Winter|Band – Am Grünen Band entlang im Winter

Anfang 2021 wagte sich Globetrotter Markenbotschafter Hannes auf eine Winterbegehung des Grünen Bandes entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze.

Seit längerer Zeit steht bei mir Zuhause ein Bildband mit dem Titel „Das Grüne Band“ im Regal. Ursprünglich gekauft, da ich mit meiner Familie in den Sommermonaten verschiedene Kurzreisen in Deutschland unternehmen wollte. Das Grüne Band verläuft mehr oder weniger direkt vor meiner Haustür in Göttingen. Dass ich nun ausgerechnet im Januar 2021 und dazu auch noch alleine meine Sachen packe, war so nicht geplant!

Ein Wintertrekkingabenteuer in Deutschland

In einem Winter ohne Corona wäre ich nun auf dem Great Himalayan Trail in Nepal unterwegs und würde dort mein Dokumentarfilmprojekt auf der höchsten und längsten alpinen Trekkingroute der Welt nach mehreren Jahren abschließen. Dafür habe ich mich körperlich seit dem Herbst vorbereitet, meine Ausrüstung war optimiert und gepackt und ich hatte bereits ein Flugticket (Meine Vorbereitungen habe ich übrigens im Januar 2021 auf dem Globetrotter-Instagram-Kanal geteilt!). Im Dezember ’20 hat mir die globale Covid-Situation dann aber doch noch einen Strich durch die Rechnung gemacht, die Flugverbindung wurde gestrichen und die Situation wurde auch allgemein immer unübersichtlicher.

Also blieb ich hier. Aber als professioneller Abenteurer ist der Platz am heimischen Ofen nur eine temporäre Option. Ich musste weg, brauchte ein Abenteuer, musste raus und wieder die Elemente spüren. Mein Blick fiel zufällig auf meinen Bildband und die Idee kam mir sofort. Warum in die Ferne schweifen? Genauso gut kann ich den Himalaya-Rucksack etwas umpacken, von meiner Tür aus in Richtung Grünes Band aufbrechen und dann immer weiter der Nase nach!

Ich wohne bei Göttingen, ziemlich in der Mitte von Deutschland, unweit der Grenze zu Thüringen und somit auch genau auf der Hälfte der Strecke des ehemaligen innerdeutschen Grenzverlaufs. Folglich stellte ich mir die Frage, ob ich nach Norden oder Süden aufbrechen sollte. Meine Entscheidung fiel schnell auf den Süden, weil ich die Region weniger kannte.

Nach kurzer Recherche war mir klar: Das wird weit! Folgt man dem Grenzverlauf 1:1, sind es über 650km Strecke bis an die Tschechische Grenze. Mittelgebirge wie die Rhön, Ausläufer des Thüringer Waldes und das Thüringer Schiefergebirges liegen auf der Strecke und reichen stellenweise bis über 800m. Mir wurde klar, ich werde hin und wieder abkürzen müssen, um Zeit zu sparen und dafür an einigen Abschnitten den Grenzverlauf verlassen.

Deutschland-Karte vereinfacht mit der Route des grünen Bands

#1 Grünes Band – Deutschland

Das Grüne Band Deutschland verläuft fast vollständig auf der Ostseite der ehemaligen innerdeutschen Grenze und ist das erste gesamtdeutsche Naturschutzprojekt. Es wurde kurz nach dem Mauerfall und der friedlichen Revolution am 9. Dezember 1989 ins Leben gerufen. Der 50–200 m breite Geländestreifen reicht von Travemünde bis zum Dreiländereck bei Hof. Das Grüne Band Deutschland ist Teil des mitteleuropäischen Abschnitts des Grünen Bands Europa.

