.

Die Freshwater Cove liegtmitten im Reich der Wandjina. Drei Geschwister, die mit der Erschaffung der Welt zu tun haben.

Einen Katzensprung weiter, so wie die Krähe fliegt, wir aber mit dem Helikopter, liegt die Freshwater Cove. Ein kleines Camp am Meer. Robinson-Crusoe-Feeling atmend mitten im Reich der Wandjina: drei Geschwister, die mit der Erschaffung der Welt zu tun haben und im Glaubenskosmos der Aborigines vornehmlich für Wolken, Regen und Fluten verantwortlich gemacht werden. Zu Gesicht bekommen wir eines dieser Wesen, die mit ihren großen Augen und seltsamen Köpfen aussehen wie Aliens, die einem Ufo entstiegen sind, an der Decke eines höhlenartigen Felsüberhangs. Wayne hat uns vom Camp dorthin geführt. Ein Ort, an dem seine Vorfahren schon in grauer Vorzeit Schutz suchten. Schon ein bisschen unheimlich, diese Wandjina. Vor allem, weil sie keinen Mund haben. Wayne hat dafür aber eine aus seiner Sicht äußerst logische Erklärung: Hätten sie einen, wäre das Land hier überflutet, denn aus dem Mund würde das Wasser nur so herausschießen. Dann erzählt er eine lange Geschichte, wie sich die Wandjina zerstritten haben und der Konflikt in einer großen Schlacht ihrer Gefolgschaften an einem Strand in der Nähe, dem sogenannten Stone Warrior Beach gipfelte. Dort hat die Traumzeit in unserem Universum voll zugeschlagen, sehr sichtbare Spuren hinterlassen. Zwischen dem grandiosen Zeugnis dieser mythischen Schlacht, nämlich Tausenden versteinerten Kriegern, wandeln wir am nächsten Morgen ein bisschen entrückt und ziemlich sprachlos umher.

Wer hier nicht badet, ist selbst schuld – eindeutig ein denkwürdiges Aussie-Erlebnis.

Uralte Felszeichnungen

Zwei Tage später im Northern Territory, Kakadu National Park. Weltkultur- und Naturerbe. Hier geht es nach kurzer Beratung erst mal zu einem ganz irdischen Highlight: zum ultraerfrischenden Baden in einen der zahlreichen natürlichen Felspools. Eingerahmt von schrundigen Felswänden, der Hitze schlaffen Palmen und gespeist von einem kleinen Wasserfall liegt der Pool Maguk. Eine Art urzeitliches Paradies, wo man sich die Kleidung vom Leib reißt und einfach reinspringt und wünscht, dieser Moment würde ewig dauern. Berühmt sind im Park aber vor allem die Felsgalerien mit mehrere Tausend Jahre alten Zeichnungen am Nourlangie und Ubirr Rock. Alles ist an diesem Ort mit Bedeutung aufgeladen, durchwoben von der Traumzeit, die keine Zeitspanne in der Vergangenheit charakterisiert, sondern für die Aborigines beständig, also auch in der Gegenwart wirkt.

Die Natur kann im Kakadu NP mitunter ebenso ganz schön Eindruck schinden.

Injalak Hill, nur mit Extragenehmigung zu besuchen, erhebt sich scheinbar als Felswand hinter der Aborigines-Gemeinde Gunbalanya. Guide Thommo, der zu den Galerien seiner Ahnen auf dem Injalak Hill führt, flüstert mehr, als dass er spricht. Womöglich zollt er seinen Vorfahren damit Respekt. Manchmal überkommt ihn jedoch die Stimmung des Landes: »Aaaaaaaaaaah, wunderschön«, seufzt er dann. Auf dem Bergrücken angekommen, stehen wir unvermittelt vor einem Felsüberhang, der so überbordend mit einer Vielzahl von Tieren bemalt ist, dass er Nourlangie und Ubirr mühelos in den Schatten stellt. Thommo grinst verschmitzt, als er das ungläubige Staunen registriert, und bemerkt beinahe nebenbei, dass sich mehr als zehn Galerien dieser Art auf Injalak Hill verstecken. Wir wandern durch ein vertracktes gigantisches Freiluftmuseum. Durch enge Felsgänge, an deren dunklen Wänden winzige Fledermäuse kleben, unter mächtigen Überhängen, die ganzen Großfamilien eine Bleibe geboten haben, vorbei an zusammengewürfelten Riesensteinmurmeln. Und überall diese Zeichnungen, manche bis zu 8000 Jahre alt. Irgendwo in diesem Labyrinth deutet Thommo auf erdfarbene, menschenähnliche Wesen an einer hohen Wand. »Mimi Spirits«, flüstert er wieder. Einst waren das Menschen, die sich wünschten, böse Geister zu sein. Nachts würden sie hier singen, und es sei wunderschön! »Aber kommt bloß nicht her, sie verwunden einen mit ihren Speeren und das macht lange und vor allem schmerzhaft krank.« Und Thommo grinst schon wieder so verschmitzt.

