Dougs Vermächtnis

Markus Hass
Vor fast fünf Jahren ist der Umweltaktivist Douglas Tompkins bei einem Kajakunfall in Patagonien ums Leben gekommen. Eines der letzten Interviews mit dem Gründer der Marken The North Face und Esprit führte Autor Christian Penning.

Ganz ehrlich: Ich mag eigentlich keine Nachrufe. Da werden Menschen bisweilen posthum auf Sockel gestellt, deren Höhe sie ein Leben lang nicht erreicht haben. Und wie soll dann erst ein Text über einen Mann klingen, den die Medien schon zu Lebzeiten als »Retter der Welt« tituliert haben? »Oh, das ist eine große Übertreibung. Das wird oft geschrieben, um reißerische Headlines zu produzieren. Ich lege darauf keinen Wert«, hatte mir Douglas Tompkins gleich zu Beginn unserer Begegnung in einem Berliner Hotel gesagt. »Ich sehe mich eher als Bewahrer.« Tompkins, der unauffällige ältere Herr, der an diesem Morgen mit einer Tüte selbst gemixten Müslis im Frühstücksraum erschienen war, war mir gleich sympathisch. Und die jugendliche Energie in seinen Augen wirkte belebender als der doppelte Espresso am Tisch vor mir. Schnell war zu spüren: Tompkins ist ein Macher mit Gewissen. Einer der uns aufweckt, darüber nachzudenken, wohin wir steuern.

»Die meisten benutzen die Natur doch nur für egoistische Adrenalin-Spielchen. Diese Einstellung ist ungesund für die Natur.«

Liest man Portraits über ihn, wirkt Tompkins bisweilen wie ein Luxus-Grüner, der sich nach dem Verkauf seiner Firmen The North Face und Esprit seinen persönlichen Traum verwirklicht hat. Doch Tompkins ging es schon immer um mehr. Bereits als Jugendlicher engagierte er sich während des Vietnamkrieges als Friedens- und Bürgerrechtsaktivist. In den Sechzigerjahren versuchte er in San Francisco, einige dieser Ideen in seinen Firmen umzusetzen: gute Arbeitsbedingungen, ein gutes Verhältnis zwischen Management und Arbeitern. Und als Kletterer und Bergsteiger lag Tompkins auch die immer stärker bedrohte Natur am Herzen. In den frühen Achtzigerjahren zählte Esprit zu den ersten Firmen, die sich über den ökologischen Fußabdruck der hergestellten Produkte Gedanken machten.

Naturschutz als Lebensaufgabe

Das Geld aus dem Verkauf seiner Firmen investierte Tompkins in den Kauf von heruntergekommenen Ländereien in Patagonien, um sie mit Hilfe von Stiftungen zu renaturieren. Auf die Frage, wie viel Land man kaufen müsse, um die Erde zu retten, antwortete er: »Wahrscheinlich die halbe Welt.« Tompkins wusste, dass er das nie auch nur annähernd würde leisten können. Doch er wollte Vorbild sein. Zeigen, was geht. Mittlerweile umfassen seine Natur- und Nationalparkprojekte eine Fläche so groß wie die Schweiz. Nach seinem Tod führt sie seine Frau Kris McDivitt Tompkins, einst CEO von Patagonia, weiter.

Tompkins Vorstellungen klingen bisweilen verstörend radikal. Sein Credo: zurück zur Natur. Um sie wieder mit dem Menschen zu versöhnen, müsse die Hightechwelt von Grund auf reformiert werden: »Alleine Smartphones erfordern von der Rohstoffgewinnung bis hin zu Fertigung, Marketing und Verkauf eine endlose Kette von aufwendigen Prozessen. Jeder, der daran beteiligt ist, will Profit daraus schlagen. Ich glaube nicht, dass solche Prozesse erstrebenswert sind, wenn man bedenkt, welchen Preis wir dafür zahlen.«