Auf guten Wegen, dazu zählte ich auch den bei über 70% der Strecken erhaltenen Kolonnenweg (die berühmten DDR Lochbetonplatten) und kleine Landstraßen, würde ich als geübter Bergwanderer 40km am Tag machen können – dachte ich. Die Realität sah dann ganz anders aus. Ich schaffte durchschnittlich 30km am Tag und war dafür von kurz vor 8:00 Uhr bis kurz vor 17:00 Uhr unterwegs. Innerhalb von 14 Tagen verlor ich 4,5 Kilo Körpergewicht. Es sollte der härteste Winter seit acht Jahren werden, wie die Meteorologen später feststellten: Bis auf einen Tag ging ich nahezu die gesamte Zeit im Schnee. In der Hochrhön versank ich stellenweise in hüfthohen Verwehungen, mir blieb nichts anderes übrig als teilweise auf geräumte Landstraßen auszuweichen. Das tiefverschneite Thüringische Schiefergebirge lies ich sogar ganz aus.

Walk, Eat, Sleep, Repeat

Mein Tagesablauf war immer der Gleiche:

6:00 Uhr: Aufwachen, Gaskartusche und Wäsche in den Schlafsack holen und vorwärmen, dann den ersten Kaffee kochen, im besten Fall folgt eine Tüte Instant-Müsli. Dann, noch halb im Schlafsack, Nachtklamotten gegen die Tagesklamotten tauschen (ich habe immer ein Tages- und Nacht-Set dabei, um abends aus den vollgeschwitzten Klamotten in trockene wechseln zu können). Anschließend Rucksack im Zelt zusammenpacken.

7:30 Uhr: Raus aus dem Zelt, das Zelt von Schnee und Eis befreien und einpacken. Zähneputzen.

8:00 Uhr: GPS an und los. Die nächsten acht Stunden wird gewandert, es wurden nur kurze Pausen eingelegt, um eine Kleinigkeit zu essen oder ggf. einen Kaffee zu kochen. Oberste Maxime: Immer rechtzeitig weiter, bevor es zu kalt wurde.

Während ich Dörfer passierte, hielt ich stets Ausschau nach Menschen, bei denen ich meine Wasserflaschen (1,6L insgesamt) mit Trinkwasser befüllen konnte. Vor allem, wenn ich Abkürzungen einbaute, musste ich hin und wieder stehenbleiben, um mit meinem GPS zu navigieren.

Ab 16:30 Uhr schaute ich mich nach einem geeigneten Schlafplatz um. Normalerweise bevorzuge ich Waldrandlagen mit Blick über freie Flächen. So habe ich den Wald im Rücken und eine freie Sicht nach vorne, kann mich also sowohl verstecken als auch sichtbar machen. Das gibt mir stets ein Gefühl von Sicherheit.

Zwei- oder dreimal schlief ich direkt auf dem Grenzstreifen, ein weiteres Mal hatte ich mein Zelt direkt auf den Lochbetonplatten aufgebaut.

Um 17:15 Uhr stand in der Regel das Zelt und ich machte es mir in meinem „Nacht-Set“ gemütlich: Merinounterwäsche und -Mütze, Primaloft-Hose, Primaloft-Socken, Primaloft-Jacke und Daunenschlafsack.

Um 18:00 Uhr gab es eine vegetarische Trek’n’Eat Mahlzeit und dazu wahlweise Brot mit Wurst oder Käse und Schokolade. Wenn ich einkaufen konnte, gerne etwas Obst oder Gemüse.

Zwischen 20:00 Uhr und 6:00 Uhr war Schlafenszeit – ein großer Luxus für einen dreifachen Vater!

Wandern, um zu Verstehen

Ich wandere gerne, weil die Geschwindigkeit es zulässt, sich auf andere Dinge zu konzentrieren und Beobachtungen zu machen. Alleine unterwegs zu sein bietet den Raum, sich auf Dinge einzulassen und ungestört seine eigenen Gedanken treiben zu lassen.

Die Wanderung auf dem Grünen Band hat mir ermöglicht, deutsche Geschichte besonders intensiv zu erleben und wahrzunehmen. Ich konnte viel Neues erfahren und habe mich ein Stückchen mehr mit meinem Heimatland und damit auch mit der eigenen Identität beschäftigen können. Das war schön, auch wenn es manchmal bedrückend war. Die Erkenntnis, in welchem Ausmaß eine fehlgeleitete Politik mitten in ein Land einen derart gewaltigen Keil treiben konnte und wie machtlos die Menschen im Westen und Osten der Teilung eines Landes gegenüberstanden, war intensiv.