Anreise
Sehr angenehm nach Perthfliegt man mit Etihad Airways, www.etihad.com. Um zügig in den Nord-westen zu gelangen, fliegt man weiter nach Broome. Alternativ fliegt man gleich ins Northern Territory nach Darwin.

Aborigines-Erlebnisse und Übernachten
Die Website www.waitoc.com gibt einen guten Überblick über indigene Touren und Anbieter in Westaustralien. Am Cape Leveque geben Bundy’s Cultural Tours einen Einblick in die lokale Kultur: www.bundysculturaltours.com.au
Das Camp Kooljaman ist gut zum Übernachten: www.kooljaman.com.au Wandjina Tours bietet mehrtägige Aufenthalte in der Freshwater Cove: http://www.wandjinatours.com.au
Im Kakadu National Park im Northern Territory kann man mittendrin im Zeltlager übernachten: www.lords-safaris.com
Führungen (und Infos zu Genehmigungen für den Besuch) am Injalak Hill: www.injalak.com

Allgemeine Reiseinfos
Über Westaustralien: www.westernaustralia.com
Übers Northern Territory: www.northernterritory.com


#2 Könige in der Wildnis

Tagsüber durch die uralten Flinders Ranges streifen und Kängurus beobachten, abends am gedeckten Tisch Wein nippen und Sterne gucken. Der Arkaba Walk vereint großartige Wildnis mit großartigem Komfort.

Text Cindy Ruch

Der Wecker ist hier draußen überflüssig. Die Augen blinzeln bereits, wenn der Himmel blau dämmert, und sobald man sich erinnert, wo man ist – im südaustralischen Outback, am dritten Tag auf dem Arkaba Walk –, schält man sich schnell aus dem Swag, um den Morgen nicht zu verpassen. Denn die ersten Minuten, in denen Geräusche und Farben langsam in die verschlafene Stille des Outbacks dringen, sind besonders. Im Schlafanzug sitzt man auf dem kleinen Holzdeck und trinkt English-Breakfast-Tee. Im Sichtfeld ruht die Elders Range, hinter dem Rücken taucht die Sonne auf. Behutsam tunkt sie die Spitzen der Bergkette in warme Farben und lässt ihre Strahlen den Fels heruntergleiten, erst rot, dann pink, dann orange. Als sie die Spitzen der Eukalyptusbäume und Zypressen erreicht, fangen ein paar grüne Ringsittiche an zu plappern. Beim letzten Schluck Tee rollt sich das ganze Licht der Morgensonne wie ein goldener Teppich auf dem staubigen Erdboden zum Fuße des Schlafgemachs aus. Frühstücksfernsehen vom Allerfeinsten.

Bei der geführten Wanderung gibt es nicht nur Schauwerte, die Guides vermitteln auch viel Outback-Wissen.

Der viertägige Arkaba Walk vereint zwei Welten: Wildnis und Komfort. Das heißt: tagsüber durch den wilden australischen Busch wandern, und nachts komfortabel wie die Könige speisen, trinken und im Luxus-Swag – der typischen australischen Kombination aus Zelt und Schlafsack – schlafen. Der Weitwanderweg ist 45 Kilometer lang und führt durch einen Teil des Flinders Ranges National Park und die angrenzende 24 000 Hektar große Arkaba Station in Südaustralien. Die Gegend ist steinalt, vor 600 Millionen Jahren wurde sie geformt – ein Paradies für Geologen. Um sich einen Über- blick zu verschaffen, kraxelt man am ersten Tag dem Guide hinterher auf den südlichen Rand des Wilpena Pound, eines natürlichen, 17 Kilometer langen und 8 Kilometer breiten Berg-Amphitheaters. Von dort oben erblickt man die Weite und die Wanderroute. Das Outback ist nicht flach wie gewohnt; noch vor dem Horizont erheben sich Berge.

