Der Stoff, aus dem Träume sind?

Nach Ikonen wie Mountain Jacket, VE 25 und Base Camp Duffel will sich The North Face mit der neuen Futurelight-Membran selbst übertreffen.
Michael Neumann Futurelight-Test auf Spitzbergen.

Mitte Mai 2019. 80 Händler aus ganz Europ­a wurden von The North Face nach Spitzbergen geladen. Untergebracht auf einem gecharterten Oldtimerschiff der Hurtigruten sollten die Textil­einkäufer fünf Tage lang die Möglichkeit habe­­n, eine neue Membran zu testen, die das Poten­zial zum sogenannten »Gamechanger« hat. Und die Vorschusslor­beeren seit der Vorstellung auf der ISPO in Münche­­n einige Monate zuvor waren immens. »Bis zu drei Mal so atmungs­aktiv wie andere Membrane«, wurde gemunkelt. »Beständig wasserdicht.« »Weich im Griff, schön leise.« »Umweltfreundlich in Herstellung und Entsorgung.«

Das Konzept für Futurelight ist auf spezifischen Wunsch zahlreicher Athleten des internationalen Athletenteams nach verbesserter Atmungsaktivität und Performance von wasserdichter Bekleidung entstanden. The North Face begab sich auf eine mehrjährige Reise, um zu zeigen, dass wasserfeste Ausrüstung nicht unbequem, schwer und steif sein muss – eine bis dahin gängige Erwartung an Shell-Materialien. Das Ziel: ein wasserdichtes Gewebe zu entwickeln, das nicht nur weich, leicht, flexibel und bequem ist, sondern auch langlebig und nachhaltig. Nach drei Jahren Forschung, Entwicklung und umfangreichen Labor- sowie Feldtests ist es nun soweit: The North Face präsentiert eine erste Kollektion mit der revolutionären Eigenmembran. 

Zwischen Lifestyle und Nordwand

Bentje Görke
Die Hamburgerin ist Teil des 
Globetrotter Einkaufsteams und war mit The North Face auf Testtour in Spitzbergen.

Für Globetrotter mit an Bord der MS Njordsternen war Bentje Görke, ihres Zeichens »Product Manager Externa­­l Apparel Women«. Nach drei Skitouren und zwei Landausflügen, die alles beinhalteten, was der Winter im hohen Norden zu bieten hat, konnten einige Vorschusslorbeeren denn auch zum Lorbeerkranz weiter­­verarbeitet werden. So trotzte Futurelight orkanartigen Böen samt Windchill von minus 30 Grad bei einem Rundgang durch die Inselhauptstadt Longyearbyen genauso wie vorfrühlingshaftem Tauwetter auf einer 1000-Höhenmeter-Skitour. Besonders das gesteigerte Maß an Atmungsaktivität zauberte allen Testern ein Lächeln aufs Gesicht. Das Wunschdenken, dass man morgens den Reißverschluss seiner Regenjacke schließt und erst am Abend wieder öffnet – egal wie schweißtreibend die Aktivität dazwischen war – scheint der Realität ein ganze­­s Stück näher gekommen zu sein. 

Deutlich spürbar war auch der geschmeidige wie leise Griff des dreilagigen Materials, das in zwei Grammaturen zum Einsatz kam. Laut den Produktentwicklern von TNF sind hier künftig Dutzende genau auf das jeweilige Einsatz­gebiet abgestimmte Stoff­kombi­nationen möglich. 

Nach fünf Tagen konnten natürlich keine Aussagen zur Langlebigkeit gemacht werden, doch das Konstruktionsprinzip lässt hoffen. Futurelight entsteht durch das sogenannte Nanospinning, bei dem bis zu 220.000 kleine Nadeln ein Poly­mergewebe spinnen, dessen Zwischen­räume zu schmal für Wassertropfen sind, aber groß genug, um Wasserdampf entweichen zu lassen. Was unterm Mikroskop aussieht wie ein Netz aus Zuckerwatte, ist flexibel genug, um auch aus­ufernde Bewegungen mitzumachen, findet aber gleichzeitig stets in die Ausgangslage zurück.

