Doris besteigt den Monte Troodelöh

Unsere Kolumnistin ist leidenschaftliche Backpackerin und wird auf Reisen magisch angezogen von skurilen Situationen. In der fünften Folge besteigt sie den Monte Troodelöh im Kölner Umland.

Angst vor dem Abstieg kennt man in Köln nur vom Fußball. Denn die höchsten Berge hier sind menschengemacht und heißen Dom oder Colonius-Turm. Zumindest dachte ich das, bis ich spaßeshalber »Wandern in Köln« googelte und tatsächlich auf etwas stieß: den Monte Troodelöh mit sage und schreibe 118,04 Metern Höhe, benannt nach den Freunden Troost, Dedden und Löhmer, die sich 1999 in voller Bergmontur aufmachten, um einen Gipfelstein auf Kölns höchsten Punkt zu setzen und der Großstadt ein neue­s Ausflugsziel zu schenken.

»Wäre das hier ein Schlittenberg, bräuchte man ziemlich gute Rollen unter den Kufen.«

Voller Neugier auf den Zwerg von Berg radl­e ich also gen Norden, vorbei an den Messe­hallen von Köln-Deutz, den Döner­buden von Köln-Kalk, den Fachwerk­häuschen von Köln-Brück, bis mein Stadtrad über die Schotterwege des Königsforsts holper­­t. Plötzlich fängt die Wildnis an. Vögel zwitschern, Wildschweine kreischen. Nein, stopp. Es sind zwei Kita-Kinder, die gerade ihren Möhren-Couscous an die armen Schweine verfüttern. Schweren Herzens überlasse ich die Tiere ihrem Schicksal, denn ich habe eine­n Wegweiser entdeckt: »Zum Mont­e Troodelöh«. Sicherheitshalber stelle ich hier mein Rad ab. Wer weiß, wie unwegsam das Gelände wird.

Dann beginne ich mit dem Aufstieg. Ich will nicht sagen, dass man vom Troodelöh nicht zu viel »Monte« erwarten sollte, aber wäre das hier ein Schlittenberg, bräuchte man ziemlich gute Rollen unter den Kufen. Am Wegesrand locken ein Ruhehäuschen und ein paar Pizzareste, dabei sollte dieser Trek selbst für Kita-Kinder ohne große Anstrengung zu bewerkstelligen sein. Und dann, nach insgesamt fünf Minuten Fußmarsch, bin ich da: Am Gipfelstein – mit einem 360-Grad-Blick auf die umliegenden Baumstämme und eine­m Gipfelbuch mit Lachmuskelkater-Garantie: »Claudia ist schneeblind. Ich amputier­­e mir vor dem Frühstück beide Unter­schenkel, um Socken zu sparen«, schrieb ein sicher nicht von der Höhe berauschte­r Wanderer. Sogar die Kölner Husky­­freunde haben sich verewigt. Sie ließen sich von ihren Hunden auf den Gipfel ziehen. Das ist also die Lösung für den Schlitten!

Lange bleibe ich hier oben nicht alleine, denn eines hat der Troodelöh mit dem Mount Everes­­t gemeinsam: Es geht zu wie in einem Taubenschlag. Johlend stößt eine Rentnergruppe auf die Bezwingung des Hundertzwanzigers an und leert ihre Schnapsflasche schneller, als ich »Danke, ich muss noch Rad fahren« sagen kann. Schade, dass sie keinen Aufmunterungs-Schluck mehr für das heranstöckelnde Nordic-Walking-Paar übrig haben, denn das guckt ziemlich mürrisch aus seinen Partner-Regenjacken. »War datt datt?« »Jupp, datt war datt.«

Schließlich mache ich mich wieder an den Abstieg, vertrieben von einem Schlagerclub auf Rädern, der kein Gebirge braucht, um richtig steil zu gehen. Denn aus ihrer Boombox kreischt Andrea Hügel. Na was? Andrea BERG war es sicher nicht. Tut mir leid, aber wo passt ein Flachwitz, wenn nicht hier?


DORIS MÜLLER
ist 33 Jahre alt und Comedy-Autorin. Sie schreibt für TV-Formate wie die »heute show«, »Knallerfrauen«, »Die Martina Hill Show« oder »Rabenmütter« und macht Radio-­Comedy für Bayern 3. Dazwischen erkundet sie die Welt mit dem Rucksac­­k – und erzählt hier von spannenden und kuriosen Begegnungen unterwegs.

Text: Doris Müller