Drei Gänge-Menü im Busch

Die erste Nacht verbringt man im Black’s Gap Camp. Schon 1850 war dies eine Übernachtungsstätte der Schaffarmer. Damals gab es statt des Drei-Gänge-Menüs Bush Tucker – sozusagen alles Essbare aus dem Busch – und Tee aus der Billy-Metalldose.

Ein Steinofen erinnert noch an diese Zeit, nun steht er ein bisschen verloren da. Seit 2009 ist das Land rund um die Arkaba Station in Besitz von Wild Bush Luxury, die es in ein privates Naturschutzgebiet verwandelt haben. Das heißt: keine Schafe und keine Landwirtschaft mehr. Das Land soll sich jetzt erst einmal von der 150-jährigen Schafzucht erholen. Die ehemaligen Schafweiden sieht man am nächsten Tag, als der Pfad über hügelige Landschaften führt. Man läuft zwei Kilometer den Heysen Trail entlang, benannt nach dem deutschstämmigen australischen Künstler Hans Heysen, der sich 1926 bei seinem ersten Besuch in den Flinders Ranges von dem Licht, den Farben und vor allem den Eukalyptusbäumen verzaubern ließ. Am Wegesrand stehen diese Eukalyptusbäume, und wenn man die Blätter zwischen den Fingern zerreibt, die wie das Schaumbad zu Hause riechen, und die helle Rinde streift, die sich vom Stamm abschält, kann man Herrn Heysen nur zu gut verstehen. Am liebsten würde man die Landschaft selbst verewigen und als Erinnerung mitnehmen, in Heysens Wasserfarbtönen Rot, Ockergelb, Bronze und gebrannter Siena.

Die Farben haben sich über die Zeit nicht verändert, alles wirkt ein bisschen verbrannt und rot und verblasst von der gleißenden Hitze, gesprenkelt mit hellgrünen Büschen. Man läuft an ausgetrockneten Flussbetten und Sandsteinfelsen vorbei, und alles wirkt so still, bis wieder ein Schatten durch die Sträucher hüpft. In dieser Gegend sind Gelbfuß-Felskängurus und Rote Riesenkän- gurus heimisch, und sie springen so feder- leicht herum, als wären sie auf einem Pfad aus kleinen Trampolinen unterwegs.
An den Abenden setzt man sich an den gedeckten Tisch, auf der weißen Tischdecke wird ein Drei-Gänge-Menü serviert, am Himmel zeigen sich die Sterne. Südaustralischer Wein füllt die Gläser, und man fühlt sich wie im Traum. Man spürt das wilde, weite Outback drumherum, doch wie das bei schönen Träumen so ist, ist alles ein bisschen leichter. Man riecht gut dank der Outdoordusche, isst gut dank der Spitzenküche und wird nach zwei Nächten im Swag nun im Bett des restaurierten Farmhauses, der Arkaba Home- stead, schlafen. Gebannt schaut man in das knisternde Lagerfeuer, für das Hans Heysen sicher bereits die richtigen Wasserfarben gemischt hätte, und freut sich schon darauf, dem Outback morgen von der Veranda beim Aufwachen zuzuschauen.

Information
Der Arkaba Walk ist einer der Great Walks of Australia und führt 45 Kilo-meter lang vom Wilpena Pound Resort zum Arkaba Homestead. Die Wanderung findet regelmäßig von Mitte März bis Mitte Oktober statt und ist mittelschwer bis anspruchsvoll. Ein Guide führt eine Gruppe von bis zu zehn Personen. Inklusive sind zwei Nächte im Luxus-Swag, eine Nacht im Arkaba Homestead, Gourmet-Mahlzeiten und Wanderverpflegung, professioneller Wanderführer, südaustralischer Wein, Transport des Gepäcks von Camp zu Camp und Nationalparkeintritt.

Info und Buchung: www.arkabawalk.com
Über Südaustralien allgemein: www.southaustralia.com


#3 Die Spur der Glücksritter

An der Südküste von Victoria windet sich die spektakuläre Great Ocean Road entlang. Ihre wahre Größe zeigt sich in den kleinen Geschichten, denen man am Straßenrand lauschen kann.