Michael Neumann Optimale Testbedingungen auf Spitzbergen: von Sonne und minus zehn Grad bis Wind und Regen bei plus fünf.

Nano-Spinning ermöglicht den Produktdesignern von The North Face zudem, Parameter wie Atmungsaktivität, Dehnbarkeit, Konstruktion (gestrickt oder gewebt) und damit auch Gewicht und Strapazierfähigkeit gezielt für jedes Produkt und jeden Einsatzzweck zu optimieren. Für den aeroben Einsatz von Bekleidung wird beispielsweise die Atmungsaktivität erhöht, während für den Einsatz bei rauen, nassen Bedingungen der Fokus auf der Strapazierfähigkeit liegt. Dieses Maß an Flexibilität in Sachen Materialkonstruktion ist neu und ermöglicht nahezu unbegrenzte Möglichkeiten bei Bekleidung, Ausrüstung und Zubehör.

Natürlich hat man, anstatt allein auf Labor­werte zu vertrauen, auch das illustre TNF-Athletenteam schon vor Monaten mit Futurelight in die extremsten Ecken des Planete­­n gescheuch­t. So berichtete an Bord etwa der Skibergsteiger Jim Morrison von seine­­r Erst­befahrung des Lhotse-Couloirs auf Ski – Startpunkt 8516 Meter. Zuvor hatte er mit seiner Partnerin Hilaree Nelson zwei weitere 8000er bestiegen: Everest und Cho Oyu.

Membrained

Eine hohe Punktzahl gibt es in jedem Fall für die Nachhaltigkeit. Futurelight ist komplet­t PFC-frei und für Innen- und Außenmaterial werden bis zu 90 % recycelte Komponenten verwendet. Auch die DWR-Behandlung wurde speziell für Futurelight entwickelt. DWR meint »Durable Water Repellency« und ist eine Imprägnierung des Oberstoffes, so dass dieser so wenig Wasser wie möglich aufnimmt, um die Atmungsaktivität nicht zu schmälern. Im Vergleich zu herkömmlichen Imprägnierungen sollen Regentropfen auch nach der 80sten Wäsche noch abperlen, als wäre die Jacke fast neu – und nicht wie üblich bis zur 20sten. Produziert wird in einer Fabrik, die ihren Strombedarf zu 100 % aus Solarenergie deckt.

»Futurelight lässt uns Funktionskleidung völlig neu denken.«

»Produktinnovationen, die Verschiebung von Grenzen und der Mut, neue Standards zu setzen, sind seit der Gründung des Unternehmens vor über 50 Jahren Teil unserer DNA«, sagt Scott Mellin, Global General Manager Mountain Sports bei The North Face. »Viel zu lange waren wir gezwungen, uns an unsere Bekleidung anzupassen. Mit der Einführung von Futurelight passt sich unsere Bekleidung nun endlich an unsere Bedürfnisse an. Die Einführung des Materials ist ein Schlüsselmoment. Für uns, für die Zukunft der Bekleidungsindustrie und für Konsumenten, die für optimalen Wetterschutz nicht länger auf Komfort und Atmungsaktivität verzichten müssen.« 

Dass TNF absolut von der Membran überzeugt ist, bewiesen sie einmal mehr auf der Outdoor-­Mess­e im Juli. Dort stellten sie ihre Sommerkollektion 2020 vor, in der sie die jahrzehntelang verwendten Gore-Tex-Membrane weitest­gehend durch Future­light ersetzen. Zudem kommt die Membran dann auch bei Schuhen und sogar Zelten zum Einsatz. Auch Bentje ist sich sicher: »Die Membran hat so viel Potenzial, dass man Funktions­kleidung völlig neu denken kann.«