Auch wenn er sich darüber im Klaren war, dass weder er selbst noch sonst jemand die strengen Maßstäbe seiner Ideale zu seinen Lebzeiten würde komplett erfüllen können, ließ Tompkins nicht davon ab, aufzurütteln. Mit der Entschlossenheit, die er dabei an den Tag legte, konnte er vor den Kopf stoßen. In Chile machte er sich damit nicht nur Freunde. Noch heute sehen sich Teile der lokalen Bevölkerung durch seine Naturschutzprojekte in ihren Landrechten beschnitten. Auch bei Outdoorsportlern scheute er sich nicht davor, anzuecken. »Alles, was wir tun, hat Konsequenzen für unsere Umwelt. Nur weil eine Aktivität weniger Auswirkungen auf die Natur hat als eine andere, entbindet uns das nicht von der Verantwortung, die wir für die Lebewesen haben, mit denen wir unseren Planeten teilen«, gab er zu bedenken. Dass sich jedes Wochenende Karawanen von Autos in die Berge bewegen, ist in Tompkins Augen »eines der ernsthaftesten Probleme, die wir im Sport haben«.

Unbequeme Wahrheiten

Mit den Jahren immer skeptischer wurde auch sein Blick auf Natursportarten wie Klettern, Wildwasserkajaken und Skifahren. »Sicher, diese Sportarten bringen uns raus in die Natur. Aber in erster Linie vermitteln sie den Eindruck, dass die Wildnis ein großer Sportplatz ist. Ich war selbst Teil dieser Szene. Irgendwann habe ich mich davon verabschiedet. Die meisten benutzen die Natur doch nur für egoistische Adrenalin-Spielchen. Diese Einstellung ist ungesund für die Natur.«

Ja, Douglas Tompkins zuzuhören, konnte verdammt unbequem sein. Dennoch tun seine Ansichten heute noch gut – als Gegengewicht in Zeiten zaudernder Erneuerer, rücksichtsloser Turbokapitalisten und selbstsüchtiger Autokraten, die Menschen genauso rücksichtslos ausbeuten wie die Natur. Sein Werk ist ein Zeichen, dass viel machbar ist, auch wenn es zuerst als utopischer Gutmenschentraum erscheint.

»Ich glaube nicht an Utopien«, hat Douglas Tompkins am Ende unseres Interviews gesagt. »Die Welt ist unvollkommen und wird immer unvollkommen bleiben. Aber es geht um den Grad der Unvollkommenheit. Wir können vieles besser, als wir es tun. Wir haben die Fähigkeiten, unsere schlechten Gewohnheiten und schlechten Triebe zu besiegen. Wir können das lernen: wie wir unsere Wirtschaft, unser Miteinander und das Zusammenspiel mit der Natur besser gestalten. Wir können das viel besser!«

DOUG TOMPKINS

Alter: 72 (gestorben am 8. Dezember 2015) // Ausbildung: Bergfüher, Unternehmer  // Beruf: Umweltaktivist, Gründer von Nationalparks und Naturparks, Firmengründer von The North Face und Esprit

1966 gründete der ehemalige Kletterer und Skirennfahrer die Marke The North Face. 1968 begannen Tompkins und seine damalige Frau Susie, Mädchenbekleidung aus ihrem VW-Bus heraus zu verkaufen – die Wurzeln der Marke Esprit, die zehn Jahre später bereits einen Umsatz von über 100 Millionen Dollar pro Jahr machte. 1989 verkaufte Tompkins seine Anteile an Esprit an Susie, von der er sich mittlerweile hatte scheiden lassen. Das Geld investierte er in Stiftungen, mit denen er Ländereien in Argentinien und Chile kaufte. Zusammen mit seiner neuen Frau Kristine betrieb er seitdem ehrgeizige Umwelt- und Naturschutzprojekte. Er kaufte Estanzias auf und verwandelte das Land wieder in seinen natürlichen, wilden Zustand.


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Text: Christian Penning
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