Text Ingo Hübner

Die Treppe lässt einem genug Zeit, genug, um das ganze Drama noch einmal vor dem inneren Auge Revue passieren zu lassen. Im Hintergrund grollte das Meer bereits in kaum zu bändigender Wut, nebulös und unheilvoll. Kurz davor, sich zu entladen, Wellen mit alles auslöschender Kraft auf den Strand loszulassen. An diesem: zwei Männer, kämpfend. Der eine für den großen letzten Freiheitskick, mit dem Surfbrett die ultimative Todeswelle zu reiten. Der andere für die Genugtuung der bürgerlichen Moral, seinen verbrecherischen Gegner dem Gesetz zu übergeben. Schließlich erliegt der Gesetzeshüter der hypnotisierenden Konsequenz des anderen und lässt ihn aufs Wasser. Patrick Swayze und Keanu Reeves in der Schlussszene von Gefährliche Brandung am Bells Beach. Zum Surfen kommen schon immer nur die Hargesottenen her. Der Strand ist weltbekannt für seine einzigartigen Wellen, ihre Höhe, ihre Dimensionen, ihre Gewalt. Oben, ins Holzgeländer der Treppe eingeritzt: »If you can’t surf, fuck off!« Vom Meer her faucht der Wind, als wolle er einen von der Treppe reißen, schiefergraue Wolken hängen wie eine Drohung über dem endlosen Horizont. Herbe Schönheit, dieser Bells Beach.

Manchmal kann der berühmt-berüchtigte Bells Beach einfach auch ganz friedlich sein.

Gewöhnlich haken Reiseveranstalter und Touristen die Straße an einem Tag ab – und verpassen das meiste. Denn die Grea Ocean Road erzählt Geschichten über Größe und Mut, von Glücksrittern und Glücklichen, von unbändiger Natur an der Küste, von stiller Natur im Hinterland. Sie rollt nach Lorne und Apollo Bay. Heute blitzende Badeorte, in den 1840er-Jahren waren sie jedoch nichts weiter als Holzfällercamps inmitten unzugänglichen Regenwalds. Als die Landnahme von Melbourne aus voran- schritt, immer mehr Farmer in das Gebiet drängten und schließlich Kohle entdeckt wurde, entstand der Plan, die Gegend mit einer Straße an die Zivilisation anzuschließen. Es dauerte jedoch bis 1919, bis dieser Gestalt annahm. Mehr als 3000 heimgekehrte Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg haben in den nächsten 13 Jahren dann der Küste diese Straße abgerungen. Eine Leistung, die kaum atemberaubender sein könnte als an den Stellen, wo die Otway Ranges bis zur Küste vorstoßen und die Great Ocean Road eingeklemmt ist zwischen den Elementen Wasser und Erde.

Inmitten von riesigen Bäumen, Wurzelwerk und Farnen, Kulissen einer Fantasyweltgleich, schwindet die menschliche Größe.

Was von den ursprünglichen Regenwäldern, die das Land einst bedeckten, noch übrig ist, ist im Great Otway National Park geschützt. Eucalyptus regnans, auch Mountain Ash genannt, ist das gewaltigste Lebewesen dieser Erde. Holzfäller berichteten einst von einem Baum mit 150 Meter Höhe. Der Durchschnitt bringt es im Park auf immerhin 80 bis 90 Meter. Die Geburt solcher Bäume fällt in die Zeit, als Isaac Newton das Licht der Welt erblickte und Rembrandt Meisterwerke schuf. Diese Riesen schlucken alles, das Licht der Sonne, die Geräusche der Zivilisation. Inmitten von Wurzelwerk und Farnen, Kulissen aus einer Fantasywelt gleich, schwindet auch die menschliche Größe beträchtlich.

Dramatische Shipwreck Coast

Ein paar Minuten weiter in Richtung Kap ist die Macht des Walds bereits wieder gebrochen. Auf einer ehemaligen Rodungsfläche haben Lizzie Corke und Shayne Neal ihr Glück gefunden. Das Paar betreibt das Cape Otway Centre for Conservation Ecology, eine Einrichtung, die in Australien mittlerweile als Paradebeispiel für nachhaltigen Tourismus gilt. »Komm rein, ich muss meinen Babys die Flasche geben«, sagt eine blonde sommersprossige Frau, die hinter dem Fliegengitter an der Tür steht. Wie sich bald herausstellt, sind die Babys mutterlose Wallabies, die Lizzie aufpäppelt. Shayne füllt die Flaschen mit Milch und erzählt von den Anfängen: »Genau dieses Leben haben wir gesucht und uns hier vor über zehn Jahren in das Abenteuer unseres Lebens gestürzt.« Und es hat sich gelohnt. Das Centre ist stetig gewachsen und sie beschäftigen mittlerweile eine ganze Reihe von Gleichgesinnten und Wissenschaftlern, die der Gedanke zusammenschweißt, dass nachhaltiges Leben funktioniert.