Aus der Nische zur Nummer eins

1966 gründete der charis­ma­tische Doug Tompkin­s mit ein paar Freunden in San Francisco die Bergsportmarke The North Face (TNF). Zunächst stellt­e man Berg­sportausrüstung und Rucksäcke her und wählte­ folgerichtig den Kletter­berg Half Dome im Yosemite mit seiner senkrechten Nordwand als Markenlogo. Nordwände gelte­n unter Bergsteigern als die steilste, eisig­ste und schwie­rigste Wand eines Berges. Und auch wenn Tompkins die Firma nur wenige Jahre später verließ, um die Modemarke Esprit zu gründen und sich anschließend seinen Naturschutz­projekten im Süden Chiles zu widmen, ist sein kompromissloser Ansatz noch heute spürbar. »Notwendigkeit vor Luxu­­s« war seine Maxim­­e – und »Erfahrung ist wichtiger als Equipment«.

Folgerichtig entstanden in den 70er- und 80er-Jahren Produktinnovationen, die noch heute eine hohe Relevanz besitzen. Erster Meilenstein war 1975 das Vier-Persone­n-Zelt Oval Intention, das auf den Designs des Architekte­­n Buckminster Fuller aufbaute. Das Konstruktionsprinzip dieser »Geo­däten« fußt darauf, dass sich die Stangen für mehr Stabilitä­­t mehrfach gegenseitig kreuzen. Seithe­­r sind Geodäten erste Wahl für alle, die ein besonder­­s sturmstabiles Zelt suchen. Das VE 25, das 1985 auf den Markt kam, wird noch heute nahezu unverändert gebaut und von Alpinisten geliebt. So findet sich aktuell kaum ein Bild aus den Höhenlagern des Himalaja­­s, auf dem nicht ein VE 25 den Elemente­­n trotzt.

1977 folgte die Mutter aller Trekkingjacken: das Mountain Jacket aus Gore-Tex. Neben den revolutionäre­­n Eigenschaften der Gore-­Membran, die absolute Wasserdichte mit spürbarer Atmungsaktivität kombinierte, war es auch das Colorblocking, das die Jacke zu einem Best­seller machte. In Zeiten, in denen Outdoor­jacken in Fußgängerzonen eher Ausnahme denn Regel waren, wusste man dank den kontrastierenden Farben und dem zusätz­lichen TNF-Logo am Rücken schon von Weitem: Oha, ein echter Abenteuertyp, sicher gerade zurück vom Dach der Welt.

1986 legte TNF den nächsten Meilenstein auf, der sich heute sogar noch größerer Beliebt­heit erfreut als seinerzeit. Die Rede ist vom Base Camp Duffle äääähhh Duffel. Benann­t nach der belgischen Stadt, wo der Vorgänger ersonnen wurde: eine Art Seesack aus dicker Wolle. Doch damit hatte die »Kopie« aus Kalifornie­­n wenig zu tun. Viel Stauraum hatte das Original zwar auch, doch in Sachen Robusthei­­t und Wetter­festigkeit macht dem Base Camp Duffel nieman­d was vor. Und so sieht man den nicht kaputt zu kriegenden Bestseller heute überall – U-Bahn, Fitness-Studio, Maultierrücken und im Everest-­Basislager. Nur für die Mondlandung kam das Teil seinerzeit etwas zu spät.

Ende der 1980er-Jahre war The North Face der einzige Lieferant der Vereinigten Staaten, der eine umfassende Kollektion für Berg­bekleidung, Skibekleidung, Schlafsäcke, Rucksäcke, Hosen und Zelte anbot.

Spätestens mit den Nachfolgern der Mountai­n Jacket hielt TNF auch in den Fußgängerzonen dieser Welt Einzug und nutzte die Popularitä­­t für ein zweites Standbein, das dem klassischen Globetrotter Kunden wohl eher unbekannt sein dürfte: lässige Street­wear, getrage­­n von Rappern und diversen Celebrities. Auch in Asien sind die Sachen Kult. Die aktuelle Lunar-Voyag­e-Kollektion etwa, ersonne­n zum 50. Jahrestag der Mondlandung, gilt unter Fashionistas als letzter Schrei und erzielt bei Sammlern Höchstpreise.

Text: Michael Neumann
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