Die stellenweisen sehr gut aufbereiteten, didaktischen Beschilderungen, zahlreiche Gedenkstätten und Hinweistafeln mit Schilderungen von Einzelschicksalen machten dieses Winter-Outdoor-Abenteuer auch zu einer Bildungsreise, von der ich viel mitnehmen konnte. Ich habe es sehr genossen.

Als Fotograf und Filmemacher fasziniert die schwarz, weiß, graue, fast grafische Stilisierung der Landschaft im Winter. Die Stille der Winterlandschaft macht dieses Erlebnis besonders ästhetisch. Allerdings umgibt mein Winter|Band, gepaart mit der Tristesse offengelassener Gehöfte, entleerter Dörfer und verfallender Grenzinfrastruktur, häufig auch ein morbider Schleier.

Das Gesamtbild, welches bei mir hängengeblieben ist, stimmt mich jedoch positiv. Mein Winter|Band hat mir gezeigt, dass Mensch und Natur Totalitarismus überwinden. Auf beiden Seiten der Grenze haben Menschen die Zäune niedergerissen. Tierspuren, Menschenwege und Bundesstraßen kreuzen das Band. Pflanzen durchbrechen den Beton. Und beim Smalltalk über meinen winterlichen Trip entlang des Grünen Bandes, etwa beim Trinkwasser holen, sind sich die Leute links und rechts der Grenze vollkommen einer Meinung, was meine Winterwanderung betrifft: Ganz schön bekloppt, aber toll!

Über Hannes

Hannes (*1981, Hamburg), ist Diplom Geograph, Medienproduzent und Abenteurer mit Himalaya-Schwerpunkt. Als Zwölfjähriger war Hannes das erste Mal im Globetrotter Barmbek, seitdem kommt er immer wieder, um sich für seine gewachsenen Abenteuer auszurüsten. Die Leidenschaft zu Reisen und zu Entdecken bestimmen sein privates und berufliches Leben. In weit über 20 Forschungsreisen, Expeditionen und Trekkingtouren, zuletzt auch zusammen mit seiner Familie, hat Hannes den Himalaya intensiv kennen und lieben gelernt. Mit Pemba verbindet ihn seit dem Erdbeben von 2015, welches sie beide auf einer Mt. Everest Expedition in Tibet erlebten, eine tiefe Freundschaft. Mit dem Versuch den Great Himalaya Trail im Winter 2017 erstzubegehen fanden die beiden ungleichen Freunde eine Herausforderung bei der sie ihre beiden Kompetenzen perfekt vereinen konnten.

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Hannes Packliste

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Auszug: Great Himalaya Wintertrail

» Alle meine Abenteuer in Nepal beginnen und enden in Kathmandu, einer quirligen, exotischen Stadt voller Widersprüche. Der Verkehr ist chaotisch und hektisch, die Menschen sind aber durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Die Luft ist schmutzig und die Infrastruktur überlastet, trotzdem verweilt man immer wieder an Orten, die einem Kraft und Ruhe geben. In Kathmandu komme ich mit dem Geist in Asien an. Erst wenn ich dort angekommen bin, kann es für mich wirklich losgehen. «

Der Geograf, Himalaya-Spezialist und Profi-Abenteurer Hannes Künkel war Anfang des Jahres mit seinem Sherpa-Freund, Pemba Jangbu Sherpa, der Kamerafrau Julia Brunner und dem Fotografen Martin Poetter im Winter auf der Highroute vom Great Himalaya Trail in Nepal unterwegs. Ein Projekt über Freundschaft und Klimawandel.

Hannes im Interview: https://www.globetrotter.de/magazin/hannes-im-himalaja/

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Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit Third-Pole. Die Bilder wurden vom Team des Winter | Band -Projekts um Hannes Künkel zur Verfügung gestellt.

Text: Hannes Künkel | Frederieke Krippeit
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