Kurvensüchtig könnte man hier werden.


In der violetten Abenddämmerung ist Tierbeobachtung auf dem Koala Ridge Walk angesagt. Graue Riesenkängurus malträtieren in gebührendem Abstand zu ihren Beobachtern das Gras. Der Pfad führt in den Wald zurück und dort grunzt etwas wie Schweine, nur viel langgezogener, lauter und gefährlicher. Lizzie lacht: »Typisches Reviergehabe der Koala-Männchen.« Tatsächlich, hoch in den Bäumen hängen faule Pelzknäuel in den Astgabeln.

Der nächste Tag beginnt in schlichtem Weiß: Ein Leuchtturm, hoch über dem Meer, markiert am Cape Otway den Anfang der Shipwreck Coast, die sich nach Westen erstreckt. An der oft felsigen Küste zerschellten Schiffe, starben Hunderte, wenn nicht Tausende. Zunächst waren es die Sträflinge aus England auf dem Weg nach Sydney, später Glücksritter im Goldrausch, angelockt von den Funden in Victoria und New South Wales. Im Port Campbell National Park, dort wo die fotogenen zwölf Apostel im Meer stehen, kommt ihr forscher Charakter sehr deutlich zum Vorschein. Was macht Australien dort? Hört einfach auf. Kein sanfter Abgang zum Meer. Nein, ohne Ankündigung steht einfach eine 50 Meter hohe Sandsteinwand da. Ein knochenfarbenes bis warm golden scheinendes Ende der Welt. Spektakulärer geht’s nicht mehr.

Information
Rund eineinhalb Stunden von Melbourne entfernt beginnt die Great Ocean Road und schlängelt sich rund 250 Kilometer entlang der Küste von Victoria. Der Startpunkt der Panoramastrecke mit dem offiziellen Namen B100 liegt kurz hinter der Surferstadt Torquay. Von hier aus geht es nach Westen bis nach Warrnambool. Regenwald und menschenleere Traumstrände säumen die Great Ocean Road und mit etwas Glück lassen sich Wale beobachten. Für einen entspannten Roadtrip sollte man mindestens drei Tage einplanen. Infos und Tipps zur Reiseplanung: www.visitmelbourne.com/de


#4 Per Du mit Wind und Meer

Der neue Three Capes Track führt durch den wilden Südosten Tasmaniens. Die Zutaten: atemraubende Steilküsten, saftiger Regenwald und vor allem Mehr-Meer-Ausblick-geht-nicht.

Text Cindy Ruch

Das ist also das Ende der Welt. Man steht auf dem 300 Meter hohen Kliff an der Spitze des Cape Pillar, fast so, als befände man sich auf einem Schiffs- bug, und blickt auf eine kleine Insel und das weite Meer hinaus. Der Wind saust an der Küste entlang und fängt alle Worte weg, die man seinen Mitwanderern zurufen will. Schaut! Da vorne reihen sich Steilfelsen wie geduldige Soldaten aneinander und trotzen den Launen des Atlantischen Ozeans. Aber schaut! An einem sonnigen Tag wie heute schmiegen sich die Wellen sanft um die kleine Tasman Island, die hinter den Steilfelsen liegt, und auf der nur ein schmaler Leuchtturm wie ein weißes Wattestäbchen zwischen kugeligen Büschen herausragt.

Der Ozean rollt dahinter bis zum Horizont aus, wird dort sicherlich dunkler und wilder. Nur noch 3000 Kilometer bis zur Antarktis. Wenn man tief einatmet, könnte man meinen, Schnee zu riechen.

Dieses Ende der Welt heißt The Blade, die Klinge, und liegt in Tasmaniens Südosten, 70 Kilometer Luftlinie von Hobart entfernt. Es ist Highlight des neuen 46 Kilometer langen Wanderwegs Three Capes Track, der auf einer Studie des Tasmania Parks and Wildlife Services basiert. Er fragte: Was will der Wanderer von heute? Abwechslungsreiche Landschaft, moderaten Schwierigkeitsgrad und bequeme Unterkünfte. So wurden die vormals schwierigen Wanderpfade neu arrangiert, Treppenstufen in Stein geschlagen und drei Wanderhütten gebaut – der Three Capes Track war geboren.

