David Göttler: zurück vom Everest

Die Bilder vom Stau am höchsten Berg der Erde gingen im Frühjahr um die Welt. Mittendrin war auch der deutsche Bergsteiger David Göttler – der seinen Versuch, den Berg ohne zusätzlichen Sauerstoff zu besteigen, abbrechen musste.
David Göttler David Göttler erreichte am Mount Everest eine Höhe von 8750 Meter, ehe er umdrehen musste. Die Maske vor dem Gesicht ist nur Kälteschutz.

David, du bist der einzige deutsche Alpinist im globalen Athletenteam von The North Face. In diesem Frühjahr warst du am Everest auf der Normalroute von Nepal unterwegs, dort ist es inzwischen sehr voll. Warum geht man da als Profi noch hin?

Für mich ist der Everest selbst auf der Normalroute in einem fairen Stil, also ohne zusätzlichen Sauerstoff und ohne Sherpas, die dir Zelt und Ausrüstung hoch- und runtertragen, anspruchsvoll genug. Es ist eine Herausforderung, der ich mich einfach stellen wollte. Es gibt auch für Profis keine Garantie, dass man den Gipfel schafft.  

Auf der Normalroute sind die meisten Bergsteiger in kommerziellen Expeditionen organisiert, die ihren Kunden den bestmöglichsten Support bieten. Wie warst du am Berg unterwegs?

Für mich ist die oberste Stilform, dass man als Profi auf Sauerstoff aus der Flasche verzichtet und seine Sachen am Berg selbst trägt. Zwar hatte ich keinen Kletterpartner dabei, aber in der Hauptsaison am Everest-Normalweg kannst du das trotzdem nicht als Solo bezeichnen. Deswegen hatte mein Stil keinen Namen, aber ich glaube, man kann das noch als »by fair means« bezeichnen.

David Göttler (40) stammt ursprünglich aus München. Mittlerweile lebt er im Sommer in Nordspanien und in Chamonix im Winter. Seit fast 20 Jahren ist er Profibergsteiger und am liebsten an den hohen Bergen unterwegs. Zur Liste seiner bisherigen Kletterpartnern zählt inzwischen das »Who’s who« des Expeditionsbergsteigens mit Namen wie Simone Moro, Conrad Anker, Hervé Barmasse, Ueli Steck oder Gerlinde Kaltenbrunner.

Du bist letztendlich am Gipfeltag umgedreht, weil du inmitten der Bergsteiger mit Sauerstoffflaschen nicht dein eigenes Tempo gehen konntest und dir sonst kalt geworden wäre. Wie war die Situation genau?

Mir war klar: Ich habe nur eine Chance, wenn es mehrere Gipfeltage mit gutem Wetter gibt und sich die Leute verteilen. Die letzten hundert Meter sind eine Gradschneide. Wenn da zu viele Leute sind, steht man im Stau. Ohne zusätzlichen Sauerstoff oder ein Backup durch einen Sherpa, der einem eine Not-Flasche geben könnte, habe ich da keine Chance. Leider hatten wir dieses Jahr nur vier bis fünf Tage gutes Wetter, sodass an all diesen Tagen immer zu viele Leute unterwegs waren. Das berühmte Foto vom Stau am Gipfelgrat ist am 22. Mai entstanden. Ich bin am 23. Mai mehr oder weniger an der Stelle umgedreht, wo das Bild entstanden ist. Das Wetter wurde schlechter und in Kombination mit den vielen Leuten, war das für mich der Grund umzudrehen.

Wie hoch hast du es geschafft?

Mein höchster Punkt war 8750 Meter, das ist der Südgipfel, höher als alle Berge sonst und auch mein persönlicher Höhenrekord. Von daher bin ich super happy mit der Expedition. Ich hab mich dort oben sehr gut gefühlt, mein Training hat sich ausgezahlt.

David Göttler David Göttler kurz vor dem Lager am Südsattel, der Gipfel des Everest ist im Hintergrund zu erkennen.

Kannst du beschreiben, wie sich der Everest ohne zusätzlichen Sauerstoff anfühlt?

Bis 8600 Meter ist es echt okay und dann wird es brutal anstrengend. Besonders mental wird es immer anstrengender. Dein Körper schreit immer lauter: »Noch ein Schritt höher? Warum drehst du nicht um?« Da musst du immer stärker gegen ankämpfen. Du gehst die Frequenz: ein Schritt, vier Atemzüge, ein Schritt. Dann kommt ein kleiner Fels und bringt dich total aus dem Rhythmus.

