Direttissima durch die Schweiz

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Abenteuer daheim: Auf einer Linie wie mit dem Lineal gezogen hat Thomas Ulrich die Schweiz von West nach Ost durchmessen.

Grönland, Patagonien, Beinahe-Drama am Nordpol – Thomas Ulrich hat in seiner Expeditionskarriere alles gesehen, alles erlebt. Könnte man meinen. Als dem 51-jährigen Bergführer, Abenteurer und Fotografen aus Beatenberg bei Interlaken klar wird, dass er bei allem Fernweh seine Heimat gar nicht wirklich kennt, stolpert er über ein 35 Jahre altes Projekt: Damals, im Sommer 1983, machte sich eine Gruppe von Bergsteigern auf, die Schweiz an ihrer breitesten Stelle auf einer geraden Linie zu durchschreiten – egal, welche Täler, Berge, Flüsse und Schluchten sich ihnen in den Weg stellten.

Egal ob Gletscher, Fluss oder Berg – die Direttissima führt Thomas auf direkter Linie von West nach Ost durch die Schweiz.

Thomas ist begeistert: »Auch Jahre später muss ich sagen: Die Idee ist simpel, einfach genial!« Also begibt er sich im Juli 2017 auf die Spuren seiner Vorgänger. Vom Vallée de Joux ganz im Westen der Schweiz folgt er dem Breitenkilometer 1160, der ihn über 330 Kilo­meter und 45 000 Höhenmeter in einem wilden Auf und Ab quer durch die Schweiz führen soll.

Entgegen jeder Logik

Thomas erklimmt unzählige Berge, kraxelt durch steile Felswände und über schmale Grate, seilt sich im Basejump-Mekka Lauterbrunnen 250 Meter senkrecht ab und schlägt einigen mühsamen Abstiegen mit seinem Gleitschirm ein Schnippchen. Dabei bewegt er sich entgegen jeder Bergsteigerlogik: Gebunden durch einen Korridor je 500 Meter rechts und links des Kilometers 1160 ist Thomas fast die gesamte Zeit in Absturzgelände unterwegs und muss viele Schlüsselstellen völlig geländeuntypisch durchqueren, etwa den Mittellegigrat am Eiger oder eine gefährliche Spalten­zone beim Abstieg vom Schreckhorn.

Nur ein einziges Stückchen nutzbarer Wanderweg liegt im Korridor. Doch nach mehr als 20 Off­road-Tagen sorgt der befestigte Pfad für schmerzende Füße – Thomas schlägt sich freiwillig wieder ins Gebüsch beziehungsweise in die endlosen Geröllhalden der Bündner Berge.

Die wilde Schweiz

Am Ende gelingt es ihm – anders als den Pionieren 1983 –, den Korridor kein einziges Mal zu verlassen. Entlang seiner Direttissima kommt Thomas kaum durch Siedlungen und begegnet nur einer Handvoll Menschen: »Ich war erstaunt zu sehen, wie wild die Schweiz in großen Teilen noch ist.« Das einfache Leben in der Natur behagt ihm: ein­same Stunden zu Fuß, besondere Biwakplätze, Begegnungen mit Gämsen und Steinböcken oder ein Kaffee mit einem Hirten.

Nach vielen Jahren auf Expeditionen, die ihn körperlich und mental an die Grenze brachten, freut sich Thomas über simple Dinge im Leben. Daheim im Kanton Bern geht er am liebsten auf die Jagd, kümmert sich um die eigenen Hühner und Bienen, isst Pilze aus dem Wald und Gemüse aus dem Garten. »Im Zentrum steht nicht alleine die sportliche Leistung«, sagt er, »ich genieße vielmehr die Natur und das Erlebnis.«

THOMAS ULRICH

Alter: 52 // Heimat: Beatenberg, Schweiz // Ausbildung: Zimmermann // Beruf: Abenteurer, Bergführer, Vortragsredner, Fotograf // Web: www.thomasulrich.com

Bekannt wurde Thomas Ulrich vor allem mit seinen Abenteuern in der Arktis, etwa einer missglückten Nordpol-Expedition, bei der er sich 2006 im Sturm auf einer zerbrechenden Eisscholle wiederfand und gerettet werden musste. 2007 erhielten Ulrich und der Norwege­r Børge Ousland für eine Expedition durch Franz-Josef-Land vom Magazin »National Geo­graphic« die Auszeichnung »Adventurers of the Year«. Auch heute noch zieht es ihn immer wieder ins Eis: Bei geführten Touren nach Grönland und zum Nordpol nimmt Thomas Ulrich Gäste mit in »seine« Welt.


Einer von 50: In der Sonderausgabe »50 Menschen, 50 Abenteuer« zeigen wir Menschen und ihre ganz persönlichen Geschichten – von skurillen Episoden über kleine und große Expeditionen bis hin zu ganzen Lebensgeschichten.

Text: Annette Marti
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