Weltkulturerbe Port Arthur

Er beginnt in Port Arthur, der ehemaligen Sträflingskolonie, die seit 2010 Teil des Weltkulturerbes ist. Damals war das Ende der Welt noch eine Strafe, da nur die schlimmsten Gefangenen hier um 1840 landeten. Diejenigen, die nicht nur beim Brotklauen in England erwischt wurden, sondern in Australien noch mal auffällig geworden waren. Heutzutage ist das Weit-weg-Sein eine Verlockung. Und so setzt ein Boot die Wanderer am Nachmittag von Port Arthur nach Denmans Cove über. Bei der einstündigen Bootsfahrt schwappen Blicke und hellblaues Wasser in die Höhlen der zerklüfteten Küste hinein, zwischendurch ziert eine goldene Sanddüne das Ufer. In den Wellen könnte eine Robbe tanzen. Oder weiter hinten – ein Buckelwal? Als man in einer Bucht abgesetzt wird und das Boot davontuckert, denkt man unweigerlich kurz an die große Einsamkeit. Dann zieht man den Rucksack mit dem Essen noch mal straff und folgt dem Holzsteg in den Wald hinein.

Wer hätte gedacht, dass man am Ende der Welt auf solche Kathedralen trifft?

Der Weg ist einfach, man läuft auf Planken- und Kieswegen, braucht nicht auf Stolper- fallen zu achten, kann ruhig den Kopf heben und Schritt für Schritt alles anschauen, den saftig grünen Regenwald, die glatten Stämme der Eukalyptusbäume, die Küstenheidenlandschaft. Der Three Capes Track ist Weitwandern für Einsteiger. Schon nach vier Kilometern taucht die Veranda der Surveyors Cabin auf, wo man erst einmal die Füße in den Liegestühlen hochlegt. In der Küche befinden sich Gasherd und Töpfe, in den Regalen liegen Brettspiele, Bücher und Yogamatten, in den Mehrbettzimmern die Matratzen. Die Luft riecht nach Eukalyptus, und als die Sonne untergeht, taucht das Southern Cross am Himmel auf, zusammen mit Abertausend weiteren Sternen. Hier gibt es keine Lichtverschmutzung, hier ist die Welt magisch und rein.

Nur noch 3000 Kilometer bis zur Antarktis. Wenn man tief einatmet, könnte man meinen, Schnee zu riechen.

Am zweiten Tag beginnt die Panoramasicht, ganz imposant schon von Arthur’s Peak. Die Elemente tanzen plötzlich wie verrückt miteinander: der wilde Atlantische Ozean mit seinem Gefährten, den Roaring Fourties, diesem brüllenden Wind, der zwischen dem 40. und 50. Breitengrad von Patagonien bis Tasmanien entlangpfeift, für wechselhaftes Wetter sorgt und das Gesicht prüfend streichelt wie Knecht Ruprecht, um dann mit einem vergnügten Lächeln weiterzuziehen. Man kann über die Crescent Bay bis zum Cape Raoul schauen. Noch nachts in der Munro Cabin glüht das Gesicht vom Draußensein und windigen Streicheleien.

Und wenn man am dritten Tag dann am südöstlichsten Zipfel der Tasman Peninsula ankommt und auf der Blade steht, ist man schon so sehr Teil von all dem, dass der Wind nur noch kitzelt und die schroff abfallenden Klippen auf andere Art weiche Knie verursachen. Weniger aus Nervosität, sondern vielmehr aus Ehrfurcht, wie atemberaubend schön das Ende der Welt doch ist. Am nächsten Tag gibt es das noch einmal, einen grandiosen Ausblick vom Mount Fortescue auf ebenso steile Klippen, und danach, als Belohnung für die erlaufenen Kilometer und die ständige Faszination, schwimmt man in der Fortescue Bay mit ihren schönen weißen Stränden und möchte noch viel länger weit weg sein.

Die Munro Cabin, eine der Unterkünfte am Weg.

Information
Der viertägige Three Capes Track ist nach dem Overland Track der zweite Weitwanderweg in Tasmanien und führt über 46 Kilometer auf einfachen Wanderpfaden von Denmans Cove über Cape Pillar und Cape Hauy bis zur Fortescue Bay. 48 Personen dürfen jeden Tag auf den Track, also unbedingt vorab buchen. Die Buchung beinhaltet den Eintritt ins Port-Arthur- Gefängnis, Parkgebühren, Transfer von Port Arthur zum Start- und Zielpunkt, drei Übernachtungen und das Wanderbuch »Encounters on the Edge«.
Buchung und mehr Infos: www.threecapestrack.com.au
Über Tasmanien allgemein: www.discovertasmania.com.au

Text: Globetrotter Magazin