Du hast dein Training angesprochen. Seit vier Jahren arbeitest du wie ein Olympiaathlet mit einem Coach. Warum machst du das und wie funktioniert das?

Ich habe immer für mich selber trainiert und bin dann an einem Punkt nicht mehr weitergekommen und habe überlegt, was ich ändern könnte. Damals habe ich Steve House [amerikanische Bergsteigerlegende, Anm. d. Red.] kennengelernt. Steve hatte gerade sein Buch »Training for the New Alpinism« mit Scott Johnston [ein US-Langlauftrainer, Anm. d. Red.] herausgebracht und gesagt, ich solle mal mit Scott arbeiten. Seit mein Training professionell strukturiert ist, habe ich noch mal einen riesigen Sprung gemacht.

Wie spürst du die Effekte?

Ich kann mich schneller und länger in den Bergen bewegen. Meine Zeiten bei Bergläufen oder anderen Tests verbessern sich immer noch. Auch die Erholung geht schneller. Ich kann mittlerweile viel intensiver und umfangreicher trainieren als zum Anfang.

Wie trainiert man Bergsteigen?

Es kommt immer auf die jeweilige Phase an. Gerade bin ich vom Everest zurück. Da bauen wir erst mal wieder Kraft für Rumpf, Oberkörper und Beine auf. Wenn es näher an die Expedition geht, trainieren wir sehr spezifisch. Dann steige ich zum Beispiel mit Steigeisen steile Couloirs oder schwarze Pisten hinauf. Oder ich laufe 1000 Höhenmeter mit extra Gewicht im Rucksack und steigere das Gewicht über die Zeit. So simulieren wir die Belastungen und Bewegungen, die mich auf einer Expedition erwarten.

Du bist unter anderem bei The North Face unter Vertrag, wie funktioniert das Business als Profi-Alpinist?

Ich habe zuerst mein Geld als Bergführer verdient. Daneben ist das Profi-Bergsteigen langsam gewachsen. Seit fast 20 Jahren arbeite ich mit The North Face zusammen. Einerseits teste ich und gebe Feedbacks zu Produkten. Andererseits ist Social Media ein großes Thema, das wir abdecken müssen, und wir Athleten stehen für Vorträge und Events bereit stehen. Dafür habe ich die Freiheit, dass ich auf Expedition gehen und mich auf mein Training konzentrieren kann. Als Bergführer arbeite ich gerade nur ganz wenig.

Wie hilfst du konkret bei der Produktentwicklung?

Nehmen wir zum Beispiel das neue Futurelight-Material von The North Face. Direkt in der Entwicklung haben wir die ersten Prototypen bekommen. Nach zwei, drei Wochen intensiver Tests haben wir Berichte und Videos zurückgeschickt. Als das ausgewertet war, ging es in die nächste Runde. Die Intensität, mit der wir Athleten tagtäglich unterwegs sind, ist auch von ambitionierten Hobbysportlern fast nicht zu schaffen. Jetzt gerade am Everest habe ich neue Unterwäsche ausprobiert.

Im April sind drei deiner TNF-Teamkollegen verunglückt, wie gehst du damit um?

Wir sind uns allen bewusst, dass das Risiko beim Bergsteigen immer da ist. Wenn etwas schiefgeht, hat das schnell drastische Konsequenzen. Und trotzdem gibt uns das Bergsteigen so viel, dass wir diesen Deal eingehen. Das war bei David Lama, Jess Roskelley und Hansjörg Auer dasselbe wie bei Ueli Steck. Und ich weiß, dass ich da auch nicht gefeit vor bin. Trotzdem genieße ich es, in den Bergen unterwegs zu sein. Das gibt mir so viel, dass es mir das Risiko im Moment noch wert ist.

Du willst noch mal zum Everest zurück, aber nicht gleich nächstes Jahr. Was sind denn deine nächsten Ziele?

Jetzt im Sommer renoviere ich erst mal daheim in Spanien das Haus. Mit dem Training habe ich schon wieder angefangen und im Herbst bin ich dann auf einer Expedition in Nepal an einem 7000er. Da müssen wir noch schauen, was wir am Ende wirklich machen. Im Frühjahr wird es wieder ein 8000er sein, aber da kann ich noch nicht offiziell drüber sprechen.

Text: Julian Rohn
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